Tiller | Am Ende der Machbarkeit | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Tiller Am Ende der Machbarkeit

Eine integrale Sicht
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7481-5580-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine integrale Sicht

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-7481-5580-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Situation ist nicht so, wie wir sie uns vorstellen? Dann müssen wir nur das Richtige tun und die Situation aktiv verändern, um eine Verbesserung herbeizuführen. So in etwa lässt sich Machbarkeit kurz und knapp beschreiben. Das Prinzip Machbarkeit wird in praktisch allen Bereichen unseres Lebens unhinterfragt angewendet: im Alltag und im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung ebenso wie im Management oder in der Politik. In vielen Situationen funktioniert das sehr gut. Doch Machbarkeit hat ihre Grenzen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Obwohl wir seit über 40 Jahren wissen, dass wir als Menschheit mehr Ressourcen verbrauchen als die Erde regenerieren kann, und trotz aller weltweiten Bemühungen, hat sich nichts verändert. Das hat unterschiedlichste Gründe. Unbewusste Grundannahmen, wie die Welt funktioniert, die Reduktion der Wirklichkeit auf ein handhabbares Maß und die ausschließliche Suche nach Lösungen im Außen sind nur drei davon. Thomas Tiller macht sich in diesem Buch auf die Suche nach den Mechanismen, die der Machbarkeit zugrunde liegen, ohne die Machbarkeit zu diskreditieren und ohne die Wirklichkeit in ihrer Komplexität zu reduzieren. Er bietet dabei aus der eigenen Praxis, unter anderem als Gruppenmoderator und integraler Berater, verschiedene Möglichkeiten an, die Welt um und in sich zu erleben. "Am Ende der Machbarkeit" ist eine Einladung, sich selbst zu erkunden und dort nach den Grenzen der Machbarkeit zu suchen. Eine Art Reisebericht durch eine Welt, die vielen von uns nur teilweise bekannt ist - eine Reise durchs Ich.

Thomas Tiller, Jahrgang 1970, studierte in den 90er Jahren Informatik und Computerlinguistik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und am Georgia Institute of Technology in Atlanta, USA. In den Jahren nach seinem Studium arbeitete er als Software-Entwickler und Projektmanager. Neben klassischer Software-Entwicklung und Projektarbeit probierte er mit seinen Teams die damals noch sehr jungen agilen Vorgehensweisen aus. Nach einer erfolgreichen IT-Firmengründung wendete er sich seinem zweiten, großen Interessensgebiet zu, der Dynamik und Moderation von Gruppen. Eine Ausbildung als Wirtschaftsmoderator und eine als systemischer Coach folgten. 2008 gründete er mit einigen anderen, erfahrenen Moderatorinnen und Moderatoren die Deutsche Gesellschaft für Moderation e.V., einen kleinen Berufsverband, der sich die Qualitätssicherung und Professionalisierung von Moderation zur Aufgabe gemacht hat. Seit über 15 Jahren arbeitet Thomas Tiller freischaffend als Moderator, Coach und Berater im sozialen und öffentlichen Bereich sowie in der freien Wirtschaft. Dabei sind sowohl der systemische als auch der integrale Ansatz handlungsleitend. Er bildet Moderatoren und Trainer aus und coacht sie. Die Grundlage seiner Arbeit sind seine Freude, Teams und Gruppen auch in komplexen, schwierigen und konfliktreichen Situationen zu begleiten, sowie seine Neugierde auf Neues und die kritische Auseinandersetzung damit. Mehr unter: www.tomtiller.de.
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Einleitung


Dieses Buch ist eine Ode an die Hilflosigkeit. Ein Plädoyer für die Arbeit und Anstrengung, die darin liegt, anzuerkennen, dass wir vieles von dem, was um uns herum und in uns wirklich los ist, nicht annähernd verstehen. Es ist eine Aufforderung, dem Ruf der Sehnsucht zu folgen, die uns in Richtung des unbekannten Abgrunds zieht, der wir sind: die Sehnsucht, die wir am meisten fürchten. Und es ist eine Einladung, die Kontrolle abzugeben und freudvoll zu scheitern, ohne die Verantwortung dafür abzugeben.

Auf meiner Suche nach Machbarkeit und ihren Grenzen bin ich an viele Grenzen gestoßen. Natürlich in erster Linie an meine eigenen. Wem ich zum Beispiel immer wieder begegnet bin, ist mein stärkster Vertreter und Befürworter der Machbarkeit, nämlich mein Ego, das unbemerkt vor allem eines leistet: mich durch viele Grundannahmen über die Welt am Leben zu erhalten. Und ich bin an viele Grenzen im Außen gestoßen. Das Ansprechen von Machbarkeit als unausgesprochene Vorannahme für fast alles Handeln ist eine solche Grenze. ‚Was soll ich denn tun, wenn ich den Glauben aufgebe, dass mein Tun das gewollte Ergebnis zur Folge hat? Und warum sollte ich dann überhaupt noch etwas tun?‘ Ein Beispiel für typische Fragen, denen ich auf meiner Suche begegnet bin. Und diese Fragen sind absolut berechtigt.

Aber auch der Hinweis, dass eine Situation, die wir verändern wollen, eventuell komplexer ist als wir sie wahrnehmen, stößt selten auf offene Ohren. ‚Wenn ich warte, bis ich die Situation in ihrer Gänze begriffen habe, ist es zu spät – ich muss so schnell wie möglich handeln‘, ist eine häufige Reaktion. Eine Reaktion, in der sich der allzu menschliche Impuls wiederfindet, unangenehmen Situationen zu entkommen und schnell Lösungen zu finden.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich plädiere nicht dafür, solchen – oft lebensrettenden – Impulsen zu widerstehen. Wenn Sie Ihrer Traumfrau oder Ihrem Traummann begegnen: Handeln Sie bitte schnell! Fangen Sie nicht an, die Situation in ihrer Ganzheit erfassen zu wollen, sonst könnte Ihr potenzieller Partner weitergegangen sein und das war’s dann. Wäre doch schade. Was ich allerdings sage ist, dass es vor allem in komplexen und hartnäckigen Situationen, die uns nicht passen, Alternativen gibt. Alternativen, diesen Situationen zu begegnen. Alternativen, die das ,um zu‘ nicht als die einzige Grundlage für unser Handeln haben.

Ohne Machbarkeit kein Überleben. Aber wenn ich der Welt nur und ausschließlich mit der Idee der Machbarkeit begegne, kann auch das fatale Folgen haben. Unter anderem die, dass mein Tun am Ende eine Verschlechterung meiner Situation bringen könnte, und ich mir dann eingestehen muss, dass ich dafür mitverantwortlich bin.

Einige Beispiele? Die uns allen bekannten Altkleidersammlungen für so genannte Dritte-Welt-Länder. Sie haben langfristig nur dazu geführt, dass Kleidung in den ärmsten Teilen dieser Welt in brauchbarer Qualität praktisch kostenlos zur Verfügung steht und die Menschen, die bisher vor Ort für die Herstellung von Bekleidung zuständig waren, nicht nur ihre Rolle in der Gemeinschaft verloren haben, sondern ihre Kompetenzen gleich mit. Oder hybrides Saatgut, das zwar dazu geführt hat, dass theoretisch eine weltweite Vollversorgung mit Lebensmitteln möglich wäre, das aber auch zur Folge hatte, dass Landwirte ihr über Generationen erarbeitetes Wissen aufgegeben haben und in eine komplette Abhängigkeit von der Saatgut-Industrie geraten sind. Zwei sehr ‚platte‘ Beispiele, zugegeben, aber eben zwei Beispiele, die zeigen, wie der Glaube an Machbarkeit eine Situation langfristig eher verschlechtert hat.

Die Krux mit der Machbarkeit


Ein weiteres Beispiel: Seit über vierzig Jahren widmet eine unglaubliche Vielzahl an Menschen ihr Leben der Frage, wie wir unseren Planeten und damit die Menschheit auf Dauer vor dem Untergang retten können. Spätestens seit 1972, nämlich seit der Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht hat, wissen wir, dass wir als Menschheit nicht überleben werden, wenn wir so weiterleben wie bisher. Seit damals gibt es unzählige Ansätze, dieser Situation zu entkommen. Doch auch nach fast 45 Jahren hat sich am Ressourcenverbrauch nichts geändert. Ganz im Gegenteil. Wer den „Living Planet Report 2016“ vom WWF oder ähnliche Veröffentlichungen liest, wird feststellen: Wir verbrauchen weiterhin mehr Ressourcen als uns unser Wirt, die Erde, zur Verfügung stellt. Wir leben weiterhin auf Pump. Das heißt, es hat keine wesentliche Veränderung der Gesamtsituation stattgefunden. Und das trotz aller Energie, die so viele Menschen darauf verwendet haben. Die Rettung unseres Planeten widersetzt sich nachhaltig jeder Form von Machbarkeit.

Beim Versuch, sich Machbarkeit und ihren Grenzen zu nähern, wird klar: Machbarkeit verdankt ihre Macht unter anderem zwei Aspekten. Der eine ist die Tatsache, dass sie unbewusst wirkt. In dem Moment nämlich, in dem ich bemerke, wann ich aus der Idee heraus handle, dass mein Tun eine vorhersehbare und gewünschte Änderung zur Folge hat, habe ich Machbarkeit in ihrer universellen Gültigkeit entthront und es werden Alternativen sichtbar.

Der zweite Aspekt ist die Tatsache, dass Machbarkeit ein sehr komplexes Gebilde ist. Das scheint schwer nachvollziehbar, denn eine einfache Beschreibung von Machbarkeit ist: Ich möchte eine Situation ändern, ich handle und danach ist die Situation so, wie ich sie mir vorher vorgestellt habe. Was soll daran komplex sein? Nur ist es eben nicht so einfach. In der Regel bin nicht nur ich an einer Situation beteiligt, die ich gezielt verändern will, sondern noch viele andere Menschen, die alle wieder an Machen glauben und die alle eine eigene Vorstellung vom Ergebnis haben. Alleine das würde die oben genannte Idee von Machbarkeit ad Absurdum führen. Aber dabei bleibt es nicht. Da ist die Frage: Was ist dieses ,etwas‘, das ich als Situation bezeichne und das ich verändern will? Die Frage, wie ich erkenne, ob die Situation danach besser ist. Die Frage, inwieweit ich mich selbst verändert habe, während ich versucht habe, die Situation zu verändern. Die Frage, wann ich aufhöre zu machen und wann ich mir eventuell eingestehe, dass mein Machen nicht zum erwünschten Ergebnis führt. Die Frage, was außer mir und meinen Mitmenschen sonst noch an der ,Gestaltung‘ einer Situation beteiligt ist. Und viele weitere Fragen.

Wieso ein Buch über die Grenzen der Machbarkeit?


Ohne die Grundannahme der Machbarkeit wären wir nicht, wo wir als Menschheit heute sind. Wir könnten nicht mit Menschen auf der anderen Seite des Planeten reden, uns keine Übertragungen von Ereignissen auf der ganzen Welt in Echtzeit ansehen und wir hätten nicht den Lebensstandard und die Lebenserwartung, die viele von uns nach Jahrhunderten der Forschung heute haben.

Begonnen hat der Siegeszug der Machbarkeit in der Zeit der Aufklärung mit der Idee des wissenschaftlichen Herangehens an die Welt. Messbarkeit, Berechenbarkeit und Vorhersagbarkeit sind die Grundlagen dieses Herangehens. Und sie gelten bis heute. Aber das kam und kommt um einen Preis. Der Preis ist die Absolutheit dieser Grundannahme. Egal, um was es geht: Alles ist machbar.

Nun hat diese Grundannahme ein paar perfide Eigenschaften. Eine davon ist, dass sie schwer zu entdecken ist. Selbst Bücher, die sich mit dem Thema Präsenz und Prozessorientierung beschäftigen, die also der Zielorientierung und der Machbarkeit den Kampf ansagen, tun dies mit einem offenen oder heimlichen Versprechen: der Wirksamkeit. Und das ist eine Form von Machbarkeit.

Es gibt einen einfachen Test, um zu überprüfen, ob hinter einem Ansatz, der die Machbarkeit scheinbar nicht als Grundannahme hat, nicht doch die Machbarkeit lauert. Überprüfen Sie einfach, weswegen ein Vertreter oder eine Vertreterin eines solchen Ansatzes diesen anbietet oder weswegen Sie diesen Weg gehen wollen. Wenn darauf eine Antwort kommt, die ein ,um zu‘ enthält, versteckt sich dahinter meist einfach nur eine tieferliegende und unbewusste Hoffnung auf Machbarkeit. Das ,um zu‘ verrät die Machbarkeit.

Nur, um einem Eindruck zu begegnen, der jetzt und sicher noch öfter in diesem Buch entstehen könnte: Ich habe nichts gegen Machbarkeit. Ganz im Gegenteil. Ich bin täglich dankbar, dass Vorhersagbarkeit und Steuerbarkeit in vielen Fällen und auf vielen Ebenen funktionieren. Ich könnte zum Beispiel dieses Buch nicht schreiben, hätten nicht viele Menschen vor mir auf der Basis der Machbarkeit Computer entwickelt, Bücher geschrieben und ihr Leben in den Dienst dieser Idee gestellt.

Aber Machbarkeit scheint eine der unbewusstesten und am wenigsten hinterfragten Grundannahmen unserer Zeit geworden zu sein, bis an den Punkt, an dem wir nur noch diese Grundannahme haben. Und weil es keine lebbare und bewusste Alternative gibt, erkennen wir Machbarkeit nicht mal mehr als das, was sie eigentlich ist: eine Grundannahme. Sie ist zur unbemerkten Allgemeingültigkeit geworden. Eine Art moderner, globaler ‚Glaube‘. Und selbst die vielen Gegnerinnen und Gegner dieser Religion machen ganz subtil nur wieder das Gleiche, indem sie die Machbarkeit...



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