E-Book, Deutsch, Band 3, 640 Seiten
Reihe: Die Amtrak-Kriege-Reihe
Tilley Eisenmeister - Die Amtrak-Kriege 3
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-25059-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 3, 640 Seiten
Reihe: Die Amtrak-Kriege-Reihe
ISBN: 978-3-641-25059-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Patrick Tilley, 1928 in Essex geboren, studierte am King’s College der University of Durham Kunst und arbeitete nach seinem Abschluss 1955 als Grafikdesigner in London. 1968 gab er diese Laufbahn auf, um sich dem Schreiben zu widmen: Er begann mit dem Verfassen von Drehbüchern für Filme und TV-Serien und zog in die USA. 1975 erschien sein erster Roman »Fade-Out«, 1981 folgte »Mission«, der schnell Kultstatus erlangte. »Die Amtrak-Kriege«, deren erster Band »Wolkenkrieger« 1983 erschien, ist seine erfolgreichste Science-Fiction-Romanserie.
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PROLOG
Cadillac übergab seiner Dienerin den Bademantel, setzte sich in den großen Badekübel und ließ sich hinabsinken, bis das dampfende Wasser sein Kinn umspülte. Zwei andere weibliche Totengesichter – nackt bis auf ihre baumwollenen weißen Kopftücher – standen je eine links und rechts von ihm im Wasser, bereit, seinen gebräunten Körper zu säubern und zu massieren. Er bedeutete ihnen, anzufangen, dann schloss er die Augen und dachte wieder einmal über sein Glück nach. Obwohl er die Zukunft in den Sehsteinen erblicken konnte, hatten sie ihm nicht entschleiert, dass innerhalb weniger Monate nach dem Abzug des Prärievolkes alles in seiner Reichweite sein würde, was er sich je gewünscht hatte. Macht, Verantwortung, eine seinen Fähigkeiten angemessene Aufgabe, und – am wichtigsten von allem – Ansehen.
Sein Leben hatte sich grundlegend verändert, und zum ersten Mal fühlte er sich völlig zufrieden. Die Wärme des Wassers durchdrang seinen Körper, löste sanft Fleisch und Knochen auf. Die Augen vor dem flackernden gelben Licht der Laternen geschlossen, hatte er die Empfindung, dahinzutreiben; ohne Form; wie ein Geistwesen, das durch Mo-Town in den Uterus seiner Erdmutter einfließt.
Er schickte seinen Geist auf die Reise …
Kurz nachdem Steve Brickman in den morgendlichen Himmel emporgestiegen war, verfolgt von mehreren Haufen Bären, begann Cadillac mit dem Bau eines zweiten Donnerkeils aus den Teilen, die der Clan vor dem Wolkenkrieger versteckt hatte. Versehen mit den Fähigkeiten und Kenntnissen, die er aus Steves Geist gezogen hatte, fand er diese Aufgabe ziemlich einfach. Und auch außerordentlich befriedigend, denn sein Donnerkeil war schlanker und stärker als Bluebird, das notdürftige Gebilde, das er Steve zu bauen geholfen hatte und den zu fliegen er Cadillac gelehrt hatte.
Cadillac lächelte, als er sich erinnerte, wie sorgfältig er darauf geachtet hatte, es nicht zu rasch zu lernen. Brickman war zurück in die dunkle Welt der Sandgräber gegangen, ohne zu erkennen, dass er den Schlüssel zu einem Schatz im Haus der Informationen fortgegeben hatte. Dank der von Talisman übergehenden Kraft hatte er eine mentale Kopie von allem angefertigt, was der Wolkenkrieger wusste; von jeder Kenntnis, die er erworben, von allem, was er in seinem ganzen Leben gelernt hatte. Jetzt konnte er über die ganze Bandbreite der Talente, Fähigkeiten und Kenntnisse Brickmans verfügen.
Ja … der Verlust Clearwaters war ein geringer Preis für solche Gaben.
Die Flugmaschine bezog ihre Energie von einem Elektromotor, den sie einem der in der Schlacht mit der eisernen Schlange abgestürzten Himmelsfalken entnommen hatten. Es war derselbe Motor, den Brickman an Bluebird angebracht und dann, kurz vor seiner Flucht, wieder abgenommen hatte, weil er ihn nicht zum Laufen hatte bringen können. Cadillac tat, was Steve sich in seiner Hast nicht hatte leisten können: er nahm den Motor auseinander, überprüfte jedes Teil, baute ihn mit liebevoller Sorgfalt wieder zusammen und arbeitete so lange daran, bis er einwandfrei funktionierte.
Brickman jetzt in der Luft ebenbürtig, hob er von dem Fels oberhalb der Siedlung ab und flog mit derselben Furchtlosigkeit über den Rand des schroffen Felsens ins Leere. Er spürte, wie ihn der Wind umfing, fühlte seinen kühlen, süßen Atem auf dem Gesicht; ließ sich von dem glückseligen Gefühl der Freiheit überwältigen, während er in weiten Spiralen emporgetragen wurde, wie die goldenen Adler, die auf den Bergen horsteten.
Höher und höher stieg er in die Himmelswelt, mit ihren sich ständig verändernden, von Sonnenlicht durchtränkten Weiten, stieg und sank zwischen den hoch aufragenden Wänden der Wolkenschluchten. Von Weitem sahen sie wie riesenhafte unbezwingliche windgeformte Schneewehen aus, aber die gekurvten Hänge und die sich türmenden, ihre Erstürmung herausfordernden Gipfel schmolzen bei seiner Annäherung dahin, lösten sich zu einem feinen, formlosen Schleier auf, der seine Flugmaschine einhüllte und die Sonne verschluckte; wie die Morgennebel, die sich in der Zeit des Gilbens auf die Erde legten. Denn hier war das Reich der Himmelsstimmen; eine zauberische Landschaft, die nur mit den Augen des Geistes sichtbar war; heiter, Ehrfurcht gebietend, majestätisch – von derselben vergänglichen Schönheit wie ein Regenbogen –, für alle Zeiten dem Zugriff der Sterblichen entzogen.
Als er hinabsah, wirkte alles so klein. Die Probleme, die am Boden so schwer wogen, verloren hier oben jede Bedeutung. Das Freiheitsgefühl war so überwältigend, dass er zwei ganze Stunden lang oben blieb. Sogar nach der Landung war sein Gefühl noch so abgehoben, dass seine Füße kaum den Boden zu berühren schienen.
Mr. Snow ließ ihn in seiner typischen Klugheit ein paar Tage lang im Glanz der Selbstversunkenheit schweben, dann brachte er ihn mit einem Ruck auf den Boden zurück, indem er ihm von dem Handel berichtete, den er mit den Eisenmeistern abgeschlossen hatte. Wie er es erzählte, hörte es sich so einfach an: ein Donnerkeil, vollständig und unbeschädigt, dazu ein Wolkenkrieger in gleicher Verfassung im Austausch gegen neue, lange, mächtig scharfe Eisendinge. Gewehre …
Cadillac brachte nichts als ein verblüfftes Starren zustande. Es gab keinen Donnerkeil. Die Wracks der von der eisernen Schlange freigesetzten Maschinen waren in Stücke zerlegt worden. Und der Wolkenkrieger war längst fort.
Mr. Snow, der am anderen Ende der Gesprächsmatte saß, las seine Gedanken und antwortete ihm mit finsterem Nicken. »Du hast recht. Ich nehme an, das heißt, dass du einspringen musst.«
Süße Himmelsmutter! Cadillac fröstelte bei diesem Gedanken. Denn kein Mutant war je von den Feuergruben Beth-Lems zurückgekehrt.
Mr. Snow wischte seine Einwände beiseite. Eine solche Undankbarkeit! Bedankte er sich so bei Talisman, der einen Wortschmied und Seher aus ihm gemacht hatte und ihn jetzt jedem Wolkenkrieger ebenbürtig stellte? Gaben, wie er sie erhalten hatte, mussten zum Wohle des Prärievolkes genutzt werden!
»Vergiss nie, was ich dir jetzt sage«, schloss er und drohte mit dem Finger. »So etwas wie eine kostenlose Mahlzeit gibt es nicht.«
»Kostenlose Mahlzeit?«
Mr. Snow schien seine Frage überhört zu haben; er fuhr fort, indem er den Plan eingehender erläuterte. Cadillac sollte nach Norden zum Yellow-Stone-River fliegen, sich dann nach Osten in Richtung des Handelspostens im Gebiet des San’Paul wenden. Von dort aus musste er dem Lauf des großen Flusses folgen, des ersten von mehreren großen Flüssen. Der letzte, der von Norden nach Süden verlief, hieß Iri. Jenseits seines östlichen Ufers lag das Land der Eisenmeister und das Reich Yama-Shitas, des Fürsten der Raddampfer. Den Handelsposten zu erreichen bedeutete eine gefahrvolle Reise über ein Gebiet, das von den feindlichen D’Troit und C’Natti gehalten wurde, aber wenn er hoch genug flog, konnte er den Bolzen ihrer Armbrüste entgehen. Und es verlangte zwar viel von ihm, aber er würde noch sicherer sein, wenn er bereit war zu fliegen, wenn die Welt unter Mo-Towns bestirntem Mantel schlief. Wenn er vor dem nächsten Vollmond vor Sonnenuntergang aufbrach, würde er – wenn alles gut ging – sein Ziel im Verlauf des folgenden Tages erreichen.
An diesem Punkt der Erklärung brach Mr. Snow ab und kramte in dem schlampigen Haufen seiner Besitztümer herum. Nach ein paar Flüchen brachte er schließlich zwei zusammengefaltete Stoffstücke hervor, die sich, als er sie entfaltet hatte, als rechteckige Fahnen aus feinem, weißem Tuch entpuppten.
Auf beiden Fahnen war in der Mitte eine blutrote Scheibe dargestellt: das Emblem der Eisenmeister. Die Fahnen, die an Bord eines der Raddampfer Yama-Shitas aus Beth-Lem hergebracht worden waren, sollte Cadillac unter den Tragflächen des Donnerkeils anbringen, damit man sie vom Boden aus sehen konnte. Damit ihm ein sicherer Empfang bereitet wurde, sollte das Fluggerät außerdem eine weiße Rauchspur hinterlassen, sobald er das Gebiet der Eisenmeister erreichte. Grüne Raketen – wie er sie bei seinem letzten Besuch beim Handelsposten hatte in den Himmel schießen sehen – würden signalisieren, wo er landen sollte.
So weit, so gut. Die Eisenmeister schienen alle Punkte geklärt zu haben. Alle bis auf einen: die Möglichkeit, dass Mr. Snow den abgesprochenen Plan durch das eine oder andere eigene Detail ergänzt haben könnte. Cadillac sollte seine Körperfarbe ablegen und als Wagner verkleidet gehen und die Kleider eines der gefallenen Wolkenkrieger tragen, dessen Kopf vor Clearwaters Hütte auf einer Stange verweste. Bei seiner reinen Haut, seinem neu erworbenen Wissen und einem kurzen Haarschnitt würde niemand vermuten, dass er kein Flieger der Föderation war. Aber da war noch etwas. Das an die rechte Tasche seiner Tunika genähte Stoffschild würde ihn als »8902 BRICKMAN S.R.« ausweisen.
Die Ironie der Situation führte bei beiden zu einem Ausbruch von Gelächter, der alle Gedanken an Gefahren beiseitewischte – und die gleichermaßen erschreckende Aussicht auf den Verlust seiner langen, schwarzen Haare.
Während sich Cadillac bemühte, im Geist ein Gleichgewicht zwischen den Risiken und Vorteilen auszuarbeiten, die die Ausführung einer derart reizvollen Aufgabe mit sich brachte, kam Mr. Snow mit seiner letzten Überraschung heraus. Die Flugmaschine, die Cadillac gebaut hatte, würde einen zweiten Sitz für seine bewaffnete Eskorte brauchen.
Clearwater.
Als Wölfin verkleidet, die makellose olivfarbene Haut unter verwirrenden...




