E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Todd Spring Girls
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-19756-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-641-19756-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Spring-Mädchen Meg, Jo, Beth und Amy leben zusammen mit ihrer Mutter in New Orleans. Ihr Vater ist im Irak stationiert, und jede der Schwestern durchlebt neben der beständigen Sorge um ihn die schwierigen Momente des Erwachsenwerdens. Meg will möglichst bald heiraten und Mutter werden, Jo will als Journalistin die Welt verändern, Beth hilft lieber im Haushalt, und die zwölfjährige Amy schminkt sich zum ersten Mal und ist mit ihrem Smartphone online unterwegs. Und obwohl jede der Schwestern ganz genau weiß, was sie will, kommt es dann doch ganz anders als ursprünglich gedacht …
Anna Todd erzählt Louisa May Alcotts Klassiker BETTY UND IHRE SCHWESTERN/LITTLE WOMEN neu.
Anna Todd (Autorin/Produzentin/Influencerin) ist die New York Times-Bestseller-Autorin der AFTER-Serie, der BRIGHTEST STARS-Trilogie und der Romane SPRING GIRLS und THE LAST SUNRISE. Die AFTER-Reihe wurde in 35 Sprachen veröffentlicht, verkaufte weltweit über 12 Millionen Exemplare und ist ein internationaler Nummer-1-Bestseller. 2017 gründete Anna das Unterhaltungsunternehmen Frayed Pages Media, um innovative und kreative Werke für Film, Fernsehen und Verlagswesen zu produzieren. Sie war als Produzentin und Drehbuchautorin an den Verfilmungen von AFTER PASSION und AFTER TRUTH beteiligt und ist Produzentin der Filme ALL DAS UNESAGTE ZWISCHEN UNS – REGRETTING YOU und THE LAST SUNRISE. Anna stammt aus Ohio und lebt mit ihrer Familie in Los Angeles.
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Jo
Wie üblich war ich auch dieses Jahr die Erste, die am Weihnachtstag wach war. Normalerweise stand ich schon vor Sonnenaufgang auf und ging runter, um einen Blick auf die Geschenke vom »Weihnachtsmann« zu werfen. Danach würde ich Beth wecken, dann Meg. Amy wachte immer im selben Moment auf wie Beth, weil sie sich ein Zimmer teilten.
Dieses Jahr war allerdings anders. Ich hatte nicht den Drang, leise ins Wohnzimmer zu laufen und nach Geschenken zu sehen. Wenigstens hingen unsere Weihnachtsstrümpfe. Sie waren das, was ich an Weihnachten am liebsten mochte, weil unsere Eltern so viel Kram, vor allem Süßes, hineinstopften, wie nur reinpasste. Ich schüttete meinen Strumpf immer sofort auf dem Boden aus und musste aufpassen, dass meine Schwestern sich nichts davon krallten, obwohl sie ihre eigenen Sachen hatten. Amy war dabei die Schlimmste. Sie war dafür bekannt, heimlich ihre Sachen gegen unsere zu tauschen, wenn ihr unsere besser gefielen.
Wir besaßen alle einen eigenen kratzigen, selbst gestrickten Strumpf mit unserem Namen drauf. Moms Mom hatte jeder von uns einen zur Geburt geschenkt. Meiner war der hässlichste, er hatte als Motiv einen leicht gestört und ziemlich betrunken aussehenden Weihnachtsmann. Sein Bauch war schief und der Bart dunkelgrau, genau wie die Zähne. Sein Lächeln war leicht böse, und da das Ding über die Jahre immer mehr verschliss, sah es aus, als würde der böse Weihnachtsmann selbst den Stoff verrotten lassen. Ich musste jedes Jahr wieder lächeln, wenn wir die Strümpfe auspackten, um sie aufzuhängen.
Meg beschwerte sich immer, dass es selbst bei Target schönere Weihnachtsstrümpfe gab. Statt eines kostbaren Schmuckstücks von entfernten königlichen Verwandten hatten wir zur Geburt Weihnachtsstrümpfe von unserer Oma bekommen – Merediths Mutter, mit der sie inzwischen fast zwei Jahre lang nicht gesprochen hatte. Sosehr ich meine Oma auch mochte, ich musste mich für eine Seite entscheiden, und nur eine der beiden Frauen gab mir zu essen.
Auch dieses Jahr hatten wir die Strümpfe aufgehängt wie immer (und das schon am Tag nach Thanksgiving, Himmel). Mehr würden wir zu Weihnachten wohl nicht bekommen. Mir fehlten die Weihnachtsgeschenke gar nicht so sehr wie meinen Schwestern. Sogar Beth, die sich nicht so viel aus Klamotten machte wie Meg oder aus Büchern wie ich oder aus sich selbst wie Amy, war aufgeregt. Beth war Weihnachten in Person. Sie war frisch gebackene Plätzchen, leises Lachen und Nächstenliebe.
Ich wäre Halloween, dachte ich, als ich die oberste Schublade meiner Kommode öffnete und die kleinen Bücher, die ich für meine Schwestern gekauft hatte, herausnahm. Ich hatte die Hälfte meines Lohns dafür ausgegeben. Ich verdiente genug bei meinem Job bei Pages, einem Buchladen mit Coffeeshop, und ich genoss es sehr, mein eigenes Geld zu haben. Beth war wahrscheinlich die Einzige, die den Gedichtband lesen würde – und sie würde stolz auf mich sein, dass ich allen Geschenke gekauft hatte. Ich hoffte, Amy und Meg würden das Buch zumindest aufschlagen. Und wenn nicht, dann hätte die Autorin wenigstens ein paar Dollar verdient.
Eines Tages wollte ich selbst ein Buch schreiben. Ich wäre schon froh, wenn ich nur vier Exemplare verkaufen würde. Oder wenn auch nur eine einzige Person mein Buch kaufen und sich darin wiederfinden würde. Verdammt, wenn jemand es nur zu Ende lesen würde, wäre ich schon begeistert. Beth sagte immer, ich wäre zu selbstkritisch, zu schnell beleidigt und würde zu sehr in der Zukunft leben, aber ich fand das nicht. Wenn die Vergangenheit und die Gegenwart beide nicht so toll waren und niemand aus seinen Fehlern lernen wollte, warum sollte ich dann nicht in die Zukunft blicken? Die war irgendwie alles, worauf ich mich freute.
Beth las als Einzige jeden Artikel, den ich in der Schulzeitung veröffentlichen konnte, und sie sagte mir immer wieder, wie talentiert ich war. Sie lobte meine albernen Berichte über Schulbälle und Zusammenkünfte des Debattier-Klubs, aber ich konnte es nicht erwarten, endlich über die Welt außerhalb der Mauern der White Rock High zu schreiben. Ich wollte nicht davon berichten, dass Shelly Hunchberg eine funkelnde Krone aus billigem Plastik mit unechten Diamanten gewonnen hatte, die nur das reflektierte, was man schon bald als gescheiterte Träume bezeichnen würde.
Ich wollte über den Wahnsinn schreiben, der in meinem Land und in der Welt passierte. Ich wollte meine Stimme für etwas Sinnvolleres verwenden, als Bildunterschriften für eine ganze Seite Fotos von Mateo Hender auf dem Football-Feld zu verfassen und damit sein Ego noch weiter zu polieren. Ich hatte keine Lust mehr, über die Statistiken des Reserveoffizier-Ausbildungskorps zu schreiben, aber da die White Rock High zu neunzig Prozent aus Armee-Bälgern bestand, blieb mir nichts anderes übrig. Das war schon okay – das Ausbildungskorps war ziemlich cool –, aber ich brauchte mehr Freiheiten.
Ich wollte darüber schreiben, was in zwei Jahren wichtig wäre, wenn Shelly von Mateo schwanger und er Soldat wäre oder beim Drive-in arbeitete. Ich wollte über die Zahl der Truppen schreiben, die letzte Woche zu ihren Familien nach Hause gekommen waren – oder über die, die es nicht waren. Noch nicht mal die Geschichte von der Reihe von zwanzig Autos, die Meg und ich beim Starbucks gesehen hatten, wo die Leute alle den Kaffee für den nächsten in der Schlange gezahlt hatten, würde es jemals in die Schulzeitung der White Rock High schaffen. Dabei wäre es so einfach gewesen, es war eine harmlose, niedliche Geschichte. Mr. Geckle war ein Idiot.
»Unsere Schülerinnen und Schüler sind zu jung, das zu lesen«, sagte er und zeigte mit seinem faltigen Finger auf meinen Artikel über den aufkeimenden Protest überall im Land.
»Nein, Mr. Geckle, sind sie nicht. Es sind Teenager, die genauso alt sind wie ich«, rief ich aufgebracht und zeigte auf meinen Körper, als ob Mr. Geckle sich auch nur irgendwie vorstellen könnte, wie es war, im einundzwanzigsten Jahrhundert Teenager zu sein.
»Der Artikel ist zu einseitig, zu polemisch«, murmelte er und gab mir mit einem schwachen Wink zu verstehen, dass ich gehen sollte.
Aber ich ließ mich nicht einfach so abservieren, und er hatte auch garantiert mit meiner Reaktion gerechnet, immerhin kannte er mich schon seit zwei Jahren.
»Es ist wahr, es ist alles wahr.« Ich nahm das Blatt und folgte ihm um sein Pult.
Das falsche Holz des teuren Tischs war über und über mit Kritzeleien und Initialen beschmiert. Nach der zweiten Runde hatte die Schule aufgegeben, die Tische zu ersetzen. Die Initialen aufs Lehrerpult zu schreiben war irgendwie so ein Muss an meiner Highschool. Bisher hatte ich das für ziemlich unreif gehalten. Erst als ich jetzt vor ihm stand und er das Beste, was ich jemals geschrieben hatte, ablehnte, weil er seinen Schülerinnen und Schülern geistig nichts zutraute, sah ich die Schmierereien als etwas anderes. Als einen Akt der Rebellion. Ich liebte sie. Am liebsten hätte ich über den beschmierten Tisch gegriffen, Mr. Geckle den mit seinem Namen gravierten Füller aus dem Hemd gerissen und meine Initialen ins falsche Holz geritzt. Ich nahm mir vor, später noch mal wiederzukommen und es dann zu tun, damit er niemals vergessen würde, wie falsch er damit gelegen hatte, meine Ideen abzuschmettern.
Mr. Geckle sagte immer nur Nein, wieder und wieder. Ich würde meine Mitschülerinnen und Mitschüler niemals mit echten Berichten versorgen können. Jedenfalls nicht hier an dieser winzigen Highschool am äußersten Ende von Louisiana. Zum Glück für sie gab’s das Internet, sie waren also nicht vollkommen ahnungslos, was die Vorkommnisse in der Welt außerhalb des Armee-Postens anging. Ich musste wohl akzeptieren, dass meine Artikel niemals auf der Titelseite der Schulzeitung stehen würden. Der Platz war für die Mateos und Shelleys dieser Welt reserviert.
Mein Handy in der Hosentasche vibrierte, und ich steckte die vier kleinen schwarzen Bücher in die Kängurutasche meines Kapuzenpullis und stellte den Handywecker aus.
Ich musste bei der Arbeit anrufen und Bescheid sagen, dass ich während der Weihnachtsferien jede Schicht übernehmen würde. Meine Kolleginnen wollten alle freihaben, aber ich liebte die Ferien bei Pages. Der Laden war der Stoff, aus dem die Träume einer jeden Autorin sind. Ein postmoderner Coffeeshop mit schwarzen Metall- und Holztischen, großen Wandbildern lokaler Künstlerinnen und Künstler und Trinkgeldgläsern mit popkulturellen Anspielungen. Am Tag meines Vorstellungsgesprächs konnten sich die Kunden aussuchen, ob sie ihr Trinkgeld lieber Voldemort oder Dumbledore geben wollten. Ich warf einen Dollar bei Voldemort rein, weil das Glas leer war, und fühlte mich unglaublich rebellisch, als ich mich lächelnd beim aufgekratzten Mädchen hinterm Tresen bedankte. Sie hieß Hayton und musste an dem Morgen schon ein oder zwei Espresso getrunken haben.
Zwischen Hyper-Hayton und meinem Chef, der meine kreative Arbeit schätzte und alles von mir lesen wollte, liebte ich meinen Job meistens.
Ich schickte meinem Chef eine Nachricht, dann fiel mir ein, dass es noch ziemlich früh war und außerdem Feiertag.
Egal, er hatte mir auch schon zu unmöglichen Zeiten geschrieben. Ich nahm die Bücher und ging leise zu Megs Bett auf der anderen Seite des Zimmers. Sie schlief noch und schnarchte leise (obwohl sie immer behauptete, sie würde nicht schnarchen). Mit angezogenen Beinen lag sie da. Sie bewegte sich, und ihr Shirt rutschte zur Seite, sodass ihre eine Brust zu sehen war. Meg hatte irgendwie alle guten Gene unserer Eltern geerbt. Sie hatte Merediths...




