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E-Book, Deutsch, 271 Seiten

Toller Meine Dramen


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3780-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 271 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3780-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Tollers expressionistische Dramen gelten heute als das Hauptwerk des Schriftstellers und Revolutionärs. In diesem Band sind enthalten: Feuer aus den Kesseln Hoppla, wir leben! Masse Mensch

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Neunte Szene



Gefängnis. Zellen. Davor vergitterter Gang

Auf leuchtet

Zelle von Reichpietsch

Reichpietsch (sitzt am Tisch und liest). "Geliebte Eltern! Ich hätte Euch schon lange geschrieben, was mit mir los ist. Aber ich wollte erst mein Urteil abwarten. Nun ist dieser Tag gewesen, und er ist noch schlimmer ausgefallen, als ich gedacht habe. Es ist ein Todesurteil geworden. Das hätte wohl keiner gedacht, als wir im Juni Abschied nahmen, daß es das letzte Mal sein sollte. Nun bitte ich Euch, liebe Eltern, verzeiht mir diese letzten Vergehen, damit ich ruhig in die andere Welt hinübergehen kann, wo wir uns alle einmal wiedersehen. Auch danke ich Euch für all das Gute, das Ihr mir getan habt... Nun entschuldigt, daß ich nicht mehr schreibe, aber mir ist das Herz so schwer... Grüßt Willi und Gertrud, und Euch selbst umarmt und küßt zum letztenmal Euer Sohn Max" (Schluchzt auf, läßt den Kopf auf die Tischplatte sinken, rafft sich auf, schreibt) "Alles, was Ihr für mich machen könnt, ist, wenn Ihr durch einen Rechtsanwalt oder durch den Stammapostel der Gemeinde ein Gnadengesuch an den Kaiser macht.. ."

Auf leuchtet

Zelle von Köbis

(Köbis läuft hin und her, hin und her. Die Zelle wird aufgeschlossen. Herein der Pfarrer.)

Pfarrer. Ich komme, eh' es zu spät ist. Geben Sie Ihren verbohrten Trotz auf, gehen Sie in sich. Bekennen Sie: Ich habe gesündigt. Bitten Sie um Gnade, vielleicht hilft Ihnen der Allmächtige in letzter Stunde.

Köbis. Sparen Sie sich Ihre Worte. Ich werde nicht um Gnade bitten.

Pfarrer. Sie verstockter Mensch ...

Köbis. Glauben Sie, daß es mir Spaß macht zu sterben? Ich sterbe nicht gern so jung, wahrhaftig nicht.

Pfarrer. Na also ...

Köbis. Was heißt hier "na also?" Das ganze Volk will den Frieden. Ich habe aufgemuckt, darum sterbe ich. Es werden noch mehr folgen.

Pfarrer. Sie waren Ihren Eltern ein guter Sohn ... Haben Sie die Unglücklichen vergessen?

Köbis. Weiß der Kuckuck, denen hätte ich gern noch einmal die Hand gedrückt...

Pfarrer. Köbis, ich meine es wirklich gut mit Ihnen.

Köbis. Das kenn' ich. Das hat der Kriegsgerichtsrat gesagt, dann der Richter, jetzt sagt es der Pfarrer, und auf dem Richtplatz wird der Henker sagen: Ich meine es wirklich gut mit Ihnen ... Verfluchte Heuchelei!

Pfarrer. Köbis! Sie sind nicht zu retten ...

Auf leuchtet

Zelle von Beckers

Beckers (klettert ans Fenster). Willi!...

Auf leuchtet

Zelle von Weber

Weber (am Gitterfenster). Was ist los?

Beckers. Hast du was gehört?

Weber. Nein ... Hast du was gehört?

Beckers. Nein. Frag mal Sachse.

Weber (klopft an die Wand). Du, Dicker!...

Auf leuchtet

Zelle von Sachse

Sachse (am Gitterfenster). Was ist los?

Weber. Hast du was gehört?

Sachse. Nein ... Hast du was gehört?

Weber. Nein.

Sachse. Ich werde mal nach dem Aufseher schellen.

(Sachse drückt auf einen Knopf, draußen fällt eine Klappe. Aufseher kommt, schließt die Zelle von Sachse auf.)

Aufseher. Was wollen Sie?

Sachse. Haben Sie schon was gehört?

Aufseher. Wir hören sowenig wie Sie.

Sachse. Gar nichts?

Aufseher. Der Pfarrer war wieder bei Köbis.

Sachse. Der Vorarbeiter des lieben Gottes ...

Aufseher. Ihr wart zuwenig.

Sachse. Wie meinen Sie das?

Aufseher. Das Volk ist eben zu dumm. Ihr hattet recht, das sagen alle. Ich war Schuster in Köln, hatte mir ein paar Pfennige gespart für meine alten Tage   auch hin ... Was meinen Sie, wie lange wird der Schwindel noch dauern? Sie kennen sich doch aus in der Politik?

Sachse. Solange Ihr das Maul haltet.

Aufseher. Jeder ist sich selbst der Nächste.

Sachse. So denkt mancher, bis ihn, haste nich gesehn, der Schinder holt ... Lassen Sie uns wieder zusammen.

Aufseher. Das kann mich die Stelle kosten. Das müssen Sie verstehn. Die kennen keinen Spaß. Die schicken mich an die Front zur Strafe.

Sachse. Für eine Stunde.

Aufseher. Na meinetwegen.

(Aufseher schließt die Zellen von Köbis, Reichpietsch, Beckers, Weber auf, läßt die vier in die Zelle zu Sachse.)

Beckers. Hat keiner was gehört? (Die andern schweigen.) Verdammte Quälerei!... Nachts träume ich, ich werde hingerichtet. Ich falle um wie ein Sack, aber ich bin nicht tot, ich denke, jetzt begraben sie mich lebendig, ich will schreien: "Kameraden, Kameraden!"... Die hören mich nicht. Das Getrommel ist zu laut, rumpumpum, rumpumpum... ich kann mich nicht rühren, sie packen mich und werfen mich ins Grab ... da wache ich auf und schrei'...

Reichpietsch. Der Schwindel, ein Soldat hat keine Angst vorm Tode... Ja, wenn man nichts weiß...

Sachse. Du auch? ... Kinder, ich halt's nicht mehr aus, ich halt's nicht mehr aus!

Weber. Sein bißchen Verstand kann man verlieren ... (Weint.   Schweigen.)

Köbis. Vorm Sterben habe ich keine Angst, nur an das Knacken der Gewehrschlösser mag ich nicht denken. Dieses verfluchte Knack-knack, Knack-knack ...

(Schweigen.)

Beckers. Jungens, ich habe einen Plan. Wir lassen uns nicht morden. Ich habe einen Glasscherben eingenäht in mein Unterzeug, sie haben ihn nicht gefunden beim Filzen. Sowie wir was hören, ein Schnitt in die Pulsadern! Es tut nicht weh, du spürst es kaum, du wirst müder, immer müder, das dreckige Leben rinnt fort mit deinem Blut, du denkst gar nicht mehr daran, du siehst auf deine Klamotten... ab mit Schaden!

Sachse. Ja, das sollten wir tun.

Weber. Zeig her den Glasscherben.

(Beckers zieht ihn heraus.)

Reichpietsch. Warum noch warten?... Tun wir's gleich!

Beckers. Alwin, was meinst du?

Köbis (lacht). Wär' ein Mordsspaß, den Henkern das Vergnügen zu vermasseln!...

Sachse. Schuler überlebt es nicht.

Beckers. Unser Aufseherchen verliert seinen Druckposten.

(Alle lachen.)

Köbis. Nee, Jungens, Finger weg! Es ist bitter, von diesen Leuten noch an die Wand gestellt zu werden ... Unser Blut wird nicht umsonst fließen.

Reichpietsch. Wenn sie Mut hätten und uns hinrichteten vorm Werfttor in Schlicktau... Sie werden uns heimlich niederknallen und heimlich verscharren. Meuchelmord, nach dem kein Hahn kräht.

Köbis. Meuchelmord ist das richtige Wort. Trotzdem!

Sachse. Was haben wir getan? Woher nehmen sie das Recht?...

Weber. Hat der Kaiser nicht gesagt: "Ich kenne keine Parteien mehr"? ... Waren die Sozis keine Partei?

Köbis. Recht?... Macht!

(Von draußen ferner Gesang.)

Beckers. Still!

Reichpietsch. Die Internationale!

Köbis. Wahrhaftig!

Reichpietsch. Die Kameraden kommen!

Sachse. Sie befreien uns!

Alle (singen leise).
Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht!...

(Sie brechen ab, lauschen. Der Gesang draußen verstummt.)

Köbis. Betrunkene Werftarbeiter. Nur im Suff erinnern sie sich an die Internationale.

(Schweigen.)

Sachse. Erinnert ihr euch an den Roddei vor Skagerrak? Bis zuletzt schrie der: "Weiber her! Weiber her!"

Weber. Der Roddei... Auch schon längst Fischfutter...

Sachse. Wird sich bald getröstet haben, seine Minna...

Beckers. Was Warmes wäre jetzt nicht ohne.

Weber. So eine mit Pfundsbrüsten.

Reichpietsch. So was zum Reinkneifen.

Köbis. Lassen wir uns Urlaub geben ins Puff Port Arthur.

Sachse. Sie fragen einem immer nach dem letzten Wunsch. Ich werde sagen, ich möchte noch mal mit der dicken Marie aus Port Arthur...

Reichpietsch. Kinder, die dicke Marie... Als ich das letztemal zu ihr ging, sagte sie: "Mensch, du bist der dreizehnte, du sollst es gut haben." Hat sich ausgezogen. Splitternackt.

Sachse. Hat sie bei...



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