Tolstoi | Auferstehung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 610 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Tolstoi Auferstehung

Roman
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-10-401849-2
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 610 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-401849-2
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK. Tolstois Roman erzählt die Geschichte des Fürsten Nechliudow, der einer verurteilten Prostituierten bis nach Sibirien folgt, weil er in ihr eine Jugendliebe erkennt und sich schuldig an ihrem Schicksal fühlt. Wie ?Krieg und Frieden? und ?Anna Karenina?, in deren Schatten ?Auferstehung? völlig zu Unrecht steht, vereint der Roman alles das, wofür der große Erzähler Tolstoi bis heute berühmt ist: wunderbare Landschaftsbeschreibungen, einfühlsame Porträts, packende Anklagen gegen Armut und Heuchelei - und nicht zuletzt eine der ergreifendsten Liebes- und Reuegeschichten der Weltliteratur.

Lew Nikolajewitsch Tolstoi, geboren am 28.8.1828, stammte aus einer alteingesessenen Adelsfamilie, wuchs jedoch seit seinem neunten Lebensjahr als Waise auf. Nach dem Abbruch seines Orientalistik- und Jurastudiums ging er 1851 zum Militär und nahm am Krimkrieg teil. Sein literarisches Werk ist geprägt durch sein Interesse an der Psychologie des Menschen.Als seine größten Erfolge gelten die beiden Romane Krieg und Frieden (1868/69) und Anna Karenina (1878). Tolstoi starb am 20.11.1910.
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2


Die Geschichte der Gefangenen Maslowa war eine sehr gewöhnliche Geschichte.

Die Maslowa war die Tochter einer unverheirateten Hofmagd, die mit ihrer Mutter, die Viehmagd war, im Dorfe bei zwei Gutsbesitzerinnen, unverheirateten Schwestern, lebte. Dieses ledige Frauenzimmer gebar jedes Jahr, und  – wie es auf dem Lande meist gemacht wird  – man taufte das Kind, doch nachher ernährte die Mutter das unerwünscht erschienene, unnötige und bei der Arbeit störende kleine Wesen nicht, und es mußte bald Hungers sterben.

So starben ihr fünf Kinder. Alle waren sie getauft, nachher wurden sie nicht ernährt, und sie starben eben. Das sechste Kind  – erzeugt von einem fahrenden Zigeuner  – war ein Mädchen, und sein Schicksal wäre dasselbe gewesen, wenn es sich nicht begeben hätte, daß eins der beiden alten Fräulein auf den Viehhof gekommen wäre, um der Stallmagd einen Verweis wegen des nach der Kuh riechenden Rahms zu geben. In der Wohnung der Stallmägde lag die Wöchnerin mit ihrem schönen, gesunden Säugling. Das alte Fräulein erteilte sowohl für den Rahm als auch dafür einen Verweis, daß man eine Wöchnerin auf den Viehhof gelassen, und wollte schon weggehen, als sie das Kind erblickte. Sie ward gerührt und bot sich an, Taufmutter des Kindes zu sein. Sie hielt es auch über die Taufe; nachher gab sie der Mutter, aus Mitleid mit dem Patenkind, Milch und Geld, und das Kind blieb am Leben. Die alten Fräulein nannten es denn auch: »Die Gerettete«.

Das Kind war drei Jahre alt, als die Mutter erkrankte und starb. Der Großmutter, der Viehmagd, war die Enkelin zur Last, und so nahmen die alten Fräulein das Mädchen zu sich. Das schwarzäugige Mädchen wurde ungewöhnlich lebhaft und zierlich, und die alten Fräulein hatten ihre Freude an ihr.

Es waren zwei alte Fräulein: eine jüngere, etwas gutmütigere, Sophia Iwanowna  – dieselbe, welche das Kind über die Taufe gehalten  – und eine ältere, etwas strengere  – Maria Iwanowna. Sophia Iwanowna putzte das Mädchen, lehrte es lesen und wollte aus ihm eine Ziehtochter machen. Maria Iwanowna sagte, daß man aus dem Mädchen eine Arbeiterin, ein gutes Stubenmädchen machen müsse, und daher war sie anspruchsvoll, strafte und schlug sogar hier und da das Mädchen, wenn sie schlechter Laune war. So wuchs das Mädchen, zwischen zwei verschiedenen Einflüssen, halb als Stubenmädchen, halb als Ziehkind auf. So nannte man es denn auch weder kühl Katka, noch zärtlich Katenka, sondern zwischen beidem: Katjuscha. Sie nähte, räumte die Zimmer auf, besorgte die kleine Wäsche, röstete, mahlte und trug den Kaffee auf, putzte die Heiligenbilder mit Kreide und saß bisweilen bei den Fräulein und las ihnen vor.

Sie hatte Bewerber, wollte aber keinen nehmen, da sie fühlte, wie das Leben mit jenen arbeitenden Leuten, die um sie freiten, schwer sein würde für sie, die durch die Süße des Herrenlebens verwöhnt war.

So lebte sie bis zu ihrem sechzehnten Jahr. Als sie aber sechzehn Jahre alt war, kam zu den Fräulein deren Neffe, ein Student. Er war Fürst und reich, und Katjuscha verliebte sich in ihn, ohne daß sie es wagte, es sich selbst, geschweige denn ihm zu gestehen. Dann kam derselbe Neffe zwei Jahre später auf dem Wege in den Krieg wieder zu den Tanten, brachte vier Tage bei ihnen zu, und am Abend vor seiner Abreise verführte er Katjuscha. Darauf drückte er ihr am letzten Tage einen Hundertrubelschein in die Hand und reiste ab. Fünf Monate nach seiner Abreise wußte sie bestimmt, daß sie schwanger sei.

Von der Zeit an war ihr alles gleichgültig, und sie dachte nur darüber nach, wie sie der Schande, die sie erwartete, entgehen könne. Nicht nur begann sie unwillig und schlecht den Fräulein zu dienen, sondern plötzlich brach sie los und ohne selber zu wissen, wie es geschah, sagte sie den Fräulein Grobheiten, die sie später selbst bereute, und bat, sie zu entlassen. Die Fräulein, die jetzt unzufrieden mit ihr waren, entließen sie.

Als Stubenmädchen kam sie von ihnen zu einem Polizeibeamten, zum Stanowoj, aber sie konnte dort nur drei Monate bleiben, weil der Stanowoj, ein Mann von schon fünfzig Jahren, zudringlich wurde. Einmal, als er sie besonders belästigte, erhitzte sie sich, nannte ihn Dummkopf und alter Teufel, gab ihm einen Stoß vor die Brust, daß er hinfiel und wurde dieser Grobheit wegen weggejagt. Wieder in einen Dienst zu treten, hatte nun keinen Zweck; bald sollte sie gebären, und so quartierte sie sich bei einer Witwe, der Dorfhebamme, ein, die mit Branntwein handelte. Die Niederkunft war leicht. Aber die Hebamme, welche eine kranke Frau im Dorf behandelte, steckte sie mit dem Wochenbettfieber an, und man brachte das Kind, einen Knaben, ins Findelhaus, wo es gleich nach der Ankunft starb, wie die Alte, die ihn hingebracht hatte, erzählte.

Geld hatte Katjuscha, als sie zu der Hebamme kam, im ganzen hundertsiebenundzwanzig Rubel; siebenundzwanzig davon verdient und hundert, die ihr der Verführer gegeben hatte. Als sie aber von ihr wegging, blieben ihr nur sechs Rubel übrig. Sie verstand nicht Geld zu sparen, sie brauchte es für sich und gab es jedem, der darum bat. Die Hebamme nahm ihr für Unterkunft, Kost und Tee für zwei Monate vierzig Rubel ab; fünfundzwanzig Rubel gingen für die Ablieferung des Kindes darauf; vierzig Rubel hatte sich die Hebamme leihweise ausgebeten, für eine Kuh, etwa zwanzig Rubel gingen so  – für Kleider, für Geschenke fort, so daß Katjuscha, als sie gesund war, kein Geld mehr hatte und eine Stelle suchen mußte. Diese Stelle fand sich bei einem Förster.

Der Förster war ein verheirateter Mann; aber ebenso wie der Stanowoj begann er vom ersten Tage an sich Katjuscha aufzudrängen: Er war ihr widerwärtig, und sie bemühte sich, ihn zu meiden, aber er war erfahrener und schlauer als sie; die Hauptsache aber war, daß er, als Hausherr, sie hinschicken konnte, wohin er wollte; so paßte er einmal eine günstige Minute ab und bemächtigte sich ihrer. Seine Frau erfuhr es, und als sie ihren Mann einmal allein mit Katjuscha im Zimmer überraschte, stürzte sie los, um sie zu schlagen. Katjuscha aber wehrte sich, und es entstand eine Prügelei, weswegen man sie aus dem Hause jagte, ohne ihr den verdienten Lohn zu bezahlen. Darauf fuhr Katjuscha in die Stadt und hielt sich bei ihrer Tante auf. Der Mann der Tante war Buchbinder und lebte früher gut; hatte aber jetzt nach und nach alle Kunden verloren und sich so völlig dem Trunk ergeben, daß er alles, was ihm unter die Hand kam, vertrank.

Die Tante indes hatte eine kleine Wäscherei, ernährte damit sich und die Kinder und unterhielt auch den verkommenen Mann. Sie schlug der Maslowa vor, bei ihr als Wäscherin einzutreten. Aber die Maslowa sah, was für ein schweres Leben die Waschfrauen hatten, die bei ihrer Tante arbeiteten, und sie zögerte und suchte in den Vermittelungsbureaus eine Stelle als Dienstmädchen. Sie fand auch eine Stelle bei einer Frau, die mit ihren beiden Söhnen, Gymnasiasten, zusammenwohnte. Acht Tage nach ihrem Antritt hörte der älteste Sohn, ein schon schnurrbärtiger Zögling der sechsten Klasse, auf zu lernen und ließ ihr mit seinen Zudringlichkeiten keine Ruhe mehr. Die Mutter gab an allem der Maslowa Schuld und kündigte ihr. Eine neue Stelle fand sie nicht, aber es traf sich, daß die Maslowa, als sie in das Stellenvermittelungsbureau kam, dort einer Dame mit Ringen und Armbändern an den aufgedunsenen nackten Armen begegnete. Nachdem die Dame die Lage der stellesuchenden Maslowa erfahren, gab sie ihr ihre Adresse und lud sie zu sich ein. Die Maslowa ging zu ihr. Die Dame empfing sie freundlich, bewirtete sie mit Pastetchen und süßem Wein und schickte dann ihr Stubenmädchen mit einem Zettel irgendwohin. Abends kam in das Zimmer ein hochgewachsener Mann mit langen ergrauenden Haaren und grauem Bart. Dieser alte Herr rückte sogleich der Maslowa näher und begann sie lächelnd mit glänzenden Augen zu betrachten und mit ihr zu scherzen. Die Hausfrau rief ihn hinaus in ein anderes Zimmer, und die Maslowa hörte sie sagen: »Eine ganz Frische, eben vom Dorfe.« Dann rief die Hausfrau die Maslowa heraus und sagte, das sei ein Schriftsteller, der sehr viel Geld habe und nicht sparen werde, wenn sie ihm gefiele. Sie gefiel ihm; er gab ihr fünfundzwanzig Rubel und versprach, sie oft wieder zu besuchen. Bald ging das Geld drauf für Bezahlung der Kost bei der Tante und für ein neues Kleid, einen Hut und Bänder. Nach einigen Tagen schickte der Schriftsteller wieder nach ihr. Sie ging. Er gab ihr noch fünfundzwanzig Rubel und schlug ihr vor, in eine eigene Wohnung zu ziehen.

Während die Maslowa in dem von dem Schriftsteller gemieteten Quartier wohnte, gewann sie einen lustigen Kommis lieb, der in demselben Hause wohnte. Sie erklärte das selber dem Schriftsteller und bezog eine kleine eigene Wohnung. Der Kommis aber, der sie zu heiraten versprochen hatte, reiste, ohne ihr etwas zu sagen, nach Nishnij; er hatte sie augenscheinlich verlassen; die Maslowa blieb allein. Sie wollte nun für sich in dem Quartier wohnen, aber das erlaubte man ihr nicht. Der Polizeibeamte teilte ihr mit, sie könne nur so leben, wenn sie einen roten Schein bekommen und sich einer medizinischen Untersuchung unterzogen habe. Darauf ging sie wieder zu ihrer Tante.

Als die Tante ihr modernes Kleid erblickte, den Umhang und den Hut, empfing sie sie achtungsvoll und wagte schon nicht mehr, ihr vorzuschlagen, Wäscherin zu werden, da sie glaubte, daß sie eine höhere Lebensstufe betreten habe. Für die Maslowa existierte jetzt nicht mehr die Frage, ob sie Wäscherin werden solle oder nicht. Sie blickte jetzt mit Mitleid auf das Sklavenleben, das die blassen Waschfrauen mit den mageren Armen  – einige der Frauen waren schon schwindsüchtig  – in den...


Tolstoi, Leo
Lew Nikolajewitsch Tolstoi, geboren am 28.8.1828, stammte aus einer alteingesessenen Adelsfamilie, wuchs jedoch seit seinem neunten Lebensjahr als Waise auf. Nach dem Abbruch seines Orientalistik- und Jurastudiums ging er 1851 zum Militär und nahm am Krimkrieg teil. Sein literarisches Werk ist geprägt durch sein Interesse an der Psychologie des Menschen.Als seine größten Erfolge gelten die beiden Romane Krieg und Frieden (1868/69) und Anna Karenina (1878). Tolstoi starb am 20.11.1910.

Leo TolstoiLew Nikolajewitsch Tolstoi, geboren am 28.8.1828, stammte aus einer alteingesessenen Adelsfamilie, wuchs jedoch seit seinem neunten Lebensjahr als Waise auf. Nach dem Abbruch seines Orientalistik- und Jurastudiums ging er 1851 zum Militär und nahm am Krimkrieg teil. Sein literarisches Werk ist geprägt durch sein Interesse an der Psychologie des Menschen.Als seine größten Erfolge gelten die beiden Romane Krieg und Frieden (1868/69) und Anna Karenina (1878). Tolstoi starb am 20.11.1910.

Lew Nikolajewitsch Tolstoi, geboren am 28.8.1828, stammte aus einer alteingesessenen Adelsfamilie, wuchs jedoch seit seinem neunten Lebensjahr als Waise auf. Nach dem Abbruch seines Orientalistik- und Jurastudiums ging er 1851 zum Militär und nahm am Krimkrieg teil. Sein literarisches Werk ist geprägt durch sein Interesse an der Psychologie des Menschen.Als seine größten Erfolge gelten die beiden Romane Krieg und Frieden (1868/69) und Anna Karenina (1878). Tolstoi starb am 20.11.1910.



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