E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Tomasi Di Lampedusa Die Sirene
17001. Auflage 2017
ISBN: 978-3-492-97393-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-492-97393-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Giuseppe Tomasi, Herzog von Palma und Fürst von Lampedusa, wurde am 23. Dezember 1896 in Palermo geboren und starb am 23. Juli 1957 in Rom. Neben Erzählungen schrieb er innerhalb weniger Monate seinen einzigen Roman: »Der Leopard«. Ein Jahr nach seinem Tod veröffentlicht, wurde er zum Welterfolg und machte Lampedusa zu einem der bedeutendsten italienischen Autoren der Moderne.
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Einführung zu »Kindheitserinnerungen«
Vor Kurzem habe ich die Kindheitserinnerungen erneut gelesen und überarbeitet. Die Gelegenheit bot sich angesichts einer neuen englischen Ausgabe, die im März 2013 erschien. Ich wollte den Text in seiner Vollständigkeit abschreiben, auch die Stellen, die lediglich ein Stimulus für das Gedächtnis sensibler und mithin dauerhafter Erinnerungen sind.
Das Originalmanuskript stellt sich als Entwurfkladde dar. Und diese Kladde ist so etwas wie ein Wunschtraum, hingeschrieben mit der Wucht und der mangelnden Übereinstimmung des Erwachens, der Unterdrückung der temporären Folgeerscheinung und der nur Augenblicke währenden Vorstellung einer erregenden Triebhaftigkeit, gewissermaßen eine Selbstanalyse auf dem libidinösen Weg des eigenen Lebens. Im Frühjahr 1955 hatte Tomasi di Lampedusa den ersten Teil des Gattopardo abgeschlossen und überarbeitet. Die ursprüngliche Idee, den Roman innerhalb einer Zeitspanne von vierundzwanzig Stunden (Vorbild Ulysses) spielen zu lassen, wird aufgegeben. Lampedusa hatte Henry Brulard (»Mitte Juni 1955«) wiedergelesen und nimmt sich vor, dessen »Methode … bis hin zur Zeichnung der ›Baupläne‹ von Hauptszenen« anzustreben.
In der Einführung erklärt der Autor, diese »Memoiren« in drei Teile gliedern zu wollen: »Der erste Teil, ›Kindheit‹, soll bis zu meinem Besuch des Gymnasiums gehen. Der zweite, ›Jugend‹, bis 1925. Der dritte, ›Reife‹, bis heute, einer Zeit, in der, meiner Meinung nach, das Alter beginnt.« Die Erinnerungen (schon vor der Einführung geschrieben) rufen weiter zurückliegende Ereignisse wach und bringen sie in ein chronologisches Bewusstsein. Machtvoll steigt der Wunsch auf, das »Haus« erneut zu besitzen, nämlich den Palazzo Lampedusa, der im Bombenhagel des 5. April 1943 zerstört wurde. Um die Visualität seiner Erinnerung erfahrbar zu machen, skizziert Lampedusa zwei »Pläne«: das Frisierzimmer der Mutter und einen allgemeinen Plan des Erdgeschosses. Danach folgen weiße Blätter und vermutlich eine zeitweilige Unterbrechung wegen der Niederschrift der Einführung. Und danach dann gleich Kindheit – Die Orte: Das angekündigte Projekt nimmt Gestalt an. Wir befinden uns nach wie vor in der Kindheit, ein Titel, der den beiden Orten vorangestellt wird, die genauer behandelt werden sollen. Der erste ist der Palazzo Lampedusa, der zweite der Palazzo Filangeri di Cutò in Santa Margherita Belìce. Die Beschreibung seines Geburtshauses ist von größtmöglicher Genauigkeit, ein überquellender Strom, der Bilder und Ergriffenheit miteinander verbindet. Beinahe so, als wollte Giuseppe es zurückholen und bergen, es Winkel um Winkel und Stück um Stück noch einmal erfahren und genießen. In Kindheit – Die Orte – Die anderen Häuser listet der Autor die ländlichen »Nebengebäude« auf, welche die Faszination des »Stammhauses« nur vergrößern: den Palazzo Filangeri di Cutò in Santa Margherita Belìce, die Villa Cutò in Bagheria, den Palazzo in Torretta, das Landhaus in Reitano. Ein anderer Untertitel: Das Schicksal dieser Häuser. Dann folgt der ausführlichste Teil der Erinnerungen: die lange, freudvolle und gleichzeitig herzzerreißende Erzählung einer glücklichen Kindheit im mütterlichen Schoß, den der Palazzo Filangeri in Santa Margherita und seine auf dem Land verstreuten Nebengebäude verkörperten. Diese Erkundung wird durch einen Einschub unterbrochen, Die Reise. Dann wird sie fortgesetzt mit einer Auflistung wenig gebrauchter Gegenstände – alter Tischwäsche, Schreibmaterialien, einigen Porträts örtlicher Notabeln – und schließt mit den ersten Unterrichtsstunden im Lesen, die dem achtjährigen kleinen Prinzen von einer zwar vom Land kommenden, aber tüchtigen Grundschullehrerin erteilt werden.
Die Skizzenkladde der »Memoiren« endet hier und wird nie wieder aufgeschlagen: Der Autor hat sich wieder ganz in den Gattopardo vertieft.
Alle Schriftsteller, die sich über den Gattopardo geäußert haben – von Eugenio Montale bis Marguerite Yourcenar, von Amos Oz bis Javier Marías, von Mario Vargas Llosa bis Jorge Guillén – sprechen mit Bewunderung über die Intensität der Fabulierkunst bei Lampedusa, über seinen Beitrag zum Fortbestand des historischen Romans als Abfolge sensibler Daten, subjektiver Erinnerungen, die mit der Wucht einer mythischen Erfahrung auftauchen und daher gleichgültig gegenüber dem Raum und den Beiläufigkeiten der Zeit sind. An diesem Punkt löst sich die Frage, ob der Autor zu spät oder zu früh erschienen ist, in Wohlgefallen auf. Viele Kollegen haben das Werk Lampedusas als einen wichtigen Augenblick ihrer eigenen Entwicklung angesehen. Sie haben hervorgehoben, wie er, von Proust ausgehend, die subjektive Anschauung präferierte und der Wahrheit voranstellte. Ohne alle Skrupel vollzieht Lampedusa mit Stil und Vergnügen die persönliche Aneignung von Geschichte. In diesem Kontext stellen die Kindheitserinnerungen, wenn man sie als Werkstatt der Reminiszenzen betrachtet, einen grundlegenden Übergang dar. Ein verantwortlich geführtes Leben kann glücklich, wenngleich auch melancholisch sein. In ihrer Eigenart als Kladdeneinträge lassen die Erinnerungen die Bergung der Geschichte als das Auftauchen unauslöschlicher Zeichen erahnen. Und ihre Enthüllung durch vorausgegangene oder nachfolgende Leser und Schriftsteller hat den Ehrgeiz, die menschliche Natur als Geschichte der Zuneigung und des Gefühls zu erzählen, als sensible Daten, unabhängig von der historischen Dokumentation und in ihrer Breite mitteilbar als Zeichen der Spezies. Tomasi geht – worauf, neben anderen, auch Jean-Paul Manganaro in einer französischen Neuausgabe der Erzählungen (Paris, 2014) aufmerksam macht – über Proust hinaus. In seinem einführenden Essay Appartenances weist er unter anderem auf den Ulysses und Virginia Woolf als Vorläufer hin; und auch T. S. Eliot müsste dazugezählt werden, vor allem sein Essay Hamlet and His Problems und seine Theorie des »objektiven Korrelativs«.[1]
Als meine Frau Nicoletta im Jahr 1989 zufällig ein Buch aus der historischen Bibliothek Tomasi di Lampedusas aufschlug, fand sie ein Blatt mit dem Anfang einer weiteren Erinnerung. Dieses Fragment ist alles, was von einem als Die anderen Häuser bezeichneten Textabschnitt übrig blieb. Darin wird über den Baronalpalast von Torretta erzählt. Von diesem Palazzo haben sich nur zwei Fotos erhalten: eines, das mit der Beschreibung des Schriftstellers übereinstimmt, nämlich mit einem Brunnen – der einzigen Wasserversorgung für das Dorf – vor der Hauptfassade; und das andere, das nach dem Bau eines Aquädukts aufgenommen wurde, auf dem der Brunnen verschwunden ist. Der Brunnen wirkt älter als die Fassade aus der Zeit des Übergangs vom 17. zum 18. Jahrhundert. Der Palazzo ist aus dem 18. Jahrhundert und weist die typische Bauweise eines Baronalpalasts auf, von dem wir hier ein weniger bedeutendes Beispiel haben. Auch dieser Palazzo wird kurz nach dem Zweiten Weltkrieg verschwinden und damit das gleiche Schicksal erleiden wie alle von Lampedusa geliebten Orte. 1950 wird er abgerissen, und an seiner Stelle werden die Schulen des Orts erbaut: ein Gebäude des staatlichen Bauamts von scheußlichstem Geschmack, dessen Stahlbeton – in der Sprache Tomasi di Lampedusas – allmählich zerbröckelt. Torretta wurde von Rosalia Traina, Nichte des Erzbischofs von Agrigent, Francesco, als Mitgift in die Ehe mit Giulio Tomasi eingebracht.
Torretta erinnerte die Tomasis der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an die Schwindsucht, welche die Familie in mehreren Wellen dezimiert hatte. Umsonst hatte man einen Onkel des Schriftstellers nach Torretta geschickt, damit er sich in der Höhenluft des Orts erholen sollte; und an Schwindsucht starben auch der einzige direkte Cousin des Schriftstellers – Sohn seines Onkels Francesco – und die beiden einzigen männlichen Nachkommen Tomasi, die zu Beginn der Vierzigerjahre lebten. Und mit ihnen starb, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, auch die direkte Linie der Tomasi aus. Zudem war Torretta ein Nest der Mafia. Die Tomasis, die dort lebten, hatten Drohungen und Ehediktate hinnehmen müssen, und das noch bevor der Ort in die internationale Ehrenriege dieser Vereinigung aufgenommen wurde durch die Gründung der »Tower connection« – eines Clans, der zu fürchten war und dessen Mitglieder allesamt aus Torretta stammten (Torretta-Tower-Turm). Ich erinnere mich noch an den Sarkasmus, mit dem Tomasi di Lampedusa die Mafia-Razzien nach den Attentaten in den Fünfzigerjahren kommentierte. Die Di Maggios, die Badalamentas, die Gambinos erfreuten sich fast immer der Ehren der Lokalnachrichten, was seine zufriedene Zustimmung auslöste: »Donnerwetter!«, oder »Oh! Das hatte uns ja noch gefehlt!«, wenn, und das war meistens der Fall, die Familien von Torretta als die Drahtzieher dieser Bande verdächtigt wurden.
Das Torretta-Fragment, das die Vorder- und die Rückseite eines Blatts umfasst und mitten im Satz aufhört, lässt noch Spielraum für eine mögliche Fortsetzung. Und es dient uns als Schlüssel zu Sizilien: einem Sizilien voller Verzweiflung, wie es sich bei dem fahlen, trostlosen Aufbruch...




