E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Torjussen Die Verlassene
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-20403-7
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Psychothriller
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-641-20403-7
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Er ist weg. Verschwunden. Hat sie verlassen. Ohne Nachricht, ohne etwas zu hinterlassen. Hannah ist verzweifelt. Ihr Freund Matt ist nicht mehr da, und es ist, als hätte es ihn nie gegeben. Denn nicht nur seine Sachen sind weg, auch seine Mails, seine Telefonnummer, jede Nachricht ist aus ihrem Handy gelöscht. Ist ihm etwas zugestoßen? Hat man ihm etwas angetan? Und plötzlich hat Hannah das Gefühl, beobachtet zu werden, glaubt, dass jemand in ihrer Wohnung war. Sie könnte ihr Schicksal stillschweigend ertragen und trauern. Aber sie findet keine Ruhe. Sie muss herausfinden, was passiert ist, egal wie …
Mary Torjussen hat Creative Writing an der John Moores University in Liverpool studiert und als Lehrerin gearbeitet. Sie lebt auf der Halbinsel Wirral bei Liverpool, UK, wo auch ihr Roman Die Verlassene spielt.
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1
Ich sang vor mich hin, als ich an jenem Tag den Weg zu meinem Haus hinaufging. Ich sang tatsächlich vor mich hin. Bei dem Gedanken daran wird mir im Nachhinein schlecht.
Ich hatte an einer Fortbildung in Oxford teilgenommen, war bei Sonnenaufgang um sechs Uhr in Liverpool losgefahren und bei Sonnenuntergang zurückgekommen. Ich arbeitete als Senior Manager in einer großen Wirtschaftsprüfungskanzlei, und als ich mich am Empfang unserer Hauptniederlassung anmeldete, überflog ich die Liste der Teilnehmer aus anderen Zweigstellen. Dabei erkannte ich einige Namen, wenngleich ich noch keinen von ihnen persönlich kennengelernt hatte. Ich hatte in Rundschreiben unseres Unternehmens von ihnen gelesen und wusste, sie waren Überflieger, und mir wurde zum ersten Mal klar, dass meine Arbeitgeber vermutlich das Gleiche über mich dachten.
Meine Haut hatte bei diesem Gedanken vor Aufregung gekribbelt, doch ich hatte mich bemüht, mir nicht anmerken zu lassen, was in mir vorging, und mein Gesicht zu der gelassenen Maske entspannt, die ich im Lauf der Jahre gewissenhaft eingeübt hatte. Als ich den Konferenzraum betrat und die anderen herumstehen und wie alte Freunde miteinander plaudern sah, war ich froh, dass ich mich für den Anlass in Schale geworfen hatte. Die anderen wirkten gewandt und professionell, als wären sie an diese Art von Veranstaltungen gewöhnt, und ich war froh, ein Vermögen für meine Kleidung, meinen Haarschnitt und meine Maniküre ausgegeben zu haben. Eine der Frauen trug den gleichen Hobbs-Hosenanzug wie ich, zum Glück jedoch in einer anderen Farbe; eine zweite warf ein begehrliches Auge auf die schokoladenbraune Mulberry-Tasche, die mir mein Freund Matt zu Weihnachten geschenkt hatte. Ich holte tief Luft; ich sah aus wie eine von ihnen. Ich lächelte die Frau an, die mir am nächsten stand, fragte sie, in welcher Zweigstelle sie arbeite, und das war es: Ich wurde zu einem Teil der Gruppe, und meine Nervosität war bald vergessen.
Am Nachmittag bekamen wir eine Aufgabe, die wir in Teams lösen sollten, und am Ende wurde ich ausgewählt, unsere Ergebnisse vor der gesamten Gruppe zu präsentieren. Ich hatte schreckliche Angst und brachte die Pause damit zu, mich in eine Ecke zu setzen und mir fieberhaft meinen Vortrag einzuprägen, während die anderen herumsaßen und sich unterhielten, doch es lief offenbar gut. Nachdem ich mit meiner Präsentation fertig war, entspannte ich mich wieder und war in der Lage, sämtliche Fragen vollständig zu beantworten und sogar eventuellen Anschlussfragen zuvorzukommen. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Alex Hughes, einer unserer Gesellschafter, immer wieder nickte, während ich sprach, und sich irgendwann eine Notiz zu einer meiner Ausführungen machte. Als alle ihre Sachen zusammenpackten, um zu gehen, nahm er mich zur Seite.
»Hannah, ich muss sagen, das haben Sie wirklich sehr gut gemacht«, erklärte er. »Wir haben Ihre Arbeit schon seit einiger Zeit im Auge und sind hocherfreut über Ihre Fortschritte.«
»Vielen Dank.«
Genau in diesem Moment kam Oliver Sutton zu uns, der geschäftsführende Gesellschafter des Unternehmens, und sagte: »Gut gemacht, Hannah. Sie haben sich heute gut geschlagen. Ich denke, Sie sind auf dem besten Weg, zum Director befördert zu werden, wenn uns Colin Jamison im September verlässt. Wären Sie damit nicht die Jüngste in Ihrer Zweigstelle?«
Ich weiß nicht mehr, was ich darauf erwiderte. Ich war völlig überrascht, ihn das sagen zu hören; es war, als wäre ein Traum von mir Wirklichkeit geworden. Natürlich wusste ich genau, wann jeder einzelne Director befördert worden war; ich hatte auf der Firmenwebsite über ihren Biografien gebrütet. Ich war zweiunddreißig und wusste, dass der Jüngste von ihnen mit dreiunddreißig befördert worden war. Das hatte dazu beigetragen, dass ich in letzter Zeit bei der Arbeit besonders motiviert gewesen war.
Dann kam die Organisatorin der Veranstaltung, um sich mit den beiden zu unterhalten, und sie lächelten mich an und gaben mir die Hand, ehe sie sich ihr zuwandten. Ich ging, so ruhig ich konnte, zu den Toiletten und schloss mich in eine Kabine ein, wo ich am liebsten vor Freude geschrien hätte. Das war es, worauf ich jahrelang hingearbeitet hatte, seit ich mit der Uni fertig war und hier als Assistentin angefangen hatte. Ich hatte noch nie so hart gearbeitet wie in den vergangenen ein bis zwei Jahren, und jetzt sah es so aus, als würde es sich auszahlen.
Als ich wieder aus der Kabine kam, sah ich im Spiegel, dass mein Gesicht gerötet war, als hätte ich den ganzen Tag draußen in der Sonne verbracht. Ich holte meine Kosmetiktasche hervor und versuchte, den Schaden zu beheben, doch meine Wangen glühten anschließend noch immer vor Stolz.
Alles lief wie am Schnürchen.
Ich griff in meine Handtasche, um mein Telefon herauszuholen und Matt eine SMS zu schreiben, doch genau in dem Moment kam die Leiterin der Personalabteilung in die Toilette und lächelte mich an. Ich lächelte zurück und nickte ihr zu und nahm stattdessen meine Bürste heraus, um mein Haar zu glätten. Sie sollte nicht denken, dass ich aufgeregt war, sollte nicht auf die Idee kommen, dass ich womöglich glaubte, eine Beförderung nicht verdient zu haben.
Außerdem wollte ich auf gar keinen Fall bleiben, während sie auf die Toilette ging, und kehrte deshalb in den Konferenzraum zurück, um mich von den anderen zu verabschieden. Ich beschloss, Matt das Ganze von Angesicht zu Angesicht zu erzählen, und konnte es kaum erwarten, seine Begeisterung zu sehen. Er wusste, wie sehr ich mir das gewünscht hatte. Natürlich war es noch zu früh, um zu feiern – schließlich war ich noch nicht offiziell befördert worden –, doch ich war mir sicher, dass Oliver Sutton so etwas nicht einfach daherredete. Jedes Mal, wenn ich an seine Worte dachte, war ich von Stolz erfüllt.
Und dann im Auto, bevor ich losfuhr, dachte ich an meinen Vater und wie erfreut er darüber sein würde. Ich wusste, er würde es von George, meinem Chef, erfahren, da die beiden miteinander Golf spielten, aber ich wollte es ihm als Erste sagen. Also schickte ich ihm eine SMS:
Dad, ich bin bei einer Fortbildung, und der geschäftsführende Gesellschafter sagt, dass sie in Erwägung ziehen, mich in ein paar Monaten zum Director zu befördern! xx
Binnen Sekunden erhielt ich eine Antwort.
Braves Mädchen! Gut gemacht!
Ich errötete vor Freude. Mein Vater hatte eine eigene Firma, und dass ich erfolgreich war, hatte ihm schon immer ganz besonders am Herzen gelegen. Was meine berufliche Laufbahn betraf, war er mein größter Unterstützer, obgleich es anstrengend sein konnte, wenn er glaubte, ich würde nicht schnell genug vorankommen. Ein weiteres SMS-Signal ertönte:
Ich überweise dir was auf dein Konto – feiere ein bisschen!
Ich zuckte zusammen. Aus diesem Grund hatte ich es ihm nicht erzählt. Ich schrieb schnell zurück:
Danke, Dad, nicht nötig. Wollte dich nur wissen lassen, wie es bei mir läuft. Erzähl es Mum, ja? xx
Es ertönte noch ein SMS-Signal:
Quatsch! Geld ist immer gut.
Ja, Geld ist keine schlechte Sache, aber ein Anruf wäre besser, dachte ich, dann zwang ich mich zur Vernunft und ließ den Motor an.
Bis zu mir nach Hause waren es zweihundert Meilen, und ich fuhr die Strecke ohne Pause. Ich wohnte auf der Wirral-Halbinsel im Nordwesten Englands, genau gegenüber von Liverpool auf der anderen Seite des River Mersey. Da die gesamte Strecke über Autobahnen führte, kam ich trotz des abendlichen Verkehrs gut voran, und die Fahrt verging wie im Flug. Ich rutschte vor Aufregung auf meinem Sitz hin und her, während ich einstudierte, was ich Matt erzählen und wie ich es ihm sagen würde. Ich nahm mir vor, ruhig zu bleiben und es nur beiläufig zu erwähnen, wenn er mich fragte, wie es gelaufen sei, doch mir war klar, dass ich sofort damit herausplatzen würde, wenn ich ihn sah. Als ich Ellesmere Port erreichte, das etwa fünfzehn Meilen von zu Hause entfernt lag, sah ich in der Ferne hell das Schild eines Sainsbury’s-Supermarkts leuchten und blinkte im letzten Moment, um die Ausfahrt zu nehmen. Das war der richtige Abend für Champagner. Im Supermarkt nahm ich eine Flasche Moët aus dem Regal, dann zögerte ich und nahm noch eine zweite. Eine genügte nicht, wenn man solche Neuigkeiten hatte, und außerdem war Freitag: Wir mussten am nächsten Tag nicht arbeiten.
Zurück auf der Autobahn, stellte ich mir Matts Reaktion vor, wenn ich ihm die Neuigkeiten berichtete. Ich brauchte nicht einmal zu übertreiben. Es würde schon genügen, einfach zu wiederholen, was Alex Hughes und Oliver Sutton gesagt hatten. Matt war Architekt und beruflich erfolgreich; er würde verstehen, wie wichtig das für meine Karriere war. Sobald ich zum Director befördert wurde, wäre ich außerdem auch finanziell mit ihm auf Augenhöhe. Ich dachte an das Gehalt, das man als Director bekam, und mir lief vor Aufregung ein Schauer über den Rücken – vielleicht würde ich sogar mehr verdienen als Matt!
Ich strich über meine weiche Lederhandtasche und sagte: »Von deiner Sorte wird es bald mehr geben, Schätzchen. Du wirst lernen müssen zu teilen.«
Doch es ging nicht nur ums Geld. Ich hätte sogar eine Gehaltskürzung in Kauf genommen, um diesen Status zu haben.
Ich öffnete die Fenster und ließ mir den warmen Fahrtwind durchs Haar wehen. Die Sonne ging gerade unter, und der Himmel war mit leuchtend roten und goldfarbenen Streifen überzogen. Mein iPod war auf...




