E-Book, Deutsch, 464 Seiten
Torjussen Schlaf schön, solange du noch kannst
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-23524-6
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Psychothriller
E-Book, Deutsch, 464 Seiten
ISBN: 978-3-641-23524-6
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Maklerin Gemma wächst das Leben über den Kopf. Sie verbringt lange Tage im Büro, dabei hätte sie gern mehr Zeit für ihren Sohn. Ihr Mann wiederum plant schon das zweite Kind und den Umzug zu den Schwiegereltern. Als Gemma eine Einladung zu einer Konferenz in einem Hotel erhält, kommt diese Auszeit wie gerufen – dass sie dort zufällig ihren Klienten David trifft, noch mehr. Doch am nächsten Morgen kann sich Gemma an nichts mehr erinnern, und auch David scheint verschwunden. Plötzlich erreichen Gemma Fotos von besagter Nacht. Die 36-Jährige ahnt nicht, dass diese auch ein verdrängtes Trauma aus ihrer Jugend wieder an die Oberfläche zerren …
Mary Torjussen hat Creative Writing an der John Moores University in Liverpool studiert und als Lehrerin gearbeitet. Sie lebt auf der Halbinsel Wirral bei Liverpool, UK, wo auch ihr Roman Die Verlassene spielt.
Weitere Infos & Material
Prolog
Fünfzehn Jahre zuvor
Donnerstag, 15. August
Wenn ich heute an jenen Abend zurückdenke, erinnere ich mich an die drückende feuchte Hitze auf meiner Haut und an die fiebrige Spannung, die in der Luft lag. Ich erinnere mich an die Taxifahrt zur Party mit meiner Freundin Lauren, ihr Körper weich und parfümiert an meinen gepresst, während wir gemeinsam mit ihrem Freund Tom dicht an dicht auf der Rückbank saßen. Die Fenster waren geöffnet, und »London Calling« ertönte aus dem Radio. Ich erinnere mich an das Glücksgefühl, das mich damals überkam; ich hatte gerade eine Zusage von der London University bekommen und würde in weniger als einem Monat dort mein Studium beginnen. Wenn ich heute diesen Song höre, versetzt mich das jedes Mal zurück zu jener Taxifahrt zu Alex’ Haus. Dann ist es, als wäre ich noch dieses Mädchen, das Mädchen, das ich früher einmal war.
Doch das bin ich nicht.
Ich spüre noch die Sandalen, die ich damals trug, als würde ich sie heute tragen. Ich konnte kaum in ihnen gehen; an jenem Abend hatte ich sie zum ersten Mal an und lief mir schon nach einer Stunde Blasen. Ich erinnere mich daran, wie sich mein Kleid anfühlte, wie sein weicher Baumwollstoff meine Haut streifte. Wenn ich die Augen schließe, spüre ich, wie die Brise mein Haar anhob. Ich rieche das Parfüm, das ich trug, schmecke den Lipgloss auf meinem Mund.
Und immer, immer, wenn ich mich an jenen Abend zurückerinnere, muss ich an Alex denken.
Es war Mitte August in dem Sommer, in dem wir achtzehn waren, und wir wollten mit über zweihundert Mitschülern auf Alex Clarkes Party unsere Prüfungsergebnisse feiern. Lauren und ich hatten uns bei ihr zu Hause hergerichtet, und ich war in mein kurzes pinkfarbenes Kleid geschlüpft. Ich hatte es mir von dem Geld gekauft, das ich eigentlich für mein Studium hätte sparen sollen. Wir waren gebräunt von der Sommersonne; wir arbeiteten jeden Tag bis in den Nachmittag hinein in dem Café in unserem Heimatort, dann streiften wir unsere nassgeschwitzten Nylon-Overalls ab, zogen unsere Shorts an und verbrachten den Rest des Tages unten am Strand. An jenem Nachmittag hatten wir etwa eine Stunde darauf verwendet, unsere Bräune aufzufrischen, bevor wir zu Lauren nach Hause gingen, um uns dort für den bevorstehenden Abend fertig zu machen. Dieser Abend war der Beginn vom Rest unseres Lebens, sagten wir uns. Wir wollten anders aussehen, um zu zeigen, dass wir bereit waren für unser neues Leben auf eigenen Füßen.
Wir fingen schon an zu trinken, bevor wir auf die Party gingen. Laurens Mutter kam mit einer Flasche Champagner ins Zimmer, um mit uns auf unsere Ergebnisse anzustoßen, und bestand darauf, uns immer wieder nachzuschenken, wenn unsere Gläser leer waren. Wir sagten ihr nicht, dass wir bereits Tequila getrunken hatten. Lauren trank mehr als ich, aber das tat sie damals immer. Als ich siebzehn wurde, machte ich sofort meinen Führerschein, und mein Vater kaufte mir einen kleinen Gebrauchtwagen, damit ich ihn nicht bitten musste, mich durch die Gegend zu kutschieren. Ich fuhr leidenschaftlich gerne Auto, und es machte mir nichts aus, keinen Alkohol zu trinken und alle herumzuchauffieren. Wahrscheinlich war ich deshalb so betrunken an jenem Abend.
Es war ein Donnerstag Mitte August, und am Morgen mussten wir als Erstes ins Schulsekretariat, um unsere Noten zu erfahren. Uns kam es so vor, als würden sie über Leben oder Tod entscheiden: Wenn sie so ausfielen, wie wir es uns wünschten, würden sich die Türen zu den besten Universitäten öffnen, zu den besten Studiengängen und einer verheißungsvollen Zukunft. Nur eine Note schlechter, und alles wäre dahin. Das Leben, auf das wir gehofft hatten, würde einfach nicht stattfinden. Das glaubten wir zumindest. Und obwohl wir wussten – man hatte es uns oft genug gesagt – , dass schon alles gut werden würde, dass auch andere Universitäten gut seien, waren wir jung genug, um zu glauben, dass sich tatsächlich nicht alles in Wohlgefallen auflösen würde. Wir kannten alle jemanden, der es nicht an die Universität seiner Wahl geschafft hatte und noch Jahre später darüber sprach.
Doch dieses Schicksal blieb uns in jenem Sommer erspart. Die Sterne standen gut. Jeder schien das Ergebnis bekommen zu haben, das er brauchte, um tun zu können, was er wollte. Es war berauschend, als wir unsere Umschläge öffneten und schrien, einer nach dem anderen.
Und ich erinnere mich, wie Alex und seine Freunde, die alle nach Oxford oder Cambridge gehen würden, versuchten, ihre Freude hinter einer coolen Fassade zu verbergen. Doch sie machten niemandem etwas vor. Sie hatten sich immer als etwas Besonderes betrachtet – sie wussten, sie waren anders als die Übrigen von uns – , und jetzt hielten sie den Beweis dafür in Händen, dass sie recht gehabt hatten. Zumindest sah ich es damals so. Ich kannte Alex nicht einmal; ich hatte nur ein einziges Mal mit ihm gesprochen, doch das war der Eindruck, den er und seine Freunde vermittelten.
Lauren und ich standen an jenem Morgen in der Schlange für die Prüfungsergebnisse hinter ihnen und hörten Alex’ Freund Theo fragen: »Die Party findet also statt?«
Alex nickte. »Sagt es weiter. Aber nur Leute von hier. Sonst niemand.«
Ich stieß Lauren an, und sie kicherte. Wir freuten uns schon seit Monaten darauf und hatten alles durchgeplant, bis hin zum Nagellack, mit dem wir uns die Zehennägel lackieren würden.
Die Lokalpresse war an jenem Morgen vollzählig vertreten, was von der Schule arrangiert worden war, und es wurden Fotos von uns allen gemacht, in Gruppen, mit glücklichem und unbeschwertem Gesichtsausdruck. Unsere Lehrer standen neben uns, ihre Gesichter so gebräunt und entspannt, dass ich sie kaum erkannte. Die Erleichterung aller war spürbar.
Alex’ Elternhaus befand sich mitten auf dem Land, zehn Meilen außerhalb der Stadt. Wir hatten es uns größer vorgestellt, luxuriöser, und doch waren wir von seinen Dimensionen überrascht. Es handelte sich um ein frei stehendes Haus, das sich am Rand einer Ortschaft befand und einen wunderschön angelegten Garten besaß. Unmittelbare Nachbarn gab es keine; der Garten war von Feldern umgeben, hinter denen wir einen Blick auf den Fluss erhaschten.
Alex und Theo standen an der Haustür, als wir ankamen, und vergewisserten sich, dass sie uns alle kannten. In jenem Sommer war in den Nachrichten über Partys berichtet worden, bei denen Scharen von ungebetenen Gästen hereingeplatzt waren und die Polizei gerufen werden musste. An der Art und Weise, wie Alex jeden unter die Lupe nahm, der die Zufahrt heraufkam, war klar zu erkennen, dass er davor auf der Hut war.
»Hi«, sagte er. »Kommt rein!«
Hinter Alex stand Jack Howard, ein Freund von ihm, der jeden beim Betreten des Hauses fotografierte. Wir wussten schon lange, dass er eine Schwäche für Lauren hatte, und als er uns sah, errötete er und machte sich an seiner Kamera zu schaffen. Lauren schlang die Arme um Tom und mich, und wir posierten auf der Türschwelle, aufgedreht und voller Vorfreude auf den bevorstehenden Abend. Nachdem Tom durch die Eingangstür gegangen war, drehte sie sich um, warf Jack eine Kusshand zu und zwinkerte mir zu.
Jedes Mal, wenn ich an Lauren denke, höre ich uns kichern. Uns brachte fast alles zum Lachen. Nachdem Alex uns begrüßt hatte, kicherten wir und stupsten uns an und gingen durch den großen Flur in die Küche im hinteren Bereich des Hauses. Sie war voll mit Essen und Alkohol. Die Leute hatten es übertrieben und Hochprozentiges, kistenweise Bier und Unmengen von Weinflaschen mitgebracht. Ich hörte Jack sagen, dass Alex’ Eltern im Urlaub waren; sie hatten eingewilligt, dass er eine Party feiern dürfe, wenn er Bestnoten bekäme – mit denen er in Oxford angenommen werden würde – und anschließend eine gründliche Reinigung bezahlte. Sie würden in ein paar Tagen zurückkommen und wollten keine Anzeichen sehen, dass überhaupt eine Party stattgefunden hatte. Das war etwas optimistisch, wie ich fand.
Auf die Party waren alle aus unserem Jahrgang eingeladen, und die meisten waren gekommen. Viele von ihnen kannte ich nur vom Sehen, doch wir waren so euphorisch, dass wir bald alle und jeden küssten und Leuten gratulierten, die wir kaum kannten, aus Dankbarkeit darüber, dass wir gut abgeschnitten und die Gelegenheit bekommen hatten, das Weite zu suchen. Man hätte denken können, dass wir in einem Dreckloch lebten, so wie wir uns benahmen, als bestünde unsere einzige Chance auf ein gutes Leben darin, unser altes Leben hinter uns zu lassen.
Lauren und ich hatten gut abgeschnitten; Tom ebenfalls. In einem Monat würden wir alle zu unterschiedlichen Universitäten aufbrechen. Lauren und ich waren seit dem Kindergarten miteinander befreundet, und sie und Tom würden das erste Mal in den zwei Jahren, seit sie ihn kannte, länger als vierundzwanzig Stunden getrennt sein. Ich glaubte, dass unsere Freundschaft die Trennung überstehen würde, und ging davon aus, dass auch die Beziehung von Lauren und Tom halten würde; die beiden besaßen eine Vertrautheit, um die ich sie beneidete. An jenem Abend hatten sie die Arme umeinandergelegt, und mir fiel auf, dass Lauren nicht von Tom abließ, wenn sie jemanden küsste, sodass sie den Betreffenden gemeinsam umarmten, als wären sie beide eine Person.
Ich trank an jenem Abend eine Menge. Das taten wir alle. Wir hatten uns zum ersten Mal alle zusammengefunden, und uns war bewusst, dass es auch das letzte Mal sein würde. Trotzdem wirkte niemand betrunken. Nicht wirklich. Niemand torkelte oder fiel hin, und außer meiner Freundin Lizzie, die sich noch vor Einbruch der Dunkelheit in einen Zier-Lorbeerbaum auf der...




