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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 174 Seiten
Tornow Mein Weg zur Selbstbestimmung
1. Auflage 2024
ISBN: 978-1-960004-42-0
Verlag: Remote Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Nutzen Sie Lebensphasen als Sprungbrett für positive Veränderungen und neue Chancen
E-Book, Deutsch, 174 Seiten
ISBN: 978-1-960004-42-0
Verlag: Remote Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
In ihrem autobiografischen Ratgeber 'Mein Weg zur Selbstbestimmung' vermittelt Ortrud Tornow, wie man Chancen nutzen und ein erfülltes Leben führen kann. Sie hilft Menschen, den Mut zu finden, aus alten Mustern auszubrechen und so mehr Lebensqualität und Zufriedenheit zu erlangen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Reise durch meine Lebensphasen
Lebensphase 1
Die Liebe zum Leben lernen
Von der Geburt bis sechs Jahre – Ur-Vertrauen aufbauen
»Ich bin im tiefsten Sinne aufgehoben und kann dem Leben ausreichend vertrauen.« Dieses Angenommensein trägt unsere spätere Lebensbejahung. Wir lernen die Liebe zum Leben.
Thema: mit anderen spielen, kuscheln, Nähe und Liebe erhalten
Im Spiel erobern wir unsere erste Welt. Unsere Erfahrung mit Nähe legt die Grundlage für unsere späteren Bindungen.
Geboren wurde ich in einem kleinen osthessischen Dorf mit ca. 1.000 Einwohnern. Es gab einen Pfarrer, ein Pfarrhaus, einen Kindergarten, einen Hauptlehrer, eine Schule bis zur vierten Klasse, meine Grundschullehrerin, einen Bauunternehmer und einen großen Arbeitgeber: das Kalkwerk. Ein typisches Dorf eben, mit zahlreichen Bauernhöfen, drei kleinen Lebensmittelgeschäften, einem Gesangsverein, einem Sportverein. Und es gab eine Bäckerei mitten im Ort – unsere Bäckerei, mein Elternhaus.
Mein Vater war eine kraftvolle Persönlichkeit, ein echter Unternehmer. Er erzählte immer, dass er in unserem Ort der zweite Autobesitzer überhaupt gewesen war. Mein Vater baute viel um und an.
Meine Mutter, ebenfalls eine starke, kluge, sehr engagierte und fleißige Persönlichkeit, war eine gute Hausfrau und Geschäftsfrau. Sie war vielseitig, arbeitete sowohl in unserer Bäckerei als auch im Verkauf und konnte zudem noch sehr gut kochen.
Es gab jede Menge Onkel und Tanten. Und es gab meine Schwester und mich. Sie ist vier Jahre älter als ich und war von Anfang an wohl eifersüchtig auf die »Kleine«. Wir waren und sind sehr unterschiedlich.
Zur Bäckerfamilie gehörten auch Gesellen, Auszubildende, Ladenhilfen und Kindermädchen. Und es gab jede Menge Kunden. Gern erinnere ich mich an einen unserer Gesellen. Er gehörte zur Familie, bei allen Feierlichkeiten war er dabei, war auch immer für mich da und hat mich sehr geprägt. Er war immer gut gelaunt, hat viel gepfiffen. Für ihn war das Glas immer halb voll, er war ein echter Optimist. Ein Mensch mit einer positiven Grundhaltung, zu dem ich mich hingezogen fühlte. Er hatte eine enorme Geduld, z. B. hat er für mich immer ganz kleine Gebäckstücke geformt und ich durfte ihm dabei helfen. Außerdem war er ein guter Fußballer und Sportler. Als er einmal mit mir ins Schwimmbad ging, erzählte er mir von seiner einzigen Reise ans Tote Meer. Ich konnte damals nicht glauben, dass man sich aufs Wasser legen konnte und nicht unterging. Erst viele Jahre später durfte ich es selbst erleben.
Genauso gern erinnere ich mich an Feierlichkeiten, Geburtstage, Weihnachten, Kommunion, zu denen alle Onkel und Tanten kamen. Ich habe sie alle, insbesondere die Brüder meiner Mutter, als lebensbejahende, aktive Menschen in Erinnerung. Die meisten waren auch selbstständig oder hatten verantwortungsvolle Positionen und führten ein harmonisches Familienleben. Bei 18 Cousins und Cousinen war natürlich ganz schön was los. Wir haben heute noch Kontakt, zu einigen sogar einen sehr engen und herzlichen Bezug.
Besonders schön fand ich es, wenn Papa seine Mundharmonika – eine Kreuzwender Mundharmonika – herausholte. Man konnte sie drehen und in mehreren Tonlagen spielen. Es wurde gesungen und gelacht. Mein Lieblingslied war »Im grünen Wald …, da wo das muntre Rehlein springt« – bis zur Strophe mit dem Jäger, die mochte ich nicht mehr.
Meine Mutter berichtete mir, dass ich als Neugeborene oft Krämpfe hatte. Der örtliche Kindergarten wurde von zwei Vinzentinerinnen geleitet und eine der Schwestern hat mir das Leben durch ihr beherztes Eingreifen mit einer Entkrampfungsspritze gerettet. Sie war ausgebildete Krankenschwester.
Wenn es mir schlecht ging, hat mein Vater mich oft stundenlang getragen. Mit etwa eineinhalb Jahren verbrachte ich auch noch einige Zeit mit Verdacht auf Hirnhautentzündung im Krankenhaus.
Unsere vorgeburtlichen und frühkindlichen Erfahrungen prägen uns unbewusst, ebenso wie die gewiss nicht immer ernst gemeinten Sätze und häufig wiederholten Aussagen über unsere Person.
So sagte meine Mutter z. B.: »Ja, du bist schon ›Erste Klasse‹ geboren worden.« Oder mein Vater meinte: »Du bist so anders, dich haben sie gewiss im Krankenhaus vertauscht.« Wahrscheinlich hat sich niemand etwas dabei gedacht, und vielleicht war es auch nie ernst gemeint. Dennoch hinterlassen solche Sätze Spuren.
Dreh- und Angelpunkt in unserem Leben sind doch immer die Fragen: Wer bin ich und wer will ich sein? Wo ist mein Platz im Großen und Ganzen? Es geht um Lebenserfolg, Lebenssinn, Resonanz mit anderen und persönliches Wachstum.
Reflexion
Ich kann im Rückblick auf meine Kindheit sagen, dass sie behütet war. Ich bin in einem ebenso traditions- wie arbeitsreichen Umfeld groß geworden und habe das Glück gehabt, Zuwendung durch zahlreiche Kontaktpersonen zu erfahren. Einer war immer für mich da, es waren zwar nicht unbedingt immer der Vater oder die Mutter, jedoch vertraute Menschen, die sich um mich kümmerten und mir liebevoll zugewandt waren. Der Vater arbeitete immer in der Backstube oder im Garten, anders habe ich ihn nicht in Erinnerung. Aber wenn ich krank war, dann kam Papa extra aus der Backstube, um nach mir zu sehen. Er war dann immer sehr besorgt. Ich bin dadurch nicht absichtlich krank geworden, dazu war ich viel zu aktiv. Ich habe es jedoch genossen, seine uneingeschränkte Zuwendung für einige wenige Minuten zu erhalten. So bin ich durch mein vielseitiges Umfeld vielschichtig stimuliert worden.
Als Baby und Kind lernen wir von den Menschen in unserem Umfeld auf unvorstellbar kreative und intelligente Weise. Wir empfangen alles, was diese Menschen uns geben. Wir lernen kindhaft mühelos und unbeschwert. Kinder machen Fehler und lernen rasch, wie es besser geht. Und so lernt jeder Mensch von Kindheit an, was wichtig ist für das Leben. Erste Verhaltensmuster werden geprägt.
Kinder fallen 99-mal und stehen 100-mal wieder auf. Leider geht das Hinfallen und Wieder-aufstehen-Können im Laufe eines Lebens bei den meisten Menschen verloren. Doch eigentlich wurde unser Geist so programmiert, wir haben laufen gelernt, ohne an uns und unserer Fähigkeit zu zweifeln. Wir lernten von Menschen, die wichtig waren für unser Überleben.
In der Zeit, in der ich windellos werden sollte, wurde ich oft stundenlang auf einem extra dafür angefertigten kleinen Stühlchen »geparkt«, das vorn verschlossen werden konnte, damit ich nicht hinausfiel. Da alle viel zu tun hatten, ließ man mich oft sehr lange dort sitzen. Das war mir nicht recht, daher beschloss ich, wohl aus Trotz, mein »Geschäft« nicht an dieser Stelle und in dieser Zeit zu tun wie erwartet. Ich suchte mir dafür später andere Plätze, die meine Mutter natürlich nicht erfreuten. Handelte ich in dieser Situation im Trotz oder wehrte ich mich nur und lernte, langfristig für mich zu sorgen – und beeinflusste dadurch mein Umfeld?
Mit vier Jahren kam auch ich in den Kindergarten. Wie bereits erwähnt wurde er von zwei Nonnen – Vinzentinerinnen mit großer weißer Haube – geleitet, die mir Angst machten. Sie wirkten aus meiner damaligen Kindersicht sehr streng. Im Kindergarten musste ich jeden Tag einen Mittagsschlaf halten. Ich fühlte mich dort überhaupt nicht wohl und bin sehr ungern hingegangen. Außerdem gab es dort einen Jungen, der mich immer ärgerte und mich am Rock zupfte. Ich vermochte mich nicht zu wehren. Schön war, dass ich häufiger daheimbleiben durfte und in der Backstube dabei sein konnte. Zu Hause spielte ich gern mit Autos, die immer größer wurden – sogar ein »Amischlitten« war später dabei. Autos sammelte ich leidenschaftlich, genauso Tiere für meinen »Bauernhof«. Ich hatte zwar auch eine Puppe, spielte jedoch nicht so oft damit. Sehr häufig spielte ich dagegen mit meiner Freundin aus der unmittelbaren Nachbarschaft, ich war sehr gern bei ihr zu Hause auf dem Bauernhof.
Ich kann mich daran erinnern, dass bei uns zu Hause immer alles tipptopp sauber war – ich nie. Irgendwo hatte ich immer einen Fleck, irgendetwas war immer kaputt, Knie oder Hose. Heute schmunzle ich oft, denn es passiert mir z. B. in Seminaren, dass ich am Ende Filzstift an den Händen oder an den Kleidungsstücken habe.
Meine Mutter wollte mir zwar immer eine Schürze anziehen – damals war das wohl üblich. Ich habe mich erfolgreich gewehrt und von diesem »Ding« sehr schnell befreit. Ich war gern bei meinem Vater in der Nähe, der mich als Jungenersatz gern helfen ließ. Ich durfte beim Bau eines Hasenstalls mitwirken. Unser Garten lag am Wasser, dort haben wir eine Tränke für unsere Hühner angelegt und ein »Klohäuschen« gebaut. Als »Junge« durfte ich immer mehr.
Mit meinem Haarschnitt – mein handwerklich begabter Vater schnitt mir die Haare –, meinen Sommersprossen, dünn wie eine Spindel und quirlig, sah ich auch wie ein Junge aus. Bis zu meinem 12. Lebensjahr war ich lieber ein hübscher Junge als ein hässliches Mädchen. Meiner Mutter ging ich eher aus dem Weg, denn sie wollte aus mir ein richtiges, ordentliches, hübsches und braves Mädchen machen. Bin ich später etwas burschikos an Themen herangegangen, weil ich männliche Selbstverständlichkeiten übernommen habe?
Reflexion
Uns Menschen zieht es immer dorthin, wo das Selbstwertgefühl nicht infrage gestellt wird und der Mensch in seiner Persönlichkeit so angenommen wird, wie er ist. So ging es auch mir. Heute weiß ich,...




