Torossi Als ich dir zeigte, wie die Welt klingt
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7844-8199-9
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-7844-8199-9
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eleni Torossi, in Athen geboren, lebt seit 1968 in München. Bereits während ihres Studiums der Politikwissenschaften arbeitete sie für den Bayerischen Rundfunk. Sie schrieb Sozial- und Kulturbeiträge, Radiogeschichten, Hörspiele und veröffentlichte zahlreiche Bücher. Die Autorin schreibt in zwei Sprachen. 2006 wurde ihr der 'CIVIS -Europas Medienpreis für Integration' verliehen. Für ihre Rolle als Vermittlerin zwischen den Kulturen erhielt sie 2009 das Bundesverdienstkreuz. Im selben Jahr erschien bei LangenMüller ihr Buch 'Warum Tante Iphigenia mir einen Koch' schenkte. torossi.com
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Caruso und die Panzer
Mein Hustenknoten löste sich erst wieder mit dem Sänger. Ob die Musik wohl dem Körper hilft? Wir begegneten uns zufällig in einem antiken Amphitheater. Es war schon dunkel, und er hielt eine Taschenlampe in der Hand. Er leuchtete mir in die Augen, wer bist du denn?, und dann geschah etwas. Die Taschenlampe ging aus, weil die Batterie leer war. Er begann, leise zu singen. Ich hörte ihm zu, hörte ihm aufmerksam zu, und lange. Ich glaube, es war das erste Mal, dass ich nur für mich hörte und nicht für meine Mutter, und ich hörte auch nichts über die Ideologie und die große Welt. Meine Ohren funktionierten plötzlich anders. Es war auch das erste Mal, dass mich jemand an der Hand nahm, um mich auf einem hellen Pfad aus einem alten Amphitheater herauszuführen. Das kam mir symbolisch vor.
Bei unserem zweiten Treffen sang er die Arie des Rigoletto, vom Syntagma- bis zum Omonia-Platz, später am Meer bei Mondschein, dann in den Straßen von München und noch später in Verona vor Julias Balkon.
Jedes Mal, wenn ich husten musste, sagte mein Romeo zu mir: »Huste nur, dann bilden wir ein Duett.« Wenn ich im Bett vom Husten geschüttelt wurde und Angst hatte, ihn zu wecken, weckte er mich und ging mit mir hinaus, um mir den Sternenhimmel zu zeigen. Wenn man die Sterne sieht, hustet man nicht, sagte er. Und ich hörte auf zu husten.
»Ich bin kein Sänger, ich bin Tenor«, sagte er eines Tages, als meine Mutter ihn Sänger nannte.
Am Tenor blieb ich hängen. Er sprach nicht von der großen Welt, die wie eine Baustelle aussieht, und plötzlich spürte ich, dass ich auch ohne Hustenknoten auskommen konnte. Diese Freiheit hatte ich vorher nicht gekannt. Vorher war alles in Beschlag genommen: Meine Mutter musste mir ständig auf die Lippen schauen, weil sie nicht hören konnte. Ich musste mich darum kümmern, ihr die Wörter zu vermitteln. Der Kommunist hatte die Zukunft der Menschheit im Blick und musste Solidaritätsprogramme entwerfen.
Der Tenor, den ich von nun an »meinen Caruso« nannte, musste gar nichts. Er war einfach gestrickt, er genoss die Melodien in seinem Kopf, saß mit mir im Arm singend auf der Schaukel und verstand wenig von Ideologien und Theorien. Doch auch er kaufte immer die linke Tageszeitung Avgi.
»Aus Tradition bin ich links«, sagte er, »meine ganze Familie ist links, aber ich bin frei!«
Bei seinem Zeitungshändler ließ er sich die Zeitung allerdings so zusammenfalten, dass niemand sehen konnte, dass es die Avgi war. Ich lächelte innerlich: »Frei? Was heißt denn hier frei?« Alle fürchteten sich damals vor neugierigen und verräterischen Blicken. Dass man sie als »Linke« denunzieren könnte. Auch mein Tenor.
Die meisten Mieter waren von meiner Mutter geweckt worden, als sie mitbekam, dass der Panzer vor dem Tor unseres Hauses stand. Sie wollte im Laden hinter dem Rathaus Milch holen gehen, so wie immer. Als sie den Panzer sah, wich sie sofort zurück, nahm dann zwei Stufen auf einmal auf der Holztreppe zum ersten Stock und begann, an die Türen zu klopfen: »Staatsstreich, Panzer, Militär!« Bei diesen Worten wurde auch ich wach, ich sprang auf und machte das Radio an: Märsche, Volkslieder und eine Stimme, die im Stakkato verkündete, dass das Militär ab sofort die Regierung des Landes übernommen habe: »Griechenland ist schwer krank«, polterte die Stimme, »wir haben die Aufgabe, seine Genesung zu bewirken. Es muss erst einmal in Gips gelegt werden.«
Für diesen Tag sei ein Ausgehverbot verhängt. Ich ging wie die anderen hinunter zum Eingang. Überrascht war ich nicht, und ich wunderte mich auch nicht.
Meine Mutter und ich wohnten in dem großen Gebäude, das die Ecke Stadiou- und Aeolou-Straße abrundete, mit weichen Linien, Stürzen und Balkonen von französischer Finesse und einer gealterten, verrußten Front. Vor hundert Jahren hatte es seine Glanzzeit erlebt, bekannt als »Attikon«, ein zentrales Athener Hotel. Inzwischen wirkte das Gebäude erbärmlich, voller Staub, mit zerfetzten Markisen, verrußten Marmorplatten und abbröckelndem Putz. In seinem Inneren führte eine Holztreppe zu Räumen mit Schneidereien und Hemdengeschäften, Fotolabors, Ikonenmalern, heruntergekommenen Primadonnen, alten Lehrern und einsamen Handelsvertretern.
Ziemlich verschlafen standen sie jetzt im Treppenhaus hinter dem Tor des großen Gebäudes versammelt, gerieten aber beim Anblick der bedrohlichen Erscheinung des Panzers draußen überhaupt nicht in Panik. Sie erzählten sich Geschichten von früher, gruben ähnliche Fälle von Belagerungszuständen in Athen aus, erinnerten sich daran, wie die linken Partisanen im Januar ’45 in das Gebäude stürmten und nach einem Unterschlupf suchten, wie die Männer von den Sicherheitsbataillonen im Anschluss eindrangen, wie ihnen die Engländer am nächsten Tag folgten und am brutalsten von allen waren. Jemand erwähnte die Verschwörungspläne und ihre antiken Namen, Plan Perikles, Diogenes, Aspida.
Ohnehin wurde in den linken Organisationen viel darüber diskutiert. Bestimmt bereiten sie irgendetwas vor, sagte der Parteivorstand. Verdächtige Aktivitäten beim Militär! Deshalb blieben die Nachbarn so gelassen und kommentierten die Vergangenheit. Denn die Gegenwart, die kannten sie schon längst. Es geschieht immer das Gleiche in diesem Land, beharrten sie. Sie kamen mir so erniedrigt vor, immer wieder aufs Neue entwürdigt. So sehr, dass sie sogar bereit waren, sich eingipsen zu lassen.
Die Demütigung fühlten wir in den nachfolgenden Tagen bis ins Mark. Wie betäubt liefen wir durch die Straßen von Athen und wagten es nicht, den anderen in die Augen zu sehen. An den Haltestellen, in den Warteschlangen, in den Bussen standen wir mit gesenkten Köpfen, als wäre nichts geschehen. Die Panzer waren nicht nur in die Stadt eingedrungen, sondern auch in unsere Köpfe, und sie vergifteten alles.
»Was sagen sie? Was hast du gehört?«, fragte mich meine Mutter.
»Nichts. Sie sagen nichts. Niemand sagt etwas.«
»Dann sind alle, die etwas sagen wollten, weggeschafft worden«, sagte meine Mutter, »und die anderen sind erstarrt. Ich sehe sie, wie sie auf der Straße woanders hinschauen, wie ihr Blick ins Leere geht.«
An jenem Tag, dem 21. April 1967, waren mein Caruso und ich um 12 Uhr Mittag vor dem Lambropoulos-Kaufhaus verabredet. Er war gegen zehn Uhr morgens ahnungslos vom Amerikis-Platz aufgebrochen. Er ging auf die Patission-Straße und sah weit hinten im fahlen Aprillicht den Akropolis-Hügel, gekrönt von der eleganten Erscheinung des Parthenon-Tempels, jedoch mit einem grauen Panzer im Vordergrund. Es kam ihm wie ein Bühnenbild vor, das einen erschaudern lässt. Ob sie auf der Patission-Straße eine Oper aufführten? Vielleicht Aida? Er bog in die Kodrigtonos-Straße ein, in Richtung Aristotelous-Straße, ging weiter in die Agiou-Konstantinou- und die Pireos-Straße, dann in die Menandrou-Straße, und danach bog er in die Lykourgou-Straße ein. Er überquerte die Athinas-Straße und ging weiter bis zur nächsten Ecke. Hier und dort Soldaten. Er schaute zum Rathaus und sah Militärjeeps, in Richtung Omonia-Platz, Soldaten mit vorgehaltener Waffe, die die Leute wegscheuchten. Als er in der Aeolou-Straße ankam, sah er den Panzer an der Stadiou-Kreuzung, genau vor unserem Gebäude mit der großen Holztür. Vielleicht erkannte er hinter dem Türgitter auch meinen Kopf.
Vor der Tür hatte sich ein Soldat aufgebaut. Mit ihm versuchte ich ein Gespräch zu beginnen. Ich dachte, ich könnte ihm ein paar Informationen entlocken, was denn da in der vergangenen Nacht passiert sei. Er hatte keine Ahnung, sie waren im Morgengrauen geweckt worden, man hatte sie auf Militärfahrzeuge geladen und hier und da im Stadtzentrum postiert. Er war vielleicht gerade mal zwanzig, und es langweilte ihn sehr, wie er da so regungslos vor unserer Tür stehen musste. Mit meinen Fragen vertrieb ich ihm die Zeit, und er machte sich ein bisschen wichtig, ein bisschen nützlich, ließ uns ab und zu den einen Türflügel öffnen und hinausschauen. Wir warfen einen verstohlenen Blick auf den Omonia-Platz. Dort waren noch mehr Panzer. Von gegenüber gab mir mein Caruso Zeichen, er schickte mit seinen Gesten Worte herüber, denn er wusste, dass ich ihn sah. Und er wusste, dass ich Gesten, die Worte bilden, verstehen konnte.
Wir saßen alle im Eingang auf den Marmorstufen, ein Nachbar brachte sogar ein Tablett mit Kaffee und Wasser. Keiner von uns bemerkte, wann meine Mutter auf die Straße stürmte. Wir hörten nur den militärischen Befehl, »halt oder ich schieße«, brüllte ein Offizier vom Panzer aus, der die Aufsicht über die Kreuzung hatte, und er hob seine Waffe. Alle schauten wir nach draußen, um zu sehen, was vor sich ging. Wir sahen meine Mutter, wie sie zur gegenüberliegenden Straßenseite lief, in Richtung des Lambropoulos-Kaufhauses: Nur einer der Nachbarn bewies Mut, er riss den schweren Türflügel weit auf, rannte in die Mitte der Kreuzung und rief: »Stopp, aufhören, die Frau ist taub. Sie kann nicht hören!«
Danach lief er zu meiner Mutter, nahm sie in die Arme und erklärte ihr alles, mit seinen Händen und mit seinem Mund, den er auf und zu machte. Aber sie wollte nicht verstehen: »Staatsstreich, sagst du? Na und? Was geht mich das an? Das ist unsere Straße. Die Straße ist für alle da. Ich will jetzt meine Milch holen!«
Der Nachbar zog sie mit Gewalt ins Haus, und wir stürzten uns alle auf sie, um sie zu beruhigen. »BEINAHE HÄTTEN SIE DICH ERSCHOSSEN!«
Und sie: »Ach, kommt schon, das würden sie nicht wagen! Aber was zum Teufel wollen die? Wir müssen doch zu unserer Arbeit! Wie lang...




