Liebe Besucherinnen und Besucher,
aufgrund unseres Sommerfestes sind wir am 03. September 2026 bis 14 Uhr erreichbar. Am 04. September 2026 sind wir wieder wie gewohnt für Sie da. Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 118 Seiten
Trausti / Erler Ein aufgehender Stern
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-2081-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, 118 Seiten
ISBN: 978-3-6951-2081-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jón Trausti (eigentlich Guðmundur Magnússon, 1873-1918), isländischer Schriftsteller, bekannt für seine historischen Romane. Nadine Erler, Studium der Skandinavistik, Übersetzerin für nordische Sprachen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Erster Teil: Zwischen zwei Welten
Kapitel 1. 1
„Halt mir die Hände, meine Dóra, während ich schlafe – oder besser gesagt, während ich döse, denn das ist kein Schlaf. Oh, ich habe solche Angst, daß ich irgendwann im Schlaf sterbe – so fest zu schlafen, daß ich nicht mehr aufwache.“
„Das werde ich tun, meine Stína. Ich werde hier bei dir sitzen und dir die Hände halten, während du schläfst. Und hab nicht solche Angst vor dem Tod. Das Himmelreich steht dir offen, wenn du stirbst.
Du bist jung und unschuldig. Du bist reingewaschen von der Erbsünde, und selbst hast du keine Sünde begangen. Heilige Engel sind bei dir, während du wach bist und während du schläfst, und die Heiligen bitten für dich bei Gott und der Muttergottes.“
Stína hatte diese Worte schon so oft gehört, daß sie keine Wirkung mehr auf sie hatten. „Ich will leben“, sagte sie mit todesmatter Stimme. „Meine liebe Dóra, bete zu Gott und den Heiligen für mich, daß ich leben darf und mein Zustand sich bessert.“
Daran mußte man Halldóra nicht erinnern. Sie tat das täglich, tat es sozusagen im Wachzustand und im Schlaf. Mit jedem Tag, der verging, wurde ihr dieses todesschwache bedauernswerte Wesen lieber, und jeden Tag betete sie heißer und inbrünstiger dafür, daß Kristíns Zustand sich bessern würde, und weinte jedesmal, wenn sie daran dachte, daß sie sterben könnte. Aber sie hatte keine Hoffnung, daß ihre Gebete erhört würden.
Seit man ihr aufgetragen hatte, sich um Kristín zu kümmern, hatte sie versucht, sie möglichst gut auf den Tod vorzubereiten – ihre Gedanken von diesem irdischen Leben abzulenken, das nicht mehr zu genießen war, und sie auf das nächste Leben zu bringen. Deshalb schärfte sie Kristín ständig ein, den Tod nicht zu fürchten, denn der würde ihr Gutes bringen.
Kristín war die einzige Tochter des Ritters Björn Einarssoni (des Jerusalemfahrers) und dessen Frau Solveig Þorsteinsdóttur aus Urðum in Svarfaðardal. Sie war die reichste und vornehmste Frau in Island, die Enkelinii von Grundar-Helga und auch die Enkelin iii des hirðstjóri iv Þorsteinn Eyjólfsson. Sie stammte von einem vornehmen Geschlecht ab, genauer gesagt, von den Ynglingern. Und sie war die Erbin eines Drittels des Besitzes von Vatnsfjörður und Grund.
Viele hatten geglaubt, daß das Leben bei so einer Herkunft lächeln würde. Doch es war nicht das Leben, sondern der Tod, der auf sie wartete. Das kleine Dachzimmer auf dem Hof in Vatnsfjörður war ihr Zuhause. Niemand hatte Kontakt zu ihr, bis auf das Mädchen, das sich um sie kümmerte und sozusagen Tag und Nacht bei ihr war, und der Pfarrer, der ihr dann und wann den letzten Dienst erwies – sie auf den Tod vorzubereiten. Ihr Vater war so gut wie nie zu Hause, ihre Mutter kam nur sehr selten zu ihr – und ihr Bruder noch seltener.
Jeden Tag war sie ans Bett gefesselt wie zur Hochzeit. Ihr Haar war gekämmt und mit teurer Salbe eingerieben. Sie trug einen Haarreifen aus reinem Gold und einen gewebten Schleier, der über das Kissen fiel und aus dem Bett heraushing. Der Kittel war schneeweiß und hatte einen goldenen Saum um den Hals und an den Handgelenken. Das Bett war geschmückt und verhangen wie ein königliches Brautbett. Sie war Braut – eine Braut des Todes.
Niemand wußte, wann dieser kalte Gast zu ihr kommen und sie in die Arme nehmen würde. Aber keiner zweifelte daran, daß er kommen würde, und zwar bald.
Als Björn Einarsson auf seiner dritten Fahrt gewesen war, hatte er – nach dem Beispiel anderer großer Männer – einen Astrologen aufgesucht und für seine Kinder, die beide zu Hause waren, ein Horoskop erstellen lassen. Es waren Zwillinge, und er sagte dem Astrologen den Tag und die Uhrzeit, zu der sie geboren waren.
Der Sternenkundige rechnete und rechnete, wachte ganze Nächte und forschte und forschte in diesem geheimnisvollen blauen Buch, das sich offen über den
Köpfen aller ausbreitete. Schließlich sagte er, daß eines der Kinder früh sterben würde. Das andere dagegen würde zur vollen Blüte gelangen, und das wäre der ewig aufgehende Stern. Es würde lange leben, eine große
Familie haben und ausgezeichnete Männer hervorbringen. Mehr konnte er nicht sagen, alles andere war in undurchdringlichen Nebel gehüllt. Diese Prophezeiung schrieb er nieder und bekräftigte sie mit seinem Siegel.
Björn gab ihm eine großzügige Bezahlung für seine Mühe. Und als er von dieser Fahrt nach Hause kam, war seine Tochter Kristín sehr schwach. Bis zum Alter von zehn Jahren war sie ein kerngesundes Kind gewesen. Dann wurde sie von einer schweren Krankheit befallen, die niemand kannte.
Sie wurde müde, hatte Krämpfe und litt an Schlaflosigkeit. Lange war ihr sehr heiß, so daß sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, und deshalb legte sie sich ins Bett. Es bestand kein Zweifel, daß mit der Prophezeiung sie gemeint war. Nachdem das bekannt geworden war, hielt man sie für so gut wie tot.
Ihr Zimmer war ein Grab, in das jedoch die Sonne hineinschien. Es lag abseits, weit weg von allen anderen Zimmern, die als Wohnung für Menschen gedacht waren. In der Stadt pulsierte das Leben, aber in ihrem Zimmer und ringsum war es immer still.
Das ganze alte Leben war aus diesem heiligen Grab verbannt. Die, die dort etwas zu tun hatten, schlichen auf den Zehenspitzen und hielten den Atem an, um nicht die Ruhe dieser todgeweihten Heimstatt zu stören. Ihre Eltern waren schon lange darauf gefaßt, ihre Tochter zu verlieren. Alle im Haus waren überzeugt von dem Schicksal dieses schönen Kindes und bedauerten die Eltern. Nie wurde mit ihr über etwas anderes gesprochen als über den Tod und die Seligkeit, die ihr im nächsten Leben vergönnt sein würde.
Die meisten Leute sagten einhellig, daß dieses armselige Leben am besten so schnell wie möglich enden sollte. Sogar ihre Eltern waren schon dabei, dieser endlosen Quälerei müde zu werden und sehnten sich nach der Erleichterung, die die Erfüllung der Prophezeiung sein würde. Deshalb kümmerte ihre Mutter sich nur noch so wenig um sie. Kristín selbst war der einzige Mensch bei sich zu Hause, der nicht an die Prophezeiung glaubte. Sie glaubte felsenfest, daß die Prophezeiung blanker Unsinn war oder daß die Verheißung von Glück und langem Leben für sie galt.
Sie war allein mit dieser Meinung und konnte niemanden umstimmen. Sie hörte sich geduldig all dieses Gerede über den Tod an und fand sich damit ab, tagtäglich mit ihm zu leben. Sie sah zu ihrem großen Kummer, daß dies viel mehr als ein Glaube war – es war der Wunsch der meisten. Aber sie blieb bei ihrer Meinung. Sie wollte leben und war entschlossen, mit aller Kraft gegen den Tod zu kämpfen, bis sie ihn überwunden hatte.
Und ihr ganzer Körper nahm Anteil an diesem Kampf. Sie wuchs und gedieh, während sie im Bett lag, war wohlgenährt und kräftig und fühlte sich auch so.
Ihr war befohlen worden, still zu liegen, denn sie sei unheilbar krank und würde nur ihren Tod beschleunigen, wenn sie aufstünde. Darauf vertraute sie und ertrug alle ihre Sorgen mit unglaublicher Geduld. Sie fürchtete am meisten, daß der Tod sich im Schlaf anschleichen würde, so daß sie sich nicht vor ihm in Acht nehmen konnte. Das war der Grund dafür, daß sie es nie wagte, zu schlafen, und immer wachsam war. Und gerade die Schlaflosigkeit war ein Merkmal ihrer Krankheit geworden.
Dann wurde diese Wachsamkeit, dieser ständige Kampf gegen den Schlaf – diesen Halbschlaf – zu ihrer zweiten Natur oder zur eigentlichen Krankheit. Deshalb war sie kraftlos, blutarm und appetitlos. Deshalb war sie weiß und durchsichtig, wie ein kleines Kind. Obwohl sie wohlgenährt war, waren die Muskeln fast durchscheinend. Deshalb lag sie meistens in kalten Schweiß gebadet da und war unsagbar müde, so wenig sie sich auch im Bett
bewegte. Deshalb baute sie jeden Tag mehr ab, so daß es nun so aussah, als würde die Voraussage des Astrologen jeden Augenblick in Erfüllung gehen.
„Meine Dora“, sagte Kristín wieder mit noch schwächerer Stimme. „Oh, ich habe solche Angst, daß ich lebendig begraben werde!“
„Was für ein Unsinn, Kind! Wie kommst du auf so etwas?“ „Ja, ich habe solche Angst davor. Ich habe solche Angst. Denk dir, meine Dóra! Stell dir solche Qualen vor! Kraftlos dazuliegen, steif und kalt, und kein Glied rühren zu können, kein Lebenszeichen von sich geben zu können, und dabei hellwach zu sein, bei vollem Bewußtsein alles mitzubekommen, was um einen herum geschieht. Meine liebe gute Dóra! Ich ertrage es nicht, daran zu denken!“
„Dann denk nicht daran, meine gute Stína! Tu mir den Gefallen, nie wieder solchen Unsinn zu denken. Ich werde dafür sorgen, daß du nicht lebendig begraben wirst. Ich weiß ja, daß du stundenlang...




