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E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Treasure Alles ist Klang

Wie Geräusche unser Leben, unser Wohlbefinden und unseren Planeten beeinflussen | Die Wiederentdeckung der faszinierenden Welt des Klangs
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-492-61146-6
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wie Geräusche unser Leben, unser Wohlbefinden und unseren Planeten beeinflussen | Die Wiederentdeckung der faszinierenden Welt des Klangs

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-492-61146-6
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Erst in jüngster Zeit haben Wissenschaftler erkannt, dass Klänge uns mit der Welt genauso lebendig und vielfältig verbinden wie das, was wir sehen. Und doch schenken die meisten Menschen in einer immer lauteren Welt den Geräuschen um sie herum kaum noch Beachtung. In diesem Buch geht es darum, das Wunder der Klänge wiederzuentdecken und zu verstehen, wie sie uns beeinflussen. Es zeigt auch, wie wir die Verantwortung für die Klänge, die wir konsumieren, und die Klänge, die wir erzeugen, zurückgewinnen können, um unser eigenes Glück, unsere Effizienz und unser Wohlbefinden zu steigern.

Julian Treasure ist Autor und Redner. Seine fünf TED-Talks zu Klang und Kommunikation wurden insgesamt mehr als 120 Millionen Mal angesehen. Sein Vortrag »How to Speak So That People Want to Listen« gehört zu den Top 10 TED-Talks aller Zeiten.
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Seit Jahrhunderten beschäftigen sich die Menschen immer wieder mit der Aufgabe, sich einen Baum vorzustellen, der in einem Wald fällt, ohne dass es jemand hört, und dann zu überlegen, ob es denn dann überhaupt ein Geräusch gibt. Für viele von uns ist es ein amüsantes Gedankenexperiment, das wir schon aus der Kindheit kennen, eine Einführung in das Rätsel von Bewusstsein und Wahrnehmung. Die Antwort darauf, ob dies nun eine simple oder eine besonders schwierige Frage sei, hing über das gesamte 20. Jahrhundert stets vom Wandel der wissenschaftlichen Theorie und der Technologie ab – mal zeigte das Pendel in diese und mal in jene Richtung. Gegenwärtig lautet eine durchaus vernünftige Antwort: Das kommt ganz darauf an.

Ich möchte Ihre Vorstellung jedoch auf ein anderes Szenario lenken: In einem Wald fällt ein Baum, und Sie tatsächlich in der Nähe und können es hören. Das kann ein beliebiger Wald sein, in dem Sie sich gut auskennen – ein feuchter europäischer Laubwald, ein üppig-heißer äquatorialer Dschungel, eine schneebedeckte Taiga oder was auch immer. Doch während Sie sich langsam darin bewegen, hören Sie ein gewaltiges Bersten – und wenn Sie klug sind, bleiben Sie stehen und behalten die Bäume um Sie herum genau im Auge. Aber was passiert da eigentlich?

Prosaisch ausgedrückt ist Schall »eine Schwingung, die sich als akustische Welle durch ein Übertragungsmedium wie ein Gas, eine Flüssigkeit oder einen Feststoff ausbreitet«. Eine einfachere Definition wäre »hörbare Schwingung«. Ein Baum fällt, und als Teil der freigesetzten kinetischen Energie vibriert er und erzeugt eine Schallwelle, die sich durch die Luft ausbreitet und schließlich auf Ihr Ohr trifft, wo Sie dies in einem physikalischen und dann elektrochemischen Prozess als Klang wahrnehmen.

Ganz gleich, ob das Flüstern eines geliebten Menschen oder der Ausbruch eines Vulkans – die (akustischen) Grundbausteine sind dieselben. Lassen Sie uns also den wundersamen Prozess entschlüsseln, durch den diese hörbaren Schwingungen zu dem werden, was wir als Klang wahrnehmen.

Der Schlagzeugerin und Perkussionistin Dame Evelyn Glennie beim Spielen zuzusehen, ist ein beeindruckendes Erlebnis. Wahrscheinlich ist sie die erste Person überhaupt, die als klassische Solo-Schlagzeugerin Karriere gemacht hat. Wenn ihre Hände über einem der vielen Instrumente, die sie spielt, zu verschwimmen scheinen, wenn sie komplexe Rhythmen findet und mit diesen interagiert, scheint sie ganz und gar in der Musik aufzugehen – ein perfektes Beispiel, wie geordnete Klänge uns mit etwas zutiefst Menschlichem und Außergewöhnlichem verbinden.

Und da ist eine Tatsache, die das noch viel bemerkenswerter macht: Evelyn Glennie ist nach einer Schädigung ihrer Gehörnerven seit ihrem 12. Lebensjahr hochgradig schwerhörig. Sie hat gelernt, Geräusche und Musik mit anderen Teilen ihres Körpers wahrzunehmen.

Das scheint unserer Intuition völlig zu widersprechen. Für die meisten Menschen ist das, was geschieht, wenn wir Schall wahrnehmen, unmittelbar mit diesen Muscheln aus Knorpel, Haut und Fettgewebe verbunden, die wir unsere Ohren nennen,[2] aber in Wirklichkeit hören wir mit dem ganzen Körper. Unsere Ohren haben sich so entwickelt, dass sie besser hören als alle anderen Körperteile, aber auch unsere Knochen, Muskel- und Fettgewebe, die Organe und sogar unsere Augen können hören.

Die meisten Menschen mögen es nicht, wenn sie eine Aufnahme ihrer eigenen Stimme hören. Oft kommt dann die Frage: »Klinge ich wirklich so?« Dafür gibt es eine eindeutige Erklärung: Sie sind daran gewöhnt, dass ihre Stimme im Kehlkopf entsteht und dann in der Brust- und Kopfhöhle widerhallt; Sie hören sie nicht nur durch die Luft und in ihrem Ohr, sondern auch über die Skelettverbindung zum Schädel. Die eigene Stimme unabhängig von diesen anderen akustischen Informationen zu hören, die über Knochen- und Gewebeverbindungen übertragen werden, vermittelt den Eindruck, man würde jemand ganz anderen sprechen hören.

Das Gehör entwickelt sich als erster unserer Sinne, und zwar bereits zwölf Wochen nach der Empfängnis – lange bevor die Ohren vollständig ausgebildet sind. Im Mutterleib hören wir im Wesentlichen den Herzschlag der Mutter. Der dreigeteilte Takt dieses sanften »Blubberns« erinnert an den Rhythmus von langsamen Walzern und zahlreichen Wiegenliedern. Die Töne und die Kadenz der mütterlichen Stimme, die im Mutterleib gedämpft und basslastig ankommt, haben zur Folge, dass ein Kind bereits bei der Geburt die Stimme (und die Sprache) seiner Mutter von anderen unterscheiden kann.

Der Schock der Geburt besteht zumindest teilweise in der plötzlichen Exposition gegenüber einem scharfen, hochfrequenten Schall, der sich durch die Luft ausbreitet – eine dramatische Veränderung im Vergleich zum gedämpften Schall, der sich durch die Flüssigkeit ausbreitet, die uns bis zu diesem Moment eingehüllt hat – in Verbindung mit dem plötzlichen Wegfall des beruhigenden Herzschlags. Kein Wunder, dass Neugeborene erst einmal schreien.

Es dauert Monate, bis Babys lernen, die Welt wirklich zu sehen, dagegen sind ihre Ohren schon lange vor der Geburt voll aktiv. Deshalb wird unser frühes Dasein vor allem von der Sprache und dem Gesang unserer Mütter geprägt. In allen Kulturen der Welt singen Mütter ihren Babys vor. Einige Anthropologen wie Steven Mithen, ein führender Vertreter der kognitiven Archäologie, sehen in diesem starken Instinkt sogar den möglichen Ursprung der Sprache. Richard Parncutt, Professor für Systematische Musikwissenschaft an der Karl-Franzens-Universität Graz, sagt, dass wir im Mutterleib die Verbindungen zwischen den Klangmustern und Bewegungen der Mutter und dem dazugehörigen Hormonstatus erlernen, die wir erleben (da wir den Blutkreislauf mit ihr teilen).

Laut Parncutt werden diese Verbindungen im »transnatalen Gedächtnis« gespeichert und bilden die Grundlage unserer instinktiven Gefühlsreaktionen auf Musik. Die Fähigkeit eines Babys, die gehörten Geräusche aufzugreifen und daraus eigene Wörter zu bilden, ist ein wichtiger früher Meilenstein in der kindlichen Entwicklung. Im Schlaf schließen sich die Augen des Babys, aber die Ohren bleiben offen, wie alle Eltern eines Neugeborenen nur zu gut wissen.

Schallwellen werden zunächst von den Ohrmuscheln aufgenommen, die dafür optimiert sind, die Frequenzen der menschlichen Stimme zu verstärken. Die Schwingungen werden dann in den ca. 3 Zentimeter langen äußeren Gehörgang geleitet, bevor sie auf eine empfindliche Membran treffen, die so groß ist wie Ihr kleiner Fingernagel und einen Zehntelmillimeter dünn: das Trommelfell. Es ist so empfindlich, dass der leiseste Ton, den wir hören können, das Trommelfell um zwei ganze Atomdurchmesser in Bewegung versetzt. Das ist beinahe empfindlich genug, um einzelne Luftmoleküle wahrzunehmen, wenn sie auf diese außergewöhnliche Membran treffen.

Jedes Geräusch, das Sie hören, vom Symphonieorchester bis zum Regentropfen in den Blättern eines Baumes, wird dann in winzige Stöße und Züge an drei winzigen, miteinander verbundenen Knochen umgesetzt, an deren anschauliche Namen wir uns sicher noch aus der Schule erinnern: Hammer, Amboss und Steigbügel. Das Trommelfell versetzt den Hammer (Malleus) durch Druck in Bewegung, der die Schwingungen auf den Amboss (Incus) überträgt. Dieser aktiviert seinerseits den Steigbügel (Stapes), welcher wiederum eine membranbedeckte Öffnung, das sogenannte ovale Fenster, in Schwingung versetzt.

Die drei Knochen verstärken die Schallschwingungen auf ihrem Weg in eine winzige Struktur von der Form eines Schneckenhauses: die mit Flüssigkeit gefüllte Cochlea. In dieser befindet sich eine elastische Kollagenmembran, die sogenannte Basilarmembran, auf der winzige haarähnliche Strukturen sitzen, deren Spitzen mit Stereozilien versehen sind, Klumpen mikroskopisch kleiner Haarzellen, die fünfmal dünner sind als ein Menschenhaar. Während sich die Schwingungen durch die Flüssigkeit fortpflanzen, bildet sich eine Welle entlang der Basilarmembran und versetzt diese Haarzellen in Bewegung. Durch das Heben und Senken dieser Haarzellen öffnen sich Kanäle an ihren Spitzen, Chemikalien strömen in die Lücke und erzeugen elektrische Signale.

Die Haarzellen am breiten Ende der schneckenförmigen Cochlea nehmen höhere Töne wahr, die Zellen näher an der Mitte sind für die tieferen...



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