E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Trebilcook ALTE GEWOHNHEITEN STERBEN LANGSAM
überarbeitete Ausgabe
ISBN: 978-3-95835-459-3
Verlag: Luzifer-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Actionthriller
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-95835-459-3
Verlag: Luzifer-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ben Trebilcook wuchs in London auf. Aufgrund starker familiärer Verbindungen nach New York, aber auch in London, kam er schon sehr früh mit der Welt des Polizei- und Geheimdienste in Verbindung, die einen wesentlichen Teil seiner literarischen Arbeit bestimmen. Über zwanzig Jahre arbeitete Ben in der Filmindustrie, hauptsächlich als Drehbuchautor. Darüber hinaus arbeitete er in London mit schwer erziehbaren und benachteiligten Jugendlichen zusammen. Ben Trebilcook lebt in Essex, zusammen mit seiner Partnerin und ihrem gemeinsamen Sohn Finn.
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Ich bin ein Berliner
Drahtige Hände vermischten Ruß und verbrannte Baumwurzeln in einer abgeschlagenen Schale. Die Hände gehörten einem fünfundfünfzigjährigen Japaner. Er trug eine olivgrüne Uniform und ein weißes Stirnband, das er sich fest um die Stirn gebunden hatte, und saß ruhig auf einer Tatami-Matte. Um ihn herum hockten noch einige andere Japaner, die alle etwa im selben Alter waren und die gleiche olivgrüne Kleidung trugen.
Die Männer wirkten alles andere als gesund, aber sie waren dankbar dafür, in ihrer dunklen, stickigen, unterirdischen Gefängniszelle überhaupt noch am Leben zu sein.
Das Schnarren schwerer, rostiger Metallscharniere ertönte. Das Geräusch sorgte für ein beunruhigendes Echo, das durch einen Korridor jenseits der eisernen Tür hallte.
Die wuchtige Zellentür schwang auf, begleitet von einem ohrenbetäubenden Quietschen der schlecht geölten Türangeln. Die inhaftierten Männer erschraken, winselten, und einige von ihnen pressten sich die Hände an die Ohren. Das Geräusch allein war für sie wie Folter.
Ein etwa einen Meter neunzig großer, europäisch aussehender Mann wurde von vier japanischen Wachen in die Zelle gestoßen. Auch er trug eine olivgrüne Uniform, nur dass sich diese in einem weitaus besseren Zustand als die seiner japanischen Zellengenossen befand. Der Europäer war ein muskulöser Mann, kräftig gebaut und stämmig wie eine Eiche. Er war etwa fünfzig Jahre alt.
Der Mann mit dem weißen Stirnband blickte dem Europäer tief in die Augen und ließ sich Zeit, aufzustehen. Dann streckte er ihm eine Hand entgegen. Ohne Zweifel eine Willkommensgeste.
Der Europäer sah auf die kleine Hand des Mannes hinunter und ergriff sie, drückte vorsichtig mit seiner großen Pranke zu und schüttelte sie. Obwohl er beinahe doppelt so groß wie die Männer um ihn herum war, fühlte er sich in ihrer Gegenwart klein, unbedeutend, verloren und schwach. Jetzt war er einer von ihnen. Ein Gefangener.
Mister Stirnband lächelte, wobei er eine Reihe verfaulter Zähne entblößte, und nickte mehrere Male mit dem Kopf. Er winkte den Europäer zu sich heran und deutete auf die Tatami-Matratze, während sich die anderen Männer setzten oder daneben stellten. Der Japaner war nur wenig älter als der Europäer, doch die Jahre der Gefangenschaft hatten ihren Tribut gefordert. Die Zeit war nicht besonders gnädig zu ihm gewesen.
Mit seinen tiefliegenden Augen sah sich der Europäer in der Zelle um. Er hatte Glück, dass er nicht den Kopf einziehen oder sich ducken musste. Die Zelle war gerade hoch genug, dass er aufrecht darin stehen konnte. Dann musterte er die Männer in der Zelle, die aus ihren Reisschalen aßen. Er starrte sie an, und eine schmerzhafte, noch junge Erinnerung ließ beinahe augenblicklich eine unbändige Wut in ihm aufsteigen.
Der Europäer stand vor der Volksbühne in Ost-Berlin und hielt die Hand seines fünf Jahre alten Enkelsohnes. Er war elegant gekleidet, und das aus gutem Grund.
Die Volksbühne war von dem ungarisch-jüdischen Architekten Oskar Kaufmann entworfen und zwischen 1913 und 1914 erbaut worden. Ihr Motto prangte lange Zeit an dem Gebäude. Es war als Theater für das einfache Volk gedacht gewesen, um der Arbeiterklasse den Zugang zu Kultur zu ermöglichen. Während des Zweiten Weltkrieges war die Volksbühne fast vollständig zerstört worden und musste in den Fünfzigerjahren neu aufgebaut werden.
Ein aschblonder, vor Freude strahlender Junge stand neben ihm, in Kleidern, die zum eleganten Auftreten seines Großvaters passten. Ehrfurchtsvoll blickte er zu der riesigen, hünenhaften Statur des Mannes hinauf. dachte er bei sich. Sein Großvater war für ihn ein Held, ein Fels in der Brandung, sein Lehrmeister und tatsächlich wie ein Vater für ihn.
Denn als sein eigener Vater starb, hatte der Großvater ihn in seine Obhut genommen. Für den alten Mann war der Junge alles. Er lebte für diesen Jungen. Er selbst hatte seinen Sohn verloren und zog nun den Enkelsohn wie sein eigenes Kind auf.
Damals hatte sein Großvater noch einen weiteren Sohn und auch eine Tochter gehabt, doch zu beiden hatte kaum Kontakt bestanden. Sein Großvater war kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges geboren worden und gerade sieben Jahre alt gewesen, als dieser endete. Es war ihm erspart geblieben, von den Faschisten oder irgendeiner anderen rassistischen Gruppierung hirngewaschen zu werden. Vielmehr war ihm, wie zuvor schon seinem Vater und Großvater und auch seinen Söhnen und seinem Enkelsohn, etwas in die Wiege gelegt worden, das wichtiger war als ein Symbol oder eine Ideologie.
Ihr Geburtsrecht.
Den Gefangenen erging es über die Zeit wie ihren olivgrünen Uniformen – sie alterten, nutzten sich ab. Ihre Kleider waren zerrissen, ausgefranst, abgewetzt und versengt. Ihre Gesichter wurden faltig und ihre Haut von Schnitten und Geschwüren gezeichnet. Sie wurden von Ratten, Flöhen, Zecken und Gott weiß von welchem anderen Ungeziefer gebissen. Einige von ihnen hatten sich sogar gegenseitig gebissen. Kratzend und juckend zogen die Jahre an ihnen vorüber.
Die Schläge und die psychische Folter hatten nachgelassen, nachdem man den Europäer in ihre Zelle gesteckt hatte. Vielleicht, weil die Wächter zu viel Angst davor hatten, ihn zu bestrafen oder zu bedrohen. Vielleicht, weil sie sich vor seiner ungeheuren Größe und seiner austrainierten Statur fürchteten. Vielleicht hatten sich aber auch die Zeiten geändert, waren verflogen und hatten die veralteten Überzeugungen ihrer Peiniger mit sich genommen.
Langsam ließ der Europäer die Luft aus seiner Lunge entweichen. Sein Atem bildete weißliche Wolken in der kalten, dunklen Zelle. Er kniff die Augen zusammen und beobachtete durch die Gitterstäbe hindurch einen Wächter, der gerade die Batterien einer Taschenlampe wechselte. Er umklammerte die Gitterstäbe und verfolgte mit seinen Augen die Bewegungen des Wächters.
Plötzlich hieb einer der anderen Wächter mit seinem Schlagstock nach ihm, trieb diesen schmerzhaft in die Wange des Europäers. Dann holte der Wächter noch einmal aus und schmetterte den Schlagstock gegen seine Fingerknöchel.
Der Europäer zuckte zusammen und taumelte zur Seite, aber dann richtete er sich wieder auf, und irgendetwas in ihm sagte ihm, dass sich seine Lage sehr bald ändern würde.
Ein anderer Wachmann sah auf und warf unvermittelt eine Batterie nach ihm, und dann mit ungeheurer Wucht noch eine zweite hinterher, die den muskulösen Europäer am Hals traf und nach hinten warf.
Überraschenderweise war Mister Stirnband zur Stelle und fing ihn auf.
Der Europäer schloss für einen kurzen Moment die Augen. Dann nickte er mit zusammengekniffenen Augen seinem neuen Freund dankbar zu. Er erstaunte ihn, dass dieser kleine, drahtige Mann eine solche Kraft aufgebracht hatte.
Jeder der Gefangenen hatte natürlich seine eigenen Gründe dafür, hier in dieser Zelle gelandet zu sein. Ihre Schmerzen aber teilten sie in gleichem Maße.
Draußen, vor der Volksbühne, riss der fünfjährige Junge, der noch immer die Hand seines Großvaters hielt, besorgt die Augen auf.
Das Quietschen von Autoreifen war zu hören. Ein unglaublich durchdringendes Geräusch, das über das Kopfsteinpflaster der Straße hinweg hallte.
Der Junge erstarrte vor Angst.
Mehrere maskierte Männer tauchten aus der drohenden Schwärze eines Fahrzeugs auf, packten den elegant gekleideten Europäer ohne jede Vorwarnung und zerrten ihn zu dem wartenden Mercedes-Lieferwagen.
»Opa!«, schrie der Junge. »Opa!«
Sie zogen seinem Großvater einen schwarzen Sack über Kopf. Sein Körper wand sich unter ihren Händen, er ächzte und stöhnte. Dann ballte er eine seiner Hände zur Faust und verpasste einem der maskierten Männer einen kraftvollen Hieb gegen die Kehle. Doch wenig später wurde er von ihnen überwältigt. Die Absätze und die Kappen seiner teuer wirkenden Schuhe kratzten über das Straßenpflaster, während er sich zu wehren versuchte, bekamen Schrammen, verloren ihren makellosen Glanz. Der Europäer bäumte sich ein letztes Mal auf, dann wurde er mit Gewalt in die Dunkelheit gerissen, die die Männer eben noch ausgespuckt hatte.
In ihrer unterirdischen Zelle entrollten die Männer ein schwarzes Stoffbündel. Eine Reihe von Werkzeugen, die sie aus scharfen Tierknochen und Bambusstöcken hergestellt hatten, kamen darin zum Vorschein. Aus einigen der selbstgebauten Werkzeuge ragten metallene Nadeln.
Der Europäer saß geduldig auf seiner Tatami-Matte und verfolgte aufmerksam die Handlungen seiner Mithäftlinge.
Einer der Gefangenen griff sich die achtlos weggeworfenen Batterien. Zuerst befeuchtete er etwas Toilettenpapier und begann die Batterien aneinanderzubinden. Dann befestigte er einen Draht an beiden Enden und schloss auf diese Weise den Stromkreis.
Der Europäer bemerkte, dass der Draht in der Mitte ausgefranst war und sich wie ein Feuerzeug aufzuheizen begann. Er warf einen Blick zu Mister Stirnband, der neben ihm auf einer anderen Matte saß.
Im fahlen Licht des Mondes, welches durch eine Öffnung einige Meter über ihnen herabschien, waren deutlich die zahlreichen Tätowierungen auf seiner Haut zu erkennen. Der Japaner drehte den Kopf und sah, dass der europäische Zellengenosse seinen auf diese Weise verzierten Rücken bewunderte. Der Europäer konnte nicht sagen, ob die Tätowierungen aus der Zeit ihrer Inhaftierung stammten, doch im Laufe der Jahre sollte er von dem Mann noch vieles...




