E-Book, Deutsch, 236 Seiten
Treiber Der blaue See ist heute grün
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7074-1734-0
Verlag: G&G Verlag, Kinder- und Jugendbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 236 Seiten
ISBN: 978-3-7074-1734-0
Verlag: G&G Verlag, Kinder- und Jugendbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sie wurde 1949 geboren. Jutta Treibers Werk umfasst Bilderbücher, Kinderbücher, Romane für Jugendliche und Erwachsene, Lyrik, Kindertheaterstücke, Hörspiele, Kurzgeschichten und Kurzfilme. Ihre Bücher wurden vielfach ausgezeichnet und in bisher 23 Sprachen übersetzt. Jutta Treiber hat an die 3000 Lesungen in 23 Ländern Europas (und Asiens) gehalten und gilt mittlerweile als eine DER österreichischen Kinderbuchautorinnen. Aber auch ihre Bücher für Erwachsene finden ein großes Echo bei Publikum und Presse. Für ihr Gesamtwerk wurde Jutta Treiber mit dem Würdigungspreis für Kinder- und Jugendliteratur ebenso ausgezeichnet wie mit dem Burgenländischen Landeskulturpreis für Literatur und Publizistik und dem Literaturpreis der Theodor-Kery-Stiftung.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Grün
Zwischen Schilf ein grauer Himmel. Die Föhren, die das andere Ufer säumten, spiegelten sich im Wasser. Wenn die Sonne schien, lag das Bild eines blauen Seidenhimmels darin. Aber dieser graue Himmel konnte nichts ausrichten.
Der blaue See war heute grün.
Sie war hierher gekommen, denn sie hatte es zu Hause nicht mehr ausgehalten. Hatte das Gefühl gehabt, dass ihre Haut platzen würde. Weg, nur weg. Gehen. Laufen. Irgendeine Art von Fortbewegung.
Sie war mit dem Rad gefahren, schnell. Die wenigen Kilometer aus dem Dorf, das sich Stadt nannte, auf der Landstraße, und dann den Forstweg entlang zum blauen See. Hatte gekeucht, als sie abgestiegen war. War den lehmigen Weg durchs Dickicht gegangen, hatte sich an den Rand des Wassers gesetzt. Beruhigte sich allmählich, keuchte nicht mehr so schwer.
Auf dem Wasserspiegel tanzten Schattenbilder.
Als sich im Teströhrchen ein kleiner roter Ring abgezeichnet hatte, war in ihrem Inneren eine Tür zugefallen und ein schwerer Riegel hatte sich vorgeschoben. Lebenslänglich! Plötzlich hatte sie Mauern um sich wachsen gefühlt, die sie von allem trennten, was ihr Leben bisher ausgemacht hatte. Nie wieder würde irgendetwas so sein wie bisher.
Im ersten Moment hatte sie sich einer trügerischen Hoffnung hingegeben. Ein Test war nicht hundertprozentig sicher. Sie machte die Augen zu, löschte alle Bilder im Kopf. Schaute wieder auf das Teströhrchen. Der rote Ring war da. Sie war nicht enttäuscht, weil sie die Täuschung schon vorher als solche erkannt hatte.
Noch nie hatte sie sich so einsam gefühlt.
Sie saß wie versteinert auf dem Boden. War lange Zeit unfähig sich zu rühren. Kauerte sich zusammen, schlang die Arme um die Beine, wiegte sich hin und her. Ihre Wangen brannten, sie drückte ihr Gesicht gegen die Knie.
Und plötzlich war diese Unruhe in ihr aufgestiegen, und Gisela hatte das Gefühl gehabt, ihre Haut müsse platzen. Und war dem Gefühl davongelaufen. Davongefahren.
Ein Frosch zappelte im See, das Wasser kreiselte. Wind strich durch das Schilf. Wenn der See blau gewesen wäre, hätte er vielleicht mehr Trost geben können. Aber der graue Himmel hatte wenig Kraft.
Sie war schon oft hierher gekommen, an den blauen See, der versteckt im Wald lag. »Mein blauer See«, hatte sie immer gedacht und sich gewundert, als sie einmal auch andere Leute dort gesehen hatte. Jetzt war Gisela allein.
Sie nahm einen flachen Stein, warf ihn übers Wasser. Wenn er zweimal aufspringt, geht alles gut, dachte sie und wusste selbst nicht, was gut gehen sollte. Der Stein hüpfte einmal auf und versank.
Die Baumwipfel bewegten sich stärker im Wind. Die Wolken waren dunkler geworden. Regentropfen tauchten ins Wasser. Wenn Gisela nicht klatschnass werden wollte, musste sie nun gehen. Konnte sie der Mutter gegenübertreten ohne sich zu verraten? Die Mutter bemerkte jede Veränderung, jede Stimmungsschwankung. Du hast irgendwas, sagte sie. Und ließ nicht locker, bis Gisela ihr gesagt hatte, was sie bedrückte. Früher hatte sie das als angenehm empfunden, erleichternd, doch mehr und mehr empfand sie es als Kontrolle. Gewissenspolizei. Sie war siebzehn und hatte ein Recht auf ein eigenes Leben. Doch wie weit würde es jemals noch ihr eigenes Leben sein?
Sie schaute auf die Uhr, wunderte sich, wie kurz die Zeit gewesen war, die sie am blauen See zugebracht hatte. Ging durchs Dickicht zurück zum Forstweg, wo sie ihr Rad abgestellt hatte.
Ein grüngrauer Jeep fuhr vorbei, und Giselas Stimmung sank wieder. Wegen eines vorbeifahrenden Jeeps, das war lächerlich. Dennoch, es schien ihr, als hätte der Jeep den kleinen Trost, den der See hatte geben können, wieder fortgenommen.
Sie bog in die Landstraße ein. Autolärm und Abgasgeruch schlugen ihr entgegen. Ich werde der Mama nichts sagen, dachte Gisela, während das Rad die Straße entlangrollte. Heute nicht. Ich werde niemandem etwas sagen, Georg am allerwenigsten. Die Sache geht ihn nichts mehr an, das ist meine Angelegenheit. Ich hasse ihn!, dachte sie und erschrak bei dem Gedanken.
Ich werde nichts sagen. Bis ich mir selbst im Klaren bin.
Wenn man Gedanken abstellen könnte! Abschalten wie einen Fön; damit sie aufhören würden zu surren und einem den Kopf heiß zu machen. Ich will nichts mehr denken. Ich will nichts mehr denken. Ich will nicht … Sie trat fester in die Pedale.
Die Mutter blickte sie forschend an. »Wo warst du?«
»Radfahren!«
»Bei dem Wetter?«
»Was für ein Wetter?«
»Ist irgendwas?«, fragte die Mutter.
»Was soll sein?«
»Ich weiß nicht«, sagte die Mutter, »du klingst so merkwürdig.«
Mutters Röntgenblick in die Seele. Ich klinge immer merkwürdig, wenn ich nicht wie vorprogrammiert reagiere. Und dann bin ich im ersten Moment stolz auf mich, und im nächsten Moment habe ich Schuldgefühle.
Entweder Ja (+) oder Nein (–).
So sicher wie im Labor.
Der Test liefert ein klares und unmissverständliches Ergebnis. Er reagiert schon auf geringe Konzentrationen des Schwangerschaftshormons HCG.
Zwei rote Linien nach fünf Minuten.
Das Ergebnis war positiv. Wobei positiv negativ war.
Etwas wuchs in ihr. Etwas, das sie nicht gewollt hatte. Etwas, das ein Mensch werden konnte, wenn sie es zuließ.
Gisela packte die Schultasche für den nächsten Tag. Das Leben ging weiter. Alle banalen Sätze kamen ihr in den Sinn, die sie immer gehasst hatte. All diese Erwachsenen mit all diesen Banalitäten. Das Leben geht weiter, mein Gott, wo sollte es sonst hingehen?
Mathematikbuch – das Leben geht weiter.
Geografiemappe – das Leben geht weiter.
Englischvokabeln – das Leben geht weiter.
Literaturliste – das Leben geht weiter.
Ein merkwürdiges Gefühl, dass das Leben tatsächlich weiterging.
Sie zog die Decke bis zum Hals. Die Mutter klopfte, kam ins Zimmer, setzte sich an den Bettrand. »Gisela«, sagte sie, »ich hab das Gefühl, dass dich etwas bedrückt. Dass du mir etwas verheimlichst. Möchtest du mir nichts sagen?«
Gisela schüttelte den Kopf. Nichts. Mama, es ist nichts, es ist schon was, aber ich kann noch nicht, lass mir Zeit, lass mich die Situation begreifen, lass mich … »Nein«, sagte sie, »es ist alles okay.«
Sie legte die Hände auf ihren Bauch. Der fühlte sich an wie sonst. Und dennoch: Die Tatsache, dass darin ein winziges Anderes war, machte sie ihrem eigenen Körper fremd.
Wenn man die Zeit zurückdrehen könnte! Wenn man an einen bestimmten Punkt seines Lebens zurückreisen könnte, wenn man Ereignisse ungeschehen machen könnte …
Ich kann es ungeschehen machen, dachte Gisela und wusste im selben Augenblick, dass es nicht wahr war. Ich kann die Folgen ungeschehen machen, nicht das Ereignis. Alle Ereignisse hinterließen Spuren, und es würde niemals mehr so sein, als wäre nichts geschehen. Dieses Ereignis würde die Zeitrechnung in ihrem Leben für immer teilen. In eine Zeit davor und eine Zeit danach.
Sie dachte an die Zeit davor. An die Pausengespräche mit ihren Freundinnen. Mit den anderen Mädchen in der Klasse. Die meisten nahmen die Pille. Sie sprachen sehr offen über ihre Erfahrungen. Gabi verbrachte die Wochenenden fast immer in der Wohnung ihres Freundes. Die anderen, deren Eltern nicht so tolerant waren wie Gabis, berichteten von Erlebnissen in abgelegenen Waldstücken, »sturmfreien Buden« und auf zurückgeklappten Autositzen. Bei solchen Gesprächen konnte Gisela nicht mitreden. Ihr war eher ein Rätsel, wieso die anderen es konnten. Manchmal dachte sie, die anderen würden die Geschichten nur erfinden. Um dazuzugehören. Manchmal fühlte sie sich wie in einem Druckkessel. Spürte rundum die mehrfach unausgesprochene Frage: Und wann ist es bei dir endlich so weit? Wann wird unser Superhirn mitreden können? Sie konnte sich denken, was die anderen über sie sagten: Gisi, das vergeistigte Wesen, hat für so was keinen Sinn. Muss lernen. Muss Wissen in sich reinstopfen. Hat keine Lust zum Schminken. Liest Sartre, nicht die Vogue.
Dabei mochte sie die anderen. Besonders Evamaria. Aber auch Gabi und Liane. Und die anderen mochten sie. Gisela war anerkannt, als »Superhirn« der Klasse; jederzeit bereit etwas zu erklären, bei Schularbeiten abschreiben zu lassen oder Schwindelzettel zu verteilen; sie gehörte dazu, war Teil der Klassengemeinschaft. Nur sexuelle Erfahrungen hatte sie noch keine, und das wurde, je länger dieser Zustand andauerte, ein immer größeres Manko.
Gisela nahm die Pille nicht. Es hatte wenig Sinn, sich mit Hormonen voll zu stopfen, wenn man keinen Freund hatte. Klüger, viel klüger wäre es gewesen, die Pille zu nehmen und dann ein selbstsicheres Lächeln aufzusetzen und zu signalisieren: Ich bin bereit! Aber das war nicht Giselas Stil.
Sie fand sich selbst ziemlich hässlich: die Oberschenkel zu...




