E-Book, Deutsch, 264 Seiten
Treller Der Gefangene der Aimaras
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3782-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 264 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3782-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Einem Weißen gelingt die Flucht aus der Gefangenschaft bei den Aimaras im heutigen Kolumbien. Nachdem er zu recherchieren anfängt, was seiner Familie passiert ist, sind bald wieder Mörder auf seiner Spur ...
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Die Flucht
Ein klarer Quell rann durch das Tal und suchte seinen Abfluß durch die Felshöhlungen; er murmelte unentwegt sein eintöniges Lied. Der Wind rauschte leise über die Felsen hin, und die Sonne schien warm vom unbedeckten Himmel in das stille Tal, das die Flüchtlinge barg. – Nach Stunden erst hob der Junge das Haupt, blickte sich prüfend um und erhob sich dann. Sein Blick fiel auf seine noch friedlich schlafenden Begleiter, er haftete auf dem klaren und reinen Gesicht des jungen Spaniers. Techpo nahm die Büchse auf und schickte sich an, an einer bestimmten, ihm wohlbekannten Stelle die Felswand zu erklettern. Oben kauerte er sich zwischen den Gräsern nieder und blickte auf die am Fuße des Felsens dahinführende Straße hinab, die auf viele Meilen hin den einzigen Zugang zum Tal der Aimaràs bildete. Er sah weit und breit nichts Lebendiges.
Er ging zurück und betrat nun den nach der Straße führenden Weg, den er am Abend zuvor eingeschlagen hatte. Vorsichtig bewegte er sich und bückte sich, um auf dem Boden nach Spuren zu forschen. Weder Mensch noch Tier hatten den Weg seit gestern betreten.
Da – Hufschlag ertönte; er kam vom Dorf her. Die Felsen mußten ihn dem Herannahenden verborgen haben. Schnell erkletterte er den Fels und barg sich hinter den Büschen, machte die Büchse schußfertig und legte sie neben sich. Dann ergriff er einen Stein von der Größe einer starken Männerfaust. Er wußte: der dort geritten kam, war ein an die Wächter ausgesandter Bote; er durfte sein Ziel nicht erreichen, wenn nicht alles verloren sein sollte.
Er lauschte aufmerksam und hörte: es war nur ein Pferd.
In scharfer Gangart näherte sich unten der Reiter; Techpo sah ihn nun und erkannte ihn. Es war einer der ältesten Bewohner des Tales, ein Mensch von finsterer, grausamer Gemütsart. Auf kaum zehn Schritt jagte der Mann an ihm vorbei. Der Junge hob den Arm und schleuderte den Stein. Am Hinterkopf getroffen, sank der Mann lautlos vornüber und glitt schwerfällig aus dem Sattel.
Im Augenblick war Techpo auf den Beinen. Behende wie eine Katze sprang er in den Hohlweg, die blitzende Machete in der Faust. Vom Kopf des gestürzten Mannes rieselte Blut.
Techpo lauschte, bewegungslos verharrend, auf ein Zeichen des wiederkehrenden Bewußtseins. Er lauschte vergebens. Der Mann war tot. Einen Augenblick dachte Techpo daran, dem Toten Büchse und Kugelbeutel zu nehmen, doch unterließ er es dann. Es war besser, sie glaubten, ein herabstürzender Stein habe ihn erschlagen.
Das Pferd des Indianers war in einiger Entfernung stehen geblieben. Techpo, dem das Tier bekannt war, lockte es mit Schmeichelworten zu sich heran. Vorsichtig tilgte er alsdann seine Fußspuren, schwang sich in den Sattel und ritt langsam weiter. In die nächste Schlucht zu seiner Rechten bog er ein. Als er auf Felsboden gelangt war, stieg er ab und leitete das Tier über rauhe Pfade zu der Höhle und durch diese in das Tal, in dem er die anderen zurückgelassen hatte.
Er fand die Gefährten bereits erwacht. Verwundert blickten sie auf das indianisch aufgezäumte Pferd. Techpo erklärte ihnen, wie er in dessen Besitz gelangt sei. Die Lauschenden staunten über die stoische Ruhe, mit der er den aufregenden Vorfall wiedergab.
»Die Botschaft an die Wächter ist zunächst verhindert«, sagte Techpo. »Hoffentlich gelingt es, ihre Augen blind zu machen, denn sie behüten den einzigen Pfad, der nach Osten hin einem Pferd den Durchgang erlaubt.« Mit Hilfe von Stahl, Stein und trockenem Reisig entzündete er ein Feuer und bereitete aus Vorräten, die er für seine längst geplante Flucht in der Höhle aufgespeichert hatte, das Frühstück. Es mundete den nun gut ausgeruhten Flüchtlingen vortrefflich. Der junge Spanier, dem der düstere Ernst des über seine Jahre kräftigen Jungen aufgefallen war, fragte ihn während des Essens nach seinem Namen.
Techpo zögerte einen Augenblick, dann sagte er: »Nennt mich Alonzo, so wurde ich früher von den Meinen genannt.«
»Weilst du schon lange unter den Wilden?«
»Sehr lange wohl schon«, antwortete der Junge, »ich weiß die Zahl der Jahre nicht.«
»Doch du bist noch jung.«
»Ja, ich glaube.«
»Und wie bist du unter die Indios gekommen? Wurdest du geraubt?«
Die schon unbewegten Züge des Jünglings verhärteten sich. »Sie haben die Meinen erschlagen und mich fortgeführt«, sagte er.
»Erschlagen!« Den Spanier schauderte es; er dachte an das ihm zugedachte Schicksal.
»Ja«, sagte Alonzo, den auch wir nun nicht mehr bei seinem indianischen Namen nennen wollen, »erschlagen! Vater, Mutter, die Geschwister – alle!«
Die steinerne Ruhe, mit der das gesagt wurde, erschütterte Don Fernando noch mehr als der grausige Inhalt der Mitteilung. Sie verschlug ihm für eine Weile die Sprache. Schließlich fragte er:
»Aber du hast noch Angehörige, die sich nach dir sehnen?«
Alonzo zuckte die Achseln: »Ich weiß es nicht. Ich sehne mich nur fort von diesen – Menschen.« Ruckartig veränderte sich der Ausdruck seines Gesichtes. »Aber sie sollen es büßen«, knirschte er; »ich bin stark und werde stärker. Die Eltern haben sie getötet, meine Seele haben sie in den langen Jahren gemordet, daß ich nicht mehr denken, kaum noch beten kann; sie sollen es büßen!«
Er schüttelte die Faust in der Richtung des Dorfes, und dieser Ausbruch jähen Zornes war um so überraschender, als er in schroffem Gegensatz zu der stoischen Ruhe stand, die der Junge sonst ebenso wie die Eingeborenen zur Schau zu tragen pflegte. Es währte aber nicht lange, da hatten seine Züge wieder ihren gewöhnlichen Ausdruck gelassener Ruhe. »Es ist alles gut«, sagte er, »es hätte schlimmer werden können.«
»Du wirst mit mir kommen, Alonzo«, sagte der Spanier; »das Haus meines Vaters wird fortan deine Heimat sein. Mein Vater ist reich und mächtig.«
»Wir sind noch nicht sicher«, bemerkte Alonzo nüchtern. »Der Weg ist lang durch die Berge zur Ebene hinab, und die Aimaràs sind flink in der Verfolgung.«
Aber der junge Spanier war in seiner wiedergewonnenen Sicherheit nun nicht mehr zu erschüttern. »Ich bin durch deine Hilfe diesen unheimlichen Priestern entkommen«, sagte er; »was noch vor uns liegt, werden wir auch noch meistern. Übrigens, glaubst du, daß sie wirklich die Absicht hatten, mich ihren Götzen zu opfern?«
»Daran ist gar kein Zweifel«, versetzte Alonzo.
»Und warum ließen sie dich am Leben?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht warteten sie, daß ich zum Mann erwachsen möchte.«
»Nun, lebendig bekommen sie mich ein zweites Mal nicht.« Des Spaniers Antlitz zeigte feste Entschlossenheit. »Holen sie uns ein, dann werden wir bis zum letzten Augenblick kämpfen.«
»Ja«, bekräftigte der Mestize, »auch ich will lieber im Kampf fallen, als mich auf den Opferstein schleppen zu lassen.«
»Das Wichtigste ist, daß wir den richtigen Weg finden«, sagte Alonzo, »ich kenne ihn nur eine Strecke weit.«
»Wir werden ihn weiter verfolgen«, versetzte der Mischling. »Weiter unten kenne ich die Berge und die Schluchten; ich bin ein Montanero.«
»Aber du stammst aus den Llanos?« fragte Alonzo den Spanier.
Der schüttelte leicht den Kopf. »Nicht ganz. Ich entstamme dem Norden des Staates. Da, wo die Ostkordilleren sich erheben, bin ich zu Hause. Aber ich habe einen Teil meines Lebens in den Llanos zugebracht.«
»Wie bist du in diese Berge gekommen?«
»Das Jagdfieber hat mich hinaufgetrieben«, lachte Don Fernando.
»Warst du allein?«
»Nein, ich hatte drei Begleiter bei mir, Indios aus den Vorbergen, die ich dort gemietet hatte. In einem Tal wurden wir von den Wilden überrascht. Meine Begleiter entflohen und ließen mich in der Hand der Räuber zurück.«
»Sie werden nicht weit gelangt sein«, sagte Alonzo ernst. »Die Aimaràs lassen keinen entkommen, der es verraten könnte, daß sie einen...




