E-Book, Deutsch, Band 25, 162 Seiten
Reihe: Kinder sind Kinder
Triarchi-Herrmann Mehrsprachige Erziehung
4. überarbeitete Auflage 2022
ISBN: 978-3-497-61607-7
Verlag: Ernst Reinhardt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie Sie Ihr Kind fördern
E-Book, Deutsch, Band 25, 162 Seiten
Reihe: Kinder sind Kinder
ISBN: 978-3-497-61607-7
Verlag: Ernst Reinhardt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Vassilia Triarchi-Herrmann ist Sprachtherapeutin und hat über mehrere Jahrzehnte als Referentin für Interkulturelles Lernen an staatlichen Institutionen und der Ludwig-Maximilian-Universität München gearbeitet. Was es bedeutet, in der Familie zweisprachig zu erziehen, kennt sie aus eigener Erfahrung. Sie ist Mutter einer zweisprachig griechisch-deutschen Tochter. Weitere Infos zum Thema finden Sie auf der Homepage des Vereins für frühe Mehrsprachigkeit www.fmks-online.de.
Zielgruppe
Eltern, ErzieherInnen, GrundschullehrerInnen
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2 Sprachentwicklung bei Mehrsprachigkeit
Ein Kind kann von Geburt an zwei oder mehrere Sprachen erwerben. Auch mit drei Jahren oder später kann es eine zweite oder dritte Sprache erfolgreich erlernen. Der mehrsprachige Spracherwerb verläuft nicht viel anders als der einsprachige. Meist bildet sich eine der Sprachen als starke Sprache aus.
Wie wird man zwei- oder mehrsprachig?
Um zwei, drei oder mehr Sprachen zu beherrschen, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten. Man kann z. B. bereits von Geburt an zwei, drei oder mehr Sprachen gleichzeitig erwerben. Man kann aber auch erst mit zwei, drei oder vier Jahren oder noch später anfangen, eine zweite oder dritte Sprache zu erlernen. Es gibt natürlich auch den Fall, dass sich eine Person nach der Pubertät, im Erwachsenenalter weitere Sprachen aneignet.
Es gibt zwei große Kategorien des mehrsprachigen Spracherwerbs:
Die simultane mehrsprachige Sprachentwicklung (auch als doppelter Erstspracherwerb bekannt): Diesen Erwerbstyp weisen Kinder auf, die von Geburt an mit zwei oder mehreren Sprachen aufwachsen.
Der Zweitspracherwerb: Er findet statt, wenn Personen eine zweite oder weitere Sprache(n) nach dem dritten Lebensjahr erwerben. Beim „Zweitspracherwerb“ werden zwei Unterkategorien unterschieden:
–der frühe Zweitspracherwerb: Hier werden Kinder einer zweiten oder dritten Sprache erst zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr ausgesetzt.
–der spätere Zweitspracherwerb: Diesen Spracherwerbstyp weisen Personen auf, welche eine zweite oder weitere Sprache erst nach dem siebten Lebensjahr erlernen.
Es wird immer wieder argumentiert, dass diese Art von Kategorisierungen des mehrsprachigen Spracherwerbs nur der Theorie diene und für die pädagogische und / oder sprachtherapeutische Praxis nicht sinnvoll sei. Im Rahmen meiner 30-jährigen Tätigkeit als Lehrerin und Sprachtherapeutin mehrsprachiger Kinder, hat das Wissen, dass Spracherwerbsprozesse bei den verschiedenen Kategorien des mehrsprachigen Spracherwerbs unterschiedlich verlaufen können, mir oft geholfen, die Sprachförderung bzw. -therapie effektiver zu gestalten.
Die simultane mehrsprachige Sprachentwicklung
Die simultane mehrsprachige Sprachentwicklung oder den „bilingualen Erstspracherwerb“ findet man in der Regel bei Kindern mehrsprachiger Ehen, in der jeder Elternteil mit ihnen seine eigene Erstsprache spricht wie bei Christine und Alexander:
Beispiel
Die fünfjährige Christine und der dreijährige Alexander gehen in einen deutschen Kindergarten in Hamburg. Ihr Vater stammt aus Madrid und ihre Mutter aus Berlin. Sie sprechen fließend Spanisch und Deutsch, weil, wie sie selber erzählen, „unser Papa zu uns immer Spanisch und unsere Mama Deutsch spricht“.
Eine simultane mehrsprachige Sprachentwicklung kann aber auch bei Kindern auftreten, deren beide Eltern eine andere Sprache sprechen als die der Umgebung. Hier ist die Familiensprache eine andere als die der Umgebung. Wichtige Voraussetzung einer simultanen mehrsprachigen Sprachentwicklung ist dabei, dass die Kinder von Geburt an bzw. in ihren ersten zwei oder drei Lebensjahren mit der Umgebungssprache sehr viele Stunden in Kontakt treten.
Beispiel
Sofia ist drei Jahre alt und geht in diesem Jahr zum ersten Mal in einen deutschen Kindergarten. Sie kann bereits Italienisch und Deutsch. Beide Eltern sind Italiener und arbeiten in Deutschland. Sofia kam vor dem Kindergarten bereits in eine deutsche Kinderkrippe, wo sie jeden Tag von 7.00 bis 16.00 Uhr betreut wurde.
Bei einer simultanen mehrsprachigen Sprachentwicklung werden die Kinder konstant zwei oder mehreren Sprachen ausgesetzt. Dadurch kann die Sprachentwicklung gleichzeitig in allen betreffenden Sprachen ablaufen. Die Erwerbsprozesse können somit in allen betreffenden Sprachen gleichzeitig stattfinden, wie wir später sehen werden. Das heißt aber nicht, dass alle Phasen einer Sprachentwicklung tatsächlich parallel verlaufen. Einige der Prozesse finden parallel statt, andere verlaufen eher nacheinander.
Welche Charakteristika weist die simultane mehrsprachige Sprachentwicklung auf?
Ihr wichtigstes Merkmal ist, dass die gesamte Entwicklung und Sozialisierung des Kindes von Geburt an durch mehrere Sprachen bestimmt und von Kulturen geprägt wird. Mit anderen Worten, nicht nur für den Spracherwerb sind alle betreffenden Sprachen wichtig, sondern auch die Denkentwicklung, die mit der Sprachentwicklung eng miteinander verknüpft ist, wird von allen betreffenden Sprachen beeinflusst. Das mehrsprachig aufwachsende Kind erfährt und lernt in der Regel für jede Bedeutung mehrere Begriffe. Dadurch wird einerseits sein Wortschatz bereichert, andererseits sein Denken gefördert. Manchmal sind nämlich die Bedeutungen, welche die Begriffe in allen betreffenden Sprachen haben, nicht absolut identisch.
Bei einem simultanen mehrsprachigen Spracherwerb wird die Gesamtentwicklung des Kindes durch mehrere Sprachen und Kulturen beeinflusst.
Beispiel
So hat das englische Wort „brush“ drei verschiedene Bedeutungen: „clothesbrush“, „toothbrush“ und „paintbrush“. Auf Deutsch wird das äquivalente Wort „Bürste“ aber nur für „Kleiderbürste“ und „Zahnbürste“ verwendet. Für die Bedeutung des Wortes „paintbrush“ verwendet man im Deutschen das Wort „Pinsel“.
Durch diese Nuancen von semantischen Unterschieden wird die Sprachfähigkeit der Kinder intensiv gefördert, wodurch sie lernen, sich differenziert auszudrücken. Auch die Denkfähigkeit, feine sprachliche und kulturelle Unterschiede wahrzunehmen und sie sich merken zu können, wird dadurch entfaltet. Darüber hinaus erleben die mehrsprachig aufwachsenden Kinder ihre Gefühle in allen betreffenden Sprachen. Ihre emotionale Welt wird mit Begriffen und deren Bedeutungen aus allen betreffenden Sprachen aufgebaut. Sprachen sind eng mit den Kulturen verbunden, die sie repräsentieren. Das Temperament, die Persönlichkeit und die Identität der mehrsprachig aufwachsenden Kinder werden von allen betreffenden Kulturen geprägt. Ebenso wird auch ihre Sozialisierung von den Normen, Sitten und Einstellungen aller betreffenden Kulturen geprägt.
Beispiel
Katerina ist 15 Jahre alt und wurde von Geburt an zweisprachig erzogen. Ihre Mutter ist Deutsche und ihr Vater Grieche. Die Familie lebt in Deutschland, fährt aber ein bis zwei Mal im Jahr nach Griechenland. Katerina besucht die griechische Abteilung an der Europäischen Schule und hat griechische und deutsche Freunde. Die Familie nimmt regelmäßig an griechischen Festen teil und pflegt Kontakt zu deutschen und griechischen Familien. Katerina fühlt sich nicht nur in beiden Sprachen, sondern auch in beiden Kulturen zu Hause. Sie tanzt und singt mit Freude (wie eine Griechin) und fährt Schi (wie eine Deutsche). Sie fühlt sich sowohl in der griechisch-orthodoxen als auch in der katholischen Kirche wohl. Sie ist sehr temperamentvoll und zeigt häufig ihre Gefühle auf eine spontane Art.
Wie wir bereits gesehen haben, spricht man bei einer mehrsprachigen Sprachentwicklung von zwei oder mehreren Erstsprachen, die sich auch nicht selten in den ersten Jahren parallel entwickeln können. Mit der Zeit aber dominiert häufig eine der betreffenden Sprachen, in der Regel diejenige, die auch die Sprache der Umgebung ist. Die Sprache aus dem Umfeld des Kindes ist normalerweise auch diejenige, die in der Sprachentwicklung als erste die verschiedenen Entwicklungsphasen durchläuft und später zu der starken Sprache des Kindes werden kann. Die anderen Sprachen, die meistens wenige Leute in der Umgebung des Kindes sprechen, folgen in den Phasen der Sprachentwicklung nach und werden häufig in späteren Jahren die schwachen Sprachen des mehrsprachigen Kindes.
Der frühe Zweitspracherwerb
In diesem Fall erlernen die Kinder zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr eine zweite oder dritte Sprache. Ihr Erstspracherwerb befindet sich bereits in einem relativ fortgeschrittenen Entwicklungsstadium. Sie haben bereits einen Grundwortschatz und beherrschen die Grundstrukturen der Grammatik und der Morphologie in ihrer Erstsprache. Außerdem verfügen sie bereits über einen großen Teil der Laute bzw. der Lautverbindungen des Lautinventars sowie über die Intonation ihrer Erstsprache. Dieses Sprachwissen beeinflusst die Erwerbsprozesse der zweiten oder dritten Sprache. Wie gut das Kind seine Zweitsprache erwerben wird, hängt, wie wir später sehen werden, von der Qualität und Quantität des sprachli chen Angebots ab, das es in dieser Sprache täglich erhält. Dabei spielen die Gefühle des Kindes für die zweite Sprache und für die Menschen, die diese Sprache sprechen, eine entscheidende Rolle. (? S. 75).
Durch das Lernen einer Zweitsprache könnte die Erstsprache in Rückstand geraten.
Häufig schreitet die Entwicklung der zweiten oder dritten Sprache voran, während sich die Erstsprache, so wie bei Maria, kaum weiterentwickelt.
Beispiel
Maria ist zehn Jahre alt und besucht zurzeit eine deutsche Grundschule in München. Sie wurde in Athen geboren und kam erst mit drei Jahren nach Deutschland, weil ihre Eltern beruflich nach Deutschland versetzt wurden. Maria besuchte drei Jahre lang einen deutschen Kindergarten. Sie lernte schnell Deutsch. In der 4. Klasse hat sie einen...




