Tricoire | Die Aufklärung | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Tricoire Die Aufklärung


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8463-6036-1
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-8463-6036-1
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Aufklärung ist für das Selbstverständnis der liberalen Demokratie zentral. Dieses Buch bietet eine grundlegend neue Erzählung der Aufklärungsgeschichte, die sowohl in berühmte Werke (von Leibniz, Voltaire, Rousseau, Kant oder auch Adam Smith) und klassische Themenfelder (politische Theorie, Theologie, Toleranz) als auch in neue Fragenkomplexe (Gender, Rassismus, Kolonialismus) einführt. Kunst- und ideengeschichtliche Aspekte kommen hierbei ebenso zur Geltung wie Fragen der Politik- und Sozialgeschichte, die die Aufklärung als europäisches wie globales Phänomen fassbar werden lassen. Das Ergebnis ist überraschend: Anstatt die geistige Wiege der säkularen und liberalen Moderne zu sein, stand die Aufklärung in der Kontinuität mit der religiösen mittelalterlichen Gedankenwelt.

Damien Tricoire ist Inhaber der Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Trier.
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Vorwort


Als man mich vor einigen Jahren fragte, welches Handbuch ich Studierenden als Einführung in die Geschichte und Kultur des 18. Jahrhunderts zu lesen gebe, war ich etwas ratlos, denn ich greife in der Lehre selten auf Einführungsliteratur zurück. Der Grund ist eine gewisse Skepsis gegenüber dem Lehrbuch, wie es klassischerweise konzipiert wird: als geglättetes Kompendium von Fakten, aus dem die Unsicherheiten und Debatten der Forschung weitgehend ausgeklammert sind. Wenn man das Studium an der Universität vor allem als eine Auseinandersetzung mit der Entstehung von Wissen versteht, sind Handbücher, wie ich sie im Grundstudium las, nur bedingt hilfreich.

Das vorliegende Buch ist sicherlich nicht die erste Einführung in die Geschichte und Kultur des 18. Jahrhunderts, die Einblicke in die Forschung gibt. Dennoch glaube ich, dass es sich von den anderen Überblicksdarstellungen unterscheidet, weil es in einem besonderen Maße einen Spagat wagt: Das Buch versteht sich einerseits als eine Einleitung in die Geschichte und Ideenwelt der Aufklärung für Studierende, die – wie viele andere Einführungen auch – die meisten berühmten Protagonisten der Aufklärung und ihre Werke präsentiert. Andererseits durchziehen dieses Buch manche Thesen, die nicht zum Standardrepertoire in der universitären Lehre gehören und in der Forschung zum Teil umstritten sind. So wird man mir vielleicht mit einigem Recht vorwerfen können, dass ich mir in einem Lehrbuch die Freiheit genommen habe, jene Thesen zu verteidigen, die ich überzeugend finde. Meines Erachtens ist dies jedoch unausweichlich: Diesem Buch liegt die tiefe Überzeugung zugrunde, dass es so etwas wie eine neutrale Erzählung der Aufklärungsgeschichte nicht geben kann, das heißt, dass jede historiographische Erzählung zu diesem Thema zwangsweise eine Stellungnahme in Debatten impliziert. Die Aufklärungsforschung ist dafür allzu sehr mit erinnerungspolitischen Kontroversen verflochten. Um Studierenden und Nichtspezialisten eine Orientierung zu bieten, habe ich mich jedoch bemüht, meine Thesen immer als solche zu kennzeichnen und anderweitige Meinungen darzustellen.

Viele Kapitel sind durch meine eigene, mittlerweile mehr als zehnjährige Forschung zur Aufklärung geprägt. Während die Aufklärung meistens als historische Zäsur, als Neuanfang, als Ursprung vieler heutiger Ideen und Werte verstanden wird, plädiere ich für ein komplexeres Verhältnis zwischen Neuem und Altem. Für ein besseres Verständnis der Aufklärung scheint es mir geboten zu sein, stets zu bedenken, wie stark die Aufklärung von vormodernen sozialen Strukturen und Diskursen geprägt war. Deshalb richtet sich das vorliegende Buch nicht nur an Studierende, sondern es möchte auch dem Fachpublikum einen neuen Zugang zur Geschichte der Aufklärung vorstellen.

Dieser Ansatz – der eigentlich unter dem Begriff der Historisierung zu den Grundlagen historischen Arbeitens gehört – wird immer wieder mit einer Aufklärungskritik verwechselt. So hat der wissenschaftliche Essay Falsche Freunde, den ich zusammen mit Andreas Pecar verfasst habe, teils heftigen Protest sowohl im Fach als auch in der breiteren Öffentlichkeit hervorgerufen: Unser Plädoyer für eine weitergehende Historisierung und enge Kontextualisierung der Aufklärung, die eine Distanzierung sowohl gegenüber dem liberaldemokratischen Erinnerungsort „Aufklärung“ als auch gegenüber der postmodernen Aufklärungskritik impliziert, ist teilweise als gegenaufklärerisches Manifest missverstanden worden. Ich möchte an dieser Stelle betonen: Wenn ich zeige, wie Voltaire oder Diderot im Dienste von Höflingen arbeiteten oder wie Kant rassistische Ideen entwickelte, bezwecke ich keine Kritik der Aufklärung. Auch wenn der persönliche Wertehorizont – in meinem Fall der liberaldemokratische – niemals vollkommen ausgeblendet werden kann, habe ich mich bemüht, die Logiken hinter dem Denken und Handeln der Protagonisten der Aufklärung zu verstehen. Ich möchte ihre Hoffnungen und Befürchtungen nachvollziehbar machen und ihr großes Projekt eines moralischen Fortschritts, ihre Angst vor dem Versagen sowie die enormen Zwänge, mit denen sie konfrontiert waren, darstellen.

Es ist Zeit, dem Schlachtfeld, auf dem sich Freunde und Feinde der Aufklärung bekämpfen, den Rücken zu kehren. Der Philosoph Michel Foucault sprach von der „Erpressung der Aufklärung“ („chantage des Lumières“), das heißt von der bereits von Aufklärungsphilosophen vorgebrachten Forderung, man solle für oder gegen die Aufklärung Stellung nehmen und könne sich einer Positionierung nicht entziehen. Manche führenden Stimmen im Fach – etwa Antoine Lilti – glauben, die Geschichtswissenschaft könne dem Ping-Pong-Spiel zwischen Anklage und Apologetik nicht entkommen. Das Konzept der Aufklärung sei derart normativ aufgeladen, dass deren konsequente Historisierung zum Scheitern verurteilt sei. Das Beste, was man machen könne, sei, sich des eigenen normativen Bias bewusst zu werden. Folgt man diesem Ansatz, so bleibt nichts anderes übrig, als eine Bilanz der „Erbes der Aufklärung“ zu ziehen, in der positive Seiten den negativen gegenüberstehen.1 Meines Erachtens ist ein solcher Ansatz jedoch zu defätistisch und – in letzter Konsequenz – vielleicht sogar bedenklich. Die Geschichtswissenschaft sollte nicht das Ziel aufgeben, konsequent zu historisieren und anachronistische Interpretationen zu widerlegen. Das Produkt eines solchen Unternehmens wird zwar stets standort- und zeitgebunden sein, doch das Streben nach adäquaten Beschreibungen der Vergangenheit, das mit dem Historisierungsversuch einhergeht, bleibt ein wichtiges Regulativ jedweder Geschichtsschreibung; es ermöglicht wissenschaftliche Bewertungskriterien und also eine wissenschaftliche Diskussion.

Ich sehe zwei Möglichkeiten, der „Erpressung der Aufklärung“ zumindest ein Stück weit zu entkommen: erstens, indem man die Aussagen von Aufklärern eng kontextualisiert, das heißt, ihre Bedeutung im Rahmen der damaligen Gesellschaft zeigt – eine Bedeutung, die sich vielfach von derjenigen unterscheidet, die wir rückblickend hineinprojizieren. Zweitens kann man Kontinuitäten zwischen aufklärerischem Denken und älteren Traditionslinien thematisieren und sich dadurch der Distanz zu unserem modernen Denken bewusst werden. Diesem doppelten Ansatz bin ich hier gefolgt; und so hoffe ich, manche Denkanstöße zu geben, die zukünftig helfen können, eine konsequentere Historisierung der Aufklärung herbeizuführen.

Dieser Historisierungsversuch erklärt, weshalb ich keine Bilanz der Aufklärung ziehen möchte und nicht versuchen werde, positive und negative Seiten der Aufklärung auszumachen. Dies impliziert auch, dass ich nicht nach einem „Erbe“ der Aufklärung suchen werde. Da dies von vielen sicherlich erwartet wird, möchte ich meine Gründe klarstellen.

Ein „Erbe“ auszumachen heißt, das Feld der Geschichte des 18. Jahrhunderts zu verlassen. Es bedeutet, sich am Aufbau eines kollektiven Gedächtnisses zu beteiligen, anstatt Geschichtsforschung zu betreiben. Es ist meine feste Überzeugung, dass ein solches Unterfangen das Verständnis der Kultur und Gesellschaft des 18. Jahrhunderts massiv erschwert hat und weiterhin erschwert. Zwar konnten Menschen aus späteren Epochen an bestimmte Ideen, die in der Aufklärung formuliert worden waren, anknüpfen. Man denke zum Beispiel an die Menschenrechte, an das Postulat einer Hierarchie zwischen „Menschenrassen“, an die Personalisierung und Sakralisierung der Natur, an die Betonung des natürlichen Moralsinns oder auch an die Vorstellung, dass Wissen von Erfahrungen herrühre, die durch der menschlichen Natur inhärente Wahrnehmungsstrukturen Formen annehmen. Doch die Anknüpfung an ältere Ideen bedeutet stets eine kreative Aneignung, die Begriffen eine neue Bedeutung verleiht und zur Formulierung neuer Gedanken führt. Man kann zwar Ursprünge heutiger Denkmuster in der Vergangenheit ausmachen, genauso wie man Ursprünge aufklärerischer Ideen in der Antike oder im Mittelalter erkennen kann. Diese Ursprünge sind aber nichts anderes als Vorbedingungen von etwas Neuem. Es ist wichtig, sich bewusst zu werden, dass wir nicht das Gleiche denken wie Menschen im 18. Jahrhundert, ja dass wir vermutlich den Menschen der Aufklärungszeit nicht näher stehen, als diese dem Mittelalter nahestanden.

Auch kann man solche Ursprünge der Moderne in jedem Jahrhundert erblicken. Historisch forschende Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen tendieren teils aus Begeisterung für ihren Forschungsgegenstand, teils aus Marketingüberlegungen dazu, in „ihrem“ Jahrhundert die „Erfindung von …“ und die entscheidende historische Zäsur zu verorten. Diese Neigung ist in der Forschung zum 18. Jahrhundert besonders ausgeprägt. Eine solche Logik dient jedoch selten einem besseren Verständnis des eigenen Forschungsobjekts. Es gibt meines Erachtens keinen Grund anzunehmen, dass das 18. Jahrhundert in einem besonderen Maße das Fundament der Moderne – was auch immer darunter zu verstehen sei – gelegt hat. Das 16., das 17., das...



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