E-Book, Deutsch, 672 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Tristan und Isolde
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401250-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 672 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-401250-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gottfried von Straßburg ist der Name des urkundlich nicht nachgewiesenen Dichters des elaboriertesten und reflektiertesten deutschsprachigen Tristanromans und mutmaßlichen Verfassers von Lyrik. Er lebte wohl von der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts bis um 1220 und wird in einigen Handschriften und von den Fortsetzern »meister« genannt, was auf gelehrte Bildung hinweist. Heinrich von Freiberg und andere bringen mit der Nennung »Gotfrit von Strâzburc« die Anbindung an die Bischofsstadt Straßburg ins Spiel, in den alemannischen Raum weist auch die Überlieferung.
Weitere Infos & Material
Gottfried intoniert eine Ouvertüre von großem Sprachklang, selbstbewußt und souverän. Ihr vorangestellt ist ein großes G. Eine Initiale für Godefridus? Ein Großbuchstabe für Gott, der hier, indirekt, um Beistand gebeten wird? Ein dankbarer Hinweis auf einen Grafen? Hier ist viel gerätselt worden, der Punkt muß offenbleiben.
Auffällig sind weitere Initialen, die, in der Reihenfolge von Strophenanfängen, einen Namen ergeben: DIETERICH. Dieses Akrostichon habe ich in der Übertragung nachgebildet, hier dürfte der Name des Mäzens genannt sein, der das entstehende Werk unterstützte oder erst ermöglichte.
Diesen zehn Initialen schließen sich gleich zwei weitere an: ein T und ein I. Bald darauf die Umkehrung: ein I und ein T. Das Schema wird fortgeführt, schließlich sind ein TRIS und ein ISOL parallelgesetzt. Schon daran zeigt sich: Der große Roman konnte nicht vollendet werden.
Die Buchstabenzeichen werden von Gottfried nicht kommentiert. Doch er äußert sich in eigener Sache: Ein gutes Werk, auch der Literatur, soll angemessen gefeiert und gefördert werden. Folgt eine Absichtserklärung: Dem noblen Publikum will er – zu Unterhaltung und Belehrung – die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe erzählen. Es wird also nicht nur ein Tristan-Roman vorgelegt, sondern die Geschichte der Liebe von Tristan und Isolde präsentiert. Und zwar für Leser und Zuhörer, die selbst die Erfahrung intensiver Liebe gemacht haben oder unter Einwirkung solch einer Erfahrung stehen. Schließt sich die Frage an, wie man mit dieser Geschichte umgeht; einige Vorsichtsmaßnahmen werden angedeutet, denn dies alles ist brisant.
Ehe Gottfried mit der Vorgeschichte der Eltern Tristans beginnt, einer großen und großartigen Intonation des Themas Liebe, erörtert er kurz noch die Quellenlage, begründet seine Entscheidung für die französische Vorlage seiner Nachdichtung: den Tristan-Roman des Thomas aus der Britannie.
Gedächte man im Guten nicht
des Mannes, der das Gute tut,
so wäre alles wie ein Nichts,
was man der Welt an Gutem tut.
Der noble Mann, was er der Welt
in guter Absicht Gutes tut –
wer hier nicht etwas andres als
das Gute sieht, der handelt schlecht.
Ich hör, daß oft verrissen wird,
was man doch gern begrüßen will:
an Schwachem gibt es allzu viel –
man will oft, was man gar nicht will.
Es sollte sein: daß man preist,
was man sich gern zu eigen macht;
man nehm mit Wohlgefallen an,
was einem weiterhin gefällt.
Teuer, lieb ist mir der Mann,
der unterscheidet: gut und schlecht,
der mich und jeden andren Mann
beurteilt nach dem wahren Wert.
Es fördern Gunst und Lob die Kunst,
sofern die Kunst das Lob verdient;
wo sie den Flor des Lobs erhält,
floriert die Kunst in jedem Zweig.
Runter gehts mit einem Werk,
das man nicht lobt und honoriert;
im Ansehn steigt jedoch ein Werk,
das Gunst und Lob zu Recht erwirbt.
Ist es nicht bei vielen Brauch,
daß Gutes sie als schlecht bezeichnen,
das Schlechte wiederum als gut?
Die fördern nicht, die widerfördern!
Coulantes Urteil, wahre Kunst –
gemeinsam hellen sie sich auf;
doch nistet sich die Mißgunst ein,
verdämmern Kunst und Urteilskraft.
Ha, Vollendung: schmal die Stege
zu dir hin, die Wege schwer!
Doch wer zu dir die Stege, Wege
erwegt, erstegt, der sei gesegnet!
Trödelei mit meiner Zeit,
obwohl ich reifen Alters bin –
da würd ich dieser Welt nicht so
geweitet sein, wie ich es bin.
Ich hab mir für die hohe Welt
nun eine Arbeit vorgenommen;
sie sage noblen Herzen zu –
den Herzen, die ich herzlich liebe,
der Welt in meinem Herzensblick.
Die Welt der Mehrzahl mein ich nicht,
von der ich mir erzählen lasse,
daß sie kein Leid ertragen kann
und sich nur Freude machen will –
die laß denn Gott in Freude leben …
Jener Welt und solchem Leben
wird mein Erzählen unbequem –
ihr Leben divergiert von meinem!
Ich denk an völlig andre Menschen,
deren Herzen dies umschließen:
ihr süßes Bittres, schönes Leid,
ihr Herzensglück, ihr Liebesleid,
und schönes Leben, schweren Tod,
den schönen Tod und schweres Leben.
Leben will ich leben,
Welt bleib ich geweitet,
ich stehe, falle nur mit ihr.
Ich hab bisher mit ihr gelebt,
hab meine Zeit verbracht mit ihr,
die meinem Leben (so bedrückend!)
Geleit, Belehrung geben sollte.
Dieser Welt leg ich mein Werk
nun vor zur Unterhaltung;
ich will mit dem, was ich erzähle,
halbwegs lindern, was für sie
Schmerz ist, der sie sehr bedrückt,
will ihr Leid damit verringern.
Denn faßt man etwas in den Blick,
womit sich das Gemüt beschäftigt,
entkümmert es Bekümmernis,
ist heilsam gegen Herzenskummer.
In diesem Punkt stimmt jeder zu:
Wo einen Menschen in der Muße
die Liebesqualen überlasten,
dort steigert Muße Liebesqualen;
zum Liebesschmerz noch Müßiggang,
da wächst nur noch der Liebesschmerz!
Und so empfiehlt sich: Wessen Herz
voll Herzenspein ist, Liebesleid,
der richte seinen Sinn darauf,
Beschäftigung für sich zu suchen;
sogleich kommt sein Gemüt zur Ruhe –
was fürs Gemüt zur Wohltat wird …
Doch rate ich entschieden ab,
daß ein Mensch, der Liebe will,
Zerstreuung sucht in einer Weise,
die schlecht ist für die reine Liebe.
Jeder, der wahrhaftig liebt,
befasse sich, mit Herz und Mund,
mit der Geschichte einer Liebe,
versüße sich damit die Zeit.
Zu weit verbreitet ist die Meinung,
die ich zu gerne teilen würde:
Je mehr ein liebendes Gemüt
sich einläßt auf erzählte Liebe,
desto mehr wird es belastet …
Ich stimmte dieser Meinung zu,
doch hindert mich daran ein Punkt:
Wo Liebe aus dem Innern kommt,
da löst das Herz sich nicht von ihr,
auch wenn sie dieses Herz sehr quält.
Gemüt, das aus dem Innern liebt:
je stärker, stärker das entbrennt
in seiner Glut der Leidenschaft,
desto feuriger die Liebe!
Dieses Leid ist so voll Glück,
dies Elend tut so herzlich gut,
daß es ein nobles Herz verschmerzt –
es wird dadurch erst recht beherzt.
Ich weiß mit voller Sicherheit,
ich schließe das aus meinem Leid:
Der noble Mensch als Liebender
schätzt Geschichten von der Liebe.
Nun, wer Geschichten sucht der Liebe,
der ist hier an sein Ziel gelangt:
aufs schönste will ich ihm erzählen
von noblen Menschen in der Liebe,
die reine Liebe offenbarten:
der Liebende, die Liebende,
der Mann die Frau, die Frau der Mann,
Tristan-Isolde, Isolde-Tristan …
Ich weiß durchaus, es haben viele
erzählt von Tristan und gelesen,
doch hat kaum jemand über ihn
erzählt, gelesen, was auch stimmt.
Täuschte ich nun freilich vor,
und spräch es als mein Urteil aus:
Daß mir nicht der Versionen
des Romans gefallen will,
so verhielte ich mich falsch.
Das tu ich nicht. Sie haben schön
erzählt und mit Noblesse,
mir zum Besten und der Welt.
Ja, ihre Absicht, sie war gut;
was man in guter Absicht tut,
das auch gut, ist wohlgetan.
Doch wenn ich sagte, daß sie nicht
erzählten, lasen, was auch stimmt,
so trifft, was ich euch sage, zu:
sie blieben nicht bei der Tradierung,
der Thomas der Britanne folgt;
als großer Kenner der matière
studierte er Britannen-Bücher
zu Lebensläufen hoher Herren
und brachte dies für uns heraus.
Die authentische Version,
die er uns von gibt,
suchte ich gewissenhaft
in Büchern beider Sprachen:
in Latein und auf romanisch,
und gab mir darauf alle Mühe,
dies, nach richtiger Tradierung,
richtig nachzudichten.
Umfangreiche Studien trieb ich,
bis ich zuletzt in Buch
die komplette Fassung fand,
die Thomas der matière gegeben.
Was ich dort von der Geschichte
der Liebe las, der Leidenschaft,
das lege ich, aus freien Stücken,
allen noblen Herzen vor;
sie mögen sich mit ihr befassen:
sie wird den Lesern nützlich sein.
»Nützlich? …« Äußerst nützlich, ja:
sie macht die Liebe lieb und nobelt
das Gemüt, sie festigt, was loyal ist,
verleiht dem Leben höchsten Wert!
Wer liest, wer sich erzählen läßt
von einer derart großen Treue,
dem wird, in seiner eignen Treue,
die Treue lieb, auch weitre Tugend.
Liebe, Treue und Konstanz,
Ehre, weitre hohe Werte –
wird einem nirgendwo
so wichtig und so lieb wie dort,
wo man erzählt von Herzensliebe
und Liebes-Herzeleid beklagt.
Liebe ist ein solcher Glücksfall,
ist als Regung so beglückend,
daß ohne dieses Lockbild niemand
Vortrefflichkeit und Ruhm...




