Trocmé / Orth | Eine Jugend außerhalb der Normen - Erinnerungen, Band I | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 4, 312 Seiten

Reihe: Sonderausgabe edition pace

Trocmé / Orth Eine Jugend außerhalb der Normen - Erinnerungen, Band I

Mit Begleittexten von Patrick Cabanel, Nicolas Bourguinat und Frédéric Rognon - aus dem Französischen übersetzt von Gottfried Orth
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-9950-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Mit Begleittexten von Patrick Cabanel, Nicolas Bourguinat und Frédéric Rognon - aus dem Französischen übersetzt von Gottfried Orth

E-Book, Deutsch, Band 4, 312 Seiten

Reihe: Sonderausgabe edition pace

ISBN: 978-3-6957-9950-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Pazifistin, Sozialistin und Widerstandskämpferin Magda Trocmé, geb. Grilli di Cortona (1901-1996) zeichnete sich durch Mut und Freude an neuen Wegen aus. Sie war berufen zu einem sozialen und erzieherischen Engagement in Solidarität mit den am meisten benachteiligten Brüdern und Schwestern in der Menschheit. Nahezu ein ganzes Jahrhundert umfassen ihre Erinnerungen, geschrieben für den engen Kreis der Familie Trocmé, die Kinder und Enkel. 2017 und 2021 wurden sie in Frankreich der Öffentlichkeit durch Edition und Begleitkommentare von Frédéric Rognon, Nicolas Bourguinat und Patrick Cabanel zugänglich gemacht. Der hier vorgelegte erste Band vermittelt der deutschsprachigen Leserschaft die Abenteuer eines bürgerlichen Bewusstseins, das dann am genauesten erfasst wird, wenn jemand aus ihm aussteigt. Schon in ihren jungen Jahren weigerte sich Magda Grilli di Cortona Trocmé, "ihre Religion" kirchlichen Vorgaben zu unterwerfen, sich in engen Räumen und hinter hermetischen Grenzen zu verschanzen. Ihre Jugend verlief nicht nur ungewöhnlich und außerhalb des Alltäglichen, sondern war im eigentlichen Sinne: eine Jugend außerhalb der Norm. Erster von zwei Bänden der "Erinnerungen" - in der Reihe: edition pace, übersetzt und herausgegeben von Gottfried Orth. Kooperationspartner: Kuratorium 'Abrahamskrone', Lebenshaus Schwäbische Alb, Ökumenisches Institut für Friedenstheologie.

Magda Trocmé, geb. Grilli di Cortona (1901-1996): Widerstandskämpferin, Pazifistin, Sozialistin. Sie war beteiligt am französischen Widerstand gegen Hitler und das Vichy-Regime sowie an der us-amerikanischen Bürgerrechts- und der weltweiten Friedens-, Antiatomwaffen- und Versöhnungsbewegung. 'Gerechte unter den Völkern'. Ehefrau von André Trocmé und Pfarrfrau.
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Einleitung Zu den Quellen eines engagierten Lebens


Der vorliegende Band bietet dem Leser ein Zeugnis von seltener Einzigartigkeit. Dies liegt zunächst einmal am biografischen Werdegang der Autorin: Magda Grilli di Cortona (1901-1996). Sie wurde in Florenz als Tochter eines Ingenieurs und Obersts der königlichen italienischen Armee (Oscar Grilli di Cortona) und einer Mutter (Elena Nelly Wissotzky Poggio) geboren, die von russischen Exilanten in Sibirien abstammte, die 1825 am Aufstand der „Decembristen“ in Sankt Petersburg gegen den Zaren teilgenommen hatten: Magdas doppelte Genealogie nimmt bereits nationale und konventionelle Grenzen nicht ernst.1 Ausgehend von diesen Wurzeln wird tatsächlich ihr ganzes Leben von einer großen Freiheit gegenüber der Normalität geprägt sein. Ihre Mutter starb einen Monat nach ihrer Geburt im Alter von 23 Jahren an Kindbettfieber, und ihr untröstlicher Vater schrieb auf ihr Grab den pathetischen Aphorismus: „Wie eine Blume, die sterbend Frucht bringt …“. Vor allem aber wird man Magda lange Zeit die Schuld an ihrem Status als mutterlose Tochter aufbürden. Ihre Suche nach einer Identität wird von da an von tiefen metaphysischen und existenziellen Fragen begleitet. Als sie im Alter von neun Jahren erfuhr, dass ihr Vater Margherita Fiorani heiraten würde, wurde sie nicht zur Hochzeit eingeladen und von ihrer Stiefmutter nach und nach aus der Familie verstoßen.

Magda wächst in einem sehr stark katholisch geprägten Italien auf, aber ihre Großmama mütterlicherseits war zum Protestantismus konvertiert und sie wurde folglich in der Waldenserkirche getauft. Magdas Jugend war also in dreifacher Hinsicht gegenüber der vorherrschenden Konformität von Fremdheit geprägt: Kind ohne Mutter (und von ihrer Stiefmutter abgelehnt), Nachkomme politisch verfolgter Ausländer in Italien und zugehörig zur absoluten protestantischen Minorität. Nachdem sie von italienischen Kindermädchen und später von deutschen und englischen Gouvernanten erzogen wurde, besuchte sie den Kindergarten und die Grundschule in der Trägerschaft des aus Deutschland stammenden Verbandes der Diakonissen von Kaiserswerth.

Im Alter von acht Jahren wird sie dort Internatsschülerin. Fünf Jahre später wurde sie in das katholische Internat der Mantellaten aufgenommen, wo sie fünf Jahre lang blieb. In diesen prägenden Jahren schwankte sie zwischen den christlichen Konfessionen, hinund hergerissen zwischen einem tröstenden, mütterlichen Katholizismus, der eine sanfte Sicht auf den Tod vermittelte, und einem strengen Protestantismus, der sich jedoch als ein Ferment der Freiheit darstellte. Schließlich gab sie dem Druck nach, sich im Alter von 12 Jahren in die römische Kirche umtaufen zu lassen. Dann änderte sie ihre Ansicht und kehrte schließlich zum waldensischen Protestantismus ihrer Großmama zurück, während sie ihre eigene Religion entwickelte.

„Magdas Religion“, wie sie später von ihrem Mann genannt wurde, ist eine wahre Ode an die Freiheit, die Gerechtigkeit und das soziale Engagement. Schon sehr früh fühlte sich Magda dazu berufen, ihr Leben dem Dienst an den Ärmsten und den vom Leben Gebeutelten zu widmen. Ihre Stiefmutter hinderte sie daran, an der Universität zu studieren, und so wurde sie in eine Schule für Mädchen aus gutem Hause gesteckt, in der man Haushaltsführung lernte. Trotzdem gelingt es ihr, eine Ausbildung in italienischer Literatur zu absolvieren. Neben ihrem Studium engagiert sie sich in protestantischen diakonischen Werken, insbesondere in der UCJF (Union chrétienne de jeunes filles). In den eher armen Vororten von Florenz half sie jungen Mädchen in Schwierigkeiten und alleinerziehenden Müttern, die von ihren Familien verstoßen wurden. Durch ihr sozialpädagogisches Engagement erhielt sie ein Stipendium, um im Alter von 24 Jahren in die USA zu gehen und dort ein Jahr lang an der New York School of Social Work zu studieren. Im International House, in dem sie während ihres Aufenthaltes in den USA wohnte, lernte sie André Trocmé (1901-1971) kennen. Sie beschließen, nach ihrer Rückkehr nach Europa zu heiraten. Die vorliegende Erzählung endet mit ihrer Hochzeitsreise in die Schweiz und nach Italien im Jahr 1926.

Es sind also die Erinnerungen an die ersten fünfundzwanzig Jahre von Magda Trocmé, die wir veröffentlichen. Es ist ihr nahezu unbekannter Charakter, der den Texten, die dem Leser in diesem Band angeboten werden, ihren ganzen Reiz verleiht. Und sie werfen ein großes Licht auf die späteren Ereignisse. Der biografische Werdegang von André Trocmé und die weitere Geschichte des Paares nach 1926 sind weitaus besser bekannt. Wir beschränken uns hier darauf, beide kurz in Erinnerung zu rufen.

ANDRÉ TROCMÉ, BIS 1926

André Trocmé wurde am 7. April 1901 in Saint-Quentin (Aisne) in eine große, wohlhabende und strenge protestantische Familie geboren: Sein Vater ist Industrieller und besitzt eine Fabrik, in der Spitzenvorhänge gewebt werden. Im Alter von zehn Jahren verliert er seine Mutter und durchlebt den Ersten Weltkrieg mit dem Schrecken eines gegen Gewalt und Ungerechtigkeit rebellierenden Teenagers. Saint Quentin befindet sich in der von den Deutschen besetzten Zone, aber sein Pastor, Jacques Kaltenbach, predigt Feindesliebe und die Versöhnung. Der junge Katechumene/Konfirmand ist stark geprägt vom Drängen seines Pastors, diese evangelischen Gebote nicht abzuschwächen oder zu beschönigen, die in seinen Augen umso wichtiger sind, wenn Feindschaft Realität ist, d. h. im Krieg.2 Das entscheidende Ereignis war jedoch, dass er 1916 im Alter von 15 Jahren Kindler kennenlernte, einen deutschen Soldaten, der sich als Kriegsdienstverweigerer deklarierte und sich weigerte, Waffen zu tragen; er sagte zu ihm: „Ich werde deinen Bruder nicht töten, ich werde keinen Franzosen töten. Gott hat uns offenbart, dass ein Christ nicht töten darf, niemals.“

André Trocmé kommentierte dies später wie folgt: „Mit einem Schlag brachen mein Nationalismus und mein Militarismus in sich zusammen. Ich sah den Krieg als das, was er war: ein entsetzliches Chaos, in dem alle Kriegführenden, die abwechselnd Täter und Opfer waren, Gott ungehorsam waren und vorgaben, mit Kanonenschüssen an seiner Stelle Gerechtigkeit zu üben.“3

Seine gewaltfreien Überzeugungen wurzeln in dieser entscheidenden Begegnung.

Im Februar 1917 zwangen die Deutschen die letzten noch in Saint-Quentin lebenden Menschen, die Stadt zu evakuieren, und die Familie Trocmé ging nach Belgien ins Exil. Nach Kriegsende ließ sie sich in Paris nieder, wo André, Schüler des Gymnasiums Buffon, die „Fédé lycéenne“ (Fédération française des associations chrétiennes d’étudiants, die protestantische Jugendbewegung) oft besuchte. In diesem Rahmen begann er, Verantwortung zu übernehmen. Nach der Rückkehr im August 1919 von einem Camp in Domino auf der Insel Oléron begann er ein Theologiestudium an der Faculté libre de théologie protestante (Freie Fakultät für protestantische Theologie). Von 1921 bis 1923 unterbrach er dieses Studium, um seinen Militärdienst abzuleisten; aufgrund seiner pazifistischen Einstellung wurde er in ein Disziplinarregiment versetzt. Er weigerte sich, Waffen zu tragen, und erklärte seinen Vorgesetzten, er sei „Theologiestudent, der sich vor Gott verpflichtet hat, niemals zu töten, und er kann andere nicht lehren zu töten“4.

Nachdem er 1923 sein Studium in Paris wieder aufgenommen hatte (während seine Familie wieder nach Saint-Quentin umzog), trat er dem Internationalen Versöhnungsbund (Mouvement International de la Reconciliation (MIR), französischer Zweig des IFOR: International Fellowship of Reconciliation) bei, der die Grundsätze evangelischer Gewaltfreiheit verteidigte und förderte. Zusammen mit Henri Roser und Jacques Martin besuchte er regelmäßig die Gruppe des MIR an der Theologischen Fakultät. Er schloss seine Ausbildung 1925 in Paris ab und erhielt ein Stipendium, um diese durch ein Jahr am Union Theological Seminary in New York zu ergänzen. Im Spätsommer 1925 reiste er in die Vereinigten Staaten. Neben seinem Studium ist er angestellt als Französischlehrer für die Kinder des Milliardärs und Mäzens John D. Rockefeller junior. Während seines einjährigen Aufenthalts in den USA lernte er Magda Grilli di Cortona kennen; über diese Begegnung wird sie in diesem Band berichten. Die beiden Wege kreuzen sich und werden zu einem einzigen: dem Weg des Ehepaars Trocmé.

Magda und André kehrten im September 1926 nach Europa zurück und heirateten im November in Saint-Quentin. Mit ihrer Hochzeitsreise in die Schweiz und nach Italien endet die Geschichte, die dem Leser hier präsentiert wird. Im Folgenden soll nun ihre weitere Geschichte skizziert werden.

DAS EHEPAAR TROCMÉ, NACH 1926

1927 wurde André Trocmé zum Hilfspastor in Maubeuge (Nordfrankreich) ernannt und das Ehepaar ließ sich in Sous-le-Bois, einem Vorort der Arbeiterstadt, nieder. Sie sind somit von Anfang an Teil der Bewegung eines...



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