E-Book, Deutsch, 536 Seiten
Trollope Das Pfarrhaus Framley
1. Auflage 2016
ISBN: 978-84-9007-693-4
Verlag: Red ediciones
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 536 Seiten
ISBN: 978-84-9007-693-4
Verlag: Red ediciones
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Mark Robarts, Geistlicher des Kirchspiels Framley in der Diözese Barchester, kann sich mit Fug und Recht als Glückskind bezeichnen, denn bereits in seiner Kindheit machte er die Bekanntschaft des jungen Lord Lufton, dessen Mutter Lady Lufton schnell Gefallen an dem Schulkamerad und späteren Studiengenossen ihres geliebten Sohnes fand und ihm daher alle in ihrer nicht unerheblichen Macht stehenden Möglichkeiten eröffnete, es in dem kleinen Kirchspiel zu einer gehobenen Stellung zu bringen. Mehr noch, denn neben seinem Amt als Geistlicher hat Mark Robarts Lady Lufton auch seine Gattin Fanny zu verdanken, denn die Ehe war durch tätige Vermittlung dieser Dame zustande gekommen. Und auch gegenwärtig beschäftigen Heiratspläne die Gedanken der verwitweten Lady - diesmal gilt es jedoch, für ihren eigenen Sohn eine passende Frau zu finden, die natürlich geeignet sein muss, ihre Stellung an der Seite eines Lords standesgemäß auszufüllen. Wenn sich die Suche nach einer geeigneten Kandidatin auch nicht sonderlich schwer gestaltet, stehen Lady Lufton dennoch schwere Zeiten bevor, denn ihr Sohn Ludovic möchte sich zum einen partout nicht wie geplant in die bildhübsche Griselda Grantly verlieben, er verbringt zum anderen auch noch auffallend viel Zeit mit Lucy, Mark Robarts' Schwester - und als ob das noch nicht genügt, beginnt der Geistliche auch noch, eine Vorliebe für Fuchsjagden zu entwickeln und in dem Bestreben, im gesellschaftlichen Ansehen noch einige höhere Stufen zu erklimmen, die Bekanntschaft mit Kreisen zu suchen, mit denen nach Lady Luftons Ansicht kein Gentleman verkehren sollte und die ein Geistlicher erst recht um jeden Preis zu meiden hat. Sollte die Lady doch einen schweren Fehler begangen haben, als sie Mark Robarts zum Seelsorger ihres Kirchspiels machte? Anthony Trollope gilt als einer der erfolgreichsten, produktivsten und angesehensten Autoren der viktorianischen Literatur und erfreut sich, auch wenn er im deutschen Sprachraum noch als Geheimtipp gehandelt wird, unter der englischsprachigen Leserschaft weiterhin enormer Beliebtheit. Über 'Das Pfarrhaus Framley' sagte Elizabeth Gaskell: 'Ich wünschte, Mr. Trollope würde niemals aufhören, an 'Framley Parsonage' weiterzuschreiben.'
Autoren/Hrsg.
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Kapitel I
»Omnes omnia bona dicere.«1
Als der junge Mark Robarts die Universität verließ, konnte sein Vater mit Recht behaupten, daß alle Menschen von diesem Sohn alles mögliche Gute zu ihm sprächen und sein Glück priesen, einen Sohn zu haben, der mit einem so vortrefflichen Charakter gesegnet worden war. Dieser Vater war ein in Exeter lebender Arzt. Er besaß kein Privatvermögen, erfreute sich aber einer einträglichen Praxis, die ihn in den Stand gesetzt hatte, seine Familie mit allen Vorteilen und Annehmlichkeiten, die Geld verschaffen kann, zu erhalten und zu erziehen. Mark war sein ältester Sohn und sein zweites Kind, und wir müssen die ersten Seiten dieser Erzählung zu einer Aufzeichnung der guten Dinge verwenden, mit denen der Zufall und sein eigenes Betragen diesen jungen Mann beschenkt hatten. Der erste Schritt, den er im Leben vorwärts tat, hatte seinen Ursprung in dem Umstand, daß er noch sehr jung als Pensionsschüler in das Haus eines Geistlichen kam, der ein alter und intimer Freund seines Vaters war. Dieser Geistliche hatte noch einen, aber nur einen einzigen weiteren Pensionsschüler – den jungen Lord Lufton, und zwischen den beiden Knaben hatte sich eine vertraute Verbindung entwickelt. Lady Lufton hatte ihren Sohn einmal im Hause seines Erziehers besucht und bei dieser Gelegenheit den jungen Robarts eingeladen, seine nächsten Ferien in Framley Court zu verbringen. Er tat dies, und die Folge war, daß Mark mit einem Brief voller Lobeserhebungen von der verwitweten Lady nach Exeter zurückkam. Sie freute sich, schrieb sie, einen solchen Genossen für ihren Sohn zu haben, und sprach die Hoffnung aus, daß die Knaben während der Zeit ihrer Ausbildung beisammen bleiben möchten. Dr. Robarts war ein Mann, der von hochgestellten, vornehmen Leuten eine hohe Meinung hatte und keineswegs geneigt war, irgendeinen Vorteil, der für seinen Sohn aus einer solchen Freundschaft erwachsen konnte, zu verscherzen. Als daher der junge Lord auf die Lateinschule in Harrow geschickt wurde, ging Mark Robarts auch dorthin. Daß der Lord und sein Freund sich oft zankten und dann und wann prügelten, ja, daß sie sogar einmal drei Monate lang kein Wort miteinander sprachen, dies hatte auf die Hoffnungen des Doktors durchaus keinen nachteiligen Einfluß. Mark brachte immer wieder einmal ein paar Wochen in Framley Court zu, und Lady Lufton sprach in ihren Briefen stets mit dem größten Lob von ihm. Nach Beendung der Studien in Harrow gingen die Jünglinge gemeinsam als Studenten nach Oxford, und auch hier blieb Marks Glück ihm treu. Dieses Glück bestand mehr in der höchst noblen Art und Weise, auf die er lebte, als in wunderbaren Fortschritten auf der Bahn des Wissens. Seine Familie war stolz auf ihn und der Doktor ergriff gern jede Gelegenheit, um mit seinen Patienten über ihn zu sprechen, nicht weil er mehrmals Prämien und andere Auszeichnungen erhalten hatte, als vielmehr in Bezug auf sein tadelloses Benehmen im allgemeinen. Er hatte den allerbesten Umgang, er machte keine Schulden, er liebte Gesellschaft, mied aber sorgfältig gemeine Gesellschaft, trank gern ein Glas Wein, wurde aber nie betrunken gesehen; und, was die Hauptsache war, er war einer der beliebtesten Studenten der ganzen Universität. Es galt nun zu bestimmen, welchem speziellen Fach dieser junge Hyperion2 sich widmen sollte, und Dr. Robarts wurde selbst eingeladen, nach Framley Court zu kommen, um die Sache mit Lady Lufton zu besprechen. Er kehrte von diesem Besuch mit der fast zur Überzeugung gewordenen Auffassung zurück, daß der geistliche Stand der Beruf sei, für den sein Sohn sich am besten eigne. Lady Lufton hatte Dr. Robarts den weiten Weg von Exeter nach Framley Court nicht machen lassen, ohne dabei eine besondere Absicht zu haben. Das Patronatsrecht über die Predigerstelle in Framley stand der Familie Lufton zu und deren nächste Besetzung lag in Lady Luftons Händen, wenn dieses Amt vakant wurde, ehe der junge Lord fünfundzwanzig Jahre alt war, da das Recht später natürlich diesem zustand. Mutter und Sohn kamen jedoch überein, Dr. Robarts in dieser Beziehung ein gemeinschaftliches Versprechen zu geben. Da der jetzige Geistliche von Framley über siebzig Jahre zählte und die Stelle jährlich ihre neunhundert Pfund einbrachte, konnte über die Rätlichkeit, daß der Sohn des Doktors sich dem geistlichen Stande widme, kein Zweifel bestehen. Ich kann hierbei nicht unbemerkt lassen, daß die Lady und der Doktor in ihrer Wahl durch den Lebenswandel und die Grundsätze des jungen Mannes vollkommen gerechtfertigt wurden. Hätte Lady Lufton noch einen Sohn gehabt, hätte dieser wahrscheinlich die Stelle bekommen, und niemand würde darin etwas Unrechtes gesehen haben, besonders wenn dieser zweite Sohn ein junger Mann von Mark Robarts’ Art gewesen wäre. Lady Lufton war eine Frau, die von religiösen Dingen eine hohe Meinung hatte und keineswegs geneigt gewesen wäre, diese Stelle einem jungen Mann nur deshalb zu geben, weil dieser der Freund ihres Sohnes gewesen wäre. Sie war eine treue Anhängerin der Hochkirche und gewahrte recht wohl, daß der junge Mark Robarts sich derselben Richtung zuneigte. Sie wünschte außerdem, daß ihr Sohn mit seinem Geistlichen auf freundschaftlichem Fuße stehen möchte, und durch diesen Schritt wurde dies auf alle Fälle erreicht. Sie wünschte außerdem, daß dieser Geistliche ein Mann sei, mit dem sie selbst im Einverständnis wirken könne, und daß er – obschon sie sich vielleicht dieses Wunsches selbst nicht bewußt war – bis zu einem gewissen Grade ihrem Einfluß unterworfen sein möchte. Fiel ihre Wahl auf einen älteren Mann, war dies wahrscheinlich nicht in demselben Grade der Fall, und hätte ihr Sohn die Stelle bekommen, wäre es wahrscheinlich gar nicht der Fall gewesen. Deshalb wurde beschlossen, daß der junge Robarts die Stelle bekommen sollte. Er machte sein Examen – nicht glänzend, aber doch ganz in der Weise, wie sein Vater es wünschte; dann ging er acht oder zehn Monate mit Lord Lufton und einem anderen Universitätsfreund auf Reisen und wurde fast unmittelbar nach seiner Rückkehr ordiniert. Das Kirchspiel Framley gehört zu der Diözese Barchester, und in Anbetracht der Hoffnungen, die Mark in Bezug auf diese Diözese berechtigt war zu hegen, war es keineswegs schwer, ihm dort eine Hilfspredigerstelle zu verschaffen. Diese Hilfspredigerstelle bekleidete er jedoch nicht lange. Er hatte sie kaum seit einem Jahr inne, als der arme alte Dr. Stopford, der bisherige Pfarrer von Framley, zu seinen Vätern gerufen wurde und Marks Hoffnungen sich verwirklichten. Dennoch müssen wir noch mehr von seinem Glück berichten, ehe wir zu den eigentlichen Ereignissen unserer Erzählung kommen. Lady Lufton, die, wie ich bereits erwähnt habe, von geistlichen Dingen eine hohe Meinung hatte, ging in ihren Grundsätzen doch nicht so weit, daß sie eine Verteidigerin der Ehelosigkeit des geistlichen Standes gewesen wäre. Im Gegenteil war sie der Ansicht, daß ein unverheirateter Mann kein guter Geistlicher sein könne. Nachdem sie daher ihren Günstling mit einer Lebensstellung und einem hinreichenden Einkommen versehen hatte, begann sie ihm eine Teilhaberin dieser Glücksgüter zu suchen. Auch hier, wie in anderen Dingen, stimmte Mark mit den Ansichten seiner Gönnerin überein – obschon ihm diese nicht auf so deutliche Weise zu erkennen gegeben wurden wie in Bezug auf seinen Beruf. Lady Lufton war in viel zu hohem Maße mit den Gaben der weiblichen List versehen, als daß sie so etwas getan hätte. Sie sagte dem jungen Mann kein Wort davon, daß Miss Monsell mit der verheirateten Tochter der Lady ausdrücklich in der Absicht nach Framley Court kam, damit er, Mark, sich in sie verlieben möchte; doch in Wahrheit verhielt es sich so. Lady Lufton hatte nur zwei Kinder. Das älteste, eine Tochter, war vor vier oder fünf Jahren mit Sir George Meredith vermählt worden, und Miss Monsell war eine enge Freundin von ihr. Und nun tritt die große Schwierigkeit des Erzählers an mich heran. Miss Monsell – oder vielmehr Mrs. Mark Robarts – muß beschrieben werden. In ihrer Eigenschaft als Miss Monsell liefert sie unserer Geschichte keinen großen Stoff. Und dennoch wollen wir sie Fanny Monsell nennen, wenn wir erklären, daß sie eine der angenehmsten Genossinnen war, die der Himmel einem Mann als künftige Teilhaberin seines Hauses und Besitzerin seines Herzens schenken konnte. Wenn hohe, edle Grundsätze ohne Schroffheit, weibliche Sanftheit ohne Schwäche, Liebe zur Heiterkeit ohne Schadenfreude und ein wahrhaft liebendes Herz ein Mädchen zur Frau eines Geistlichen geeignet machen können, war Fanny Monsell in hohem Grade befähigt, diese Stellung auszufüllen. Was ihr Äußeres betraf, war sie etwas über mittlerer Größe. Ihr Gesicht hätte man schön nennen können, wenn der Mund nicht etwas zu groß gewesen wäre. Ihr üppiges Haar war hellbraun, ihre Augen waren ebenfalls braun und deshalb das markanteste Merkmal ihres Gesichts, denn braune Augen sind nicht sehr verbreitet. Sie waren groß und strahlten stets vor Zärtlichkeit oder Heiterkeit. Mark Robarts erfreute sich also auch in diesem Punkt seines gewohnten Glücks, als ihm vergönnt war, eine solche Braut nach Framley heimzuführen. Es war ihm nicht schwer gefallen, ein günstiges Resultat seiner Bewerbung herbeizuführen, denn er war selbst ein schöner junger Mann. Er zählte damals ungefähr fünfundzwanzig Jahre und die künftige Mrs. Robarts war zwei oder drei Jahre jünger. Auch kam sie nicht ganz mit leeren Händen in sein Haus. Zwar war sie keine reiche Erbin, besaß aber doch ein Vermögen von einigen tausend Pfund. Dieses wurde so angelegt, daß die...




