Trollope | Hatte er nicht recht? - Zweiter Teil | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 2, 404 Seiten

Reihe: Hatte er nicht recht?

Trollope Hatte er nicht recht? - Zweiter Teil


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-2199-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 2, 404 Seiten

Reihe: Hatte er nicht recht?

ISBN: 978-3-6951-2199-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Roman: He Knew He Was Right / Hatte er nicht recht? Wie findet man einen passenden Ehepartner, eine passende Ehepartnerin? Welche Rolle spielen Liebe, Rang und Geld? Was geschieht, wenn ein Partner glaubt, Grund zu Eifersucht zu haben? Trollopes 1869 veröffentlichter Text verbindet Gesellschafts- mit psychologischem Roman. Er verstrickt seine Figuren in anrührende Probleme und verhängnisvolle Konflikte und vermittelt dabei überzeugend die Facetten des Frauenbildes seiner Zeit - das der Männer genauso wie das der Frauen selbst. Teil Zwei: Konflikte spitzen sich zu, doch es ergeben sich auch neue Chancen. Manche Figuren verharren in überkommenen Mustern, andere lernen dazu.

Anthony Trollope (1815-1882), einer der erfolgreichsten englischen Schriftsteller, setzte sich in seinen Romanen mit der Gesellschaft seiner Zeit auseinander und entwarf dabei ein differenziertes und hellsichtiges Bild des Lebens in London genauso wie in der Provinz. Seine Romane zeichnen sich durch subtile Ironie und unterhaltsame Milieuschilderung aus. Er porträtiert seine Figuren, so unterschiedlich sie von Herkunft, gesellschaftlicher Rolle und Charakter auch sein mögen, stets empathisch und glaubwürdig.
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KAPITEL LI


WAS SICH WÄHREND MISS STANBURYS KRANKHEIT EREIGNETE


Am ersten Weihnachtsfeiertag wurde Sir Peter Mancrudy, im Westen Englands der angesehenste Mediziner für solche Fälle, an Miss Stanburys Krankenbett gerufen; und Sir Peter hatte bestätigt, dass es gar nicht gut aussah. Er nahm Dorothy beiseite und teilte ihr mit, Mr. Martin, der Hausarzt, habe in diesem Fall ohne Zweifel durchaus richtig gehandelt; dass man überhaupt nichts gegen Mr. Martin einwenden könne, dessen Erfahrung umfassend sei, dem man Scharfsinn nicht absprechen könne, dass Mr. Martin jedoch trotzdem – es kam Dorothy zumindest so vor, als ob dies die eigentliche Bedeutung sei, die man aus Sir Peters Worten herauslesen sollte – in der Behandlung dieses Falls den einen Kurs eingeschlagen habe, während er eigentlich den anderen hätte einschlagen sollen. Die Behandlungsmaßnahmen wurden grundlegend überarbeitet, Mr. Martin wurde sehr nervös und ordnete nichts ohne Sir Peters Plazet an. Miss Stanbury litt an Bronchitis und Komplikationen in Rachen und Lunge. In dem kleinen Salon an der Rückseite des Bankgebäudes verkündete Barty Burgess mehreren Bekannten, sie nehme entgegen Mr. Martins ausdrücklicher Anweisung täglich vier oder fünf Gläser Portwein zu sich. Camilla French hörte davon und gab es an ihren Verehrer und vielleicht noch einige wenige Personen weiter, wobei sie betonte, sie sei fest überzeugt, es könne nicht stimmen – jedenfalls nicht, was das fünfte Glas angehe. Mrs. MacHugh, die jeden Tag Kontakt mit Martha hatte, machte sich große Sorgen. Die Gefahr, in der eine so enge Freundin schwebte, brachte gleichermaßen die Ruhe und die Annehmlichkeiten ihres Alltags durcheinander. Mrs. Clifford begab sich häufig ans Krankenbett – und hätte dort Stunden mit Lektüre zugebracht, hätte Martha ihr nicht vermittelt, dass Miss Stanbury es vorzog, wenn Miss Dorothy ihr vorlas. Wöchentlich empfing die Kranke die Sterbesakramente – nicht durch Mr. Gibson, sondern ein anderes Mitglied des niederen Klerus; und obwohl sie nie zugab, ernsthaft in Gefahr zu sein, oder es zuließ, dass andere davon sprachen, war es allen bekannt, dass sie sich der Gefahr bewusst war, denn sie hatte – reichlich übellaunig – veranlasst, dass ihr Testament ein Kodizill erhielt. »Du hast diesen Mann ja nicht geheiratet«, sagte sie zu Dorothy, »daher muss ich es ändern.« Vergeblich bat Dorothy sie, sich nicht mit solchen Gedanken zu belasten. »Das ist Quatsch«, sagte Miss Stanbury zornig. »Wenn jemand etwas hat, muss er sich darum kümmern. Du glaubst doch nicht, ich hätte Angst vor dem Sterben – oder?«, fügte sie hinzu. Dorothy antwortete ihr mit einem Gemeinplatz – wie vollkommen überzeugt doch alle seien, dass sie wieder gesund und munter werde. »Ich habe keine Angst vor dem Sterben«, sagte die alte Frau, nach Luft ringend, mühsam ihre Stimme findend. »Ich habe keine Angst davor, und ich glaube nicht, dass ich dieses Mal sterbe, aber ich will keine Scherereien hinterlassen, wenn ich weg bin.« Inzwischen war es Silvester, und an demselben Abend bat sie Dorothy, an Brooke Burgess zu schreiben und ihn um einen Besuch in Exeter zu bitten. Und dies war Dorothys Brief:

Exeter, 31. Dezember 186–

Lieber Mr. Burgess,

vielleicht hätte ich schon früher schreiben und Ihnen sagen sollen, dass es Tante Stanbury nicht so gut geht, wie wir es ihr wünschen würden; da ich jedoch weiß, dass Sie Ihre Arbeit in Ihrem Amt nicht gut unterbrechen können, hielt ich es für das Beste, Sie nicht in Angst und Schrecken zu versetzen. Doch heute Abend hat unsere Tante selbst den Wunsch geäußert, Ihnen mitzuteilen, dass Sie von ihrer Erkrankung wissen sollten, und auch, dass Sie, wenn möglich, für einen oder zwei Tage nach Exeter kommen sollten. Seit Weihnachten ist Sir Peter Mancrudy täglich hier gewesen, und ich habe den Eindruck, dass er eine Genesung für möglich hält. Es betrifft vor allem den Rachen – etwas, das man als Bronchitis bezeichnet, – und sie ist dadurch extrem geschwächt, und gleichzeitig kann es zu einer Entzündung kommen. Ich gehe davon aus, dass Sie kommen, wenn es Ihnen möglich ist.

Sehr herzliche Grüße

Dorothy Stanbury

Vielleicht sollte ich Ihnen mitteilen, dass sie vorgestern ihren Anwalt kommen ließ; aber sie scheint nicht anzunehmen, dass sie ernsthaft in Gefahr ist. Ich lese ihr viel vor, und sie schläft wohl die meiste Zeit; aber wenn ich pausiere, wacht sie auf, und ich glaube nicht, dass sie ansonsten überhaupt zur Ruhe kommt.

Als sich in Exeter herumsprach, dass Brooke Burgess gerufen worden war, verbreitete sich allgemein die Ansicht, Miss Stanburys Tage seien gezählt. An jeder Straßenecke befragte man Sir Peter; aber Sir Peter war diskret und konnte solche Fragen parieren, ohne etwas mitzuteilen. Wenn es Gott gefalle, so werde seine Patientin sterben, aber es sei sehr wohl möglich, dass sie überleben werde. Das war der Tenor von Sir Peters Antworten – und sie wurden vielfältig interpretiert, je nach den Eigenheiten des Fragestellers. Mrs. MacHugh war überzeugt, die Gefahr sei gebannt, und spielte heimlich eine Runde Cribbage mit der alten Miss Wright – denn während Miss Stanburys bedrohlicher Erkrankung waren die Whistkarten in der Nachbarschaft des Close beiseitegelegt worden. Barty Burgess blieb kopfschüttelnd bei seiner Unversöhnlichkeit. Seiner Meinung nach werde man vielleicht bald seine Neugier befriedigen können und Zeuge sein, wie diese bösartigste aller alten Frauen ihrer Verderbtheit die Krone aufsetzte. Mrs. Clifford ließ wissen, es liege ganz in Gottes Hand, doch sehe sie keinen Grund, weshalb Miss Stanbury das Krankenlager nicht wieder verlassen könne. Mr. Gibson nahm an, es sei vorbei mit seiner vormaligen Freundin; und Camilla wünschte, in ihrer letzten Unterredung wäre mehr Wohlwollen zu spüren gewesen, von Seiten einer Frau, die sie in früheren Tagen respektiert und geachtet habe. Mrs. French, niedergeschlagen über alles, war auch darüber sehr niedergeschlagen. Martha war fast am Verzweifeln und überdies mit der Sorge um eine komplette Ausstattung mit angemessener Trauerkleidung belastet. Man sah sie, wie sie eine halbe Stunde lang durch die Schaufensterscheiben eines großen Geschäfts für Trauerkleidung spähte. Giles Hickbody sprach nie mehr als halblaut und nahm sein Bier im Stehen ein; Dorothy aber war optimistisch und glaubte wirklich daran, dass ihre Tante sich erholen werde. Vielleicht hatte Sir Peter sich ihr gegenüber weniger orakelhaft geäußert als in der Öffentlichkeit.

Brooke Burgess traf ein und hatte eine Unterredung mit Sir Peter, und ihm gegenüber war Sir Peter in gewisser Weise verpflichtet, sich offen zu äußern, denn er war derjenige, den Miss Stanbury als ihren Erben betrachtete. Daher erklärte Sir Peter, seine Patientin könne eventuell überleben, und sie könne eventuell sterben. »Um ganz ehrlich zu sein«, sagte Sir Peter, »ein Arzt weiß darüber auch nicht so viel mehr als andere Menschen.« Man kam überein, dass Brooke drei Tage in Exeter bleiben und dann nach London zurückreisen solle. Sollte etwas passieren, werde er selbstverständlich zurückkehren. Sir Peter hatte klar zu erkennen gegeben, dass man nichts Definitives vorhersagen könne – weder in die eine Richtung noch in die andere. Seine Patientin sei langfristig erkrankt; sie könne die Krankheit überwinden, sie könne ihr jedoch auch erliegen.

Dorothy und Brooke begegneten sich häufig in diesen drei Tagen. Zwar verbrachte Dorothy den Großteil ihrer Zeit am Bett ihrer Tante und versuchte sie durch Vorlesen einer bestimmten Predigtreihe, die Miss Stanbury sehr schätzte, zum Einschlafen zu bewegen; aber es gab einige Minuten, die Dorothy und Brooke zwangsläufig gemeinsam verbrachten. Sie nahmen ihre Mahlzeiten gemeinsam ein, und es gab am Abend – vor dem Beginn von Dorothys Nachtwache im Zimmer ihrer Tante – einen Zeitraum, in dem sie ihren Tee zu sich nahm, während Martha oben ihren Dienst als Krankenpflegerin versah. Zu dieser Tageszeit blieb sie immer etwa eine Stunde oder sogar länger bei Brooke; und es kann innerhalb einer Stunde zwischen einem Mann und einer Frau eine Menge gesprochen werden, wenn der Wille zum Gespräch vorhanden ist. Brooke Burgess hatte seine Meinung keineswegs geändert, seit er sich Hugh Stanbury gegenüber erklärt hatte – unter den Straßenlampen von Long Acre und ermutigt durch die Einwirkung von Austern und einem Whiskeycocktail. Der Whiskeycocktail hatte in diesem Augenblick Wahrheit statt Lüge hervorgebracht – wie es Whiskeycocktails und ähnliche gefährliche Stimulanzien immer tun. Es gibt kein wahrhaftigeres Sprichwort als das Sprichwort über die Wahrheit im Wein. Wein ist gefährlich und sollte nicht benutzt werden, um sich für die Wahrheit zu verkämpfen, und sei die Wahrheit noch so wünschenswert; doch er hat die gute Eigenschaft, einen Mann sein wahres Gesicht zeigen zu lassen. Einem Mann, der im Vollrausch ein Gentleman ist, kann man zutrauen, dass er stets ein Gentleman bleibt; und ein Mann, der seinem Freund im Vollrausch erzählt, dass er verliebt ist, tut...



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