E-Book, Deutsch, Band 2, 420 Seiten
Reihe: Umwälzungen
Trollope Umwälzungen - Zweiter Teil
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7583-4786-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Gesellschaftsroman
E-Book, Deutsch, Band 2, 420 Seiten
Reihe: Umwälzungen
ISBN: 978-3-7583-4786-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anthony Trollope (1815-1882), einer der erfolgreichsten englischen Schriftsteller, setzte sich in seinen Romanen mit den Umbrüchen seiner Zeit auseinander und entwarf ein differenziertes und hellsichtiges Bild des gesellschaftlichen Lebens in London genauso wie in der Provinz. Seine besten Romane zeichnen sich durch subtile Ironie und unterhaltsame Milieuschilderung aus.
Autoren/Hrsg.
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KAPITEL LII
Liebe, Wein und was darauf folgt
An jenem unheilvollen Donnerstag war Sir Felix Carbury um zwei, drei, vier und sogar noch um fünf Uhr im Bett anzutreffen. Mehrmals schlich sich seine Mutter in sein Zimmer, aber jedes Mal stellte er sich schlafend und reagierte nicht, als sie ihn sanft ansprach. Sein Zustand war jedoch derart beschaffen, dass er nur für Augenblicke in oberflächlichen Schlummer fiel. Ihm war schlecht, er fühlte sich von Kopf bis Fuß krank und wund und fand keine bequeme Lage. Als einziger Trost blieb ihm, im Bett liegenzubleiben, durch konsequentes Stillhalten zu versuchen, seine quälenden Kopfschmerzen zu lindern, und daran zu denken, dass er vor einem Angriff der Außenwelt geschützt war, solange er hier lag. Lady Carbury schickte den Hausdiener zu ihm hinauf, und vom Hausdiener ließ er sich wecken. Der junge Mann brachte ihm Tee. Er bat um Brandy Soda, aber das gab es nicht, und in seiner derzeitigen Verfassung wagte er es nicht, seine Umgebung so lange zu schikanieren, bis er für ihn besorgt würde.
Für ihn hielt die Welt nun nichts mehr bereit. Er hatte Vorbereitungen getroffen, mit der großen Erbin des Tages durchzubrennen, und letzten Endes zugelassen, dass die junge Dame ohne ihn durchbrannte. Der Plan hatte vorgesehen, dass die junge Dame zwangsläufig ihre lange Reise über den Atlantik antreten musste, bevor sie herausfinden konnte, dass er seine Verabredung nicht eingehalten hatte. Melmottes Feindschaft hatte er durch den Versuch auf sich gezogen, mit der Dame durchzubrennen, die der Dame durch das Versäumnis der Verabredung. Zudem hatte er sein ganzes Geld verspielt – und ihres dazu. Er hatte seine mittellose Mutter dazu gebracht, ihm bei der Beschaffung von Geld behilflich zu sein, und selbst dieses Geld war weg. Er war so verunsichert, dass er sich sogar vor seiner Mutter fürchtete. Zudem konnte er sich an einen Streit im Klub erinnern, allerdings nur vage – aber dennoch mit dem sicheren Gefühl, dass der Streit von ihm ausgegangen war. Ach – wann würde er wieder genügend Mut aufbringen, den Klub zu betreten? Wann würde er sich irgendwo wieder zeigen können? Alle Welt würde wissen, dass Marie Melmotte versucht hatte, mit ihm durchzubrennen, und dass er sie im letzten Augenblick im Stich gelassen hatte. Welche Lüge konnte er sich ausdenken, um seine Schandtat zu verheimlichen? Und seine Kleidung! Alle seine Sachen waren im Klub, jedenfalls vermutete er es, er war allerdings nicht ganz sicher, ob er nicht einen Versuch unternommen hatte, sie zum Bahnhof zu bringen. Er wusste, dass Menschen sich umbrachten. Sollte es jemals angebracht gewesen sein, dass jemand sich die Kehle durchschnitt, dann wäre dies für ihn der absolut richtige Zeitpunkt. Als diese Vorstellung vor seinem geistigen Auge auftauchte, wickelte er sich allerdings wieder in die Bettdecke ein und versuchte zu schlafen. Für ihn würde Catos Tod wohl kaum überzeugenden Reiz ausüben.
Zwischen fünf und sechs Uhr kam seine Mutter erneut in sein Zimmer, und da er zu schlafen schien, blieb sie bei ihm stehen und legte ihre Hand auf seine Schulter. So ging es nicht weiter. Man musste wenigstens dafür sorgen, dass er etwas zu sich nahm. Sie, die arme Frau, hatte den ganzen Tag dagesessen – und daran gedacht. Was ihren Sohn betraf, so gab sein Zustand mit hinreichender Genauigkeit Aufschluss über das Vorgefallene. Was das Schicksal des Mädchens sein mochte, danach zu fragen konnte sie sich nicht aufraffen. Sie hatte nicht alle Details des Vorhabens mitbekommen, jedoch von Felix’ Plan erfahren, am Mittwochabend in Liverpool zu sein und am Donnerstag mit der jungen Dame nach New York aufzubrechen; und da sie ihn bei seinem Vorhaben unterstützen wollte, hatte sie ihm finanziell ausgeholfen. Sie hatte Kleidung für ihn gekauft und war zusammen mit Hetta zwei Tage lang mit Vorbereitungen für seine große Reise beschäftigt gewesen – und hatte dabei ihre eigene Tochter angelogen, was die Ursache der von ihrem Bruder geplanten Reise anging. Er war aber nicht abgereist, sondern betrunken und in heruntergekommenem Zustand in ihr Haus zurückgekehrt. Sie hatte seine Taschen mit weniger Skrupeln durchsucht, als sie sie jemals empfunden hatte, und seinen Fahrschein für die Passage und die wenigen Münzen gefunden, die ihm noch geblieben waren. Das Rätsel, das ihn umgab, konnte sie ohne Weiteres lösen. Er war in seinem Klub gewesen, bis er betrunken war, und hatte sein ganzes Geld verspielt. Als sie ihn zu Gesicht bekam, hatte sie sich gefragt, welche Lüge sie ihrer Tochter jetzt schon wieder auftischen sollte. Beim Frühstück ergab sich sogleich die Notwendigkeit für eine Lügengeschichte. »Mary sagt, dass Felix heute früh zurückgekommen ist und sich gar nicht auf den Weg gemacht hat«, rief Hetta aus. Die arme Frau konnte es nicht übers Herz bringen, die Laster ihres Sohnes gegenüber ihrer Tochter zu offenbaren. Sie konnte ihr nicht sagen, dass er um sechs Uhr betrunken ins Haus getorkelt war. Ohne Zweifel dachte Hetta sich ihr Teil. »Ja, er ist zurückgekommen«, sagte Lady Carbury, untröstlich angesichts ihrer Sorgen. »Ich glaube, es hatte etwas mit der mexikanischen Eisenbahnlinie zu tun, und das hat sich zerschlagen. Er ist sehr unglücklich, und es geht ihm nicht gut. Ich kümmere mich um ihn.« Danach hatte Hetta den ganzen Tag über nichts mehr gesagt. Und jetzt, etwa eine Stunde vor dem Abendessen, stand Lady Carbury am Bett ihres Sohnes und war entschlossen, ihn zum Reden zu bringen.
»Felix«, sagte sie, »rede mit mir, Felix. Ich weiß, dass du wach bist.« Er stöhnte, wandte sich von ihr ab und vergrub sich noch tiefer in seine Bettdecke. »Du musst zum Essen aufstehen. Es ist fast sechs Uhr.«
»In Ordnung«, sagte er schließlich.
»Was hat das zu bedeuten, Felix? Du musst es mir sagen. Früher oder später muss ich es erfahren. Ich weiß, dass du unglücklich bist. Du solltest dich deiner Mutter anvertrauen.«
»Mir ist so übel, Mutter.«
»Es wird dir besser gehen, wenn du aufstehst. Was hast du gestern Abend gemacht? Was ist bei alledem herausgekommen? Wo sind deine Sachen?«
»Im Klub. – Du solltest mich jetzt am besten allein lassen und mir Sam schicken.« Sam war der Hausdiener.
»Ich gehe sofort, Felix, aber du musst mir alles erzählen. Was ist geschehen?«
»Es hat nicht geklappt.«
»Aber warum hat es nicht geklappt?«
»Ich bin nicht losgekommen. Was sollen diese Fragen bezwecken?«
»Bei deiner Heimkehr heute früh hast du gesagt, Mr. Melmotte habe alles entdeckt.«
»Habe ich das? Dann hat er das wohl getan. Ach, Mutter, am liebsten wäre ich tot. Ich sehe keinerlei Sinn mehr in irgendetwas. Ich stehe nicht zum Essen auf. Ich bleibe lieber hier.«
»Du musst etwas zu dir nehmen, Felix.«
»Sam kann mir etwas bringen. Lass ihn doch etwas Brandy Soda bringen. Ich fühle mich so schwach und krank, dass ich es kaum ertrage. Ich kann jetzt nicht reden. Wenn er mir eine Flasche Sodawasser und etwas Brandy bringt, dann werde ich dir alles erzählen.«
»Wo ist das Geld, Felix?«
»Damit habe ich die Fahrkarte bezahlt«, sagte er und hielt sich den Kopf mit beiden Händen.
Darauf verließ ihn seine Mutter wieder; es war abgemacht, dass er bis zum nächsten Morgen im Bett bleiben durfte, ihr jedoch weitere Erklärungen geben werde, sobald er sich nach seinem eigenen Rezept erfrischt und gestärkt hatte. Der Diener besorgte Sodawasser und Brandy für ihn, man brachte ihm eine Platte mit Fleisch, und dann gelang es ihm, für eine Weile im Schlaf sein Elend zu vergessen.
»Ist er krank, Mama?« fragte Hetta.
»Ja, mein Liebes.«
»Wäre es nicht besser, wenn du nach einem Arzt schickst?«
»Nein, mein Liebes. Morgen wird es ihm besser gehen.«
»Mama, ich glaube, es würde dir besser gehen, wenn du mir alles sagst.«
»Das kann ich nicht«, sagte Lady Carbury und brach in Tränen aus. »Frag nicht. Was sollen diese Fragen bezwecken? Alles ist so furchtbar. Es gibt nichts zu sagen – außer dass ich vor dem Ruin stehe.«
»Hat er etwas angestellt, Mama?«
»Nein. Was sollte er angestellt haben? Wie soll ich wissen, was er anstellt? Er sagt mir nichts. Kein Wort mehr darüber. O mein Gott – ich wünschte, ich hätte keine Kinder!«
»Oh, Mama, meinst du mich damit?« fragte Hetta, eilte zu ihrer Mutter hinüber und warf sich neben sie aufs Sofa. »Mama, sag, dass du nicht mich damit meinst.«
»Es betrifft dich ebenso wie mich und ihn. Ich wünschte, ich hätte keine Kinder.«
»Oh, Mama, sei nicht so grausam zu mir! Bin ich etwa nicht gut zu dir? Versuche ich etwa nicht, ein Trost für dich zu sein?«
»Dann heirate deinen Vetter, Roger Carbury, er ist ein guter Mann und kann dir Sicherheit bieten. Zumindest könntest du durch ihn ein Zuhause für dich und einen Freund für uns alle finden. Du bist anders als Felix. Du...




