Trüb | Ach der | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 132 Seiten

Trüb Ach der

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-99039-035-1
Verlag: Limbus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 132 Seiten

ISBN: 978-3-99039-035-1
Verlag: Limbus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Schwieriges Erwachsenwerden Tiefste Bürgerlichkeit, 1950er und 1960er Jahre: Ein Sohn wächst heran, ohne Geschwister und eigentlich auch ohne Mutter und Vater, deren Leben sich ganz woanders abspielen: in der Geltungssucht, in der Gier nach Materiellem, in der Blindheit für einen anderen Menschen. Nicht wahrgenommen und sich seiner selbst wenig bewusst quält sich ein Kind, suchend und sich sehnend (aber wonach?) und immer wieder verraten und enttäuscht.

Christine Trüb, geboren in Berlin, aufgewachsen in Paris, Bern, Zürich und London. Ausbildung in Gesang, Sprechtechnik und Logopädie, lebt mit ihrer Familie in Zürich. Jahrelang redaktionelle und übersetzerische Betreuung einer Zeitschrift von 'Terre des hommes'. Von 1984 bis 1997 freie Mitarbeiterin der Beilage Wochenende der Neuen Zürcher Zeitung. Bei Limbus: Ach der (2009, als Limbus TB 2013), Die Liebe der beiden Frauen zu den Gärten (2011), Sonntagmorgen (2014).
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II

Er sagte, ich will meine Geschichte hinter mich bringen, sie ohne Umschweife vorantreiben. Die Wochen in Frankreich sind vorüber. Der Winter wird kommen, die Zeit drängt. Ende nächster Woche werde ich dreiundfünfzig. Damals war ich sechs geworden. Ich wartete im grün gestrichenen Flur. Die Mutter kaufte Äpfel und Birnen. Jetzt wusste ich, was sie damit machte. Dabei sein durfte ich nicht. Beim täglichen Apfelmus sagte sie, das sind die Äpfel der Bäuerin S. Sie schleppte Gläser nach Hause, ich musste ihr beim Auspacken helfen. Grün waren sie. Wie die Birnen hineinkamen, wusste ich nicht. Plötzlich waren sie drin, große helle Fische, die sich in einer Flüssigkeit aneinanderschmiegten. Dann verschwanden die Gläser und tauchten erst an Weihnachten wieder auf.

„Ach der.“ Das war einmal. Als wir noch in jenem Haus am Hang wohnten. Als ich hinausblicken konnte ins Weite. Als ich ein Stück Welt sah, Bilder, die sich bewegten, und andere, die stillstanden und die trotzdem seit dem Vortag eine Veränderung erfahren hatten. Ich allein schien sie zu bemerken. Zeit hatte ich, viel Zeit. Die fehlt mir jetzt. Seit meinem Geburtstag damals hatte sich die Stimmung verändert. Schlagartig, wie mir schien. Sozusagen von Stund an. Nein. Nichts Gehobenes, abgesehen von einer höheren Tonlage und dem Anschwellen der Stimmen. Die Eltern taten sich keinen Zwang mehr an. Oder war ich es, der aufmerksamer geworden war. Sie konnten mich nicht wie früher ins Bett schicken. Ob ich wollte oder nicht, ich musste dabeisein. Mittendrin und ausgeschlossen. Ich sehe, wie wir die Servietten auseinanderfalten, ich höre, wie es losgeht. Ich halte mich so ruhig wie möglich, kaue langsam und lustlos. Bravsein, stillsein. Nichts neben den Teller fallen lassen, keine Flecken machen. In meiner Erinnerung schmeckt alles gleich. Eine braune Sauce bedeckt das Fleisch, eine weiße Sauce das Gemüse. Die Farben von Karotten, Erbsen oder Stangenbohnen liegen begraben auf dem Grund einer Schüssel aus weißem Porzellan. Ein feiner Goldrand umkreist sie. Er glänzt wie etwas Fremdes. Solange die Mutter lebte, war der Abstand zwischen dem Goldrand und den Speisen immer derselbe. Ich erinnere dieses Gold, das mir gefiel, auch das Aufblitzen des Siegelrings meines Vaters im versilberten Löffelstiel, der aus der Schüssel ragte. Das Abendessen zog sich hin. Wussten sie überhaupt, dass ich dasaß. Jetzt, an einem beliebigen Abend in jener Zeit zwischen meinem Geburtstag und dem ersten Schnee warten wir auf den Vater. Seit Stunden, scheint mir, brennt das Licht. Ich stecke im Schlafanzug. Meine Spielsachen sind weggeräumt. Untätig sitze ich auf dem mir bestimmten Stuhl und warte. Ich sehne mich nach meinem Vater. Wann endlich würde er kommen, der hübsche Mann mit seinem dichten dunklen Haar und der goldenen Brille. Mit seiner tiefen Stimme. Wo war sein früheres Lachen. War es meine Schuld, dass ich es nie mehr hörte. Was bedeutete dieses kurze Lächeln, als dürfe es keiner sehen. War ich schuld, dass er abends so spät nach Hause kam. Bist brav gewesen, sagte die Mutter oft. Und manchmal in verändertem Tonfall „Was träumst du vor dich hin“. Die ganze Schulzeit hindurch sollte ich den Satz zu hören bekommen. Träumen, Traum. Damals gab es nur ein ungefähres Verstehen, das Fragen hatte ich mir beinahe ganz abgewöhnt. Vorsichhinträumen, Nichtstun – eine Bedrohung, die meine Mutter nicht ertragen konnte. Vermutlich verschob sie meinen Teller nach rechts, legte mir Papier und Zeichenstifte hin. Hier. Ich wollte nicht zeichnen, ich wünschte, mein Vater käme endlich. Hunger hatte ich nicht. Süßigkeiten waren bei uns stets vorrätig. Ab und zu stopfte sich die Mutter ein Bonbon in den Mund. Mir gab sie zwei. Eines für jetzt und eines für später. Immer schon war ich dick gewesen. Hunger hatte ich nie. Mittags aßen wir in der Küche. Es roch nach Scheuerpulver. Erst später wusste ich, woher der Geruch stammte. Wir saßen auf Küchenhockern, Mutter und ich. Es gab Milchreis, Grießklöße, Apfelmus. Immer Süßes. Speisen, vor denen mich noch heute ekelt. In die Stille ließ die Mutter einen Satz fallen. Was ist an mir nicht recht. Der unselige Satz, auf den es keine Antwort geben kann. Ich verstand den Satz nicht. Sie sah aus wie immer. Kurz vor meinem sechsten Geburtstag hatte sie sich die Haare schneiden lassen und begonnen, Hosen zu tragen. Selbst diese Hosen sahen sich, soweit ich mich zurückerinnern kann, alle gleich. Brauner Strick. Stets trug sie eine Trägerschürze. Sowie Vater heimkam, zog sie sie aus. War er nun endlich da, so stellte er zuerst seine beiden schweren Taschen ab. Dann gab er Mutter die Hand. Ich schmiegte mich an ihn. Sein Gesicht sah ich nicht. Als wollte ich nur seine Hand spüren. Ein weicher Druck auf meinem Haar, an meinen Schulterblättern. Über mir der warme Klang seiner tiefen Stimme, wie für mich allein bestimmt. Kaum setzte sich Vater an den Tisch, tat ich es ihm nach. Mutter hatte wieder ihre Schürze an und eilte in die Küche. Sie kam mit zwei Schüsseln zurück, bediente uns stehend und warf dem Vater ein Wort oder zwei an den Kopf. Er brauste auf, sie beklagte sich laut, schließlich schrien sie einander an. Ich hielt mich ruhig, duckte mich. Viel später erst sollte ich nach Worten suchen, dem Streit Einhalt zu gebieten. Vergeblich. Sie stritten bei jedem Essen. Unerbittlich. Die Wörter trafen mich wie Hagelkörner in einem baumlosen Landstrich. Wäre nur ein dichtgewobenes Tuch über meinen Stuhl herabgesunken, unter welchem ich wie in einer Höhle versteckt das Essen zum Mund geführt hätte, um danach von tiefem Schlaf eingehüllt zu werden. Stattdessen saß ich wie angenagelt auf meinem Stuhl. Ich bin hundemüde, stieß der Vater zuletzt hervor. Diesen Satz erinnere ich wörtlich. Plötzlich herrschte Ruhe. Ich hörte ein Auto vorbeifahren oder einen Hund bellen und merkte auf einmal, wie laut meine Eltern gesprochen hatten und wie still es jetzt am Tisch geworden war. Die Mutter zog mich an der Hand ins Badezimmer. Danach holte sie die Teller und Schüsseln und trug sie in die Küche. Mein Vater saß mit aufgestütztem Kopf über einem Zeitungsblatt. Kurze Zeit nach mir legte auch er sich ins Bett. Vermutlich hörte jeder von uns die Schritte der Mutter, die sich dem Tisch an der Wand näherten und wieder entfernten. Kann sein, dass wir gleichzeitig mit offenen Augen in die kompakte Finsternis blickten. Wenn ich morgens erwachte, war Vater weg. Er sei in aller Herrgottsfrühe weggefahren. Was meinte sie damit. Der endlos lange Tag glich dem gestrigen und dem vorgestrigen. In M. gab es damals noch keinen Kindergarten.

Es war kalt geworden. Meine gestrickten Hüllen wurden dicker. Die Mütze reichte bis über die Ohren. Nur die Finger waren frei. Sie legten sich aufs Geländer, um es gleich wieder loszulassen. Die Zeit draußen auf dem Balkon wurde kürzer, die Mutter holte mich herein, sie half mir beim Zusammenstecken der Holzschienen und überließ mich dem Eisenbahnfahren. Das Geschenk hatte mir Vater zum Geburtstag überreicht, eine große Schachtel in einem roten Papier. Ich kauerte in meiner Ecke, sie schien etwas größer geworden zu sein. Sonst hatte sich wenig verändert. Die Gebote waren geblieben. Den buntgemusterten Teppich nicht betreten, sich nicht aufs Sofa setzen, beim Essen nicht schmieren. Aufs Wort gehorchen. Meine Mutter hatte helle Augen. Mir war aufgefallen, dass sie oft gerötet waren und die Farbe der Hände angenommen hatten, große knochige Hände, die mir Angst einflößten. Ihr Schlag war kurz und kräftig. Wenn etwas neben den Teller fiel. Wenn ich Nein sagte. Wenn ich zu früh die ausgestreckten Arme sinken ließ, die einen Wollstrang auseinanderhalten sollten, damit die Mutter den Faden abwickeln und zu einem Knäuel aufrollen konnte. Ich staunte über das rasche Anwachsen der Socken und Pullover. Für Vater. Zu Weihnachten. Zum ersten Mal sah ich sie weinen. Sie wandte sich ab. Frag nicht, du kannst es nicht verstehen.

Eines Abends ließ sie das Wort ,Schneeluft‘ fallen. Schnee, schneien, ich freute mich. Räum deine Sachen weg. Immer derselbe Satz.

Ein kalter Wind bläst durch ein Straßendorf, wo ein noch junger Mann mit einiger Anstrengung die Holzläden von innen zuzieht und festhakt, die Fenster schließt und sein Gesicht einer halb entkleideten schwarzhaarigen Frau zuwendet, die auf dem Bett liegt und mit der rechten Hand eine Steppdecke über ihre nackten Schultern zieht, nachdem er kurz zuvor auf dem Bettrand sitzend den Hörer des auf dem Nachttisch stehenden Telefons abgehoben und nach Hause angerufen hat, es sei spät geworden und werde bald zu schneien beginnen, sodass er es vorziehe, in einem Hotel zu übernachten und erst anderntags nach Hause zurückzukehren. Der Tag sei anstrengend gewesen und wie es ihm gehe, dem Kleinen, schön. Also dann bis morgen. Und zuletzt aus der Muschel des Hörers eine ferne, entfremdete Stimme – wo? wo?

Es war Nacht draußen, als das Telefon schrillte. Die Mutter rannte in den engen Flur. Ich lauschte ihren wenigen Worten. Plötzlich hörte ich sie rufen „wo? wo?“. Sie hatte aufgehängt, kam ins Zimmer zurück, räumte den Tisch ab. Sie holte mich in die Küche, schaltete die Herdplatten aus und stellte die beiden Pfannen auf die Seite. Sie strich mir Honigbrote. Heute kommt Vater nicht. Iss und geh schlafen, wenn du fertig bist. Was ist an mir nicht recht. Die täglichen Tränen meiner Mutter verstörten mich. Sie wischte sie mit einer heftigen Handbewegung ab. Ich sollte nichts sehen. Was blickst du mich an. War es Morgen, war es Mittag, ging es bereits gegen Abend – ich weiß nur, dass ich immerzu dachte, was hat sie bloß. Ich hätte sie gern getröstet. War ich schuld, dass sie so selten lachte. Mutter, so nannte ich sie, Mutter...


Christine Trüb, geboren in Berlin, aufgewachsen in Paris, Bern, Zürich und London. Ausbildung in Gesang, Sprechtechnik und Logopädie, lebt mit ihrer Familie in Zürich. Jahrelang redaktionelle und übersetzerische Betreuung einer Zeitschrift von "Terre des hommes". Von 1984 bis 1997 freie Mitarbeiterin der Beilage Wochenende der Neuen Zürcher Zeitung. Bei Limbus: Ach der (2009, als Limbus TB 2013), Die Liebe der beiden Frauen zu den Gärten (2011), Sonntagmorgen (2014).



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