Trüper | Zara oder das Streben nach Freiheit | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Trüper Zara oder das Streben nach Freiheit

Eine koloniale Familiengeschichte in Schwarz-Weiß
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-2882-9
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine koloniale Familiengeschichte in Schwarz-Weiß

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-7517-2882-9
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ursula Trüper entstammt einer Dynastie von Missionaren, die im 19. Jahrhundert in 'Deutsch-Südwestafrika', dem heutigen Namibia siedelten. Was sie lange nicht wusste: Ihr Vorfahr heiratete seine erste Taufschülerin, Zara. Zweihundert Jahre lang wurde die Schwarze Ahnin als Familiengeheimnis gehütet, erst durch einen Versprecher der Mutter wurde sie offenbart. Jetzt erforscht die Historikerin Trüper ihre Geschichte und enthüllt eine Familie, die Kolonialismus, Rassismus, Völkermord und Herrenmenschentum am eigenen Leib erlebte - als Täter und als Opfer. Ihr Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Diskussion der Deutschen Kolonialgeschichte, die gerade erst beginnt.



Ursula Trüper wurde 1949 in Karlsruhe geboren und studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte. Längere Forschungsaufenthalte führten sie nach London, Namibia, Südafrika. Heute lebt und arbeitet Ursula Trüper als freie Journalistin und Autorin in Berlin.
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Weitere Infos & Material


Otto Hegner findet ein neues Wirkungsfeld


Für Otto Hegner wendet sich dann schließlich noch alles zum Guten. Wenige Monate nach seiner Suspendierung wird er »zum Vorsteher des Diakonissen-Mutterhauses Königin Elisabeth Hospital in Berlin Oberschöneweide einstimmig gewählt und das Berliner Konsistorium hat mich bestätigt. Meinen bisherigen Titel behalte ich.«253

Und nicht nur der Titel, dieses ideelle Zeichen bürgerlicher Arriviertheit, bleibt ihm erhalten. »Wie sich auch die finanzielle Seite sehr freundlich geregelt hat«, lässt Otto die Schwester wissen. »Wir haben ein eigenes, sehr schön allein im Anstaltskomplex gelegenes, schön geräumiges Haus mit Centralheizung, die ein Hausmeister besorgt, Garten und sehr schöne Umgebung: Wald und Wasser. Wir werden wie auf dem Lande leben und haben die Stadt vor der Tür.«254

So bleibt es ihm erspart, die Hilfe des Reichsbischofs Müller annehmen zu müssen. »Selbst der Reichsbischof als mein alter Conpennäler hat mich wissen lassen, dass er sich um meine Zukunft sorge, und ließ mir eine Pfarrstelle in Berlin anbieten. Ich bin nicht traurig, dass ich davon keinen Gebrauch habe machen dürfen, sondern dass andere Instanzen den Weg mir bereitet haben.«255

Ottos Abneigung gegen die D. C. mündet allerdings nicht in aktiven Widerstand gegen die NS-Regierung oder den neuen Reichsbischof. Dies wäre vielleicht auch zu viel verlangt. Seit der Reichsgründung (und in Preußen noch früher) sind die deutschen Protestanten daran gewöhnt, im Einklang mit ihrer Obrigkeit zu stehen. Nichts in ihrer Erziehung hat sie je darauf vorbereitet, sich gegen Regierung oder Kirchenleitung in irgendeiner Art zu wehren. Im Kaiserreich war der Protestantismus eine Art Staatsreligion. Der Kaiser selbst war das höchste Kirchenoberhaupt der preußischen Landeskirche. Der Weimarer Republik steht die Mehrheit der protestantischen Pfarrer äußerst skeptisch gegenüber. Politisch sind sie meist konservativ und antirepublikanisch eingestellt, und viele von ihnen begrüßten Hitlers Machtantritt zunächst als ein Bollwerk gegen die gott- und sittenlosen Umtriebe der linken Parteien der Weimarer Republik.

Auch Dora, stockkonservativ, wie sie ist, findet sicherlich vieles gut, was das neue Regime bringt, wenn ihr auch die lärmenden Horden der SA und SS zu pöbelhaft erscheinen. Schon immer war sie eine große Hindenburg-Verehrerin. Als dieser Hitler zum Reichskanzler ernennt, ist das für sie wie eine Unbedenklichkeitserklärung für die NSDAP. Seit Hitler an der Macht ist, herrscht endlich Ruhe und Ordnung in Deutschland, die Arbeitslosen sind von der Straße, mit der Wirtschaft geht es aufwärts. Pflichterfüllung, Ordnung und Gehorsam sind wieder Tugenden, die etwas zählen. Das ist nicht wenig für Menschen wie Dora.

Doch viele Pfarrer und einfache Kirchenmitglieder – und die Mehrheit der Deutschen wird damals noch ganz selbstverständlich in eine der beiden christlichen Kirchen »hineingeboren« – sind nicht bereit, zentrale Lehren des Christentums an die NS-Ideologie anzupassen. Die Einführung eines kirchlichen Arierparagrafen ist dann der letzte Auslöser für eine Oppositionsbewegung gegen die D. C. Im September 1933 gründet sich der sogenannte Pfarrernotbund, aus dem später die Bekennende Kirche hervorgeht und der sich auch Otto anschließt.256

Der Nürnberger Parteitag


Hans Kleinschmidt


Im August 1935 erhält Studienrat Kleinschmidt ein Schreiben vom Gaugericht Süd-Hannover-Braunschweig der NSDAP, in dem er auf ziemlich kurz angebundene Weise um Mitteilung gebeten wird, »ob Ihre Kinder noch Mitglieder der Hitlerjugend sind und evtl. in welcher Einheit sie sich befinden«.257 Und ebenso knapp wird er einige Wochen später »zu einer Rücksprache« einbestellt. Etwas freundlicher schreibt am 10. September die Mädelringführerin des BDM: »Ich muss aus einem dringenden Grunde persönlich mit Ihnen über Ihre Töchter Helga und Ingeborg sprechen. […] Ich bitte Sie darum, weil die Sache eilt und vor meiner Abfahrt nach Nürnberg noch erledigt werden muss.«258

Denn im September 1935 findet in Nürnberg der große NSDAP-Reichsparteitag statt. Dort soll im sogenannten Reichsbürgergesetz und im Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre festgelegt werden, wer die rassischen Voraussetzungen erfüllt, um deutscher Bürger zu sein.

Wilhelm Kleinschmidt


An diesem NS-Großereignis nehmen nicht nur deutsche Nazis teil, sondern auch Hitlersympathisanten aus der ganzen Welt. Beispielsweise Wilhelm Kleinschmidt aus Südwestafrika, ein Sohn jenes Wagenmachers Gerhard Kleinschmidt, der – trotz der rassistischen Vorbehalte gegen seine Geschwister Heinrich, Helene und Tilly – stets unbeanstandet als Weißer in Südwestafrika gelebt hat.

Auch bei Wilhelm bezweifelt niemand, dass er ein Weißer ist. In den 30er-Jahren lebt er in Karibib und ist ein glühender Hitler-Anhänger. Wie viele Deutsche im nunmehr von Südafrika verwalteten Südwestafrika hofft er, nun werde seine Heimat bald wieder deutsch werden. Wilhelm gehört einer Jugendorganisation an, die nach dem Vorbild der deutschen Hitlerjugend aufgebaut ist. Dass man ihn nach Nürnberg eingeladen hat, empfindet er als große Ehre. Bevor er sich jedoch auf die Reise machen kann, muss er seinen Stammbaum aufschreiben. »Er wusste aber von der Schwarzen Großmutter«, erzählt sein Sohn Horst später in einem Interview, »und hatte plötzlich ein riesiges Dilemma. Sein erster Gedanke war: ›Ich nehme mir das Leben‹, und der nächste: ›Ich leugne es! Ich tue das, was alle in der Familie tun, und schreibe einfach die zweite Frau von Schmelen auf.‹«259

Elizabeth Bam, die zweite Frau von Wilhelms Urururgroßvater Johann Hinrich Schmelen – das klingt hinreichend deutsch. Niemand kann so auf die Idee kommen, dass es da eine Schwarze Ahnin gibt. Solchermaßen mit einem unverfänglichen Ariernachweis ausgestattet kommt Wilhelm ohne Schwierigkeiten nach Deutschland. Gemeinsam mit 50 000 anderen deutschstämmigen Hitlerjungen aus Chile, Argentinien, Brasilien, Mexiko, dem Sudetenland und aus den ehemaligen deutschen Kolonien huldigt er in Nürnberg seinem Führer, hört die berühmte Rede, in der Hitler sich die deutschen Jungen »flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl« wünscht, und ist von all den Eindrücken, die er mit nach Hause nimmt, restlos begeistert.

Ob Wilhelm, wenn er nun schon einmal in Deutschland ist, seinen Onkel Hans Kleinschmidt besucht hat? Das ist nicht überliefert. Belegt durch ein Foto hingegen ist, dass er in Nürnberg seine Cousine Erika Ewaldt kennenlernt, Tillys älteste Tochter.

Erika Ewaldt


Tilly Kleinschmidt war, nachdem man ihr in Deutsch-Südwestafrika den behördlichen Segen für eine Ehe mit dem deutschen Kaufmann Fritz Ewaldt verweigert hatte, gemeinsam mit ihrem Verlobten nach Deutschland ausgereist und hatte ihn im Juli 1915 in Leipzig geheiratet. Gerade noch rechtzeitig, denn am 2. Februar 1916 kommt die Tochter Erika zur Welt.

Was Tilly damals nicht weiß: Es gibt noch eine zweite Frau, die ebenfalls mit Fritz Ewaldt verlobt ist und die ebenfalls auf Heirat drängt. Ewaldt führt offensichtlich ein Doppelleben. Tatenlos lässt er geschehen, dass man in der Familie der anderen Frau Hochzeitsvorbereitungen trifft. Im Dezember 1916, am Vorabend der Trauung, erschießt er sich in einem Berliner Hotelzimmer.

Später heiratet Tilly ein zweites Mal, den Kölner Konditormeister Johann Herwig. Diese Ehe ist von Anfang an schwierig. Herwigs Familie ist katholisch und besteht darauf, dass auch Tilly zum katholischen Glauben übertritt. Sie tut das auch, aber mit schlechtem Gewissen. Zeit ihres Lebens empfindet sie diese Konversion als Verrat an ihren protestantischen Wurzeln, und nach Herwigs Tod tritt sie umgehend wieder in die evangelische Kirche ein. Über den Skandal um ihre erste Ehe und die Schwarze Vorfahrin spricht sie mit niemandem, nicht einmal mit ihrer Tochter Erika.260

Erika vergöttert den toten Vater, den sie nie kennengelernt hat. Den Stiefvater hingegen lehnt sie ab und rebelliert gegen ihn, wo sie nur kann. Herwig ist ein Anhänger der Zentrumspartei und verabscheut die Nazis zutiefst. Gut möglich, dass Erika aus genau diesem Grund nicht nur einfach in den BDM eintritt wie ihre Klassenkameradinnen, sondern sich dort alsbald durch besondere Schneidigkeit hervortut. Bald nimmt sie eine führende Position ein.

Eine der Folgen des Nürnberger Parteitags mit seinen Rassengesetzen ist allerdings, dass nunmehr alle Deutschen einen »Ariernachweis« erbringen müssen. Natürlich auch Erika Ewaldt, die aus allen Wolken fällt, als sie die Wahrheit über ihre Ururgroßmutter erfährt. Sie vertraut sich daraufhin ihrer BDM-Führerin an, und so geht am 7. November 1936 bei der Reichsleitung des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP folgende Anfrage ein:

Knapp entscheidet die Reichsjugendführung:...


Ursula Trüper wurde 1949 in Karlsruhe geboren und studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte. Längere Forschungsaufenthalte führten sie nach London, Namibia, Südafrika. Heute lebt und arbeitet Ursula Trüper als freie Journalistin und Autorin in Berlin.



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