Tschechow / Schulze | Ein Zweikampf | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 163 Seiten

Reihe: 99 Welt-Klassiker

Tschechow / Schulze Ein Zweikampf

Novelle
Überarbeitete Fassung
ISBN: 978-3-95418-968-7
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Novelle

E-Book, Deutsch, 163 Seiten

Reihe: 99 Welt-Klassiker

ISBN: 978-3-95418-968-7
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Sozialdarwinist Nikolai Wassiljewitsch fordert den faulen Beamten und ehemaligen Philosophiestudenten Iwan Andrejitsch Lajewskij zum Duell. Die Streitigkeit soll am frühen Morgen ausgetragen werden. In der Nacht findet Lajewskij keinen Schlaf und sinnt über sein vertanes Leben nach. Er hat eine verheiratete Frau mit falschen Versprechungen ihrem Mann abgejagt und auch ihr Leben ins Chaos gestürzt, von seinem Freund Dr. Samoilenko hat er sich Geld geliehen, das er nicht zurückzahlen kann. Und während all dieser Gedanken laufen die Duellvorbereitungen unerbittlich ab. Null Papier Verlag

Anton Tschechow (1860-1904) gilt als einer der bedeutendsten Autoren der russischen Literatur. Sein Großvater war noch ein Leibeigener, der sich selbst freikaufen musste. Tschechow studierte in Moskau Medizin und wurde Arzt. Mit Ende dreißig erkrankte er an Tuberkulose und war deshalb Dauergast in verschiedensten Kurorten Südrusslands und Westeuropas. International ist Tschechow vor allem als Dramatiker durch seine Theaterstücke wie 'Drei Schwestern', 'Die Möwe' oder 'Der Kirschgarten' bekannt. In einer sehr produktiven Schaffensphase zwischen 1880 und 1903 veröffentlichte er insgesamt über 600 literarische Werke.
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I


Acht Uhr morgens war es, die Zeit, wo die Offiziere, Beamten und Sommergäste nach der schwülen, heißen Nacht im Meer zu baden pflegten. Nach dem Bade ging man in den Pavillon und trank Kaffee oder Tee. Iwan Andrejitsch Lajewskij, ein blonder, hagerer Mann von achtundzwanzig Jahren, traf, als er, die Uniformmütze des Finanzressorts auf dem Kopf und Pantoffeln an den Füßen, zum Baden kam, am Strande viele Bekannte und darunter seinen Freund, den Militärarzt Samoilenko.

Doktor Samoilenko war ein Mann von dicker, aufgedunsener Gestalt, auf der ohne Hals ein großer, kurz geschorener Kopf saß. Er hatte ein rotes Gesicht, eine gewaltige Nase, struppige schwarze Brauen und einen grauen Backenbart. Seine Stimme war ein heiserer Militärbass. So machte er bei der ersten Begegnung einen unangenehm raubeinigen Eindruck auf jedermann. Aber schon nach wenigen Tagen fand man sein Gesicht ungewöhnlich gutmütig, liebenswürdig und sogar hübsch. Trotz seiner Plumpheit und seiner rauen Art war er ein friedliebender, unendlich gutmütiger, wohlwollender und verbindlicher Mensch. Mit der ganzen Stadt stand er auf du, allen pumpte er Geld, kurierte alle, stiftete Verlobungen und Versöhnungen und arrangierte Picknicks, bei denen er dann Hammelfleisch am Spieß briet und aus Thunfischen eine sehr wohlschmeckende Suppe kochte. Es war nur eine Stimme, er war ein ausgezeichneter Mensch. Nur zwei Schwächen hatte er: erstens schämte er sich seiner Gutmütigkeit und suchte sie durch grimmiges Dreinschauen und künstliche Grobheit zu maskieren und zweitens liebte er es, wenn die Lazarettgehilfen und Soldaten zu ihm Exzellenz sagten, obwohl er erst Staatsrat war.

»Eine Frage, Alexander Dawidowitsch«, begann Lajewskij, als sie beide bis an die Schultern im Wasser waren, »gesetzt den Fall, du hättest ein Weib geliebt und mit ihr zusammengelebt mehr als zwei Jahre, und dann, wie es geht, hört die Liebe auf, und du fühlst, dass sie für dich eine Fremde geworden ist. Was würdest du in diesem Fall tun?«

»Sehr einfach: geh, mein Engel, wohin dich der Wind trägt. Und Schluss.«

»Das ist leicht gesagt. Aber wenn sie nirgends hin kann? Sie steht allein in der Welt, hat keinen Verwandten, keinen Pfennig, sie versteht auch nicht zu arbeiten.«

»Ach was? Schmeiß ihr eine einmalige Zahlung von fünfhundert Rubeln in den Rachen, oder fünfundzwanzig im Monat. Was weiter? Furchtbar einfach.«

»Gesetzt den Fall, du hättest fünfhundert oder fünfundzwanzig im Monat, aber das Weib, von dem ich rede, ist intelligent und stolz. Könntest du dich entschließen, ihr Geld anzubieten? Und in welcher Form?«

Samoilenko wollte antworten, aber in diesem Augenblick schlug eine große Welle ihnen über die Köpfe, brach sich am Ufer und floß plätschernd zwischen den Steinchen zurück. Die Freunde verließen das Wasser und begannen sich anzuziehen.

»Natürlich ist es kein Vergnügen, mit einer Frau zu leben, die man nicht liebt«, sagte Samoilenko und schüttelte den Sand aus seinen Stiefeln; »aber, Wanja, man muss doch menschlich denken. Sieh mich an, ich würde es ihr überhaupt nicht zeigen, dass ich sie nicht mehr liebe, und mit ihr zusammenleben bis an mein seliges Ende.«

Aber plötzlich wurde er verlegen, arretierte seine Phantasie und sagte:

»Meinetwegen braucht’s überhaupt keine Weiber zu geben. Hol sie der Teufel!«

Sie waren fertig und gingen in den Pavillon. Dort fühlte sich Samoilenko ganz wie zu Hause und hatte sogar sein eigenes Stammgeschirr. Jeden Morgen brachte man ihm auf einem Tablett seine Tasse Kaffee, ein hohes, geschliffenes Glas mit Eiswasser und ein Gläschen Kognak. Zuerst trank er den Kognak, dann den heißen Kaffee und zum Schluss das Eiswasser. Und das schmeckte ihm augenscheinlich sehr gut. Als er getrunken hatte, wurden seine Augen noch freundlicher, er strich sich mit beiden Händen den Backenbart, blickte aufs Meer hinaus und sagte:

»Die wundervolle Aussicht!«

Lajewskij fühlte sich matt und zerschlagen nach einer langen Nacht voll unfroher, nutzloser Gedanken, die ihm den Schlaf geraubt und die Schwüle und Dunkelheit noch schwerer gemacht hatten. Vom Bad und dem Kaffee wurde ihm nicht besser.

»Also weiter, Alexander Dawidowitsch«, sagte er, »ich will es nicht verheimlichen und dir, meinem Freunde, offen gestehen, die Geschichte mit Nadeschda Fjodorowna ist faul, äußerst faul! Verzeih’, dass ich dich in meine Geheimnisse ziehe, aber ich muss mich aussprechen.«

Samoilenko wusste im voraus, wovon die Rede sein würde, er senkte den Blick und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte.

»Zwei Jahre hab’ ich mit ihr gelebt. Ich lieb’ sie nicht mehr«, fuhr Lajewskij fort, »das heißt, richtiger, ich weiß jetzt, dass wir uns nie geliebt haben. Diese zwei Jahre waren – ein Betrug.«

Lajewskij hatte die Gewohnheit, beim Sprechen aufmerksam seine rosigen Handflächen zu betrachten, an seinen Nägeln zu kauen oder an seinen Manschetten zu nesteln. Auch jetzt tat er das.

»Ich weiß ja genau, dass du mir nicht helfen kannst«, sagte er, »aber ich erzähle es dir, weil für uns Unglücksvögel und überflüssige Menschen das Heil im Aussprechen liegt. Ich muss alles mitteilen, was ich tue, ich muss eine Erklärung und Rechtfertigung meines abgeschmackten Lebens finden in irgendwelchen Theorien oder in Typen aus der Literatur. Vorige Nacht habe ich mich so mit dem ewigen Gedanken getröstet: Wie recht hat doch Tolstoi, wie erbarmungslos recht! Und davon wurde mir leichter. Wahrhaftig, er ist ein großer Dichter.«

Samoilenko hatte Tolstoi nie gelesen und wollte jeden Tag damit anfangen. Er wurde verwirrt und sagte:

»Ja, andere Dichter dichten aus ihrer Phantasie, er aber direkt nach der Natur –«

»Ach Gott«, seufzte Lajewskij, »wie hat die Zivilisation uns ausgemergelt! Ich hatte mich verliebt in eine verheiratete Frau, und sie sich in mich. Anfangs gab’s bei uns Küsse und stille Abende und Schwüre und Philosophie und Ideale und gemeinsame Interessen… Was für eine Lüge! Wir flohen in Wahrheit vor ihrem Mann, logen uns aber vor, vor der Öde unserer gebildeten Welt zu fliehen. Unsere Zukunft malten wir uns so aus: Ich würde anfangs im Kaukasus, bis wir uns mit Land und Leuten bekannt gemacht hätten, die Beamtenuniform anziehen und eine Zeit lang im Staatsdienst bleiben, dann aber würden wir uns ein Stück Land nehmen und im Schweiße des Angesichts schaffen, einen Weinberg, ein Feld bebauen usw. Wärest du an meiner Stelle, oder dein Zoologe, dieser Herrn von...



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