Tschechow | Von Frauen und Kindern | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 164 Seiten

Tschechow Von Frauen und Kindern

Erzählungen
3. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7531-2678-4
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählungen

E-Book, Deutsch, 164 Seiten

ISBN: 978-3-7531-2678-4
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Arzt von Beruf, Schriftsteller aus Leidenschaft - als einer der großen Meister der russischen Literatur hat Anton P. Tschechow wie kein zweiter es verstanden, Leser mit seinem tiefsinnigen Humor in den Bann zu ziehen. ?Von Frauen und Kindern? vereint eine Reihe seiner schönsten Erzählungen, mit denen er einmal mehr literarische Größe beweist. Im Band enthalten: Die Jungens, Eine Bagatelle, Die Kinder, Zinotschka, Die letzte Mohikanerin, Zu Hause, Die Hexe, Ein Verhängnis, Ein Ereignis, Die Leichtbeschwingte, Wolodja der Große und Wolodja der Kleine, Ein Fall aus der Praxis

Anton Pawlowitsch Tschechow, geboren am 29. Januar 1860 in Taganrog, Russland und gestorben am 15. Juli 1904 in Badenweiler, Deutsches Reich, war ein russischer Schriftsteller, Dramatiker und Novellist und einer der bedeutendsten Vertreter der russischen Literatur. Er war von Beruf Mediziner, praktizierte jedoch nahezu ausschließlich ehrenamtlich. Stattdessen schrieb und publizierte er in den Jahren von 1880 bis 1903 mehr als 600 literarische Schriften. Internationale Berühmtheit erlangte er vor allem durch seine Theaterstücke wie ?Die Möwe? (1895), ?Der Kirschgarten? (1903) oder ?Drei Schwestern? (1901).
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Die Jungens


»Wolodja ist gekommen!« rief jemand auf dem Hofe. »Woloditschka ist gekommen!« schrie Natalja, ins Esszimmer hereinlaufend.

Die ganze Familie Koroljow, die ihren Wolodja von Stunde zu Stunde erwartete, stürzte zu den Fenstern. Vor der Haustüre hielt ein breiter Schlitten, und vom weißen Dreigespann stieg dichter Nebel auf. Der Schlitten war leer, weil Wolodja schon im Flur stand und mit seinen roten, erfrorenen Fingern den Baschlyk aufband. Sein Gymnasiastenmantel, die Mütze, die Galoschen und die Haare auf seinen Schläfen waren mit Reif bedeckt, und er selbst duftete vom Kopf bis zu den Füßen so appetitlich nach Kälte, daß man, wenn man ihn ansah, den Wunsch hatte, einmal durchzufrieren und »brr!« zu rufen. Die Mutter und die Tante fielen über ihn her und fingen an, ihn zu küssen. Natalja kniete vor ihm nieder und zog ihm die Filzstiefel von den Füßen, die Schwestern kreischten, die Türen knarrten und klopften, und Wolodjas Vater lief in Hemdsärmeln, eine Schere in der Hand, in den Flur und rief erschrocken:

»Wir hatten dich aber schon gestern erwartet! Bist du gut angekommen? Wohlbehalten? Du lieber Gott, laßt ihn doch den Vater begrüßen! Oder bin ich nicht sein Vater?«

»Wau! Wau!« brüllte im Bass Mylord, ein riesengroßer schwarzer Hund, mit dem Schwanz an die Wände und Möbel klopfend.

Alles vermischte sich zu einem einzigen freudigen Laut, der an die zwei Minuten anhielt. Als der erste Freudenausbruch vorbei war, merkten die Koroljows, daß sich im Flur außer Wolodja noch ein anderer in Tücher, Schals und Baschlyks eingewickelter, mit Reif bedeckter kleiner Mann befand. Er stand unbeweglich in einer Ecke, im Schatten, den ein großer Fuchspelz warf.

»Woloditschka, wer ist denn das?« fragte die Mutter im Flüsterton.

»Ach!« erinnerte sich plötzlich Wolodja. »Ich habe die Ehre vorzustellen, es ist mein Freund Tschetschewizyn, Schüler der zweiten Klasse … Ich habe ihn als Gast mitgebracht.«

»Sehr angenehm, ich heiße Sie willkommen!« sagte der Vater erfreut. »Entschuldigen Sie, ich bin nicht angezogen, ohne Rock. Treten Sie doch näher! Natalja, hilf dem Herrn Tschetschewizyn aus dem Mantel! Mein Gott, jagt doch diesen Hund hinaus! Es ist eine Strafe Gottes!«

Eine Weile später saßen Wolodja und sein Freund Tschetschewizyn, durch den stürmischen Empfang betäubt und noch immer rosig vor Kälte, am Tisch und tranken Tee. Die Wintersonne schien durch den Schnee und die Eisblumen an den Fenstern herein, zitterte auf dem Samowar und badete ihre reinen Strahlen im Spülnapf. Im Zimmer war es warm, und die Jungen fühlten, wie in ihren durchfrorenen Körpern, ohne einander nachzugeben, sich kitzelnd die Wärme und die Kälte regten.

»Nun, bald haben wir Weihnachten!« sagte in singendem Tonfalle der Vater, sich aus dunkelgelbem Tabak eine Zigarette drehend. »Und ist es lange her, daß wir Sommer hatten und die Mutter beim Abschied von dir weinte? Und jetzt bist du wieder da … Schnell vergeht die Zeit, mein Bester. Eh' du dich versiehst, ist schon das Alter da. Herr Tschibissow, greifen Sie doch bitte zu, seien Sie ganz ungeniert! Bei uns geht es einfach zu.«

Die drei Schwestern Wolodjas, Katja, Ssonja und Mascha, – die älteste von ihnen war erst elf – saßen am Tisch und blickten unverwandt den neuen Bekannten an. Tschetschewizyn war ebenso alt und groß wie Wolodja, doch weniger voll und weiß; er war sehr schmächtig und hatte ein dunkles, sommersprossenbedecktes Gesicht. Seine Haare waren struppig, die Augen enggeschlitzt, die Lippen dick; er war überhaupt nicht schön, und wenn er nicht die Gymnasiastenuniform anhätte, könnte man ihn für den Sohn einer Köchin halten. Er blickte finster drein, schwieg die ganze Zeit und lächelte kein einziges Mal. Die Mädchen sagten sich gleich auf den ersten Blick, daß er ein sehr kluger und gelehrter Mann sein müsse. Er dachte die ganze Zeit über etwas nach und war so in seine Gedanken vertieft, daß er, wenn man an ihn irgendeine Frage richtete, zusammenfuhr, den Kopf schüttelte und um Wiederholung der Frage ersuchte.

Die Mädchen merkten, daß auch Wolodja, der sonst immer so lustig und gesprächig gewesen war, diesmal sehr wenig sprach, gar nicht lächelte und gar nicht froh darüber zu sein schien, daß er nach Hause zurückgekehrt war. Während des Teetrinkens wandte er sich an die Schwestern nur ein einziges Mal, und zwar mit sehr seltsamen Worten. Er zeigte mit dem Finger auf den Samowar und sagte:

»In Kalifornien trinkt man aber statt Tee – Gin.«

Auch er schien mit irgendwelchen Gedanken beschäftigt, und nach den Blicken, die er zuweilen mit seinem Freunde Tschetschewizyn wechselte, zu schließen, hatten beide Jungen die gleichen Gedanken.

Nach dem Tee gingen alle ins Kinderzimmer. Der Vater und die Mädchen setzten sich an den Tisch und machten sich wieder an die Arbeit, die durch die Ankunft der Jungen unterbrochen worden war. Sie fertigten aus Buntpapier Blumen und Fransen für den Weihnachtsbaum an. Die Arbeit war interessant, und es ging dabei recht laut zu. Die Mädchen begrüßten jede neu angefertigte Blume mit begeisterten Schreien, selbst mit Rufen des Entsetzens, als wäre die Blume vom Himmel gefallen; auch der Herr Papa geriet oft in Begeisterung und warf mitunter seine Schere zu Boden aus Ärger, daß sie stumpf sei. Die Mama stürzte ab und zu mit besorgtem Gesicht ins Kinderzimmer und fragte:

»Wer hat meine Schere genommen? Iwan Nikolajitsch, hast du wieder meine Schere genommen?«

»Du lieber Gott, selbst die Schere gönnt man einem nicht!« antwortete Iwan Nikolajitsch mit weinerlicher Stimme. Er warf sich in die Stuhllehne zurück und nahm die Pose eines schwer gekränkten Menschen an; aber nach einer Minute war er schon wieder in heller Begeisterung.

Bei seinen früheren Besuchen pflegte sich Wolodja an allen diesen Vorbereitungen zu beteiligen oder in den Hof zu laufen, um zuzusehen, wie der Kutscher und der Hirt den Schneeberg zum Rodeln machten; jetzt aber schenkte er ebenso wie Tschetschewizyn dem Buntpapier nicht die geringste Beachtung; sie gingen sogar kein einziges Mal in den Pferdestall, sondern setzten sich gleich ans Fenster und begannen zu tuscheln. Dann schlugen sie einen Geographieatlas auf und vertieften sich in die Betrachtung einer Karte.

»Zuerst nach Perm …« sagte leise Tschetschewizyn: »Von dort nach Tjumen … dann nach Tomsk … dann … dann … nach Kamtschatka … Von dort bringen uns die Samojeden mit Booten über die Beringstraße … Und dann sind wir gleich in Amerika. Dort gibt es viel Pelztiere.«

»Und Kalifornien?« fragte Wolodja.

»Kalifornien ist weiter unten … Wenn wir einmal in Amerika sind, so ist's auch nach Kalifornien nicht mehr weit. Und den Unterhalt erwerben wir uns durch Jagd und Raub.«

Tschetschewizyn ging den Mädchen den ganzen Tag aus dem Wege und blickte sie unfreundlich an. Nach dem Abendtee blieb er aber zufällig an die fünf Minuten mit ihnen allein. Da er sich schämte, noch länger zu schweigen, hüstelte er streng, rieb sich mit der rechten Hand den linken Arm, blickte Katja finster an und fragte:

»Haben Sie den Main-Reed gelesen?«

»Nein … Hören Sie, können Sie Schlittschuh laufen?«

Tschetschewizyn war aber schon wieder in seine Gedanken vertieft und gab keine Antwort. Er blähte nur die Backen auf und gab einen solchen Laut von sich, als ob er es sehr heiß hätte. Er blickte Katja noch einmal an und sagte:

»Wenn die Büffelherde durch die Pampas rennt, so zittert die Erde, und die erschrockenen Mustangs schlagen aus und wiehern.«

Tschetschewizyn lächelte wehmütig und fügte hinzu:

»Und die Indianer überfallen die Züge. Am schlimmsten sind aber die Moskitos und die Termiten.«

»Was ist denn das?«

»Eine Art Ameisen, doch mit Flügeln. Die beißen furchtbar. Wissen Sie, wer ich bin?«

»Herr Tschetschewizyn.«

»Nein. Montigomo, die Habichtkralle, der Häuptling der Unbesiegbaren.«

Mascha, die Jüngste, sah ihn erst an, blickte dann auf das Fenster, hinter dem es schon dunkelte, und sagte nachdenklich:

»Und wir haben gestern Linsen gehabt.«

Die absolut unverständlichen Worte Tschetschewizyns, und daß er immer mit Wolodja tuschelte, und daß Wolodja nicht mehr spielte, sondern über etwas nachdachte, – all das war rätselhaft und seltsam. Die beiden älteren Mädchen, Katja und Ssonja fingen nun an, die Jungens aufmerksam zu beobachten. Wenn die Jungens abends zu Bett gingen, schlichen die beiden Mädchen zur Tür und horchten. Ach, was sie da hören mußten! Die Jungens wollten irgendwohin nach Amerika, um Gold zu graben und hatten schon alles für die Reise fertig: eine Pistole, zwei Messer, Zwieback, ein Vergrößerungsglas, um Feuer zu machen, einen Kompass und vier Rubel bar. Sie erfuhren, daß die Jungens einige tausend Werst zu Fuß zu gehen hatten; unterwegs mußten sie mit Tigern und mit Wilden kämpfen, dann Gold graben, Elfenbein erbeuten, Feinde töten, Seeräuber sein, Gin trinken und schließlich schöne Frauen heiraten und Pflanzungen bearbeiten. Wolodja und Tschetschewizyn unterbrachen einander immer vor lauter Begeisterung. Tschetschewizyn nannte sich dabei »Montigomo, die Habichtsklaue« und seinen Freund Wolodja – »Bruder Blassgesicht«.

»Paß auf, erzähl' nichts der Mama,« sagte Katja zu Ssonja vor dem...



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