Tschupa | Märchen aus meinem Luftschutzkeller | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Tschupa Märchen aus meinem Luftschutzkeller

Roman
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7099-3895-9
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-7099-3895-9
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



UNERSCHROCKEN UND WACH, VON LEUCHTEND-PUNKIGER POESIE: AUFZEICHNUNGEN AUS DEM HAUS DER UNGLAUBLICHKEIT. IN DIESEM HAUS TANZEN ALLE AUS DER REIHE Ein brütend heißer Juli im OSTUKRAINISCHEN MAKIJIWKA - und ein Haus, das es in sich hat: Im Erdgeschoss feiern DIE DURCHGEKNALLTE LEBEFRAU VIRA und ihre mit Schrotflinten und Wodka bewaffneten Bodyguards apokalyptische Feten. Ein paar Türen weiter schmieden ZWEI EXPANSIONSWÜTIGE BUSINESS-PROFIS Pläne, um den Obst- und Gemüsemarkt der Region an sich zu reißen. Zwei Stockwerke höher leben Olga, die sich für eine NACHFAHRIN DES FRANZÖSISCHEN KÖNIGSHAUSES hält, und Firman, der SÄMTLICHE LENIN-DENKMÄLER DER STADT ZU FALL BRINGEN will. Dann ist da noch der junge Mann aus der berüchtigten Spezialeinheit BERKUT, der sich bei einem Einsatz in eine Demonstrantin verliebt. Und was hat es eigentlich mit der GRUSELWOHNUNG auf sich, in der es spuken soll? TRUBEL, TUMULT UND TOHUWABOHU: EIN KÜHNER ROMAN AUS DER UKRAINE EXZENTRISCHE HEDONISTEN und KLEINGANOVEN, einsame Existenzen und widerspenstige Underdogs - Oleksij Tschupa versammelt in seinem Roman eine ANARCHISCHE HAUSGEMEINSCHAFT, deren Schicksale fesseln und aufwühlen. Mit FARBENPRÄCHTIGER UND VIRTUOSER SPRACHE und feinem Gespür für das Tragikomische und die ABSURDITÄTEN DES MENSCHLICHEN DASEINS schafft der junge ukrainische Schriftsteller eine ELEKTRISIERENDE ATMOSPHÄRE, in der alles möglich zu sein scheint. Übersetzt aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Gefördert mit Mitteln des Programms 'Kreatives Europa' der Europäischen Union.

OLEKSIJ TSCHUPA wurde 1986 im ostukrainischen Makijiwka geboren - der Ort liegt heute in der nicht anerkannten 'Volksrepublik Donezk'. Er studierte an der Universität Donezk ukrainische Philologie und hat seit 2014 zahlreiche Romane veröffentlicht. Als Autor setzt sich Oleksij Tschupa mit der Identität und den sozialen Verwerfungen des Donbas auseinander und wendet sich dabei intensiv der Geschichte der Sowjetunion und der ersten Jahre der ukrainischen Unabhängigkeit zu. Heute lebt er in Letytschiw in der Zentralukraine. Mit 'Märchen aus meinem Luftschutzkeller' erscheint 2019 erstmals ein Werk des Autors auf Deutsch. CLAUDIA DATHE arbeitet als freiberufliche Übersetzerin aus dem Russischen und Ukrainischen. Sie studierte Übersetzungswissenschaft (Russisch und Polnisch) in Leipzig, Pjatigorsk und Krakau und arbeitete für den Deutschen Akademischen Austauschdienst in Kasachstan und der Ukraine. Sie übersetzte Bücher von u. a. Andrej Kurkow, Serhij Zhadan, Oleksandr Irwanez, Tanja Maljartschuk und Maria Matios ins Deutsche. 2020 erhielt sie den Drahomán Preis.
Tschupa Märchen aus meinem Luftschutzkeller jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Erdgeschoss


Wohnung 12, 13, 14


Wohnung 12
Flotter Dreier


Fast alles, was in der Wohnung Nummer 12 veranstaltet, gesagt, gedacht und getan wurde, fiel unter die philosophische Kategorie Nebel. Das winzig kleine und unscheinbare „fast“, mit dem die Geschichte anfängt, bezieht sich auf ein Nullachtfünfzehn-Leben, das die Bewohner der Zwölf nun wahrlich nicht führten. Das „fast“ war so klein, dass man es im Grunde genommen weglassen konnte. Und das tat ich.

Die Zwölf lag im Nebel. Trubel, Tumult, Radau, Tohuwabohu – das traf es alles nicht. Nebel. Punkt. Die anderen Hausbewohner konnten nicht erklären, wie sie auf das Wort gekommen waren. Doch tief in ihrem Unterbewusstsein schwebten – wie Wale im Ozean – traumatische Erinnerungen, dass Vira, die Kanaille aus der Zwölf, das Haus schon viermal in Brand gesetzt hatte. Das Trauma saß tief, und die anderen Bewohner assoziierten die unselige Wohnung im Erdgeschoss für alle Zeiten mit Nacht und Nebel.

Der Nebel zog vor 30 Jahren auf, unmittelbar vor der Perestroika. Er kam mit Vira Labuha ins Haus, einem Teufelsweib, das damals noch ganz passabel aussah. Vira war Anfang dreißig, hörte Heavy Metal, war mit einem Bonzen aus der Staatsanwaltschaft liiert und von aller Welt gefürchtet wie der Teufel. Wie ein Volksfeind, wäre damals wohl der ideologisch korrekte Ausdruck gewesen. Die Leute hatten solchen Schiss, dass sie sie weder anschauten noch ansprachen und einen möglichst großen Bogen um sie machten. Die Kanaille scherte sich ihrerseits um nichts und niemanden und suchte keinen Anschluss. Bei ihr schaute keiner rein und die Leute ahnten nur vage, was sich in der Wohnung abspielte, wenn sie von draußen durch die gelben Fenster schauten und die kantigen schwarzen Silhouetten von Labuha und ihren Partyfreunden sahen und die Höllenmusik hörten, die nahezu den ganzen Tag aus Viras Wohnung dröhnte.

In ihrer Wohnung herrschte das heillose Chaos. Und da Chaos weitaus widerstandsfähiger als die strengste Ordnung ist, überstand es locker solch fragile Prozesse wie die Herausbildung einer nationalen ukrainischen Identität, den Zerfall des Sowjetimperiums, mehrere Revolutionen, eine Hyperinflation und den darauffolgenden bescheidenen Aufschwung. Vira L. steckte so tief in ihrem Chaos, dass sie überhaupt nicht mitbekam, was sich in der Welt draußen vor ihren im Parterre gelegenen Fenstern abspielte.

Der letzte, der sich offen gegen die Labuha gewehrt hatte, wanderte, nachdem er die Kanaille bei der Polizei angezeigt hatte, zur Verblüffung aller wegen unerlaubten Drogenbesitzes in den Knast und wurde danach nie wieder gesehen. Irgendwann riefen die Hausbewohner nicht mal mehr die Polizei, egal wie rücksichtslos und gesetzeswidrig sich die Labuha und ihre Horde aufführten. Wenn die Streife kam und feststellte, dass es wieder Ärger mit der Zwölf gab, rieten die Polizisten den Hausbewohnern wohlmeinend, sich mit der Kanaille lieber nicht anzulegen und einfach so zu tun, als wäre sie nicht da. ‚So tun, als ob sie nicht da wäre, na, danke‘, sagten sich die Bewohner und deuteten auf Viras Tür. Drinnen wummerte Cannibal Corpse, Flaschen knallten auf den Boden, Viras höllisches Lachen dröhnte durch die Tür. Es war kurz vor Mitternacht, wie sollte man bitte schön bei diesen Schlafliedern ein Auge zu tun?

Die Kanaille konnte, obwohl sie das vielleicht gar nicht wusste, in ihrer Teufelshöhle beliebig schalten und walten. Ihren Verehrer aus der Staatsanwaltschaft, der ihr die Wohnung verschafft hatte, hatte Vira gleich einen Monat später abgeschossen, doch er hielt weiterhin die Hand über sie. Die Liebe eines Dreißigjährigen konnte, war sie einmal entfacht, bis zum Tod anhalten. Und das war hier der Fall. Dass aus dem Genossen Smirnow im Laufe der Perestroika Petro Petrowytsch geworden war – nunmehr Erster Stellvertreter des Generalstaatsanwaltes – brachte den Hausbewohnern im Kampf gegen die Labuha keinerlei Vorteile. Und dass plötzlich Funktionäre aus Donezk auf hohe Posten in Kiew gehievt wurden, gab den Leuten den Rest. 2015 hatte das ganze Haus in geheimer Verschwörung gegen den Donezker Clan gestimmt und gehofft, Petro Petrowytsch würde endlich abgesetzt werden, woraufhin man die Labuha nach dreißig qualvollen Jahren endlich bei Eis und Schnee vor die Tür zu setzen gedachte. „Wenn die Alten am Ruder bleiben, hat’s uns am Arsch.“ Eleganter ließ sich die Situation nicht beschreiben.

Die Kanaille lebte ihr Leben und ignorierte alles, was sich um sie herum abspielte. Alle Verwünschungen und Verschwörungen, alle Gespräche und nächtlichen Polizeivisiten, alle Drohungen, die jemand im Erdgeschoss an die Wand geschrieben hatte, einfach alles. Ihr Leben bestand aus zwei Bausteinen: aus größeren und kleineren Partys. Wenn die Labuha irgendwoher Kohle hatte, lud sie ihre ganze Clique ein und schmiss apokalyptische Feten. Hatte sie keine Kohle, kamen die Leute trotzdem, legten zusammen und machten auch Party, nur etwas bescheidener. Die Typen, mit denen sie sich umgab, waren unscheinbar und faszinierend zugleich, ich habe mich immer gefragt, wo sie die alle aufgabelte. Saboteure, Säufer, Prolls, ewige Loser, dauerhaft Arbeitslose und ständig Obdachlose. Sie brachten es fertig, in Windeseile beliebige Summen zu versaufen. Summen zwischen zwei- und dreitausend Hrywnja rannen als Schnaps durch die Kehlen, so wie bei heidnischen Ritualen das Blut der geopferten Jungfrauen in die Brunnen floss. In den Trinkpausen schnappten sie sich uns kleine Jungs und texteten uns mit ihrem philosophischen Gequatsche zu, bis die nächste Pulle in Sicht kam. Ich war ein williger und aufmerksamer Zuhörer. Erst viel später begriff ich, dass ich durch Zufall Bekanntschaft mit Bukowskis Protagonisten geschlossen hatte, noch ehe ich richtig lesen konnte. Lange bevor ich den Autor kannte. Tja, seinem Schicksal entkommt man wohl nicht.

***

Was ein Samstagmorgen ist, wusste Serhij Platonow eigentlich nicht. Gewöhnlich gab er sich, nachdem er die ganze Woche über seine gesetzlich vorgeschriebenen Stunden in der Bank absolviert hatte, freitagabends mit seinen Kollegen in einer Bar die Kante, kam erst tief in der Nacht nach Hause, warf sich ins Bett und schlief bis zum nächsten Abend durch. Der Samstagmorgen existierte für ihn nicht. Vielleicht gab es ihn, aber seit der Schulzeit hatte Serhij keinen mehr im wachen Zustand erlebt.

An diesem Samstag lagen die Dinge allerdings anders. Gestern hatte er von seinem Chef für heute einen Sonderauftrag bekommen. Nichts Kompliziertes: Er sollte bei einer Tussi zu Hause vorbeischauen und herausfinden, warum sie ihren Kredit nicht zurückzahlte. Wenn möglich, sollte er außerdem klären, warum sie nicht nur die Zahlung verweigerte, sondern ebenso dreist die Anrufe und Briefe der Bank ignorierte, also den von ihr unterschriebenen Vertrag nicht einhielt. In der letzten Woche waren mehrere Mitarbeiter bei ihr gewesen, hatten jedoch niemanden angetroffen, wahrscheinlich war die Dame in der Arbeit. Auf der Arbeitsstelle, die sie im Vertrag angegeben hatte, kannte sie allerdings niemand. Es war eine Minutensache, er brauchte die Frau bloß zu erwischen und herauszufinden, ob wenigstens die Adresse stimmte, die sie angegeben hatte. Da Serhij als Bankmitarbeiter einen seriösen Eindruck hinterlassen wollte, war er Freitagabend nach der Arbeit nach Hause gegangen und hatte sich nüchtern schlafen gelegt. Zum ersten Mal seit langer Zeit.

Mit einem Stadtplan in der Hand lief er von der Haltestelle los. Das Haus, in dem die Klientin wohnte, musste irgendwo ganz in der Nähe sein. Nachdem Serhij ein paar Runden durchs Viertel gedreht hatte, stieß er auf eine breite Straße, die zu beiden Seiten von ausladenden Kastanien gesäumt war. ‚Sieht schön aus‘, dachte Serhij und bog in den Hof ein, an dessen Einfahrt er die gesuchte Nummer fand.

Der Hof war frühsommerlich grün und morgendlich warm. Er wurde von einer roten Ziegelmauer und einem Kindergarten begrenzt. Die Hausmeisterin klapperte mit Eimern, irgendwo rief mit tiefer Stimme der Milchmann, ein paar Katzen sprangen kreuz und quer auf einem asphaltierten Streifen herum. Das Haus erwachte gerade erst zum Leben. Die Chancen, Frau Labuha anzutreffen, standen gut. Lächelnd machte sich Serhij auf die Suche.

Er lief auf die Hauseingänge zu und studierte die Metallschilder, auf denen die Wohnungsnummern des jeweiligen Aufgangs standen. Die Zwölf war im zweiten. Die schwere Metalltür hatte einen Zahlencode. Drinnen dröhnte höllische Musik, der Bankangestellte erschauderte, obwohl es draußen schon heiß wurde. Fröstelnd zog er die Schultern hoch und spürte, wie sich kalte Schweißtropfen in sein blütenweißes Hemd setzten. Jetzt kam der Türcode.

Allzu schwer konnte es ja nicht sein, da die Firmen, die codegesicherte Türen einbauten, sich auf zwei Codes beschränkten. Serhijs zweiter Versuch klappte.

Quietschend sprang die Tür auf. Das Treppenhaus war kühl und verqualmt. Die sommergrünen Bäume und der heiße Asphalt blieben draußen, der Junior-Bankberater betrat das dämmrige Stiegenhaus. Lief ein paar Stufen hinauf und hörte wieder diese schreckliche Musik, fühlte eine glatte, kalte Schlange über seinen Rücken kriechen. Am liebsten wäre er umgekehrt, aber dann fiel ihm ein, dass Mitarbeiter, die Aufträge nicht ausführten, sich nicht lange hielten, also klammerte er sich fester an das hölzerne Treppengeländer.

Als erstes musste er feststellen, dass es im Erdgeschoss kein Licht gab. Nur auf die Tür mit der Nummer Dreizehn vor ihm fiel aus einem winzigen Fenster auf dem Treppenabsatz ein kleiner Lichtkegel. Serhij strengte seine Augen an und...


OLEKSIJ TSCHUPA wurde 1986 im ostukrainischen Makijiwka geboren - der Ort liegt heute in der nicht anerkannten "Volksrepublik Donezk". Er studierte an der Universität Donezk ukrainische Philologie und hat seit 2014 zahlreiche Romane veröffentlicht. Als Autor setzt sich Oleksij Tschupa mit der Identität und den sozialen Verwerfungen des Donbas auseinander und wendet sich dabei intensiv der Geschichte der Sowjetunion und der ersten Jahre der ukrainischen Unabhängigkeit zu. Heute lebt er in Letytschiw in der Zentralukraine. Mit "Märchen aus meinem Luftschutzkeller" erscheint 2019 erstmals ein Werk des Autors auf Deutsch.

CLAUDIA DATHE arbeitet als freiberufliche Übersetzerin aus dem Russischen und Ukrainischen. Sie studierte Übersetzungswissenschaft (Russisch und Polnisch) in Leipzig, Pjatigorsk und Krakau und arbeitete für den Deutschen Akademischen Austauschdienst in Kasachstan und der Ukraine. Sie übersetzte Bücher von u. a. Andrej Kurkow, Serhij Zhadan, Oleksandr Irwanez, Tanja Maljartschuk und Maria Matios ins Deutsche. 2020 erhielt sie den Drahomán Preis.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.