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E-Book

E-Book, Deutsch, 784 Seiten

Turner Schattenreiter

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-19049-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 784 Seiten

ISBN: 978-3-641-19049-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wenn das Dunkel heraufzieht, erwacht die Macht der Schatten

In den Landen des Exils steht der alte Orden der Zauberbrecher vor dem Niedergang. Doch dann wird ein mächtiges Artefakt gestohlen: das Buch der Verlorenen Seelen, welches seinem Besitzer Macht über Leben und Tod verleiht. Ein Nekromant will damit den Gott des Todes herausfordern – wenn nicht ein Reiter mit magischen Kräften ihn noch aufzuhalten vermag …

Marc Turner wurde in Toronto, Kanada, geboren und wuchs in England auf. Er studierte Rechtswissenschaften am Lincoln College der Universität Oxford und arbeitete als Anwalt in einer der Top-Ten Anwaltskanzleien in London. Nach mehr als zehn Jahren gab er seinen Beruf als Anwalt auf, um sich ganz dem Schreiben zu widmen.
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1

Luker hatte geschworen, nie wieder hierher zurückzukehren.

Normalerweise gab er nicht leichtfertig sein Wort; und dennoch stand er jetzt hier und sah durch die schmiedeeisernen Gitter des Eingangstors zum Sacrosanctum hinüber. Sein Blick glitt über die mit Brettern vernagelten Fenster, die fehlenden Schindeln auf den Turmdächern und die düsteren Umrisse der Mauern, die wie schwarze Klippen scheinbar unmöglich hoch aufragten. Zuhause. Es wirkte verlassen, aber aus den Fenstern ganz oben im Turm des Obersten Bewahrers drang noch Licht, wie ein Leuchtfeuer, das ihm den sicheren Weg in den Hafen wies. Auch ohne diesen Schimmer wusste er, dass er sich in gefährlichem Fahrwasser befand.

Die Narbe, die vom rechten Augenwinkel bis zum Kinn hinunterlief, juckte wieder, und er kratzte sich geistesabwesend. Eigentlich hatte er erwartet, beim Anblick des Sacrosanctums irgendetwas zu empfinden. Er hatte es gehofft. Aber als er in sich hineinspürte, fand er nur Leere und einen Hauch von Enttäuschung. Dabei war er doch sonst so eine echte Frohnatur. Er holte tief Luft. Vor zwei Jahren hatte er diese Tore hinter sich geschlossen und war davongegangen, ohne sich noch einmal umzusehen. Seinerzeit hatte ihm das Sacrosanctum nichts bedeutet, und er war ein Narr gewesen, wenn er wirklich geglaubt hatte, dass sich das geändert haben mochte.

Ich hätte nicht zurückkommen sollen.

Die Tore waren nicht verschlossen und wurden nur von den Zwillingsstatuen der Schutzherren bewacht, deren grimmiger Gesichtsausdruck bereits einen Vorgeschmack auf den Empfang gab, der zweifelsohne auf Luker wartete. Er stieß die Gitter auf. Der Pfad dahinter wurde von Kalipbäumen gesäumt, deren Zweige im Halblicht lange Schatten warfen. Luker ging den schmalen Weg entlang. Zu beiden Seiten herrschte Wildwuchs auf dem Gelände. Insekten schwärmten über schattenhafte Umrisse, die teilweise vom Unterholz verdeckt wurden. Aus dem verfilzten Gras ragten die Grabsteine der Verlorenen mit ihren verwitterten Inschriften auf. Einige der Gräber waren aufgebrochen worden, und die Erde lag aufgehäuft zwischen den Steinen. Während seiner Lehrzeit hatte Luker viele Abende damit verbracht, an der Seite seines Meisters Kanon über die Grabstätten zu schreiten und die Geschichten von den gefallenen Bewahrern zu hören – und von den Opfern, die sie gebracht hatten. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da er all ihre Namen gewusst hatte, aber das war heute nicht mehr so: Während seiner Abwesenheit waren zahlreiche Steinreihen dazugekommen.

Immerhin war ihm nun klar, wo die anderen alle geblieben waren.

Die ersten Regentropfen fielen. Ein Sturm zog von Süden heran, derselbe, der Lukers Schiff zuvor auf tanzenden Wellen in den Hafen getrieben hatte. Durch die Bäume hob sich das Sacrosanctum als eine Fläche dunkleren Graus vor den sich verdichtenden Wolken ab. Der Weg endete an einer Treppe, die Luker nun zwei Stufen auf einmal emporstieg. Sie führten zu einer Tür, zweimal so hoch wie er und aus einem so dunklen Holz gefertigt, dass sie wie feuergeschwärzt wirkte. In ihre steinerne Einfassung waren Runen eingraviert, die leicht grünlich leuchteten. Als Luker mit den Fingerspitzen darüberstrich, spürte er nur ein sanftes Kribbeln. Die Bewahrer ließen nach. Wie alles andere an diesem verdammten Ort.

Vor vier Jahren hatte Luker von einem der oberen Fenster aus beobachtet, wie der Imperator Avallon Delamar ebendiese Stufen emporgestiegen war. Die Tür zum Sacrosanctum war verschlossen gewesen, so wie jetzt, aber von den Runen war ein Leuchten ausgegangen, das sich selbst im hellen Sonnenlicht noch auf dem Gesicht des Imperators spiegelte. Bevor er eintrat, hatte Avallon sein Diadem abgenommen und auf die oberste Stufe gelegt. Die anderen, die mit Luker zusammen zusahen, hatten angesichts dieser Geste hart die Luft eingesogen, denn die Botschaft dahinter war klar: Der Imperator ließ seinen Herrschaftsanspruch vor den Toren des Sacrosanctums zurück. Er kam als Bittsteller zu den Bewahrern, nicht als Gebieter.

Und dennoch bekam dieser Dreckskerl natürlich das, was er gewollt hatte. Die Entscheidung der Bewahrer, sich auf die Seite des Imperators zu schlagen, hatte Gräben in den eigenen Reihe aufgetan, und als Avallon wieder bei ihnen vorstellig wurde und nun kaum verhüllt ihre Bündnistreue einforderte, waren sie verletzlich geworden. Luker war bewusst gewesen, dass dieser Vorfall den Anfang vom Ende der Bewahrer bedeutete, aber er hatte nie gedacht, dass sie so schnell in die Knie gezwungen würden.

Doch er wollte über ihren Niedergang keine Tränen vergießen, denn für Reue war es zu spät. Seine Entscheidung hatte er vor zwei Jahren gefällt. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Aber was, bei den Neun Höllen, mache ich dann hier?

Er zog das Schwert, das er an der linken Seite trug, und schlug mit dem Knauf gegen die Tür, dann schob er es in die Scheide zurück und wartete, den Kopf im Regen gesenkt. Nach einer Weile hörte er, wie die Riegel zurückgeschoben wurden. Die Tür schwang nach innen auf. In den Schatten, die sich dahinter auftaten, sah Luker das verwitterte Gesicht eines alten Mannes, dem das Haar wüst vom Kopf abstand, als hätte man ihn aus dem Schlaf geschreckt. Luker sah zu ihm hinunter.

»Was wollt Ihr?«, fragte der Torwächter.

»Zuerst einmal ein wenig Höflichkeit«, erwiderte Luker. »Ich bin Luker Essendar. Der Oberste Bewahrer hat mich zu sich gerufen.«

Der Alte musterte ihn von oben bis unten, als hätte er noch nie zuvor jemanden mit honigfarbener Haut gesehen. Vielleicht war das auch so.

Luker fasste in die Falten seines Mantels und zog eine Rolle Pergament hervor. Die Bewegung erschreckte den Torwächter, der einen Schritt zurückwich und die Arme hob, als ob er einen Schlag abwehren wollte.

»Keine Sorge.« Luker hielt ihm die Schriftrolle hin. Das Siegel war zwar gebrochen, der Abdruck aber klar zu erkennen. »Schaut her – das ist das Zeichen des Obersten Bewahrers.«

Der Alte trat näher und begutachtete die Schriftrolle mit zusammengekniffenen Augen, wobei seine Nase fast das Pergament berührte. Einige Herzschläge vergingen, bis er brummend beiseite trat, um Luker passieren zu lassen. Kaum war er vorüber, da schob der Torwächter die Tür mit der Schulter wieder zu, und sie schloss sich mit dem Donnergrollen eines herannahenden Gewitters. Umgeben von beinahe völliger Schwärze wartete Luker, bis die Riegel wieder an Ort und Stelle geschoben wurden. Wasser tropfte von seinem Mantelsaum und sammelte sich in Pfützen zu seinen Füßen.

»Folgt mir«, sagte der Torwächter.

»Gönnt Euren Beinen ein wenig Ruhe. Ich kenne den Weg.«

»Der Oberste Bewahrer wird erwarten, dass ich Euer Eintreffen ankündige.« Damit schlurfte der Torwächter in die Düsternis. Luker folgte ihm.

Hinter der Kammer, die sie durchquerten, lag ein Labyrinth von Gängen. Luker hätte mit geschlossenen Augen den Weg gefunden. In seinen ersten Jahren im Sacrosanctum war er nachts immer wieder durch die Flure gestreift, um den Erinnerungen zu entfliehen, die im Schlaf auf ihn lauerten. Jedes Mal hatten ihn seine Schritte zum Schrein der Schutzherrin geführt, an dem sie jetzt vorüberkamen, und er hatte zu Füßen der Statue gesessen und darauf gewartet, dass die Göttin ihr Schweigen brach. Und jedes Mal, wenn der Morgen wieder grau und leer heraufzog, war er in sein Zimmer zurückgekehrt, ohne einer Antwort näher gekommen zu sein. Seine Kindheit hatte er irgendwo hier in der Dunkelheit verloren.

Der Torwächter führte ihn durch einen Durchgang und eine Wendeltreppe hinauf. Es waren mehr Stufen als in Lukers Erinnerung, aber vielleicht lag das an dem forschen Schritt, den seine Eskorte vorgab. Oben angekommen, bedeutete der Torwächter Luker, vor einer Tür zu warten, dann klopfte er und trat ein. Luker hörte gedämpfte Stimmen, bevor der Alte wieder erschien und ihn hineinbat.

Der Turm des Obersten Bewahrers entsprach größtenteils noch Lukers Erinnerung – das offene Feuer, die Kerzen in den hohen Leuchtern und der Schreibtisch, auf dem sich die Schriftrollen türmten. Ein Gänsekiel lag auf einem Stück Pergament, die letzten Worte auf der Seite schimmerten noch feucht, während die Tinte trocknete. Die Wärme war nach der kühlen Luft der großen Halle beinahe erdrückend.

Gill Treller, der Oberste Bewahrer, hatte Luker den Rücken zugewandt und sah aus einem der Fenster. Als er sich endlich umwandte, stellte Luker fest, dass die letzten beiden Jahre nicht spurlos an ihm vorübergegangen waren, denn den ordentlich gestutzten Bart durchzogen graue Strähnen, und der Haaransatz hatte sich ein gutes Stück weiter zurückgezogen. Trotz der Wärme hielt Gill seine schwarzen Gewänder eng um den Körper geschlungen. Aber sein Blick war so brennend wie eh und je. Und auch genauso feindselig, dachte Luker und runzelte die Stirn. Ihn macht meine Anwesenheit hier ebenso wenig glücklich wie mich.

Dementsprechend freundlich fiel die Begrüßung aus.

»Warum hat das so lange gedauert?«, fragte der Oberste Bewahrer.

»Ich freue mich auch, dich zu sehen, Gill.«

»Du wurdest vor einer Woche hierher beordert. In dieser Zeit hättest du von Taradh Dor hierher schwimmen können.«

»Du kannst von Glück sagen, dass ich überhaupt gekommen bin.«

»Ach ja? Ich erinnere mich nicht, dir das freigestellt zu haben.«

Luker zuckte die Achseln, dann ging er zum Schreibtisch und schenkte sich aus dem Dekanter ein Glas Rotwein ein.

»Nimm dir gern ein wenig Wein, wenn du möchtest«, sagte...


Borchardt, Kirsten
Kirsten Borchardt schreibt und übersetzt seit 1996 vor allem Texte aus den Bereichen Popkultur und Phantastik. Nach dem Übersetzerstudium an der Universität Heidelberg arbeitete sie zudem als freie Journalistin für Musik- und Stadtmagazine und als Musikredakteurin beim Privatfunk; später zählte sie lange Jahre zu den Machern des Gothic-Magazins Zillo. Zu den von ihr übersetzten Autor*innen zählen Joe Abercrombie, Jay Kristoff, Jasper Fforde, Corey Taylor und Sylvie Simmons. Sie lebt in Norddeutschland zwischen den Meeren.

Turner, Marc
Marc Turner wurde in Toronto, Kanada, geboren und wuchs in England auf. Er studierte Rechtswissenschaften am Lincoln College der Universität Oxford und arbeitete als Anwalt in einer der Top-Ten Anwaltskanzleien in London. Nach mehr als zehn Jahren gab er seinen Beruf als Anwalt auf, um sich ganz dem Schreiben zu widmen.



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