Tyler | Der leuchtend blaue Faden | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 448 Seiten, eBook

Tyler Der leuchtend blaue Faden


1. Auflage, neue Ausgabe 2015
ISBN: 978-3-0369-9297-6
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 448 Seiten, eBook

ISBN: 978-3-0369-9297-6
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wieder einmal sorgt Denny für Aufruhr: ein kurzer Anruf bei den Eltern, »ich bin schwul« in den Hörer murmeln, gleich wieder auflegen und nicht mehr erreichbar sein. Die Eltern sind ratlos – müssen sie seine drei Geschwister informieren? Doch schon bald darauf verkündet Denny, demnächst Vater zu werden und zu heiraten.
Anne Tyler zeichnet ihre Figuren mit feinem Witz und sehr berührend – und so nahe am Leben, dass sich jeder im geschilderten Familienleben wiedererkennen kann.

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1


Im Juli 1994 bekamen Red und Abby Whitshank spätabends einen Anruf von ihrem Sohn Denny. Sie machten sich gerade bereit, zu Bett zu gehen. Abby stand im Unterrock an der Frisierkommode und zog, eine nach der anderen, die Haarnadeln aus ihrem aufgelösten sandfarbenen Knoten. Red, ein dunkelhaariger, hagerer Mann in gestreifter Pyjamahose und weißem T-Shirt, hatte sich soeben auf die Bettkante gesetzt, um seine Socken auszuziehen; als das Telefon auf dem Nachttisch neben ihm klingelte, war daher er derjenige, der abnahm. »Whitshank«, sagte er.

Und dann: »Ja, hallo.«

Abby wandte sich vom Spiegel ab, beide Arme noch hoch erhoben.

»Was soll das«, sagte er, ohne fragend zu klingen.

»Hä?«, sagte er. »Was zum Teufel, Denny!«

Abby ließ die Arme sinken.

»Hallo?«, sagte er. »Warte. Hallo? Hallo?«

Er schwieg einen Moment, dann legte er den Hörer auf.

»Was ist?«, fragte Abby.

»Er sagt, er ist schwul.«

»Was?«

»Er hat gesagt, er muss uns mitteilen, dass er schwul ist.«

»Und du legst einfach auf?«

»Nein, Abby. Er hat zuerst aufgelegt. Ich hab bloß gesagt: ›Was zum Teufel‹, und er hat aufgelegt. Klick. Einfach so.«

»Oh, Red, wie konntest du nur!«, jammerte Abby. Sie wirbelte herum und griff nach ihrem Bademantel – einem Chenille-Teil von undefinierbarer Farbe, das einmal rosa gewesen war. Sie wickelte sich hinein und knotete den Gürtel fest zu. »Was ist nur in dich gefahren, so etwas zu sagen?«, wollte sie wissen.

»Das war doch nicht so gemeint! Wenn man derart überfallen wird, sagt man doch unwillkürlich: ›Was zum Teufel‹, stimmts?«

Abby raufte sich die Haare, die ihr in die Stirn fielen.

»Ich habe damit doch nur gemeint«, erklärte Red, »›Was zum Teufel denn noch alles, Denny? Was lässt du dir als Nächstes einfallen, um uns zu ärgern?‹ Und er wusste, dass ich es so gemeint habe. Glaub mir, er wusste es. Aber jetzt kann er wieder mir die Schuld an allem geben, meiner Engstirnigkeit oder meiner Rückständigkeit oder wie er es sonst nennen will. Er war froh, dass ich das gesagt habe. Darum hat er so schnell aufgelegt; er hat die ganze Zeit nur darauf gewartet, dass ich was Falsches sage.«

»Na gut«, meinte Abby und wurde praktisch. »Von wo hat er angerufen?«

»Woher soll ich wissen, von wo er angerufen hat? Er hat keine feste Adresse, hat sich den ganzen Sommer nicht gemeldet, hat schon zweimal den Job gewechselt, soweit wir wissen, wahrscheinlich sogar öfter, ohne dass wir es wissen … Ist neunzehn Jahre alt, und wir haben keine Ahnung, wo er sich in der Weltgeschichte rumtreibt! Da muss man sich doch fragen, was da nicht stimmt.«

»Hat es sich angehört wie ein Ferngespräch? Konntest du so ein Rauschen hören? Denk nach. Könnte er hier in Baltimore gewesen sein?«

»Das weiß ich nicht, Abby.«

Sie setzte sich neben ihn. Die Matratze neigte sich in ihre Richtung; Abby war eine breit gebaute, kräftige Frau. »Wir müssen ihn finden«, sagte sie. Dann: »Wir sollten diese, wie heißt das doch gleich, diese Rufnummernanzeige haben. O Gott, ich will das auf der Stelle haben!«

»Wozu? Damit du ihn zurückrufen kannst und er es einfach klingeln lässt?«

»Das würde er nicht tun. Er wüsste ja, dass ich es bin. Er würde drangehen, wenn er wüsste, dass ich es bin.«

Sie sprang auf und begann, hin und her zu gehen, immer den Perserläufer auf und ab, der in der Mitte fast weiß war, so oft war sie hier schon hin und her gegangen. Das Zimmer war sehr hübsch, geräumig und gut durchdacht, aber es hatte die behaglich schäbige Atmosphäre eines Raumes, dessen Bewohner längst aufgehört hatten, ihn wirklich wahrzunehmen.

»Wie hat seine Stimme geklungen?«, fragte sie. »War er nervös? War er besorgt?«

»Er war ganz okay.«

»Das sagst du. Meinst du, er hatte getrunken?«

»Weiß ich nicht.«

»Waren noch andere Leute da?«

»Ich weiß es nicht, Abby.«

»Oder vielleicht … nur eine Person?«

Er sah sie scharf an. »Du glaubst doch nicht etwa, dass er das ernst gemeint hat«, fragte er.

»Natürlich hat er das ernst gemeint! Warum hätte er es sonst gesagt!«

»Der Junge ist nicht schwul, Abby.«

»Woher weißt du das?«

»Weil er es nicht ist! Verlass dich drauf. Du wirst schnell merken, dass du überreagiert hast, und dir ganz schön blöd vorkommen.«

»Klar, das ist genau das, was du glauben möchtest.«

»Wo ist deine weibliche Intuition geblieben? Der Bursche hat ein Mädchen geschwängert, als er noch auf der Highschool war!«

»Na und? Das hat gar nichts zu besagen. Es könnte sogar ein Symptom gewesen sein.«

»Wie bitte?«

»Man kann nie mit absoluter Sicherheit wissen, wie das Sexleben eines anderen Menschen aussieht.«

»Nein, Gott sei Dank nicht«, sagte Red.

Er beugte sich ächzend vor und griff unter dem Bett nach seinen Hausschuhen. Abby hatte mittlerweile mit dem Hin- und Hergehen aufgehört und starrte wieder auf das Telefon. Sie legte die Hand auf den Hörer. Sie zögerte. Dann riss sie hastig den Hörer hoch, drückte ihn kurz ans Ohr und knallte ihn wieder auf die Gabel.

»Die Sache mit der Rufnummernanzeige ist«, sagte Red mehr oder weniger zu sich selbst, »dass es mir ein bisschen wie Schummeln vorkommt. Man sollte bereit sein, es darauf ankommen zu lassen, wenn man ans Telefon geht. Das ist doch irgendwie der Sinn des Ganzen, finde ich jedenfalls.«

Er hievte sich hoch und ging in Richtung Bad. Hinter ihm sagte Abby: »Es würde so vieles erklären! Stimmts? Falls sich herausstellt, dass er schwul ist.«

Red war im Begriff, die Badezimmertür zu schließen, streckte aber noch einmal den Kopf heraus und starrte Abby wütend an. Seine feinen schwarzen Augenbrauen, normalerweise wie mit dem Lineal gezogen, waren fast miteinander verknotet. »Manchmal«, sagte er, »verwünsche und bereue ich den Tag, an dem ich eine Sozialarbeiterin geheiratet habe.«

Dann schloss er sehr bestimmt die Tür.

Als er zurückkam, saß Abby aufrecht im Bett, die Arme vor dem Spitzenoberteil ihres Nachthemds verschränkt. »Du wirst ja wohl nicht meinen Beruf für Dennys Probleme verantwortlich machen wollen, oder?«, fragte sie mit Nachdruck.

»Ich sage nur, dass man auch zu verständnisvoll sein kann, zu nachsichtig und mitfühlend, meine ich. Immer wissen zu wollen, was im Kopf des anderen vorgeht.«

»So was wie ›zu verständnisvoll‹ gibt es nicht.«

»Klar, dass eine Sozialarbeiterin so denkt.«

Sie stieß gereizt die Luft aus und warf wieder einen Blick auf das Telefon, das auf Reds Seite stand. Red hob die Decke an und schlüpfte ins Bett, was ihr die Sicht versperrte. Er griff hinüber zur Nachttischlampe und knipste sie aus. Im Zimmer herrschte Dunkelheit, abgesehen von dem schwachen Lichtschein, der durch die dünnen Vorhänge der beiden hohen Fenster einfiel, die auf den Rasen des Vorgartens blickten.

Red hatte sich inzwischen auf dem Rücken ausgestreckt, während Abby noch immer aufrecht dasaß. Sie fragte: »Glaubst du, dass er wieder anruft?«

»Natürlich. Früher oder später.«

»Er musste bestimmt seinen ganzen Mut zusammennehmen, um überhaupt anzurufen«, sagte sie. »Und jetzt ist nichts mehr davon übrig.«

»Mut? Wieso Mut? Wir sind seine Eltern! Wieso braucht man Mut, um die eigenen Eltern anzurufen?«

»Wegen dir«, sagte Abby.

»Das ist doch lächerlich. Ich habe nie die Hand gegen ihn erhoben.«

»Stimmt, aber du hältst nichts von ihm. Dauernd hast du etwas an ihm auszusetzen. Bei den Mädchen bist du furchtbar nachsichtig, und Stem ist sowieso eher wie du. Denny dagegen! Denny tut sich mit allem schwerer. Manchmal denke ich, du magst ihn nicht.«

»Herrgott noch mal, Abby. Du weißt genau, dass das nicht wahr ist.«

»Na gut, du liebst ihn. Aber ich habe gesehen, wie du ihn anschaust – ›Wer ist dieser Mensch?‹ –, und bilde dir bloß nicht ein, dass er das nicht auch gesehen hat.«

»Wenn dem so ist«, sagte Red, »wieso bist dann du diejenige, vor der er immer weglaufen will?«

»Das will er doch überhaupt nicht!«

»Schon als er fünf oder sechs war, wollte er dich nicht mehr in sein Zimmer lassen. Hat seine Bettwäsche lieber selbst gewechselt, als dich reinzulassen! Hat so gut wie nie Freunde mitgebracht, hat nicht sagen wollen, wie sie heißen, hat dir nicht mal erzählt, was er tagsüber in der Schule gemacht hat. ›Verschwinde aus meinem Leben, Mom‹, hat er gesagt. ›Hör auf, dich einzumischen, hör auf herumzuschnüffeln, hör auf, mir ständig im Nacken zu sitzen.‹ Das Bilderbuch, das er am wenigsten mochte – das er so hasste, dass er alle Seiten herausgerissen hat, erinnerst du dich? –, in dem ging es um ein kleines Kaninchen, das sich in einen Fisch und eine Wolke und dergleichen verwandeln möchte, um abhauen zu können, und die Kaninchen-Mama sagt dauernd, dass sie sich auch verwandeln und mitkommen wird. Denny hat jede einzelne Seite rausgerissen!«

»Das war nicht wegen …«

»Willst du wissen, warum er schwul geworden ist? Nicht, dass er tatsächlich schwul ist, doch wenn er es geworden wäre, wenn es ihm in den Sinn gekommen wäre, nur um uns zuzusetzen, dann verrate ich dir jetzt mal, warum: wegen der Mutter. Schuld ist immer die Affenliebe der Mutter.«

»Oh!«, sagte Abby. »Das ist so was von altmodisch und schwachsinnig und so was...


Mössner, Ursula-Maria
Anne Tyler, 1941 in Minneapolis, Minnesota, geboren, wuchs in North Carolina auf und studierte an der Duke University und der Columbia University Slawistik. Bevor sie sich als freie Schriftstellerin selbstständig machen konnte, arbeitete sie als Bibliothekarin und Bibliografin. Ihr Roman »Atemübungen« erhielt 1989 den »Pulitzer-Preis«. Bei Kein & Aber erschienen bereits »Verlorene Stunden«, »Abschied für Anfänger« sowie in neuen Ausgaben »Dinner im Restaurant Heimweh« und »Im Krieg und in der Liebe«. 2012 wurde sie mit dem »Sunday Times Award for Literary Excellence« ausgezeichnet.

Tyler, Anne
Anne Tyler, 1941 in Minneapolis, Minnesota, geboren, wuchs in North Carolina auf und studierte an der Duke University und der Columbia University Slawistik. Bevor sie sich als freie Schriftstellerin selbstständig machen konnte, arbeitete sie als Bibliothekarin und Bibliografin. Ihr Roman »Atemübungen« erhielt 1989 den »Pulitzer-Preis«. Bei Kein & Aber erschienen bereits »Verlorene Stunden«, »Abschied für Anfänger« sowie in neuen Ausgaben »Dinner im Restaurant Heimweh« und »Im Krieg und in der Liebe«. 2012 wurde sie mit dem »Sunday Times Award for Literary Excellence« ausgezeichnet.

Anne Tyler, geboren 1941 in Minneapolis, Minnesota, ist Autorin von zahlreichen Romanen und Trägerin des Pulitzerpreises. Für ihr Lebenswerk erhielt sie den Sunday Times Award. Sie ist Mitglied der American Academy und des Institute of Arts and Letters. Bei Kein & Aber erschienen unter anderem ihre Bestseller ,  , mit dem sie auf der Shortlist des Booker Prize und des Women's Prize for Fiction stand, sowie  , der ebenfalls für den Booker Prize nominiert war. 2024 erschien ihr neuer Roman . Anne Tyler lebt in Baltimore.



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