Tyler Die Reisen des Mr Leary
1. Auflage, neue Ausgabe 2015
ISBN: 978-3-0369-9298-3
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 416 Seiten, eBook
ISBN: 978-3-0369-9298-3
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der kauzige, aber durchaus reizende Mr Leary schreibt Reiseführer für Leute, die geschäftlich unterwegs sein müssen, das Reisen aber hassen – ganz wie er selbst! In sein höchst organisiertes Leben platzt Muriel, eine junge Frau, die eigentlich seinen Hund erziehen soll,
aber plötzlich Mr Leary selbst als faszinierende pädagogische Aufgabe begreift. Und Mr Leary steht mit einem Mal zwischen Muriel und seiner Ehefrau Sarah, die ihn eigentlich verlassen wollte.
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Nachdem seine Frau ihn verlassen hatte, dachte Macon zunächst, das Haus würde ihm größer erscheinen. Stattdessen fühlte er sich beengter. Die Fenster schrumpften. Die Zimmerdecken senkten sich. Die Möbel hatten etwas Aufdringliches an sich, schienen ihn zu umzingeln.
Natürlich war Sarahs Privateigentum – kleine Dinge wie Kleider und Schmuck – nicht mehr da. Es stellte sich jedoch heraus, dass einige der großen Dinge privater waren, als er geahnt hatte. Da war der Schreibsekretär im Wohnzimmer, die Fächer vollgestopft mit ihrem Sammelsurium aufgerissener Kuverts und unbeantworteter Briefe. Da war das Radio in der Küche, auf den Sender »98 Rock« eingestellt. (Sie wolle den Kontakt zu ihren Schülern aufrechterhalten, hatte sie früher immer gesagt, wenn sie summend und rhythmisch zuckend um den Frühstückstisch herumtänzelte.) Da war die Liege hinter dem Haus, wo sie sich gesonnt hatte, postiert an der einzigen Stelle, die überhaupt Sonne abbekam. Er betrachtete die geblümten Kissen und staunte, wie ein leerer Raum so von einer Person erfüllt sein konnte – ihr schwacher Duft nach Kokosnussöl, der immer den Wunsch nach einer piña colada in ihm weckte; ihr breites, glänzendes Gesicht, unergründlich hinter der Sonnenbrille; ihr fester Körper in dem Badeanzug mit Schürzcheneffekt, auf den sie sich nach ihrem vierzigsten Geburtstag unter Tränen kapriziert hatte. Ein paar Kräusel ihres prachtvollen Haares waren auf dem Grund des Waschbeckens zurückgeblieben. Ihr Bord im Badezimmerschränkchen war noch mit Tropfen einer flüssigen, eigentümlich pflaumenblaustichigen Schminke besprenkelt, die sein Gedächtnis augenblicklich auffrischte. Er hatte sich über ihre Nachlässigkeit immer geärgert, doch jetzt rührten ihn diese Spritzer. Sie wirkten wie buntes Spielzeug, verstreut auf dem Boden zurückgelassen, nachdem ein Kind zu Bett gegangen ist.
Das Haus selbst war mittelgroß, nicht ungewöhnlich anzusehen, und stand an einer von ähnlichen Häusern gesäumten Straße in einem älteren Teil von Baltimore. Mächtige Eichen überragten es, schützten es vor der glühenden Sommersonne, hielten aber auch kühlende Brisen ab. Die Räume im Innern waren quadratisch und dämmerig. In Sarahs Kleiderschrank hing nur noch ein braunes Seidentuch an einem Haken; die Schubladen ihrer Kommode enthielten nichts außer Fusseln und leeren Parfümflakons. Das ehemalige Zimmer ihres gemeinsamen Sohnes war sauber aufgeräumt und unpersönlich wie ein Motelzimmer. An manchen Stellen warfen die Wände schier ein Echo zurück. Dennoch ertappte Macon sich des Öfteren dabei, wie er die Arme dicht am Körper hielt, sich seitwärts an den Möbeln vorbeischob, so als passe er kaum noch in dieses Haus. Er kam sich zu groß vor. Seine langen, tapsigen Füße schienen ihm ungewohnt entfernt zu sein. Ging er durch eine Tür, zog er jedes Mal den Kopf ein.
Jetzt bot sich ihm die Gelegenheit, alles zu reorganisieren, redete er sich ein. Unvermuteter Ehrgeiz begann sich in ihm zu regen. Auch Haushaltsführung erforderte schließlich irgendein System; Sarah hatte das nie begriffen. Sie gehörte zu den Frauen, die das Essbesteck unsortiert aufbewahren. Bedenkenlos ließ sie die Geschirrspülmaschine auch dann laufen, wenn sie nur mit einer Handvoll Gabeln beschickt war. Macon tat so etwas weh. Er war überhaupt gegen Geschirrspülmaschinen; seiner Meinung nach waren sie Energieverschwender. Energieeinsparung war sein Hobby, gelinde gesagt.
Er gewöhnte sich an, im Spülbecken stets Wasser bereitzuhalten, das er zwecks Desinfektion mit Chlorbleiche versetzte. Was immer er gerade benützt hatte, versenkte er einfach darin. Jeden zweiten Tag zog er den Stöpsel und sprühte alles mit kochend heißem Wasser ab. Dann stapelte er das so gereinigte Geschirr in der Geschirrspülmaschine auf, die seinem neuen System entsprechend als gewaltiges Depot diente.
Wenn er sich über das Spülbecken beugte und die Sprühvorrichtung laufen ließ, beschlich ihn öfter das Gefühl, Sarah beobachte ihn. Er brauchte wohl nur ein bisschen nach links zu schielen und würde sie dastehen sehen – die Arme über der Brust verschränkt, den Kopf zur Seite geneigt, die vollen, geschwungenen Lippen nachdenklich gespitzt. Auf den ersten Blick betrachtete sie sich nur die Prozedur; auf den zweiten Blick (wusste er) amüsierte sie sich über ihn. In ihren Augen nistete ein verstohlenes Funkeln, das er nur allzu gut kannte. »Aha«, hatte sie oft genug gesagt und zu seinen langatmigen Erklärungen genickt; dann, beim Aufblicken, hatte er das Funkeln und die verräterische Vertiefung eines ihrer Mundwinkel erhascht.
Wenn sie ihm erschien – falls man das so nennen kann in Anbetracht der Tatsache, dass er niemals zu ihr hinüberschielte –, trug sie ein leuchtend blaues Kleid aus den Anfängen ihrer Ehe. Er hatte keine Ahnung, wann sie das Kleid ausrangiert hatte, aber es musste viele Jahre her sein. Es kam ihm fast so vor, als sei Sarah ein Geist – als lebte sie nicht mehr. In gewisser Weise, dachte er, während er den Wasserhahn zudrehte, lebte sie wirklich nicht mehr, die junge, impulsive Sarah aus der ersten gemeinsamen, von Hochgefühl durchwehten Wohnung in der Cold Spring Lane. Sobald er versuchte, sich an diese Zeit zu erinnern, wurde jedes Bild von Sarah durch die Tatsache verzerrt, dass sie ihn verlassen hatte. Wenn er sich die erste Begegnung mit ihr vergegenwärtigte – sie waren noch halbe Kinder zu der Zeit –, dann schien ihm, dass sich schon damals die Trennung angebahnt hatte. Als sie an dem bewussten Abend zu ihm aufgeblickt und mit den Eiswürfeln in ihrem Pappbecher geklappert hatte, waren sie schon auf das letzte gemeinsame Jahr voller Reizbarkeit und Elend zugesteuert, auf die Monate, da jedes Wort, das einer von ihnen äußerte, falsch war, auf die Einsicht, dass sie aneinander vorbeilebten. Sie ähnelten Menschen, die mit ausgebreiteten Armen aufeinander zu laufen, sich aber verkalkulieren, einander verfehlen und weiterlaufen. Alles war umsonst gewesen, letzten Endes. Er starrte ins Spülbecken, und die vom Geschirr aufsteigende Wärme umfächelte sanft sein Gesicht.
Tja, man muss einfach durchhalten. Durchhalten. Er beschloss, sein Duschbad vom Morgen auf den Abend zu verlegen. Das zeugte von Anpassungsvermögen – fand er –, von einer gewissen Geistesfrische. Während er duschte, ließ er das Wasser in der Wanne nicht abfließen und schwenkte dann, kreisförmig planschend, seine tagsüber getragenen Sachen mit den Füßen durch. Später wrang er alles aus und hängte es zum Trocknen auf Kleiderbügel. Dann schlüpfte er in die Unterwäsche für den nächsten Tag, damit er keine Schlafanzüge waschen musste. An eigentlicher Wäsche fiel einmal pro Woche nur ein Berg Handtücher und Bettlaken an – Handtücher bloß zwei, dafür umso mehr Laken. Er hatte nämlich ein System entwickelt, das ihm ermöglichte, allnächtlich in sauberen Laken zu schlafen, ohne das Bettzeug wechseln zu müssen. Dieses System hatte er Sarah jahrelang schmackhaft zu machen versucht, aber sie war ja so unflexibel. Er ging so vor, dass er von der Matratze jedwedes Linnen abzog und es durch eine riesige Hülle ersetzte, die aus einem der sieben Laken bestand, welche er gefaltet und mit der Nähmaschine zusammengesteppt hatte. Diese Erfindung nannte er im Geiste den Macon-Leary-Leibsack. Ein Leibsack erforderte kein Zurechtzupfen, verrutschte nicht, war leicht zu wechseln und vom Gewicht her ideal für Sommernächte. Im Winter würde er sich etwas Wärmeres zulegen müssen, aber noch konnte er nicht an den Winter denken. Schaffte er es zurzeit doch kaum von einem Tag zum anderen.
Gelegentlich – während er auf der malträtierten Wäsche in der Badewanne umherschlitterte oder sich auf der nackten, rostfleckigen Matratze in seinen Leibsack hineinwurstelte – war ihm durchaus klar, dass er übertreiben mochte. Warum, das wusste er freilich selbst nicht. Er hatte zwar seit jeher eine Vorliebe für Methode bekundet, doch war sie nie in Manie ausgeartet. Wenn er an Sarahs Schlendrian dachte, fragte er sich, ob auch dieser jetzt überhandgenommen hatte. Vielleicht hatten sie all die Jahre nur durch gegenseitiges Dazutun einen passablen Mittelweg eingehalten. Getrennt, sozusagen entmagnetisiert, mussten sie vom Kurs abweichen. Er malte sich im Geiste Sarahs neue Wohnung, die er nie gesehen hatte, so chaotisch aus wie ein Tollhaus: Turnschuhe in der Backröhre, das Sofa mit Porzellan überhäuft. Allein schon der Gedanke regte ihn auf. Anerkennend betrachtete er seine eigene Umgebung.
Er verrichtete den Großteil seiner Arbeit zu Hause; sonst hätten ihn Haushaltsabläufe wohl kaum so sehr beschäftigt. Er hatte sich in der Kammer hinter der Küche ein kleines Arbeitszimmer eingerichtet. Auf einem Bürostuhl platziert, hämmerte er auf eine Schreibmaschine ein, die ihm schon während seiner vier College-Jahre gute Dienste geleistet hatte: Er verfasste Reiseführer – Ratgeber für Leute, die von Berufs wegen gezwungen waren, viel zu reisen. Absurd, im Grunde genommen – Macon konnte Reisen nicht ausstehen. Fremdes Terrain nahm er sozusagen mit dem Mut der Verzweiflung in Angriff – die Augen zusammengekniffen, den Atem angehalten, um Haaresbreite am Tod vorbei, wie er sich manchmal einbildete – und machte sich dann, wieder daheim, mit einem Seufzer der Erleichterung an die Produktion seiner kompakten Paperbacks im Reisepassformat. Tourist wider Willen in Frankreich. Tourist wider Willen in Deutschland. In Belgien. Kein Verfassername, lediglich ein Signet: ein geflügelter Lehnsessel auf dem Einband.
In diesen Reiseführern gab es nur Auskünfte über...




