Ulder | Im Bann des Clans | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 545 Seiten

Ulder Im Bann des Clans


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7485-5905-4
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 545 Seiten

ISBN: 978-3-7485-5905-4
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Im Bann des Clans' ist der Folgeband des im Droemer Knaur Verlag veröffentlichten Thrillers 'Ein dunkler Trieb'. Ein totes, kleines Mädchen, eine Gruppe von Schwerstkriminellen und ein außer Kontrolle geratener Verfassungsschützer. Björn Liebermann von der Ermittlungsgruppe Bandenkriminalität und die Mordkommission unter Claudia Harder ermitteln gegen dieselben Verbrecher, ohne voneinander zu wissen. Der Verfassungsschützer Keppler hat unterdessen ganz andere Probleme. Sein Vorgesetzter setzt ihn unter Druck, weil er Ergebnisse sehen will, die seiner Karriere förderlich sind. Am liebsten wäre ihm die Enttarnung eines IS-Rückkehrers. Der V-Mann-Betreuer Keppler greift in die polizeilichen Ermittlungen ein und fasst einen verhängnisvollen Entschluss, bis es zu einem katastrophalen Anschlag kommt. Das BKA schaltet sich ein und übernimmt den Fall. Die Berliner Ermittler jedoch bleiben verdeckt am Ball, zu viele Rechnungen sind in diesem Fall offengeblieben. Und plötzlich beginnt eine der bizarrsten Mordserien, die Berlin jemals gesehen hat.

L.U. Ulder, Jahrgang 1958, wurde im Ambergau geboren und wohnt mit Familie und Hund im südöstlichen Niedersachsen. Das Faible für Kriminalliteratur ist beruflich bedingt, im Hauptberuf wird der Autor mit eben solchem Verhalten konfrontiert. Der Autor hat sowohl im Verlag als auch independent veröffentlicht. L.U. Ulder ist ein Pseudonym. Der Autor ist Mitglied im Syndikat.
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18. Druckaufbau 

„Wird es heute wieder so spät?“

Leif Keppler saß am Esstisch, die Tageszeitung ausgebreitet und vor sich auf dem Tisch aufgestützt, wie ein Schutzwall. Aber das funktionierte nur für den Sichtkontakt, die Worte überwanden die symbolische Wand mühelos.

„Leif! Ich rede mit dir. Würdest du mir bitte eine Antwort geben.“

Er legte die Zeitung an den Rand des Tisches, wo sie verrutschte und raschelnd auf den Fußboden fiel. Missmutig schaute er seine Gattin an, mit der er seit fünfzehn Jahren verheiratet war. Provozierend langsam nahm er die Tasse hoch, führte sie zum Mund und trank einen Schluck der lauwarmen Flüssigkeit.

„Weiß noch nicht“, antwortete er einsilbig, nachdem er die Tasse wieder abgestellt hatte. Damit war für ihn die Konversation am Frühstückstisch beendet. Schwer atmend bückte er sich und klaubte die auseinandergefallene Zeitung vom Boden.

„So geht das jetzt schon seit ewigen Zeiten. Du kommst und gehst wie du willst.“

„Dann solltest du dich langsam daran gewöhnt haben. So funktioniert mein Job nun mal.“

Sein Ton wurde zunehmend gereizter, er konnte für diese geleierten Vorwürfe immer weniger Verständnis aufbringen. Die Ehe war unter einem dunklen Stern geschlossen wurden. Kristine hatte er in einem dieser Erlebnisbäder kennengelernt, während er eine Zielperson beobachtete. Sie besaß damals eine gute Figur, während er selbst mit Anfang dreißig bereits das Übergewicht mit sich herumschleppte, das ihn heute noch plagte. Man traf sich mehrmals und beschloss nach wenigen Wochen, einen gemeinsamen Hausstand zu gründen. Wenige Wochen danach überraschte ihn die Verwaltungsangestellte mit der Nachricht, dass sie schwanger war. Sie heirateten überstürzt, im kleinstmöglichen Rahmen, ein Kollege von ihm und ihre Schwester waren die Trauzeugen. Die Feier in einer Vereinsgaststätte verlief unspektakulär, ja, beinahe öde, und war somit schon ein Ausblick in die Zukunft, wie er rückblickend feststellte. Kurz nach der Hochzeit verlor sie das Kind und er redete sich ein, dass sie sich die Heirat unter völlig falschen Bedingungen erschlichen hatte. Sein abweisendes Verhalten führte bei ihr zu Depressionen, die immer häufiger in Migräneanfälle mündeten. Weil er durch seine Tätigkeit in der Observationseinheit ohnehin nur sehr unregelmäßig zu Hause war, störte ihn das nicht weiter. Als er dann nach einigen Jahren V-Mann Betreuer wurde, änderte sich nichts an seinen Arbeitszeiten. Im Gegenteil, er hatte den absoluten Freibrief für ein Leben wie ein Junggeselle. Kristines Zustand verschlechterte sich dadurch weiter, sie ließ sich gehen, nahm man Gewicht zu und pflegte sich kaum noch. Alles Umstände, die ihm die Rechtfertigung lieferten, nichts an seinem Lebensstil ändern zu müssen.

„Wenn ich einen Bürojob wie die Nachbarn hätte, säße ich auch jeden Abend hier bei dir. Habe ich aber nicht“, ließ er sich zu einer weiteren Antwort herab.

Bevor sie darauf etwas erwidern konnte, klingelte das Telefon.

„Was machen Ihre Bemühungen, Keppler? Ihr letzter Aktenvermerk war etwas vage“, Frank-Ulrich Hesse kam ohne Umschweife auf den Punkt. Der Regierungsdirektor war seit Anfang des Jahres sein Vorgesetzter, ein dünner Mann mit noch dünneren, hellen Haaren und Nickelbrille, der auf der Karriereleiter noch weiter nach oben steigen wollte. Der ständig missmutig dreinblickende Beamte fiel schnell in einen hochnäsigen, belehrenden Ton, obwohl man spürte, dass er dieses Manko seiner Persönlichkeit zu kontrollieren versuchte. Keppler sehnte sich nach den alten Zeiten beim Verfassungsschutz zurück, als Leute das Sagen hatten, die wussten, wovon sie sprachen, weil sie selbst den Beruf von der Pike auf gelernt hatten. Jetzt tauchten nur noch studierte Quereinsteiger auf, die von der Praxis keine Ahnung hatten, aber das Rad trotzdem neu erfinden wollten.

„Ich kann nur das verarbeiten, was mein Kontakt mir liefert“, reagierte Leif Keppler heftiger als beabsichtigt. Die Vorhaltungen seiner Ehefrau hatten seine Laune deutlich verschlechtert.

„Sie sollten Ihrem Kontakt mal kräftig auf die Füße steigen“, wurde Hesses Ton um eine weitere Nuance arroganter. „Der Typ soll gefälligst nicht nur kassieren, sondern endlich auch mal liefern. Schließlich haben wir ihn mit unseren Kontakten aus einer reichlich prekären Situation herausgeholt. Wir registrieren IS-Rückkehrer im ganzen Land, es wird Zeit, dass wir und ganz besonders Sie endlich etwas für die sprichwörtliche Daseinsberechtigung tun.“

Keppler registrierte die Verschärfung des Tons sehr genau.

„Bei den regelmäßigen Sicherheitskonferenzen immer nur die Schultern zucken zu müssen, ist auf Dauer unbefriedigend, auch im Hinblick auf unserer beider beruflicher Entwicklungen. Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

„Was soll denn nicht in Ordnung sein?“, fragte Keppler irritiert zurück, der die verklausulierte Drohung hinsichtlich seiner nächsten Beförderung sehr genau registriert hatte.

„Es könnte ja sein, dass Sie sich vielleicht viel lieber wieder ausschließlich dem Klientel aus der rechten Szene widmen wollen wie am Anfang Ihrer Laufbahn.“

Wieder eine unverhohlene Drohung, Keppler schwieg.

„Vielleicht liegt Ihnen ja die Mentalität dieser Leute nicht. Manche haben halt eine Aversion gegen dies und das, das ist ja ganz normal. Vielleicht kommen Sie nicht mit diesen Arabern zurecht. Nur müssen wir das wissen, damit wir reagieren können.“

„Aber nein“, presste Keppler heraus, der deutlich spürte, dass er auf der Hut sein musste. „Ich kümmere mich darum.“

„Tun Sie das. Machen Sie dem Mann unmissverständlich klar, dass die Zusammenarbeit keine Einbahnstraße ist. Rücken Sie ihm auf den Pelz, machen Sie Druck. Es braucht ja gar nicht viel. Lassen Sie mal Ihrer Fantasie freien Lauf, ein vager Verdacht reicht doch aus. Anscheinsgefahr, damit lässt sich doch wer weiß was begründen.“

Nach dem Telefonat blieb Leif Keppler wie betäubt im Sessel sitzen. Die Gedanken rotierten und er sah sich bereits wieder auf Demonstrationen Autokennzeichen der Teilnehmer aufschreiben. 'Am Anfang Ihrer Laufbahn', was für ein Arschloch dieser Hesse war. Fieberhaft überlegte er sein weiteres Vorgehen. Sein Frau ließ ihn in Ruhe, zum Glück. Ihre leiernde, wie eine Schallplatte mit Sprung klingende Stimme hätte er jetzt nicht ertragen können. Sie war nach dem Frühstück in den oberen Stock gegangen, er konnte hören, wie sie sich an Schränken oder Schubladen zu schaffen machte. Keppler musste unbedingt seinen Kontakt erreichen, es musste etwas passieren, und zwar schnell. Lange würde sich Hesse nicht mehr mit Vermerken zufriedengeben, die der Kerl auch noch als 'vage' bezeichnet hatte.       

19. Gewissheiten

„Ist sie tot?“

„Ja, ganz sicher.“

„Hast du sie identifiziert?“

„Nein. Das konnte ich nicht. Von ihrem Gesicht war nichts mehr übrig. Man hat noch einen Hautfetzen mit Kopfhaaren gefunden, kleiner als eine Handfläche. Das ist alles, was vom Kopf zu finden war. Aber es wurde ein abgerissener Unterarm mit einer Hand daran aus einem Gebüsch gezogen. Zwei Ringe, silbernes Material, kaum wertvoller als Trompetenblech, ihre Freundin hat den Schmuck zweifelsfrei wiedererkannt. Die Kleidung, zumindest das, was noch zu erkennen war, übrigens auch. Ich habe mir aus ihrer Wohnung Vergleichsmaterial besorgt, damit eine DNA-Untersuchung durchgeführt werden kann, aber das ist nur pro forma. Sie ist es, ganz sicher.“

„Danke, Michael.“

Björn schob resignierend eine Akte, die vor ihm lag, beiseite.

„Weißt du die genaue Todeszeit?“

„Natürlich. Der Lokführer hat sie ja im letzten Moment noch vor den Zug torkeln sehen.“

Er nannte ihm die genaue Uhrzeit und den Ort. Björn strich sich erst mit der Hand über den Dreitagebart, bevor er vor Wut auf die Tischplatte schlug.

„Scheiße“, stieß er hervor.

Es passte alles zusammen, seine Beobachtung des Kleinbusses vor ihrem Haus, keine Stunde später wird die Frau von einem ICE erfasst, der in voller Fahrt unterwegs war, dazu noch der Ort. Soweit außerhalb und abseits von jeder öffentlichen Fahrgelegenheit, dass sie nur mit dem Auto dorthin gebracht worden sein konnte.

„Einen Tag zu spät“, murmelte er und ein verständnisloser Michael Peschel blickte ihn an.

„Der Peilsender, einen Tag zu spät. Mit ihm hätten wir wenigstens eine Verbindung nachweisen können, aber so, wieder nichts. Oder gibt es Zeugen?“

Er stellte diese Frage, obwohl er die Antwort bereits kannte.

„Nein. Der Lokführer hat sie nur im letzten Augenblick, praktisch aus dem Augenwinkel gesehen, da war es auch schon passiert. Von den Fahrgästen hat es keiner mitbekommen. Aber wie auch? Eine Brücke über der Eisenbahnlinie, die Straße kaum befahren und die Betonbauweise der Brücke bot massenhaft Sichtschutz. Keine Grünfläche oder Erde, wo man hätte Fußabdrücke finden können, es führte eine abgeflachte Treppe nach unten.“

Björn rief Claudia Harder an, die schon auf dem Sprung...



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