Ullrich | Mord am Niddaufer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Ullrich Mord am Niddaufer


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-946247-15-9
Verlag: Lasp-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

ISBN: 978-3-946247-15-9
Verlag: Lasp-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Am Ufer der Nidda wird in unmittelbarer Nähe des Eschersheimer Schwimmbades eine kopflose Leiche gefunden. Der Frankfurter Stadtteil ist in heller Aufregung, die auch das örtliche Gymnasium erfasst, als sich herausstellt, dass es sich bei dem Opfer um eine Schülerin handelt. Tom Bohlan und seine Kollegen ermitteln in der Schule und werden mit einer ungeliebten Schulleiterin, einem Theaterstück, in dem es um Enthauptungen geht und Intrigen im Kollegium konfrontiert. Doch damit nicht genug: die neue Staatsanwältin macht dem Kommissar das Leben schwer. Wieder ein spannender Frankfurt-Krimi um die Ermittler Tom Bohlan und Julia Will, angereichert mit einer Menge Lokalkolorit.

Lutz Ullrich, studierte Politik und Rechtswissenschaften, schrieb für verschiedene Zeitschriften, betätigte sich in der Frankfurter Lokalpolitik und arbeitet heute als Rechtsanwalt in Frankfurt. Von ihm sind neun Krimis und ein historischer Roman über Willy Brandt erschienen.

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Donnerstag
Die Spätsommersonne knallte vom Frankfurter Himmel herab. Über der Stadt schwebte eine Dunstglocke, die dafür sorgte, dass sich die Wärme in den Schluchten der Hochhäuser zu stauen begann. Der Sommer war in diesem Jahr wieder äußerst bescheiden gewesen und schien in seinen letzten Tagen alles nachholen zu wollen, was er bislang versäumt hatte. Für das Wochenende waren über dreißig Grad Celsius vorhergesagt und es wurde mit einem Ansturm auf die städtischen Bäder gerechnet. Hauptkommissar Tom Bohlan fläzte sich mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem alten Holzstuhl und blickte durch die dunklen Gläser seiner Sonnenbrille. Vor ihm stand ein Latte Macchiato nebst einem Stück Butterstreusel. Das Wasser lief in seinem Mund zusammen. Er schwang die Gabel, trennte die erste Ecke ab und schob das Stück in den Mund. Was für ein Tag, dachte Bohlan. Butterstreusel mochte er für sein Leben gern. Manche Bäcker versuchten, den Kuchen mit einer Puddingschicht aufzupeppen. Er hingegen liebte ihn schlicht und einfach. Ein dünner Hefeteig und drüber schön dick die Streusel. Gerade als Bohlans Gabel zum zweiten Mal in den Kuchen piksen wollte, schrillte sein iPhone. Resignierend, aber immer noch bester Laune, ließ er die Gabel sinken und kramte das Smartphone aus der Innentasche seiner Jacke, die er über die Stuhllehne gehängt hatte. „Julia, was gibt’s?“ Ein kurzer Blick auf das Display hatte ihm verraten, dass es seine Kollegin war. Er hoffte inständig, dass sie in irgendeinem Eiscafé saß und das Leben ebenso genoss wie er. „Tut mir sehr leid, dass ich dich stören muss, es gibt ein kleines Problem.“ Wenn es nur ein kleines Problem wäre, würde Julia nicht anrufen, dachte Bohlan und sah seine gute Stimmung dahinkriechen. „Jetzt hör mal zu, Schätzchen. Vor mir steht einer der leckersten Streuselkuchen der Stadt. Ich hoffe, du hast einen triftigen Grund, um mich bei diesem Genuss zu stören.“ „Den habe ich in der Tat, Tom. Ich stehe hier am Ufer der Nidda. Vor mir liegt eine Leiche und um mich herum ist der Teufel los. Lauter Schaulustige, die gerade das Eschersheimer Freibad verlassen.“ Aus Wills Stimme war jegliche Ruhe gewichen. Sie klang ein wenig schrill, überschlug sich beinahe. „Tom. Bist du noch dran?“ „Ja, verdammt! Was soll ich tun?“ „Lass dir deinen verdammten Kuchen einpacken und beweg deinen Arsch hierher.“ Das war mehr als deutlich. Deutlicher war Julia Will noch nie geworden. In all den Jahren, die Bohlan mit ihr zusammenarbeitete, war sie eigentlich meist die Ruhe in Person gewesen. Was immer sich vor dem Eschersheimer Freibad zugetragen hatte, es musste Will völlig außer Fassung gebracht haben. Der Kommissar klemmte einen Zehneuroschein unter den Kuchenteller und verließ das Café, nicht ohne sich noch einen großen Bissen vom Kuchen in den Mund zu schieben. Als Bohlan am Tatort eintraf, sah er bereits die Meute lauern. Der Anblick ähnelte dem eines Schwarms von Aasgeiern, die über ihrer Beute kreisten. Wer auch immer die These aufgestellt hatte, es gäbe so etwas wie Schwarmintelligenz, er wurde hier Lügen gestraft. Den Schwimmbadbesuchern stand alles andere als Intelligenz ins Gesicht geschrieben. Entsetzen, Angst oder Abscheu trafen eher zu. Eine merkwürdige Stille lag in der Luft, nur aus der Ferne klangen die begeisterten Schreie spielender Kinder herüber, die sich gerade die Rutsche hinab in das kühlende Nass stürzten. Bohlan bahnte sich einen Weg durch die Menge. Schon von Weitem erblickte er Julia Will in einem geblümten Sommerkleid. Eigentlich machte sie immer eine gute Figur, egal ob sie sich im Präsidium bewegte oder auf einem Ball. Selbst auf der Judomatte war sie bestimmt eine Augenweide, dachte Bohlan. Hier aber wirkte das flatternde bunte Kleid ein wenig deplatziert. Offensichtlich hatte sie aber vorbildlich gearbeitet. Ufer und Straße waren durch uniformierte Einsatzkräfte und rot-weiße Bänder weiträumig abgeriegelt. Steinbrecher und Steininger standen mit Julia Will zusammen, der Böschung zur Nidda demonstrativ den Rücken zugekehrt. Plötzlich legte sich eine Hand auf Bohlans Schulter. „Na, dass wir mal zeitgleich am Fundort auftauchen, hat Seltenheitswert.“ Bohlan wandte den Kopf zur Seite und blickte in Dr. Spichals Gesicht. Der groß gewachsene Rechtsmediziner grinste ihn an. „Soll ja ein ziemlich spektakulärer Fund sein, was man so hört.“ Bohlan verzog sein Gesicht und murmelte etwas Unverständliches. Als sie das Absperrband erreichten, grüßte Bohlan die Einsatzkräfte, während Dr. Spichal das Band anhob und dem Kommissar den Vortritt ließ. Bohlan eilte zu seinen Kollegen. Will, deren Gesicht nichts von der üblichen Lebendigkeit aufwies, fasste ihn am Arm. „Es ist das Schrecklichste, was ich jemals gesehen habe.“ Mit einer leichten Kopfbewegung deutete sie zum Ufer, wo der Kommissar nichts weiter bemerkte, als eine an zwei Sträuchern befestigte Vereinsfahne des FC Heddernheim. „So schlimm sehen die Vereinsfarben nun auch wieder nicht aus.“ Bohlan bereute seine Worte, kurz nachdem sie seinen Mund verlassen hatten. „Es ist nun wirklich der falsche Zeitpunkt für irgendwelche Scherze“, raunte Will. „Die Fahne wurde uns freundlicherweise vom benachbarten Verein zur Verfügung gestellt. Wir müssen die Kinder, die vorbeilaufen, unbedingt vor diesem Anblick schützen, sonst brauchen wir hier jede Menge Psychologen.“ Bohlan wurde allmählich immer unruhiger. Was auch immer hinter der Fahne lag, es musste ein grausiger Anblick sein. „Sprachst du nicht von einer Wasserleiche?“, bemerkte Dr. Spichal. „Ich habe sie bereits aus dem Wasser ziehen lassen“, antwortete Will. „Keine Sorge. Natürlich haben wir alles fotografisch festgehalten, was Lage und Stellung im Wasser und so weiter angeht.“ Dr. Spichal nickte. „Ich habe nichts anderes erwartet.“ Die drei hatten die Fahne erreicht und gingen um sie herum. Bohlans Blick traf den aufgeschwemmten Körper und er spürte eine säuerliche Flüssigkeit aus seinem Magen nach oben steigen. „Da kommt wohl wirklich jegliche ärztliche Hilfe zu spät.“ Der Rechtsmediziner streifte sich Plastikhandschuhe über. „Schon ein oberflächlicher Blick zeigt, dass längst die Leichenfäulnis eingesetzt hat. Natürlich einmal abgesehen von dem fehlenden Kopf.“ Bohlan wandte sich ab und ging zusammen mit Julia Will zurück zu Steinbrecher und Steininger, die in der Mordkommission immer nur ‚die Stones‘ genannt wurden. Auch ihre Gesichter waren weißer als jemals zuvor. „Die Fakten. Aber kurz“, sagte er zu Julia Will gewandt. „Der Leichnam wurde vor zwei Stunden von einem Spaziergänger entdeckt. Er lag ziemlich versteckt unter Ästen und Gestrüpp. Dem Anschein nach wohl schon einige Tage.“ Bohlan hob den Kopf und blickte nach links und rechts. „Er könnte auch angeschwemmt worden sein.“ „Eher unwahrscheinlich. Nur wenige Meter weiter befindet sich ein Wehr.“ „Und der Kopf, ich meine irgendwelche Anzeichen?“ Will und die Stones blickten verständnislos. „Habt ihr das Gelände absuchen lassen? Irgendwo muss der doch sein. Wer nimmt denn einen Kopf mit nach Hause?“ Eine gute Stunde später wurde der Leichnam im Institut für Rechtsmedizin eingeliefert. Bohlan hatte sein gesamtes Team zur Leichenschau mitgenommen und zusätzlich einen Fotografen der Spurensicherung. Kurze Zeit später erschien Felicitas Maurer, die zuständige Staatsanwältin. Sie war Mitte vierzig, hatte dicht gelockte dunkelbraune Haare und strahlte eine hanseatische Kühle aus. Sie hatte sich zu Beginn des Jahres von Hamburg nach Frankfurt versetzen lassen und für frischen Wind in der hiesigen Staatsanwaltschaft gesorgt. Über die Beweggründe ihrer Versetzung waren die wildesten Spekulationen im Umlauf. Bohlan hatte bislang versucht, sie zu ignorieren, was in Anbetracht der täglichen Updates seiner Kollegen mehr als schwierig war. Zweifelsohne strahlte Maurer eine gewisse Aura aus und sah zudem noch ziemlich gut aus, aber der Kommissar war zu sehr mit der holprig gewordenen Beziehung zu Barbara Weber beschäftigt, als dass er sich Gedanken um eine hübsche Staatsanwältin machen konnte. Seitdem Weber zum neuen Gesicht der samstäglichen Sportsendung im Fernsehen aufgestiegen war, verbrachte sie mehr Zeit in Mainz als in Frankfurt. Sie gönnte sich dort sogar eine Zweitwohnung, was Bohlan für arg überzogen hielt. Dr. Spichal begann mit der äußeren Leichenschau. Zunächst stellte er fest, dass es sich um eine weibliche Leiche handelte, die lediglich mit einem T-Shirt und einem kurzen Rock bekleidet war. Weitere Kleidungsstücke oder gar Ausweispapiere waren bislang nicht gefunden worden. Bohlan hoffte inständig darauf, dass der Körper irgendwelche besondere Merkmale aufwies. Ansonsten sah er für die weiteren Ermittlungen ziemlich schwarz. Dr. Spichal deutete auf schlitzförmige Stoffdefekte im Brustbereich des T-Shirts. „Sieht nach Messerstichen aus.“ Vorsichtig zog er das T-Shirt nach oben. Mehrere Einstichverletzungen im Brustbereich kamen zum Vorschein. Dr. Spichal beugte sich über die Verletzungen und stellte nach einiger Zeit fest: „Fünf leicht schräg gestellte Einstiche, jeweils knapp zwei Zentimeter lang, und zwar sowohl im T-Shirt wie auch in der Brust.“ Er blickte zu Bohlan. „Also wurden die Einstiche durch das T-Shirt ausgeführt?“ „Exakt.“ „Warum weist das Shirt keine Blutflecken auf?“, wollte Steininger wissen. „Vermutlich ausgewaschen“, antwortete Dr. Spichal. „Die Tote hat sich mit dem...



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