E-Book, Deutsch, Band 4, 220 Seiten
Reihe: tom bohlan
Ullrich Stadt ohne Seele
3. Auflage 2016
ISBN: 978-3-946247-11-1
Verlag: LASP
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kommissar Bohlans vierter Fall
E-Book, Deutsch, Band 4, 220 Seiten
Reihe: tom bohlan
ISBN: 978-3-946247-11-1
Verlag: LASP
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
In einem Frankfurter Luxushotel wird die
Leiche einer jungen Mexikanerin gefunden.
Schnell gerät der Internet-Aktivist Linus Möller
unter Mordverdacht, der in der Schattenwelt
zwischen Wirtschaftskriminalität und Drogenhandel recherchiert. Doch was hat das alles mit der Finanzierung einer neuen Multifunktionshalle im Frankfurter Stadtwald zu tun? Und warum gibt es Parallelen zu einer Mordserie im mexikanischen Drogenmilieu? Es beginnt eine mörderische Hetzjagd, die das Ermittlungsteam Bohlan/Will an die Grenzen ihrer Möglichkeiten bringt.
Lutz Ullrich, studierte Politik und Rechtswissenschaften, schrieb für verschiedene Zeitschriften, betätigte sich in der Frankfurter Lokalpolitik und arbeitet heute als Rechtsanwalt in Frankfurt. Von ihm sind neun Krimis und ein historischer Roman über Willy Brandt erschienen.
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Freitag
Julia Will wartete, bis der letzte Tropfen Kaffee den Weg in ihre Tasse gefunden hatte, gab einige Stücke Würfelzucker obendrauf und setzte sich an ihren Schreibtisch. Sie genoss die Ruhe an diesem Morgen. Tom Bohlan war gestern Abend ins Allgäu gefahren, Steinbrecher und Steininger waren noch nicht da und ihr Schreibtisch war ziemlich leer. Es versprach, ein ruhiger Freitag zu werden. Sie musste noch ein, zwei Berichte schreiben und würde spätestens am frühen Nachmittag in ein wohlverdientes Wochenende starten, an dem sie möglichst viel Zeit mit Alex Feth, ihrem Freund, verbringen wollte. Gerade als sie ihre letzte Mail gelesen hatte, wurde die Bürotür aufgerissen und Steinbrecher stürmte herein. „Moin.“ Er hängte seine schwarze Lederjacke an den Kleiderhaken. Will verdrehte die Augen und griff eine der beiden Akten, die auf ihrem Schreibtisch lagen. Obwohl sie wusste, dass Steinbrecher sie gleich in ein morgendliches Gespräch verwickeln würde, täuschte sie Geschäftigkeit vor. Vielleicht würde er sich abschrecken lassen und mit seinem starken Kaffee hinter seinem Bildschirm verschwinden. Schließlich war Tom nicht da und so fehlte sein erster Ansprechpartner. „Schon Pläne für das Wochenende?“ Will schaute auf. Steinbrecher saß tatsächlich an seinem Schreibtisch. Er hatte die Beine auf dem Tisch übereinandergeschlagen und schlürfte seinen Kaffee. „Möglichst wenig tun“, sagte Will und wandte sich wieder der Akte zu. „Klingt nach einem guten Plan.“ Steinbrecher nahm einen weiteren Schluck. „Ich muss heute etwas früher los. Mein neuer Flachbildfernseher soll am Nachmittag geliefert werden.“ Will konnte sich nicht daran erinnern, eine Frage gestellt oder Interesse geheuchelt zu haben. Sie mochte Steinbrecher als Kollegen und schätzte seine kriminalistischen Fähigkeiten. Es war auch in Ordnung, dass sie als Team ab und an etwas privat unternahmen. Ein gemeinsamer Äppelwoi oder ein Feierabendbier war meistens eine launige und kurzweilige Abwechslung vom Alltagsstress. Sie selbst hatte sogar im letzten Jahr einen gemeinsamen Konzertbesuch in Offenbach organisiert. Tatsächlich hatten sie es geschafft, den Mord an dem Privatdetektiv Claudius Jäkel rechtzeitig aufzuklären, sodass das Konzert den obligatorischen Umtrunk nach einem gelösten Fall ersetzt hatte. So verschieden die Charaktere der Kriminalisten der Mordkommission auch waren, sie harmonierten als Team hervorragend. Ein jeder hatte sich mit den Macken der anderen arrangiert. Doch wie in einer guten Beziehung war es wichtig, nicht allzu sehr aufeinanderzukleben und den anderen Freiheiten und Absonderlichkeiten zu gewähren. Aus diesem Grunde wollte Will auch nicht über jedes Detail aus dem Privatleben ihrer Kollegen informiert sein. Wenn sie etwas abgrundtief hasste, dann war es Geläster und Getuschel am Arbeitsplatz. „Na, dann steht einem Wochenende vor der Glotze nichts mehr im Wege“, antwortete sie beiläufig. „Wo denkst du hin? Den Fernseher habe ich mir nur bestellt, weil die alte Glotze über den Jordan gegangen ist. Ich werde mir allenfalls ein oder zwei Filme reinziehen. Morgen kommt mein Sohn in die Stadt. Mit dem will ich möglichst viel Zeit verbringen.“ Will horchte auf. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass Steinbrecher schon einmal irgendwas von einem Sohn erzählt hatte. Die Welt steckte voller Überraschungen. „Ich wusste gar nicht, dass du ein Kind hast.“ „Hab ich eigentlich auch nicht. Na ja, natürlich ist es mein Sohn, aber ich habe ihn auch schon lange nicht mehr gesehen.“ „Klingt nach einer komplizierten Geschichte.“ Wills Interesse war wider Erwarten geweckt. „Das Übliche. Junges Paar bekommt ein Kind. Man merkt, dass es doch nicht so gut zusammen funktioniert. Frau verliebt sich in einen anderen, verlässt die Stadt. Natürlich kommt das Kind mit. Der Vater bleibt auf der Strecke. So ist das Leben.“ Steinbrechers Worte klangen monoton und sachlich, doch Will spürte eine tiefe Verletztheit. Wie viel Kummer und Schmerz hatte es ihren Kollegen gekostet, seinen Sohn nicht aufwachsen sehen zu können? Vielleicht war dies einer der Gründe für Steinbrechers Eigenbrötlerei. „Wie lange hast du ihn denn nicht gesehen?“ „Fünf Jahre. Seine Mutter hat es nicht zugelassen.“ Will schluckte. „Du hast als Vater doch auch gewisse Rechte, warum hast du nichts unternommen?“ „Natürlich hätte ich den Umgang einklagen können, aber ich wollte nicht noch mehr Ärger. Es war so schon schwierig genug. Ich dachte mir, wenn er größer ist, wird er von selbst kommen.“ Steinbrecher schaute versonnen an die Decke und fügte dann hinzu: „Und so ist es nun ja auch gekommen. Jetzt kann uns seine Mutter nichts mehr anhaben.“ „Wie alt ist er denn?“ „Achtzehn. Seit ein paar Wochen.“ Will brannten tausend Fragen auf der Zunge, aber aus irgendeinem Grund traute sie sich nicht, sie zu stellen. Stattdessen sagte sie nur: „Na, dann werdet ihr ja einiges zu besprechen haben.“ Steinbrecher nickte. Für einige Sekunden schwiegen beide. Es war eine merkwürdige Stille. Und es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder das Gespräch fortsetzen – dann würde es vermutlich in eine nie dagewesene persönliche Tiefe gehen – oder aber abbrechen und sich der Arbeit zuwenden. Will war sich unschlüssig, wie sie sich verhalten sollte. Wieder einmal war es die aufgehende Tür, die ihr die Entscheidung abnahm. Jan Steininger betrat mit unbekanntem Elan den Raum. Will warf ihm einen Blick zu und wunderte sich, dass heute alles anders war als üblich. Irgendetwas an Steininger hatte sich verändert. Schon die vergangenen Wochen hatte sie einige Merkwürdigkeiten und Wesensveränderungen an ihrem jungen Kollegen wahrgenommen. Es waren keine großen Dinge gewesen, nur kleine Nuancen. Aus diesem Grund hatte sie der Sache keine weitere Beachtung geschenkt. Doch plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Steininger hatte seinen schleichenden, fast unterwürfigen Gang abgelegt. Er strahlte plötzlich ungewohntes Selbstvertrauen aus. Eine gewisse Neugierde keimte in Will auf. Da sie aber für heute mit persönlichen Gesprächen bedient war, beschloss sie, die Aufklärung dieses Sachverhaltes auf später zu vertagen und wandte sich wieder ihrer Akte zu. Es ging um eine Messerstecherei, die zwei Banden im Bahnhofsviertel angezettelt hatten. Es hatte mehrere Verletzte und einen Toten gegeben. Die Ermittlungen waren weitgehend abgeschlossen. Das Einzige, was noch fehlte, war der Schlussbericht und ein Gespräch mit der Staatsanwaltschaft. Will hatte beide Aufgaben übernommen und las sich den Entwurf des Abschlussberichtes durch, den sie gestern Abend geschrieben hatte. Sie war so vertieft in ihre Formulierungen, dass sie das Klingeln des Telefons genauso überhörte wie das Gespräch, das Steinbrecher führte. So bekam sie nicht mit, wie Steinbrecher den Hörer ablegte, bewegungslos auf seinem Stuhl saß und abwesend auf die Notizen starrte, die er sich gemacht hatte. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen. Eigentlich war es mal wieder so wie immer. Das Verbrechen schlug zu, wenn man es am wenigsten gebrauchen konnte. Das Wochenende war nun völlig vermasselt. Wie sollte er jetzt noch seinen Flachbildfernseher entgegennehmen? Auch an eine entspannte Zeit mit seinem Sohn war nicht mehr zu denken. Mit einem Mal entlud sich die aufgestaute Aggression und seine Faust schlug mit einem donnernden Schlag auf die Tischplatte. „Scheiße“, brüllte er. Er sah, wie Julia Will zusammenzuckte und verschüchtert aufsah. Steininger, der das Telefongespräch mit angehört hatte, saß abwartend und ungewohnt breitschultrig an seinem Tisch. „Was ist denn los? Klappt etwas mit deinem Wochenende nicht?“ „In der Tat klappt etwas mit dem Wochenende nicht.“ Steinbrechers Worte klangen ungewohnt ruppig. „Zieht eure Jacken an, es gibt Arbeit.“ Das Marriott residiert in Frankfurts höchstem Hotelgebäude in bester Innenstadtlage vis-a-vis zur Messe. Mit seinen fast tausend Gästezimmern in gehobener Preisklasse gehört es zu den besten Übernachtungsmöglichkeiten der Stadt. Als die Kommissare die Lobby betraten, deutete nichts darauf hin, dass es in einem der Gästezimmer in der Nacht zu einer schrecklichen Tragödie gekommen war. Eine Mitarbeiterin des Reinigungspersonals hatte am Morgen in einem der Zimmer eine Leiche gefunden, deren Anblick sie dermaßen geschockt hatte, dass sie fluchtartig das Zimmer verlassen und schreiend über den Flur gerannt war. Einer der Hotelmanager hatte die Tür zum Zimmer wieder verschlossen und die Polizei alarmiert. Will schritt zielstrebig zur Rezeption. Dort traf sie auf einen jüngeren Hotelmitarbeiter, der bei Vorlage ihres Dienstausweises regelrecht zusammenzuckte und stotternd darum bat, einen Moment zu warten. Der Leichenfund ist wohl doch nicht so spurlos am Personal vorübergezogen wie es in der Lobby den Anschein machte, dachte die Kommissarin. Nach wenigen Minuten erschien ein Mann in mittlerem Alter. Er trug einen schwarzen Anzug, weißes Hemd und hellblaue Krawatte. Seine ergrauten, wohlfrisierten Haare erinnerten Julia Will ein wenig an Richard Gere. „Die Damen und Herren von der Polizei.“ Der Mann begrüßte alle drei per Handschlag. „Mein Name ist Dieter Fischer. Ich bin der Hotelmanager. Folgen Sie mir bitte.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte sich Fischer um und verschwand durch eine Tür hinter der Rezeption. Die Kommissare hatten Mühe, ihm zu folgen. „Darf ich Ihnen einen Kaffee bringen lassen?“, fragte Fischer, als sich alle gesetzt hatten. „Danke, sehr nett, aber...




