Ullrich | Tödliche Verstrickung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Reihe: Kommissar Bohlans dritter Fall

Ullrich Tödliche Verstrickung


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-946247-13-5
Verlag: Lasp-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Reihe: Kommissar Bohlans dritter Fall

ISBN: 978-3-946247-13-5
Verlag: Lasp-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die Anwältin Miriam Faust will ganz nach oben und spielt dabei ein übles Spiel, in dem Moral keine Rolle zu spielen scheint. Zunächst scheint alles nach Plan zu laufen, doch dann hängt ein Privatdetektiv halbnackt und tot an der Decke seines Schlafzimmers. Als Hauptkommissar Tom Bohlan und seine Kollegin Julia Will an den Tatort gerufen werden, ahnen sie noch nicht, in welche Verstrickungen sie dieses Verbrechen führen wird. Macht, Gier, Mobbing und üble Machenschaften ziehen sich durch die Ermittlungen und rütteln an den Grundwerten der Kommissare.

Lutz Ullrich, studierte Politik und Rechtswissenschaften, schrieb für verschiedene Zeitschriften, betätigte sich in der Frankfurter Lokalpolitik und arbeitet heute als Rechtsanwalt in Frankfurt. Von ihm sind neun Krimis und ein historischer Roman über Willy Brandt erschienen.

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Samstag
Hauptkommissar Tom Bohlan stocherte im Nebel. Ein eiskalter Wind wehte ihm um die Nase und schoss kleine Eiskristalle auf die geröteten Wangen. Sein Vordermann verschwand gerade in der Nebelwand, die knapp hinter der nächsten Pistenmarkierung begann. Bohlan versuchte, sein Fahrtempo zu erhöhen, um den Anschluss an die Gruppe nicht zu verlieren. Er befand sich auf unbekanntem Terrain und er war unvorbereitet. Sein letzter Skiurlaub lag Jahre zurück. Seitdem hatte sich nicht nur sein skifahrerisches Können dramatisch verschlechtert, auch die Lifte und Pisten auf dem Pitztaler-Gletscher waren einer dramatischen Veränderung unterlegen und zollten der Klimaerwärmung Tribut. Zentimeter für Zentimeter der jahrtausendalten Eisschicht plätscherten jedes Jahr mit der Schneeschmelze den Hang hinunter und leisteten ihren Beitrag zur Anhebung des Meeresspiegels. Mit allen Mitteln und unter Einsatz immenser finanzieller Ressourcen versuchten die Alpen-Gemeinden sich gegen die Auswirkungen der Klimaerwärmung zu stemmen. Der Verlust des Gletschers wäre der Untergang des Tourismus im Tal. Um ihn vor den warmen Sonnenstrahlen zu schützen, wurde er in den warmen Monaten mit weißen Folien abgedeckt. Im Winter lieferten riesige Schneemaschinen tonnenweise Kunstschnee. Im letzten Jahr hatte die Betreibergesellschaft nochmals einige Millionen Euros in eine Neuentwicklung aus Israel investiert, die Schnee auch bei Plusgraden produzieren konnte. Während Bohlan über all dies nachdachte, passierte das Unvermeidliche. Er verlor die Kontrolle über seine Ski, geriet von der Piste und schnellte in unwegsames Gelände, wo er die Kontrolle über seine Körperbalance vollends verlor. Die Schaufeln der Ski blieben im Tiefschnee stecken und der Kommissar überschlug sich. Für einige Sekunden blieb er benommen liegen. Er hatte sich von seinem alten Freund Peter Wengen, den er im letzten Sommer zufällig auf einem Sportplatz in Niederrad wiedergetroffen hatte, zu diesem Vatertagstrip in die österreichischen Berge überreden lassen. Seit zwei Tagen verweilten die fünf gestandenen Männer nun schon im Pitztal, verbrachten den Tag auf den Brettern und die Abende in den wenigen Gaststätten, die noch geöffnet hatten. Das Essen war deftig und süß. Weizenbier und Obstler flossen reichlich. Bohlan hatte bislang jede Sekunde genossen. „Ist alles okay?“ Bohlan blickte in eine Nebelwand und erahnte eine menschliche Gestalt. Er vergewisserte sich, dass noch alle Gliedmaßen funktionsfähig waren. „Ja. Geht schon. Vielen Dank.“ Der Kommissar berappelte sich, klopfte den Schnee von den Skischuhen und stieg wieder in die Bindung. Er schob sich mit beiden Stöcken wie ein Rennläufer beim Start an und beeilte sich, zur Talstation der Gondel zu gelangen, die immerhin noch auf einer Höhe von 1800 Metern lag. „Da bist du ja. Wir wollten schon die Bergwacht verständigen“, wurde er von Peter Wengen empfangen. Die anderen drei Männer lachten. „Alles halb so schlimm. Hab nur schnell den Schnee geküsst.“ „Dann können wir ja.“ Wengen gab Bohlan einen Klaps auf die Schulter. Die Männer bestiegen die nächste Gondel. Anstehen mussten sie nicht. Das Skigebiet war ziemlich leer, was zum einen am miesen Wetter und zum anderen daran lag, dass es das letzte Wochenende der Saison war. Mitte Mai Skizufahren war eine Verrücktheit, die sich nicht allzu viele leisten wollten. Als die Gondel die Talstation verließ, verdichtete sich der Nebel erneut. „Wäre das nicht die perfekte Kulisse für einen Horrorstreifen? Die Insassen sehen, wie die Gondel vor ihnen langsam, an einem Drahtseil gezogen, im Nebel verschwindet. Leichtes Unbehangen macht sich breit, obwohl der Verstand sagt, dass es nur Nebel ist. Die Gondel durchbricht die Nebelwand, taucht in sie ein und verschwindet. Nun ist es die eigene Gondel, die sich langsam, aber unaufhaltsam der Wand nähert. Es herrscht eine beängstigende Stille. Keiner sagt etwas. Alle starren auf den Nebel. Dann ... die Gondel taucht in den Nebel ein. Es ist nichts mehr zu sehen, außer einem unendlichen Weiß. Die Gondel schwebt weiter. Man sieht das Ende des Drahtseils auf sich zukommen. Jemand will schreien, aber der Schrei verhallt ohne einen Laut. Die Gondel rollt vom Seil. Alle warten auf den Absturz, aber nichts passiert. Das Seil ist weg, aber die Gondel schwebt weiter im Raum. Erst verschwindet das Dach, dann reihum die Seitenteile. Die Skifahrer sitzen auf den Bänken, der Boden entschwindet. Jeder ahnt das Ende voraus, aber wen wird es als Ersten treffen? Wer wird sich zuerst im Nebel auflösen ...“ Robert Neumann machte ein ernstes Gesicht. „Du bist echt ein Meister des Grusels“, entfuhr es Martin Müller und die anderen waren froh, dass die Geschichte ein Ende hatte und der Nebel sich ein wenig zu lichten begann. „Ja, das wahre Kino findet im Kopf statt. Man braucht nicht viel Aktion, um ein richtiges Gruselgefühl zu erzeugen“, antwortete Robert Neumann, von dem Tom Bohlan nicht viel wusste, außer dass er einmal als Steuerfahnder tätig war und nun Bücher schrieb. Der Mann neben ihm, Klaus Horn, kramte einen Flachmann aus seinem Rucksack. „Auf den Schreck muss ich erst einmal einen trinken.“ Der Deckel des Flachmanns machte die Runde und die Gondel fuhr in die Bergstation ein.   Montag
Tom Bohlan parkte seinen Lupo vor dem Polizeipräsidium. Obwohl er guter Laune war und seine Batterien durch den Ski-Trip aufgeladen waren, legte er vor dem Betreten eine kurze Pause ein und schaute grübelnd nach links und rechts. Die dunkle Fassade schien kein Ende zu nehmen. Kopfschüttelnd trat er durch die Eingangstür, nickte der Empfangsdame, die hinter einer dicken Scheibe aus Panzerglas saß und gelangweilt auf ihren Bildschirm starrte, freundlich zu. Er kramte umständlich seine Dienstkarte, die ein elektronischer Schlüssel war, aus seiner Jacke und hielt sie an das Magnetfeld. In den letzten Jahren hatte er sich an seinen Arbeitsplatz gewöhnt und fand ihn nicht mehr so uneinladend wie bei seiner Rückkehr in den Dienst an einem Oktobertag vor drei Jahren. Nur manchmal überkam ihn der Blues und er sehnte sich das altehrwürdige Präsidium zurück, das in einem alten Bau in der Nähe des Hauptbahnhofes gelegen hatte. Bohlan durchschritt einen der acht quadratischen Innenhöfe und schaute die gläserne Fassade hinauf. So sehr die Architekten die Außenfassade auf abweisend getrimmt hatten, so sehr hatten sie sämtliche Innenfassaden mit Glas und Aluminium verziert, um ihnen eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen. Heute war kein Tag für den Blues. Heute fühlte sich Bohlan fit und munter und es erfüllte ihn sogar mit einem gewissen Stolz, in dieser hochmodernen Domäne der Kriminalistik arbeiten zu dürfen. Er verließ den Innenhof und fuhr mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock. Dort betrat er leichten Fußes das Kommissariat. Zu seiner Überraschung war er der Letzte. Julia Will, eine junge Kommissarin Ende zwanzig, hob den Kopf. Ein Lächeln flog über ihre Lippen, als sie Bohlan erblickte. „Hallo Tom. Siehst erholt aus.“ „Bin ich auch. Es war ein richtig schönes Wochenende.“ „Und unverletzt scheinst du auch zu sein.“ Steinbrecher war aufgestanden, um seinen Kollegen zu begrüßen. Er klopfte ihm auf die Schulter und musterte ihn von Kopf bis Fuß: „Ich kann keinen Gips erkennen.“ „Ich habe dein Motorrad-Prinzip auf das Skifahren übertragen: Sicherheit durch Geschwindigkeit. Das hat geholfen.“ Steinbrecher verzog den Mundwinkel. „Nein, im Ernst, ich war erstaunt, wie gut ich das noch hinbekommen habe. War immerhin das erste Mal seit über zehn Jahren.“ „Willst du einen Kaffee?“, fragte Will. Bohlan nickte und Julia Will stellte ihm einen dampfenden Pott auf den Schreibtisch. Bohlan ließ sich auf seinen Stuhl fallen. „Dann legt mal los, was hat sich alles ereignet?“ „Du tust ja so, als wärst du Monate weg gewesen.“ „So kommt es mir auch vor. Es ist ein Wunder, was so ein Wochenende fern der Heimat alles bewirken kann.“ Bohlan rüttelte an der Computermaus. Der Bildschirm sprang an und zeigte das Symbol der hessischen Polizei. „Eurem Schweigen entnehme ich, dass nicht viel passiert ist.“ „Nur das Übliche. Eine Schlägerei hier, eine Messerstecherei dort. Nichts Spektakuläres. Die Mörder haben gewartet, bis der Herr Kommissar wieder vor Ort weilt.“ Bohlan blickte an seinem Bildschirm vorbei. Sein Blick traf auf Julia und sie schauten sich für einige Augenblicke in die Augen. Beide lächelten. Ein lautes Dröhnen ließ Bohlan aufschrecken. Er blickte nach draußen. Seine Augen suchten den Himmel ab. Er erblickte den Hubschrauber, der seit letzter Woche jeden Morgen die Mitglieder der sogenannten Eifel-Gruppe aus Stuttgart-Stammheim einflog. Es gab schon merkwürdige Dienstanweisungen in Deutschland, dachte Bohlan. Den Mitgliedern dieser kriminellen Vereinigung wurde in Frankfurt der Prozess gemacht. Wegen ihrer Gefährlichkeit aber mussten sie im Hochsicherheitstrakt in Stammheim einsitzen. Jeden Morgen und jeden Abend gab es einen Promiflug gratis im Polizeihelikopter. Bohlan beobachtete, wie der Hubschrauber landete und wandte sich dann wieder seinen E-Mails zu. Der Vormittag plätscherte mit Routinearbeit dahin. Steinbrecher und Steininger brüteten über einer Einbruchsserie. Julia Will recherchierte irgendetwas im Internet und blickte nachdenklich auf ihren Bildschirm. Bohlan räusperte sich. „Was liest du eigentlich die ganze Zeit?“ „Ich soll einen Artikel für die Polizeizeitschrift schreiben und zwar über...



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