E-Book, Deutsch, 350 Seiten
Ullrich Wie aus Herbert Willy wurde
Erstauflage 2016
ISBN: 978-3-946247-06-7
Verlag: Lasp-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 350 Seiten
ISBN: 978-3-946247-06-7
Verlag: Lasp-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lübeck Ende der zwanziger Jahre. Auf den Straßen wütet der Mob. Die Nazis greifen nach der Macht. Der junge Herbert Frahm gerät zwischen alle Fronten. Er überwirft sich mit den Sozialdemokraten, wird Mitglied einer kleinen Splittergruppe. Dann kommt ihm die Aufgabe zu, einem Publizisten bei der Flucht nach Dänemark zu helfen. Der Fluchtversuch scheitert. Frahm ist in Deutschland nicht mehr sicher. Frisch verliebt in Trudel muss er das Land verlassen. Er will vom Ausland aus für eine bessere Zukunft kämpfen. Zu diesem Zeitpunkt ahnt er noch nicht, dass es ein langer Weg werden wird, der ihn immer wieder zwischen die Fronten bringen und manche menschliche Kapriole schlagen wird. Mit einem Vorwort von Peter Feldmann
Lutz Ullrich, studierte Politik und Rechtswissenschaften, schrieb für verschiedene Zeitschriften, betätigte sich in der Frankfurter Lokalpolitik und arbeitet heute als Rechtsanwalt in Frankfurt. Frankfurt-Krimis von Lutz Ullrich gibt es seit 2009. Der in Schwalbach am Taunus lebende Rechtsanwalt veröffentlichte sein Erstlingswerk 'Der Kandidat' zunächst bei einem bod-Verlag und vertrieb die Bücher über seine Homepage. Nach und nach nahmen Buchhandlungen das Erstlingswerk in ihr Sortiment auf. Durch Vermittlung eines Buchhändlers wurde der Frankfurter Krimi-Autor Frank Demant auf Ullrich aufmerksam. Seitdem erscheinen die Krimis um den etwas kauzigen Kommissar Tom Bohlan in Demants Röschen-Verlag. 2015 erfolgte der Wechsel in den LASP-Verlag.
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1922
Lübeck. Herberts Magen knurrte, als er am Morgen auf das Kopfsteinpflaster der Vorortstraße trat. Der Stadtteil Lübecks, in dem er aufwuchs, war eine qualmende Arbeitersiedlung mit Hochofenwerk und wimmelndem Hafen. Und jeder Menge Proletarier, die allerlei Waren herstellten, ohne einen gerechten Lohn dafür zu erhalten. Der Schweißgeruch, der hier tag ein tag aus in der Luft lag, ließ keinen Gedanken an die Patrizierhäuser der Altstadt zu, in denen die reichen Kaufleute wohnten. In deren Villen gab es Gänseleber, Champagner und Kaviar im Überfluss. Von alldem hatte Herbert in seinem Leben noch nichts gesehen. Häufig aß er Erbsensuppe ohne Fleischeinlage, dazu allenfalls einen Salzhering oder Kartoffeln in allen Variationen. Hunger war für ihn kein unbekanntes Gefühl, das tägliche Brot alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Doch seit ein paar Tagen war das Essen auf ein Minimum beschränkt. Es herrschte Arbeitskampf. Die Arbeiter forderten mehr Lohn. Ein Anliegen, das Herbert, obwohl er erst acht Jahre alt war, nur allzu richtig fand. Er hatte in den vergangenen Tagen die Diskussionen am Esstisch mit regem Interesse verfolgt. Alle sagten, dass der Lohn in der Fabrik viel zu niedrig sei. Zumindest alle, die er kannte. Schuld seien die bösen Kapitalisten, denen die Firma gehörte. Sie rauchten – an riesigen Schreibtischen sitzend – dicke Zigarren und ließen die Arbeiter die Drecksarbeit machen. Das jedenfalls erzählten die Erwachsenen. In der Fabrik vor seiner Haustür wurden Apparate, medizinische Geräte und Instrumente für U-Boote hergestellt. Herberts Großvater Ludwig arbeitete dort als Lastkraftwagenfahrer. Das war auch der Grund, warum sie über der Garage unmittelbar vor dem Werksgelände wohnten. Herbert nannte seinen Großvater Papa, weil dieser ihn wie ein Vater aufzog. Sein leiblicher Vater hatte sich, nachdem er Herberts Mutter Martha geschwängert hatte, aus dem Staub gemacht. Seit seinem fünften Lebensjahr lebte Herbert bei seinem Großvater und dessen Frau, die er »Tante Dora« nannte und nicht besonders mochte, was durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte. Herbert war ein hübscher Junge mit blondem Haar, hervorstehenden Backenknochen und einem Grübchen auf der linken Wange, das bei jedem Lachen sichtbar wurde. Der Streik jedenfalls sollte zu höheren Löhnen führen. Dass er erfolgreich sein würde, stand für die Arbeiter in Stein gemeißelt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Kapitalisten einknickten. Herberts Großvater sprach oft von der klassenlosen Gesellschaft, in der alle Bürger gleichwertig lebten und es keine Ungleichheiten mehr gäbe. Die Menschen könnten sich in großen Hallen mit allem versorgen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Doch auch wenn dieses Ergebnis unausweichlich war, ab und an musste dem Lauf der Zeit auf die Sprünge geholfen werden. Als Herbert also an jenem Morgen auf die Straße trat, musste das Knurren seines Magens so laut gewesen sein, dass der zufällig vorbeilaufende Fabrikdirektor ihn ansprach. »Habt ihr denn genug zu essen?«, fragte er den Jungen besorgt. Herbert zögerte mit der Antwort. Sollte er zugeben, dass er seit Tagen kein frisches Brot gesehen hatte, von einem vollen Teller Erbsensuppe ganz zu schweigen? Sollte er dem Direktor sein Leid darüber klagen, dass Großvater das Essen streng rationierte, dass auch das Wenige, das seine Mutter aus dem Laden mitbrachte, in dem sie arbeitete, kaum ausreichte, um alle Familienmitglieder satt zu machen? Während Herbert noch über die Antwort grübelte, nahm ihn der Direktor bei der Hand und ging mit ihm zum Bäckerladen, der sich an der nächsten Ecke befand. Noch bevor sich die Ladentür öffnete, roch Herbert den wohltuenden Duft von frisch gebackenem Brot. In den vergangenen Tagen hatte er stets einen großen Bogen um die Bäckerei gemacht, weil dieser verführerische Duft sein Hungergefühl nur noch verstärkte. So war es auch, als der Direktor die Tür aufstieß und Herbert mit in den Laden zog. Herbert hätte sich am liebsten eines der Brote gegriffen und sofort hineingebissen. Hinter der Theke stand Johanna Hoffmann, die geschwätzige Frau des Bäckermeisters, und grüßte den Direktor artig, bevor sie einen missmutigen Blick auf Herbert warf. »Ich hätte gerne zwei von Ihren Broten«, sagte der Direktor höflich und zückte seine Geldbörse. Johanna Hoffmann nahm zwei bemehlte Laibe aus dem Regal und wickelte sie in Papier. »Vielen Dank. Und Ihnen noch einen schönen Tag«, sagte der Direktor, bevor er sich umdrehte und den Laden wieder verließ. Draußen drückte er die beiden Brote dem verdutzten Herbert in die Hand. »Hier. Die sind für dich. Du musst zu Hause aber niemandem sagen, von wem du sie hast.« Dann drehte er sich um und marschierte in Richtung Fabriktor. Herbert sah ihm nur kurz verwundert hinterher. Dann rannte er, die noch warmen Brote fest an den Körper gedrückt, nach Hause. Jetzt war er bester Laune. Herbert war einfach nur froh, diese beiden Brote ergattert zu haben. Wenn man sie gut einteilte, musste die Familie die nächsten Tage nicht hungern. Und vielleicht war dann ja auch der Streik vorbei. Erst als er das Haus in der Moislinger Allee 49 erreichte, blieb er einen Moment stehen. Sein Atem ging schnell, das Herz pulsierte. Und dann schoss ihm eine Frage in den Kopf. Was sollte er dem Großvater sagen? Er brauchte eine Erklärung dafür, warum er zwei frische Brote nach Hause brachte. Natürlich musste er nicht erzählen, dass er sie vom Direktor geschenkt bekommen hatte. Aber dann müsste er lügen, was er gar nicht gerne tat. Nach kurzem Überlegen, entschloss er sich dazu, die Wahrheit zu sagen. Johanna Hoffmann würde die Geschichte ohnehin anderen Kunden erzählen. Sie war für ihre Tratscherei berüchtigt. Als er die Treppe zur Wohnung nach oben stieg, freute er sich darauf, das Krüstchen des einen Brotes essen zu können. Voller Vorfreude drückte er die Wohnungstür auf und stürmte in die Küche. »Schaut mal, was ich mitgebracht habe!« Die Brote landeten auf dem Küchentisch. Herbert sah sich suchend nach dem Brotmesser um. Als er sich umdrehte, stand sein Großvater direkt vor ihm und starrte ungläubig auf den Küchentisch. Ludwig Frahm war ein untersetzter Mann mit einem Kahl-schädel. Eine kleine Nickelbrille zierte seine Nase, der Oberlippenbart war akkurat gestutzt. Er war in einem kleinen Dorf in Mecklenburg aufgewachsen, wo ihn sein Vater mehr als einmal auf den Bock gelegt und gezüchtigt hatte. Dass er es bis nach Lübeck geschafft hatte und für eine moderne Fabrik arbeiten konnte, erfüllte ihn mit Stolz. »Wo hast du die Brote her?«, fragte er und sprach wie immer Plattdeutsch. »Stell dir vor, die hat mir der Direktor geschenkt.« Ludwig Frahms Mine verfinsterte sich. »Rühr sie nicht an!«, sagte er im befehlenden Ton. »Warum denn nicht?« »Du wirst sie sofort zurückbringen.« »Wir könnten ein paar Tage von ihnen satt werden«, stieß Herbert fassungslos aus. »Weil wir Arbeiter sind und keine Bettler. Wir nehmen keine Almosen an, und bestechen lassen wir uns auch nicht. Erst recht nicht im Arbeitskampf.« »Aber Papa …«, setzte Herbert zu einer Widerrede an, doch er verstummte sofort. Ludwig Frahm griff nach den Broten. »Ende der Diskussion.« Herbert war zum Heulen zumute. Noch vor wenigen Minuten hatte er sich darauf gefreut, den frischgebackenen Teig zu schmecken. Nun trottete er hinter seinem Großvater her, der nichts Eiligeres zu tun hatte, als die Brote zurück in die Bäckerei zu bringen. Warum gab es Menschen, die alles hatten und immer satt waren, und warum mussten viele andere dafür Hunger leiden? »Hätten wir nicht wenigstens eins der Brote behalten können?«, fragte Herbert, nachdem sie die Bäckerei wieder verlassen hatten. »Nein. Ich habe es dir doch vorhin erklärt.« »Aber das ist so ungerecht!« »Mag sein. Wir müssen noch ein wenig durchhalten. Bis der große Kladderadatsch kommt«, entgegnet Ludwig Frahm milde und fügte hinzu: »Dann gibt es keine Vorrechte mehr, es herrscht Gerechtigkeit, und auch das verdammte Geld ist überflüssig.« »Und wann genau wird das sein?«, wollte Herbert wissen. Doch sein Großvater zuckte nur mit den Schultern. »Es dauert nicht mehr lange. Immerhin wurde das Wahlrecht schon geändert. Einer von uns sitzt jetzt im Reichstag.« Der eine hieß Theodor Schwartz und saß schon lange im Reichstag. Schon vor dem Großen Krieg hatte er ein Mandat errungen. Herbert hatte ihn einmal gesehen, als ihn sein Großvater mit auf eine Parteiversammlung genommen hatte. Am Abend kam Martha, Herberts Mutter, nach Hause. Sie war eine attraktive, lebenslustige Frau, deren Gesichtszüge die gleichen hohen Wangenknochen aufwiesen wie die ihres Sohnes. Im Gegensatz zu Ludwig, der zeitlebens nur Plattdeutsch sprach, bevorzugte sie Hochdeutsch. Martha war kulturell interessiert, lieh sich Bücher aus, besaß ein Abonnement der Volksbühne und spielte in einem Sprechchor mit. Zur Begrüßung umarmte sie Herbert kurz, aber herzlich und setzte sich an den Esstisch. »Stell dir vor«, sagte Herbert: »Ich musste heute zwei Brote zum Bäcker zurückbringen.« Das morgendliche Erlebnis beschäftigte den Jungen noch immer. »Warum denn das?« Martha blickte fragend zu Ludwig. »Der Direktor hat sie ihm geschenkt. Aber soweit kommt’s noch, dass wir uns bestechen lassen«, sagte Ludwig Frahm. »Recht so!«, bestätigte Martha, obwohl sie Herberts Kummer verstehen konnte. Sie strich Herbert mit der Hand über den Kopf. »Ich durfte ein paar Dinge aus dem Konsum mitbringen.« Zur Bestätigung deutete sie auf den Korb, den sie am...




