Ulrich | Witterung – Lauf so schnell du kannst | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Ulrich Witterung – Lauf so schnell du kannst

Kriminalroman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8271-8397-2
Verlag: CW Niemeyer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

ISBN: 978-3-8271-8397-2
Verlag: CW Niemeyer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



ER NIMMT WITTERUNG AUF - ER VERFOLGT - ER TÖTET! Dieser Roman schlägt den Spannungsbogen von Bad Arolsen nach Kassel, Leipzig und Warschau bis nach San Francisco und zurück: Der Mord an dem Steuerberater Walter Zeller und der Fund einer verstümmelten Frauenleiche, die in der Nähe der nordhessischen Kleinstadt Bad Arolsen an einer früheren Germanenkultstätte aufgefunden wird, führen den Ex-Fallanalytiker und Wahlleipziger HERIBERT FALK in die tiefsten Abgründe menschlicher Existenzen und in eine mehr als sieben Jahrzehnte zurückliegende dunkle Vergangenheit. Während sich Falk auf die Spuren eines Serientäters begibt, scheinen Geschichte und Mythen miteinander zu verschmelzen ...

Dieser Krimi ist der zweite Roman und Auftakt zu einer Krimi-Reihe der Theater- und TV-Schauspielerin Heike Ulrich, die neben anderen TV-Formaten vor allem durch ihre jahrzehntelange Hauptrolle der 'Tanja Maldini' in der ARD-Erfolgsserie 'Marienhof' dem breiten Publikum bekannt ist. Nach Ausbildung zur Drehbuchdramaturgin sind mehrere Drehbücher sowie zwei Kurzspielfilme und ein Dokumentarfilm entstanden. Letzterer wurde mit einem Förderpreis der hessischen Landesstiftung für privaten Rundfunk ausgezeichnet. Sie stammt aus der nordhessischen Stadt Bad Arolsen und lebt in ihrer Wahlheimat Leipzig.
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Zeitsprung – Gegenwart
2


Das Fiepen in seinen Ohren hatte den Pegel des gerade noch Erträglichen erreicht. Man hatte ihm gesagt, dass er Achtsamkeit üben sollte.

Heribert Falk nahm eine gemütlichere Sitzposition auf seiner Bank ein und schloss die Augen. Zu dumm, dass man bei all dem Übel auch noch eine posttraumatische Belastungsstörung bei ihm diagnostiziert hatte. Das war für ihn ein Schock gewesen – schließlich war er keine Memme!

Als das Dauerfiepen ihn nicht mehr hatte schlafen lassen, war ihm die Tinnitus-Klinik in Bad Arolsen von seinem HNO-Arzt empfohlen worden. Ein paarmal hatten sie ihn dort in einer Unterdruckkammer behandelt, und tatsächlich war der quälende Dauerton in seinem Kopf derzeit nicht mehr so präsent.

Er müsse begreifen, nicht der Tinnitus sei das Problem, sondern seine Haltung zu dem Problem, hatte ihm seine Therapeutin erklärt. Die konnte gut reden, aber vielleicht war ja was dran.

Heribert öffnete die Augen wieder und warf die Zeitung in den Papierkorb, der neben der Bank stand. Er hatte genug von kranken Arschlöchern!

Einen Moment ließ er seinen Blick über den Schloss-teich gleiten. Eine Schar Enten zog ihre Kreise, während sie gründelten. Wie friedlich es hier war! Die Sonne kam gerade heraus und ließ die kleinen Wellen, die die Enten hinterließen, aufblitzen. Es war April, und überall spross zartes Grün.

Aber auch jetzt spürte er dieses unangenehme innere Vibrieren. Er streckte seine Arme aus – auch die Hände zitterten. Das alles bloß wegen dieses Artikels in der Zeitung, den er gerade gelesen hatte. Und wie so oft stellte er sich auch jetzt die Frage: Wie konnte jemand zu solch einer Tat fähig sein? Es ging einfach nicht in seinen Kopf: Ein Achtjähriger und dessen Mutter waren am Frankfurter Hauptbahnhof von einem Migranten, der selbst Familienvater war, vor einen einfahrenden Zug geschubst worden – einfach so. Die Mutter hatte noch rechtzeitig aus dem Gleisbett entkommen können, während ihr Sohn vom Zug überrollt und tödlich verletzt worden war. Nur eine Woche zuvor hatte ebenfalls jemand, in einer anderen Stadt, eine junge Frau vor einen Zug geschubst. Auch für sie kam jede Hilfe zu spät, sie hinterließ Ehemann und ein Kind. Die Welt wurde immer verrückter – und brutaler. Wie sollte die Mutter des Achtjährigen weiterleben? Sie hatte doch alles mit ansehen müssen und war vermutlich bis zu ihrem Lebensende traumatisiert. Schon jetzt konnte er sich vorstellen, wie man derlei Tötungsdelikte wieder relativieren und psychische Probleme der Täter bemühen würde, während die Opfer kaum eine Stimme bekamen und schnell vergessen waren. Und was war mit den vielen anderen Zeugen, die diese grausamen Taten hatten mit ansehen müssen – vermutlich auch ein Leben lang seelengezeichnet! Seelengezeichnet, ja, genau das traf es. Wo hatte er diesen Begriff gehört? Ah ja, der Pfarrer hatte ihn bei der Beerdigung eines Kollegen benutzt, vor ein paar Jahren.

Seine Gedanken ließen sich nicht stoppen. All die Tötungsdelikte, die er als Fallanalytiker untersucht hatte, gaben sich wieder ihr Stelldichein. Er rief sich zur Ordnung und stoppte die Bilder.

Die operative Fallanalyse war ein spannendes Thema für ihn – GEWESEN. Nach fast zehn Jahren als Ermittler in Tötungs- und Sexualdelikten bei der Kripo in Frankfurt hatte er es kaum glauben können, als man ihn tatsächlich nach zermürbenden Auswahlverfahren für die jahrelange Weiterbildung zum operativen Fallanalytiker zugelassen hatte. Empathie, soziale Kompetenz, die Fähigkeit, fallanalytisch zu denken, und – nicht zu vergessen, Instinkt, Kreativität und Teamfähigkeit – waren unabdingbare Voraussetzungen, die man in diesem Bereich brauchte. Und diese Fähigkeiten waren ihm nach psychologischen Tests attestiert worden. Er war der Jüngste seines Lehrgangs gewesen.

Noch fasziniert von der dunklen menschlichen Seite, die einen Täter in die Lage versetzte, schrecklichste Taten zu begehen, hatte er begonnen, Tatort und Tathergang zu untersuchen, Fakten gesammelt und analysiert. Das Ziel: ein Täterprofil – welche Motivation trieb den Täter zu seinen Handlungen? Aus Schlussfolgerungen folgten Strategien, wie man des Täters habhaft werden konnte.

Heribert grinste schief – alles nur Arbeitshypothesen. Vielleicht waren sie wichtig. Doch nicht selten hatte er sich auf seinen Instinkt, auf seine Erfahrungen verlassen und war damit erfolgreich gewesen. Nichts gegen die Fallanalyse – bloß ohne Instinkt und Vorstellungskraft war sie in seinen Augen nur die Hälfte wert, war lediglich eine weitere Option, ein weiteres Hilfsmittel bei Tatermittlungen.

Wieder spulten sich filmische Endlosschleifen ab: Er sah die Hinterbliebenen der Mordopfer, wie sie zusammenbrachen – bei der Überbringung der schlechten Nachricht oder bei der Identifizierung ihrer Liebsten.

Wie oft hatten ihm da die richtigen Worte gefehlt – aber verdammt, was sollte man auch jemandem sagen, der einen nahestehenden Menschen auf dermaßen grausame Weise verlor? Irgendwann hatte dann eine merkwürdige Dunkelheit seine Seele eingeholt. Er hatte sich wie unter einem grauen Tuch gefühlt, das immer schwerer geworden war und ihn fast erdrückt hatte. Es war lähmend gewesen, während sein Tinnitus immer lauter geworden war.

Das Schlimme war, dass sich in einem harmlosen, freundlichen, ja sogar bemitleidenswerten Menschen eine Monstrosität verbergen konnte. Ein gewinnendes Lächeln sagte noch lange nichts über die Persönlichkeit aus, die sich dahinter verbarg. Er hatte es erlebt – hatte sie erlebt, Psychopathen, Narzissten, die täuschend echt Sozialkompetenzen vorspielten, ohne sie tatsächlich zu besitzen. Das alles machte die Angelegenheit ja auch so schwierig. Dieser Umstand hatte ihn zunehmend zermürbt und zum Schluss mutlos gemacht. Auch weil das personifizierte Böse manchmal mit unverhältnismäßig milden Strafen davonkam – in Ermangelung von Beweisen oder weil die einzelnen Behörden samt Spurensicherung schlampig zusammenarbeiteten. Auch dass Täter vorzeitig entlassen wurden oder aufgrund psychologischer oder fragwürdiger Gutachten freikamen – quasi auf die Gesellschaft losgelassen wurden –, war in seinen Augen falsch. So etwas war ein Experiment. Ein Experiment, das schiefgehen konnte. War dies der Fall, mussten es Unschuldige büßen. Das alles machte ihn wütend, wenn er daran dachte. Wozu die ganze Mühe überhaupt? Bis heute ertappte er sich dabei, wie er jede Person, die ihm begegnete, auf Charaktermerkmale scannte. Er konnte es nicht lassen.

Kurz – er hatte genug! Und das Beschäftigen mit den Abgründen der menschlichen Seele faszinierte ihn schon lange nicht mehr. Er war inzwischen dünnhäutig und immer weniger belastbar – wie jemand, der ein Lieblingsgericht zu oft genossen und inzwischen beim bloßen Gedanken daran einen Brechreiz bekam.

Plötzlich tauchte ein sportlicher, gut aussehender und sehr höflicher Mann vor seinem geistigen Auge auf – Abraxas Lemm! Dessen zahlreiche Opfer hatte man schrecklich entstellt aufgefunden. Es war sehr schwierig gewesen, ein Täterprofil zu erstellen.

Lemm hatte seine Opfer willkürlich ausgesucht, sie dann aber genau ausspioniert und zu Tode gefoltert. Anschließend hatte er die abgeschnittenen Gliedmaßen neu arrangiert und die Ermordeten grotesk zur Schau gestellt – wie ein Kunstwerk. Ein Kunstwerk des Grauens! Seine Tatorte waren sauber hinterlassen worden, sodass man zum Schluss vermutet hatte, dass es sich um einen Täter aus den Reihen der Kriminalpolizei handeln könnte.

Letztendlich hatte die Täterbeschreibung einer zufälligen Zeugin, die Lemm kurz an einem der Tatorte gesehen hatte, Heribert und seine Kollegen auf dessen Spur gebracht. Er war schockiert gewesen, über den Mann, der ihm und seiner Kollegin später beim Verhör gegenübergesessen hatte – eine Monstrosität mit freundlichem Durchschnittsgesicht.

Doch Lemms heimlicher und verschlagener Blick, mit dem er immer wieder die Kollegin gemustert hatte, war Heribert nicht entgangen. Lemm war tatsächlich in die Falle getappt, als die Kollegin später den Lockvogel gespielt hatte.

Nach Abraxas' Verhaftung war alles schnell gegangen. Dass ausgerechnet an einem seiner letzten Tatorte DNA-Spuren gesichert worden waren, war ein mehr als glücklicher Zufall gewesen. Der DNA-Abgleich war eindeutig gewesen, und Abraxas war beim nächsten Verhör dann auch nicht mehr der höfliche und harmlose Mann gewesen, als der er sich während der ersten Vernehmung noch theaterreif inszeniert hatte. Er war ausfallend geworden, und sein Gesicht war dabei zu einer abgrundtief bösen Fratze mutiert. Bestie! Heribert nickte und atmete geräuschvoll aus. Ja, genau das war er – eine Bestie! Eine Krebsgeschwulst an der Gesellschaft. Doch dieser Bastard saß jetzt, Gott sei Dank, im Knast. Wenn es nach Heribert gegangen wäre, hätten sie Lemm gleich eine Kugel in den Kopf jagen können. Doch vielleicht erledigte das ja noch einer seiner Mitinsassen im Gefängnis.

Heribert rief sich abermals zur Ordnung. Abstand! Noch drei Wochen Reha – er würde sie sich nicht mit solchen Gedanken vermiesen. Ab sofort würde er nur an schöne Dinge denken – Frauen zum Beispiel. Mit fünfundvierzig war er noch alleinstehend – die vermeintliche Unvereinbarkeit mit seinem Beruf! Doch er war entschlossen, neu durchzustarten und sein berufliches Know-how für die weniger nervenaufreibende Arbeit als Privatermittler zu nutzen! Er würde sich seine Fälle sorgfältig herauspicken. Denn was nützten ihm Reputation und Anerkennung, die er sowohl durch die Öffentlichkeit als auch Vorgesetzte erfuhr, wenn er keinen Sinn mehr in seiner Arbeit sah, sie ihn nicht mehr erfüllte, sondern –...


Dieser Krimi ist der zweite Roman und Auftakt zu einer Krimi-Reihe der Theater- und TV-Schauspielerin Heike Ulrich, die neben anderen TV-Formaten vor allem durch ihre jahrzehntelange Hauptrolle der „Tanja Maldini“ in der ARD-Erfolgsserie „Marienhof“ dem breiten Publikum bekannt ist.

Nach Ausbildung zur Drehbuchdramaturgin sind mehrere Drehbücher sowie zwei Kurzspielfilme und ein Dokumentarfilm entstanden. Letzterer wurde mit einem Förderpreis der hessischen Landesstiftung für privaten Rundfunk ausgezeichnet.

Sie stammt aus der nordhessischen Stadt Bad Arolsen und lebt in ihrer Wahlheimat Leipzig.



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