Und | Dunkler als die Schuld | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 366 Seiten

Reihe: Martin Bauer ermittelt

Und Dunkler als die Schuld

Martin Bauer ermittelt 3 | Ein Seelsorger ermittelt in den abgründigsten Verbrechen Duisburgs
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-665-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Martin Bauer ermittelt 3 | Ein Seelsorger ermittelt in den abgründigsten Verbrechen Duisburgs

E-Book, Deutsch, Band 3, 366 Seiten

Reihe: Martin Bauer ermittelt

ISBN: 978-3-98952-665-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Wenn Treue tödlich wird?... Auf einem Schrottplatz wird in einem Kofferraum die Leiche einer jungen Frau gefunden - brutal ermordet und weggeworfen wie Müll. Hauptkommissarin Verena Dohr von der Kripo Duisburg übernimmt mit ihrem Team die Ermittlungen in dem Mordfall. Schon bald fällt der Verdacht auf Leon Berger, ein Anwärter der berüchtigten Biker-Gang »Death Riders«, der erst kürzlich eine Haftstrafe abgesessen hat. Einzig Polizeiseelsorger Martin Bauer, der eigentlich in Elternzeit ist, um sein neues Familienglück zu genießen, zweifelt an der Schuld des jungen Mannes. Und schon bald wird klar, dass Bauer der einzige ist, der Leon noch vor einem schrecklichen Schicksal bewahren kann. Denn dieser hat Todesangst - und nicht vor der Polizei?... Der dritte Band der Duisburger Krimiserie um den Polizeiseelsorger Martin Bauer wird alle Fans von Horst Eckert begeistern. »Spannend bis zur letzten Seite!« Amazon-LeserIn

Peter Gallert wurde 1962 in Bonn geboren. Ein Germanistikstudium brach er erfolgreich ab, er jobbte als Nachtportier und Bauarbeiter, spielte Theater, schrieb Jerry-Cotton-Krimis und Synchronbücher. Seit zwanzig Jahren arbeitet er als Drehbuchautor für TV-Serien von Krimi bis Krankenhaus. Er ist Karate-Kindertrainer, hat drei Töchter und lebt in Köln. Jörg Reiter, 1952 in Düsseldorf geboren, studierte Ethnologie, Malaiologie sowie Film- und Fernsehwissenschaften, gefolgt von einem Forschungsaufenthalt bei Seenomaden und einer zweijährigen Feldforschung bei Bergstämmen in den Nordphilippinen. 1986 promovierte er im Fach Ethnologie; 1991 wechselte er von der Wissenschaft zum Erzählen. Seit zwanzig Jahren arbeitet er als Drehbuchautor. Er lebt in Köln. Die Website der Autoren: gallertreiter.de/ Unter dem Pseudonym Gallert&Reiter veröffentlichen die Autoren bei dotbooks ihre Ruhrpott-Krimireihe um den Duisburger Polizeiseelsorger Martin Bauer: »Schwärzer als die Nacht« »Tiefer denn die Hölle« »Dunkler als die Schuld« Weitere Titel sind in Vorbereitung.
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Kapitel 1


Das Schwein hing da wie gekreuzigt. Leon hatte oft genug zugesehen und alles genauso gemacht wie der Alte. Er hatte die Rippen aufgebogen und mit der Axt vom Rückgrat getrennt, den Brustkorb flach gedrückt, die Beine auseinandergezogen, sie kurz über den Fußgelenken mit Draht an die Querstreben gebunden und die Schwarte rautenförmig eingeritzt. Dann hatte er das Kreuz aufgerichtet, am Rand der Feuerstelle in den Boden gerammt und die Buchenscheite aufgeschichtet.

Er betrachtete den ausgeweideten Körper. Dunkelrotes Muskelfleisch, blasses Fettgewebe, helle Sehnen und Knochen. Das Spanferkel wog sicher fast zwanzig Kilo. Es zu garen würde eine Weile dauern. Sollte er die Scheite schon anzünden? Normalerweise waren Feuer und Fleisch Chefsache, niemand durfte da heran. Aber heute war nichts normal. Leon hatte den Auftrag bekommen, das Asado vorzubereiten.

Der Alte war einmal über die Panamericana durch Südamerika gefahren. Seitdem hielt er das Grillen am offenen Feuer, wie die argentinischen Gauchos es praktizierten, für die einzig richtige Zubereitungsart von Fleisch. Seine Erzählungen von dem wochenlangen Roadtrip auf der Harley hatten Leon als Sechzehnjährigen fasziniert. Fünf Jahre war das her. Eine Ewigkeit. Der Knast schien die Zeit gedehnt zu haben. Es gab ein Davor und ein Danach. Dabei hatte er nur ein paar Monate eingesessen. Es hatte alles verändert.

Er schleppte den verbeulten Militärkanister heran, drehte den Deckel auf und goss Benzin auf das Brennholz. Dann ließ er sein Zippo aufschnappen, griff zu einer zusammengerollten Zeitung, zündete sie an und warf sie auf die Scheite. Eine Feuersäule verpuffte meterhoch. Doch schnell wurden die Flammen kleiner, und das Holz fing an zu knacken.

Der Anruf hatte ihn irritiert. Aber wenn der Präsident des Chapter eine Anweisung gab, fragte man nicht nach. Leon hatte sich sofort auf den Weg gemacht. Das Spanferkel hatte im Clubhaus auf dem Tresen gelegen. Genug Fleisch für eine Vollversammlung. Aber es war niemand da gewesen.

Er sah über den dunklen Hof zum Tor und hatte das Gefühl, in ein aufgerissenes Maul zu starren. Er schlug den Kragen seiner Lederjacke hoch und zog den Kopf zwischen die Schultern ein. Es durchfuhr ihn wie ein Stromschlag: Yildiz! Erschrocken blickte er sich um, konnte sie aber nirgends entdecken. Natürlich nicht. Er hatte nur ihren Geruch wahrgenommen. Sein Pullover roch nach ihr. Sie liebte es, seine Sachen anzuziehen. Er sah sie vor sich, mit nichts auf dem Leib als einem seiner T-Shirts. Es flatterte um ihren Körper wie ein viel zu weites Kleid. Sie tanzte durch das schäbige Wohnmobil und sang: Je ne parle pas français. Dabei war sie in Französisch immer die Beste gewesen. Wie in allen anderen Fächern auch.

Er verdrängte das Bild. Er wollte sie nicht hier haben. Sie gehörte in eine bessere Welt.

Er ging zum Tor und blickte die Straße hinunter. Feiner Nieselregen wehte durch die Lichtkegel der Straßenlaternen. Der nasse Asphalt war aufgeplatzt. Tagsüber rumpelten im Sekundentakt Lkw auf ihrem Weg zum Hafen vorbei. Jetzt war alles still. Zu still.

Wo blieben sie? Sonst hingen um diese Zeit meistens schon Biker im Clubhaus rum. Andererseits, wenn der Alte wirklich eine Vollversammlung angesetzt hatte, noch dazu mit Asado, würde es richtig spät werden. Vielleicht hatte er nur vergessen, am Telefon davon zu erzählen. Nein! Er hatte ein Gedächtnis wie ein Elefant. Er vergaß nie etwas.

Hatten sie ihn durchschaut? Dann war er ein toter Mann. Konnte es sein? Bereitete er gerade seinen eigenen Leichenschmaus vor? Der Präsident des Chapter hatte ein Talent für die große Inszenierung. Es hatte ihm dabei geholfen, an die Spitze zu kommen und sich seit nunmehr dreißig Jahren dort zu halten. Das und seine Härte. Gegen andere und sich selbst. Ja, es war möglich. Der Alte hätte für die Riders seinen Sohn geopfert, wenn es nötig gewesen wäre. Nur hatte er keinen Sohn. Er hatte Leon.

Leon stakste zurück zur Feuerstelle. Seine Beine fühlten sich steif an. Wie im Traum, wenn man wegrennen wollte, aber nicht konnte. Als kleiner Junge hatte er das oft geträumt. Er war schon im Kindergarten der Größte und Stärkste gewesen. Die anderen Jungen hatten sich mit ihm messen wollen. Er hatte versucht, ihnen aus dem Weg zu gehen. Doch sie hatten ihn nicht in Ruhe gelassen. So hatte er meist am Rockzipfel seiner Lieblingserzieherin gehangen. In der Schule hatte er keine Beschützerin mehr gehabt. Er hatte begonnen, sich zu wehren. Seine Klassenkameraden hatten sich sehr bald nicht mehr an ihn herangewagt. Doch einige von ihnen hatten große Brüder. So hatte er nicht nur gelernt zu kämpfen, sondern auch einzustecken. Mit vierzehn war er ein erfahrener Straßenschläger und musste in seinem Viertel kaum mehr jemanden fürchten. Aber es gab noch andere Viertel. Darum war er in einen Kickboxverein eingetreten. Die Kämpfe auf der Straße waren erst kürzer, dann weniger geworden. Aufgehört hatten sie aber nicht.

Die Buchenscheite glühten nun in einem hellen Orange, er spürte die Hitze auf seinem Gesicht. Er blickte zu seiner Maschine hinüber. Die Sportster 883 war doppelt so alt wie er. Er hatte Wochen gebraucht, sie flottzumachen. Seitdem hatte sie ihn nie im Stich gelassen. Sie würde sofort anspringen.

Er wandte sich wieder dem Feuer zu und schob die Glut mit einer Schaufel an das Asadokreuz. Selbst wenn er es gewollt hätte, er konnte nicht weglaufen. Nicht nur, weil er es verlernt hatte. Es sollte sein letzter Kampf sein. Ganz bestimmt war es sein schmutzigster. Er würde ihn zu Ende bringen. So oder so.

Bauer fuhr Rad. Im Auto saß er nur noch selten. Mit der Geburt seiner zweiten Tochter Marie vor vier Monaten hatte sich sein Alltag grundlegend verändert. Seitdem hatte er das Präsidium nicht mehr betreten. Ebenso lange hatte er keinen Toten mehr gesehen und keine Zigarette mehr geraucht. Seine Arbeit als Polizeiseelsorger hatte ihm noch nicht einen Tag gefehlt. Darüber wunderte er sich selbst am meisten.

Er glitt dahin, durch das frühe Novemberdunkel, die Räder surrten über den Asphalt, der Fahrtwind wehte ihm ein kitschiges Gefühl von Freiheit ins Gesicht. Dieses Gefühl hatte er zum ersten Mal als Vierjähriger verspürt – auf einem Tretroller. In seiner Jugend, als er überall nur noch Zwänge gesehen hatte, war es immer kostbarer für ihn geworden, und er hatte begonnen, ihm nachzujagen. Erst auf einem 12-Gang-Rennrad, das er zur Konfirmation bekommen hatte, später, mit sechzehn, auf einer 125er-Honda Rebel, für die er sechs harte Wochen lang bei der Sachtleben-Chemie malocht hatte. Am ersten Tag der nächsten großen Ferien hatte die Jagd geendet – tödlich. Er war mit seiner Moped-Clique unterwegs zum Zelten nach Holland gewesen. Sie waren über Land gefahren. Kurz hinter Xanten hatte sein bester Freund in einer Kurve die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren. Er war gegen einen Baum geprallt und in Bauers Armen gestorben. Seitdem hatte Bauer nie wieder am Lenker eines Motorrads gesessen. Nur einmal noch war er als Sozius mitgefahren, Jahre später, als er längst Pfarrer einer kleinen Kirchengemeinde gewesen war und eine katholische Biker-Wallfahrt nach Kevelaer begleitet hatte.

Er trat in die Pedale. Er fühlte sich fit wie lange nicht mehr. Auf den sechs Kilometern bis zum Ruhrorter Hafen würde er kaum richtig warm werden. Er fuhr täglich ein bis zwei Stunden, meist um die Mittagszeit und mit einem Kinder-Fahrradanhänger im Schlepp. Darin lag dann Marie in einer Babyschale, die wie eine Hängematte befestigt war. Seit sie auf der Welt war, fand seine Tochter nur schwer in den Schlaf. Im sanft schaukelnden Anhänger jedoch fielen ihr binnen Sekunden die Augen zu. Nachdem Bauer dies herausgefunden hatte, waren die Radtouren für ihn und Marie zur festen Routine geworden. Er genoss die Zeit auf dem Rad, und seine Frau Sarah war dankbar für die regelmäßigen Auszeiten, denn Marie wollte auch nachts alle drei Stunden gestillt werden. Das Baby bestimmte den Tagesablauf der Familie. Sogar Nina, die ein Schulhalbjahr in Mexiko verbrachte, hatte sich dem Rhythmus ihrer kleinen Schwester angepasst. Zwei- bis dreimal pro Woche skypten sie. Dafür stand Nina morgens um fünf Uhr mexikanischer Zentralzeit auf. Denn dann war in Duisburg später Vormittag und Marie am agilsten. Nina sagte oft, sie vermisse ihr Zuhause, aber Bauer wusste, dass ihre Entscheidung richtig gewesen war. Sie hatte sie getroffen, als er und seine schwangere Frau getrennt gelebt hatten. Die Belastungen, die der Beruf des Polizeiseelsorgers und vor allem die Art, wie Bauer ihn ausübte, mit sich brachten, hatten Sarah an ihrer Ehe zweifeln lassen. Doch kurz vor Maries Geburt war sie zu ihm zurückgekehrt. Nina hatte ihr Auslandshalbjahr trotzdem angetreten, und in jedem Videoanruf sah Bauer, wie gut ihr Freiheit und Selbstständigkeit taten. Seit ein paar Wochen blickte er nicht mehr in das Gesicht eines Teenagers, sondern in die Augen einer jungen Frau. Auch wenn ihn das mit einer gewissen Wehmut erfüllte, war doch alles so, wie es sein sollte. Jedenfalls glaubte er das. Er wollte es glauben.

Der Fahrradweg bog zur Friedrich-Ebert-Brücke ab. Bauer legte sich in die Kurve und nahm den Schwung mit auf die sanfte Steigung. Er fuhr ohne Anhänger, Marie lag längst im Bett. Sarah ebenfalls, sie hatte ihren Schlafrhythmus dem ihrer Tochter angepasst. Normalerweise würde er nun mit einem Tee oder einem Bier in der Hand die Abendnachrichten im Fernsehen anschauen. Obwohl es ihm immer schwerer fiel, die Bilder aus Kriegsgebieten oder von Flüchtlingen auf überfüllten Booten oder die Berichte über den Klimawandel, der nicht mehr zu stoppen war, auszuhalten. Oft schaltete er schon nach wenigen Minuten ab und griff zu einem Buch oder hörte Musik. Hatte er aufgegeben? War...



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