E-Book, Deutsch, Band 2, 404 Seiten
Reihe: Martin Bauer ermittelt
Und Tiefer denn die Hölle
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-577-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Martin Bauer ermittelt 2 | Eine Leiche in einem alten Bergwerk - ein unmöglicher Verdacht
E-Book, Deutsch, Band 2, 404 Seiten
Reihe: Martin Bauer ermittelt
ISBN: 978-3-98952-577-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Peter Gallert wurde 1962 in Bonn geboren. Ein Germanistikstudium brach er erfolgreich ab, er jobbte als Nachtportier und Bauarbeiter, spielte Theater, schrieb Jerry-Cotton-Krimis und Synchronbücher. Seit zwanzig Jahren arbeitet er als Drehbuchautor für TV-Serien von Krimi bis Krankenhaus. Er ist Karate-Kindertrainer, hat drei Töchter und lebt in Köln. Jörg Reiter, 1952 in Düsseldorf geboren, studierte Ethnologie, Malaiologie sowie Film- und Fernsehwissenschaften, gefolgt von einem Forschungsaufenthalt bei Seenomaden und einer zweijährigen Feldforschung bei Bergstämmen in den Nordphilippinen. 1986 promovierte er im Fach Ethnologie; 1991 wechselte er von der Wissenschaft zum Erzählen. Seit zwanzig Jahren arbeitet er als Drehbuchautor. Er lebt in Köln. Die Website der Autoren: gallertreiter.de/ Unter dem Pseudonym Gallert&Reiter veröffentlichen die Autoren bei dotbooks ihre Ruhrpott-Krimireihe um den Duisburger Polizeiseelsorger Martin Bauer: »Schwärzer als die Nacht« »Tiefer denn die Hölle« »Dunkler als die Schuld« Weitere Titel sind in Vorbereitung.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2
Freitag
»Sie wollen für das Gute kämpfen. Doch Sie werden dem Bösen begegnen.«
Es war still geworden unter der Dachkuppel, die sich wie ein Nachthimmel über die Halle spannte. Nur noch vereinzelt leuchteten oben auf den Rängen kleine Blitze von Fotoapparaten und Handys auf. Bauer hörte das Echo seiner eigenen Worte, die von der Lautsprecheranlage in den weiten Raum getragen wurden, und er spürte die Blicke von achttausend Menschen auf sich. Zweitausend davon saßen im Innenraum direkt vor ihm. Die Scheinwerfer blendeten, doch Bauer erkannte deutlich den feierlichen Ernst in den jungen Gesichtern. Tagelang hatte er über dem Manuskript seiner Rede gebrütet. Er hatte sich gefühlt wie vor seiner ersten Predigt, war mit trockenem Mund und weichen Knien auf die Bühne gestolpert und hatte sich an das Rednerpult geklammert.
»Sie werden an Abgründen stehen, von denen wir uns ängstlich fernhalten. Und Sie werden nicht nur hineinschauen, manchmal werden Sie hinabsteigen – müssen.«
Bisher war es eine ausgelassene Veranstaltung gewesen. Die Big Band des Landespolizeiorchesters hatte die Stimmung angeheizt, das SEK eine spektakuläre Show inklusive Blendgranaten und Abseilen vom Hallendach geliefert, sogar die Rede des Innenministers hatte für Heiterkeit gesorgt. Nun lachte niemand mehr.
»Sie werden gleich einen Eid leisten. Sie werden schwören, unsere Gesellschaft und unsere Werte gegen Angriffe aller Art zu verteidigen. Sie werden versprechen, Leib und Leben ihrer Mitbürger zu schützen – mit Ihrem Leib und Ihrem Leben.«
Sie waren so jung. Manche hielten sich noch für unbesiegbar. Doch seine Worte machten die meisten von ihnen nachdenklich. Ein blonder Hüne in der ersten Reihe, mit Bürstenhaarschnitt und glühenden Schuljungenwangen, wirkte regelrecht erschrocken. Als würde ihm erst in diesem Moment bewusst, was seine Berufswahl bedeutete. Bauer lächelte ihn aufmunternd an, aber das schien den Polizeischüler nur noch mehr zu verunsichern. Einen Moment lang überlegte Bauer, zu dem Abschnitt über Mut und Nächstenliebe zu springen, er blätterte in seinem Manuskript vor, fand jedoch die Anfangszeile nicht. Dann wollte er an die Stelle zurückkehren, wo er aufgehört hatte, aber nun fiel ihm sein letzter Satz nicht mehr ein. Seine Augen flogen über den Text, eine Hitzewelle rollte über seine Kopfhaut, und er spürte die aufkeimende Unruhe in der Halle. Er blickte wieder auf. Der Hüne befingerte nervös die weiße Dienstmütze, die auf seinem Schoß lag. Er hatte sie heute in den Himmel fliegen lassen wollen. Der Mützenwurf nach der Vereidigungsfeier war Tradition – und begehrtes Motiv bei den Pressefotografen und Kameraleuten. Im Ablaufplan gab es sogar einen eigenen Programmpunkt dafür: »14:10 // Vorplatz Westfalenhalle 1: Aufstellung Anwärterinnen; 14:25 // Mützenwurf«. Doch daran dachte der blonde Kommissaranwärter nun nicht mehr. Stattdessen fragte er sich offensichtlich, ob er gerade einen Riesenfehler machte.
Auf den Rängen fing es an zu rumoren. Die Zuschauer warteten darauf, dass Bauer weiterredete. Er nahm eine Bewegung am Bühnenrand wahr. Dort fieberte Lutz seinem großen Auftritt entgegen. Er sollte die Eidesformel vortragen, zweitausend junge Stimmen würden sie im Chor nachsprechen. Ein großer Moment, auch in der Karriere des Polizeidirektors. Die eigentliche Vereidigung war nicht nur Zweck, sondern auch Höhepunkt der Veranstaltung. Bilder davon würden in den Regionalmagazinen aller Sender des Landes zu sehen sein, noch vor dem Mützenwurf, bei dem Lutz sicher auch nicht fehlen würde. Es war kein Geheimnis, dass er sich seit Wochen auf diesen Tag vorbereitete. Irgendwann war er sogar in Bauers Büro aufgetaucht und hatte seinen Redeentwurf sehen wollen. Angeblich ging es ihm nur um das Auftrittsstichwort. Doch der Polizeiseelsorger wusste es besser. Lutz hatte alles darangesetzt, dass Bauers katholischer Amtskollege den geistlichen Beitrag des Präsidiums zur Feierstunde lieferte. Der gemütliche Monsignore Vaals schien berechenbarer. Doch die Polizeischüler hatten sich Bauer gewünscht. Seit einigen Monaten unterrichtete er Ethik an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Abteilung Duisburg. Es gab noch sechs weitere Standorte der Fachhochschule im Bundesland. Dem nun völlig verunsicherten jungen Mann in der ersten Reihe war er noch nie begegnet.
Bauer sah zu Lutz, der ihn aus den Kulissen heraus wild gestikulierend zum Weiterreden aufforderte. Dann blickte er wieder auf sein Manuskript, doch die Sätze, an denen er so lange gefeilt hatte, erschienen ihm auf einmal unecht. Es hatte ihm geschmeichelt, als man ihn für die Rede angefragt hatte. Doch das leise Unbehagen, das er ebenfalls verspürt hatte, war gewachsen, je näher der Termin gerückt war. Er hatte es als Lampenfieber abgetan. Aber es war etwas anderes, und nun spürte er es ganz deutlich:
Er gehörte nicht hierher. Er ließ das Pult los. Ein Raunen wehte durch die Halle, als er zum Bühnenrand ging und sich dort auf die Kante direkt vor die erste Reihe setzte.
»Sie würden am liebsten aufspringen und weglaufen, stimmt’s? Ich sag Ihnen was: Mir geht’s genauso.«
Für einen Moment erstarrte der junge Mann. Dann blickte er sich schnell um, ob vielleicht jemand anderes gemeint sein könnte. Aber seine Sitznachbarn sahen alle ihn an. Er wandte sich wieder Bauer zu.
»Meinen Sie mich?«, stammelte er.
»Ja. Wie heißen Sie?«
»Kevin ... Ich meine: Kommissaranwärter Fritzenkötter.«
»Klingt westfälisch.«
Kevin nickte. »Meine Eltern haben einen Hof in Altenbeken, Kreis Paderborn.«
»Ein schönes Fleckchen Erde.«
Ein Lächeln verdrängte kurz den Schreck von Kevins rundem Gesicht. »Sehr schön sogar!«
»Wieso sind Sie nicht dort geblieben?«
Sofort war seine Unsicherheit wieder da. »Ich, äh ... Weil ich Polizist werden wollte?«
»Hat Ihnen niemand gesagt, dass Polizeibeamte zur Berufsgruppe mit dem höchsten Risikopotenzial gehören?«
»Ich weiß nicht ...«
»Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen, Burn-out, Suizid – in allen entsprechenden Statistiken belegen Polizisten regelmäßig Spitzenplätze. Und das sind nur die Folgerisiken. Sie haben auch gute Chancen, im Dienst verletzt zu werden. Ich rede hier nicht mal von besonderen Gefahrenlagen wie bei Großdemos mit gewaltbereiten Chaoten oder Alarmfahndungen nach Terrorverdächtigen. Fragen Sie Ihre künftigen Kollegen vom Wach- und Streifendienst, wer von ihnen noch nie bei einem völlig harmlosen Einsatz bespuckt, geschlagen oder getreten wurde. Sie werden kaum einen finden.«
Von den Rängen kam zustimmendes Gemurmel. Unter den Angehörigen von Polizeischülern fanden sich in der Regel überdurchschnittlich viele Polizeibeamte.
»Wollen Sie sich das wirklich antun? Sie bringen sich in Gefahr. Warum?«
»Irgendjemand muss es tun.« Der Kommissaranwärter wollte markig klingen. Doch über Bauers Ansteckmikro kleckerte nur eine dünne Entschuldigung aus den Lautsprechern in die Halle.
»Wieso ausgerechnet Sie?«
Kevin schwieg. Verstohlen schielte er zur Seitentribüne. Vermutlich saßen dort seine Eltern, Landwirte aus einer kleinen Gemeinde am Fuß des Eggegebirges. Der Sohn hatte sie stolz machen wollen. Nun fürchtete er, sie zu blamieren.
Bauer beantwortete seine Frage selbst: »Weil Sie etwas wissen, das die meisten Menschen vergessen haben.«
»Ich hab’s offenbar auch gerade vergessen«, sagte Kevin und erntete vereinzelte Lacher.
»Haben Sie nicht. Sie wären sonst gar nicht hier.« Bauer sah auf. Nun, da er nicht mehr im direkten Licht der Bühnenscheinwerfer stand, konnte er die Stuhlreihen besser überblicken. »Sie alle wären nicht hier. Vielleicht ist es Ihnen nicht bewusst, aber Sie sind anders als die meisten Leute. Sie haben eine andere Einstellung zum Leben. Und damit zum Tod.«
Hinter der Bühne stöhnte jemand auf. Bauer musste nicht lange raten, wer: Lutz. Er fürchtete um seinen Auftritt. Erst die Schilderung des harten Polizeialltags und dann auch noch das Gerede über den Tod – der Pfaffe machte die Stimmung kaputt. Der Polizeidirektor war bestimmt nicht der Einzige in der Halle, der so dachte. Es war Bauer egal.
»Wir haben Wohnungen mit einbruchsicheren Türen, fahren Autos mit acht Airbags und setzen unseren Kindern Helme auf, wenn sie Tretroller fahren. Gefahren schalten wir aus, damit uns nur ja nichts passiert. Heil nach Hause zu kommen, halten wir für alltäglich und Sicherheit für den Normalzustand. Doch wir machen uns etwas vor. Sie wissen das. Oder fühlen es. Es kann immer etwas passieren, wir können verletzt werden, wir können sterben – jeden Tag, jeden Moment.«
Bauer sah Zustimmung in Kevins Gesicht und in den Reihen hinter ihm hier und da sogar ein Kopfnicken.
»Das Leben ist riskant. Sie sind bereit, dieses Risiko einzugehen. Nicht nur für sich, auch für Ihre Mitmenschen. Eigentlich wollte ich Ihnen etwas über Nächstenliebe erzählen und was Jesus darunter verstanden hat. Ich schätze, das ist überflüssig.«
Er blickte Kevin an.
»Ich bin ein Fan von Ihnen.«
Er erhob sich.
»Von Ihnen allen!«
Dann drehte Bauer sich um und ging von der Bühne. Der Polizeidirektor erwartete ihn mit Wut im Blick und roten Flecken auf der gereizten Gesichtshaut. Einen Schritt, bevor Bauer ihn erreichte, setzte, heftig wie ein Platzregen, Applaus ein und schwemmte die bösartige Bemerkung, die Lutz im selben Moment abfeuerte, einfach weg.
Die Halle lag in der Mittagshitze wie ein Ufo aus einem Fünfzigerjahrefilm. Auf der Spitze der Dachkuppel drehte sich träge die Werbetafel der Union-Brauerei. Das acht Meter hohe gelbe U...




