Unger | G. F. Unger 1953 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1953, 64 Seiten

Reihe: G.F.Unger

Unger G. F. Unger 1953

Pass der Verlorenen
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-6383-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Pass der Verlorenen

E-Book, Deutsch, Band 1953, 64 Seiten

Reihe: G.F.Unger

ISBN: 978-3-7325-6383-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Kirby Starbow geht für seinen Bruder ins Gefängnis. Doch als er entlassen wird, muss er erkennen, dass sein Opfer umsonst gewesen ist, denn Jesse ist zum Banditen geworden ...

Unger G. F. Unger 1953 jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Als er die Waffe geladen hat, sieht er beide Männer nacheinander an, schiebt den Colt ins Holster und fragt dann: »Kann ich jetzt gehen?«

»Ihr Pferd hat im Mietstall gearbeitet und sich dort Futter und Unterkunft verdient. Sie können es dort abholen. Hier ist der Berechtigungsschein«, murmelt der Gefängnisverwalter und schiebt Kirby einen Zettel zu.

Der nimmt ihn und wendet sich zur Tür.

»Moment noch, Kirby Starbow«, murmelt der US Marshal. »Da wäre noch eine Sache zu besprechen.«

Kirby blickt ihn über die Schulter an. Dann wendet er sich zurück.

»Wirklich?«, fragt er.

»Setz dich, mein Junge«, murmelt der alte Kämpfer und deutet auf einen zweiten Sessel. »Setz dich und sei nicht so stolz und verbittert.«

Kirby zögert. Dann zuckt er lässig mit den jetzt so knochig wirkenden Schultern und gehorcht. Er sagt kein Wort, sondern blickt den Mann, der das Bundesgesetz in Wyoming vertritt, ruhig an.

Und Sam Morgan ist ein Mann, der nicht lange um den heißen Brei herumgeht, sondern meistens den Stier genau bei den Hörnern packt.

Er sagt pulvertrocken: »Junge, du wolltest deinem Bruder eine Chance geben und hast dich geopfert. Aber du hast ein Jahr deines Lebens nutzlos verschwendet. Dein Bruder Jesse hätte an deiner Stelle …«

»Genug!«, unterbricht ihn Kirby scharf.

Aber der US Marshal schüttelt den Kopf. »Es konnte nicht bewiesen werden«, sagt er, »aber nicht nur ich war von Anfang an davon überzeugt, dass du die Schuld deines Bruders auf dich genommen hast. Alle wussten wir das, alle! Dein Bruder war es, der die Post überfallen hat und den wir mit drei Aufgeboten jagten. Jesse war es! Aber dann stelltest du dich als Täter. Dein Bruder leugnete. Und die Augenzeugen waren sich nicht sicher, weil ihr euch ähnlich seht. Das Gericht konnte die Wahrheit nicht herausfinden und musste dich schließlich verurteilen. Es war doch so, Kirby?«

Der antwortet nicht, sondern blickt ins Leere. Aber seine Lippen pressen sich immer mehr zusammen. Man hört einmal seine Zähne knirschen.

»Ist das alles, Sam?«, fragt er schließlich.

»Nein, Kirby. Du weißt, ich kannte deinen Vater. Und ich habe auch seine Söhne gerngehabt. Als du noch ein Junge warst, nanntest du mich Onkel Sam. Vergiss das nicht.«

»Das hattest du vergessen, Sam, nicht wir.«

»Ich musste einen Banditen fangen«, knurrte Sam Morgan. »Aber ich bekam den wirklichen Schuldigen nicht, weil sich ein Narr für ihn opferte. Es hat dir nichts genützt, Kirby, gar nichts. Jesse hat seine Chance nicht wahrgenommen. Oh, ich weiß, warum du dich für ihn opfertest! Jesse war jung und leichtsinnig, verwegen und wild. Er befand sich auch in schlechter Gesellschaft und hatte ein junges Mädchen geheiratet, das ein Kind von ihm erwartete. Er wollte dieses Mädchen nicht in einer kümmerlichen Hütte wohnen lassen, sondern ihr etwas bieten. Dieser Narr! Und da ließ er sich von seinen Freunden dazu verleiten, beim Überfall auf eine Postkutsche mitzumachen. Und du kanntest deinen Bruder gut. Du wolltest ihn retten, denn du wusstest genau, dass er nach einer langjährigen Haft als wilder Wolf aus dem Gefängnis kommen würde, verdorben, verloren. Du dachtest, dass dein Opfer ihn verändern würde, dass er nie wieder leichtsinnig handeln und für alle Zukunft auf dem guten Weg bleiben würde. Und du wolltest auch nicht, dass Jesses junge Frau …«

»Schluss damit, Sam!«, unterbricht ihn Kirby klirrend. »Schluss damit! Hörst du?«

»All right, all right! Aber dein Bruder Jesse hat Frau und Kind verlassen und ist inzwischen ein berüchtigter Bandit und Revolvermann geworden. Während dieses Jahres hat er viel Unrecht begangen. Daran bist du mitschuldig, moralisch auf jeden Fall! Ist dir das klar?«

»Ich bringe das in Ordnung, Sam. Aber das geht nur mich und Jesse etwas an.«

»Sooo? Und wie willst du das in Ordnung bringen?«

Kirby gibt keine Antwort, macht aber den Ansatz zu einer Bewegung, als wolle er aufstehen und aus dem Zimmer gehen.

»Warte noch, Junge«, grollt Sam Morgan, greift in die Tasche und holt ein kleines Päckchen heraus.

»Nimm es!«, knurrt er. »Das ist die Chance, die ich dir gebe, damit du innerhalb des Gesetzes bleiben kannst und nachher dein ganzes Leben nicht in der Hölle leben musst.«

Kirby starrt auf das Päckchen.

»Was ist es?«

»Deine Ernennung zum US Deputy Marshal, die Plakette und einige Haftbefehle auf Burschen, die vom Bundesgesetz gesucht werden und die du in Gesellschaft deines Bruders finden wirst. Das ist alles, was du nötig hast, Kirby. Denn es wird dich davon abhalten, Rache zu nehmen und dein Gewissen mit Dingen zu belasten, die ein guter Mann nicht tun darf. Das ist deine Chance, Kirby, wenn du innerhalb des Gesetzes bleiben möchtest und kein Verlorener werden willst, der nach einer blutigen Rache nicht mehr auf den guten Weg zurückfinden kann. Sei kein Narr, Kirby.«

Der blickt eine Weile stumm auf das Päckchen, in dem sich einige Papiere und ein harter Gegenstand befinden.

Dann lacht er bitter auf.

»Ich komme aus einem Gefängnis und soll Gesetzesbeamter werden? Das ist wie ein schlechter Witz. Ist dein Vertrauen so groß, Sam Morgan? Wenn ich dich enttäusche, dann wirst du mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt.«

»Ich bin Colonel Samuel B. Morgan, US Marshal des Wyoming-Territoriums, mein Junge. Ich vertraue dir und übernehme die Verantwortung für alles, was du als mein Deputy Marshal tun wirst. Ich brauche dich, weil ich keinen anderen Mann finden könnte, der diesem Auftrag gewachsen wäre. Ich habe vor Monaten zwei gute Männer über den Wild Horse Pass geschickt. Sie sind beide verschollen. Du aber wirst auf jeden Fall über jenen Pass reiten wollen, über den alle Verlorenen und Geächteten reiten. Aber reite mit dem Gesetz.«

Kirby Starbow senkt den Kopf. Sein dunkles Gesicht ist etwas unregelmäßig, aber auf eine männliche Art fast hübsch. Doch jetzt sind viele dunkle und bittere Linien darin, die vor einem Jahr noch nicht vorhanden waren.

Sein Haar ist rabenschwarz und gekräuselt. Wenn er wieder sein altes Gewicht haben wird, wird er ein stattlicher Mann sein, von knapp dreißig Jahren und im Vollbesitz aller Kräfte und Fähigkeiten, die ein Mann nur wenige Jahre während seines Lebens in diesem Maße besitzt.

Kirby denkt jetzt an seinen verwilderten Bruder und an die schlimmen und hartgesottenen Banditen, in deren Gesellschaft er sich befindet. Er sucht immer noch nach Entschuldigungsgründen für Jesse. Aber er findet keine mehr. Jesse hat seine letzte Chance gehabt. Er hätte endlich zur Vernunft kommen müssen, nachdem er, Kirby, sich geopfert hatte.

Kirby verspürt den kalten Zorn, den er nun schon kennt, weil er ihn während der letzten Zeit Tag für Tag und Nacht für Nacht ertragen musste. Aber der Zorn gilt nicht so sehr dem Bruder.

Kirby denkt an Riley Tenslip, an Jube Head und an Johnny Sego. Gewiss, jeder Mann ist sein eigener Hüter und muss allein für seine Taten einstehen. Aber diesen drei Burschen gibt Kirby die größte Schuld, dass Jesse die Chance nicht nutzte und ein guter Mann, Gatte und Vater wurde. Ja, Kirby spürt einen kalten und bösen Zorn, der in ihm immer wieder den Wunsch nach Gewalttat entstehen lässt.

Plötzlich begreift er auch, was Colonel Sam Morgan ihm anbietet. Oh, er begreift es genau. Der US Marshal will ihn an die Kette legen. Er will ihn verpflichten und ihn davor bewahren, mit rauchendem Revolver Rache zu nehmen.

Aber dann schüttelt er den Kopf und reicht das Päckchen zurück.

»Ich kann es nicht annehmen, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich unparteiisch und nach dem Gesetz handeln kann, Sam …«

»Aber ich bin mir sicher«, unterbricht dieser ihn. »Und du kannst mir den Stern und die Vollmachten zu jeder Zeit zurückschicken. Aber versuch es doch wenigstens mal.«

Sie erheben sich beide. Kirby ist noch unentschlossen. Sam Morgan öffnet Kirbys Jacke, schiebt das Päckchen in die Seitentasche und tritt dann einen Schritt zurück.

»Jetzt schwöre deinen Eid als US Deputy Marshal, Junge«, sagt er hart.

?

Sechs Tage später hat US Deputy Marshal Kirby Starbow etwas über zweihundert Meilen im Sattel zurückgelegt und fast jeden Tag zwei Pfund an Gewicht zugenommen. Das ständige Reiten in frischer Luft, die einsamen Camps und die Befriedigung seines Hungers haben ihm gutgetan und ihn verändert.

Sein Gesicht ist wieder gebräunt, sein starker Körper ist elastisch. Manchmal hat er unterwegs lange gerastet und auch gejagt oder gefischt. Er nähert sich seinem Ziel fast gemächlich und konnte bisher seine Ungeduld zügeln.

Am späten Nachmittag dieses sechsten Tages kommt er aus der Green-Hill-Kette geritten und blickt eine Weile über das große Tal, zu dem sich das Hügelland in gewaltigen Stufen abwärts senkt.

Es ist ein mächtiges Tal, von Gebirgsketten umgeben und von Hügeln durchzogen, von Canyons durchfurcht und tiefen Senken und Klüften durchschnitten.

Er kennt dieses Land. Es ist unübersichtlich und birgt viele Geheimnisse. Es bildet tausend abgelegene Winkel und Verstecke.

Ganz weit im Norden erkennt Kirby in der gewaltigen Bergmauer den Einschnitt des Wild Horse Pass. Und er weiß, dass das Land dahinter noch wilder, unübersichtlicher und geheimnisvoller ist. Dort hinter dem Pass gibt es kein Gesetz. Dort ist der Zufluchtsort vieler Verfolgter, Verlorener und Geächteter.

Kirby wittert zum Tal nieder, und er spürt nun die starken Düfte der Heimatweide. Es ist ein vertrauter Geruch...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.