Unger | G. F. Unger 1985 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 64 Seiten

Reihe: Bastei Lübbe

Unger G. F. Unger 1985

Am Ende alles Fährten
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-7360-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Am Ende alles Fährten

E-Book, Deutsch, 64 Seiten

Reihe: Bastei Lübbe

ISBN: 978-3-7325-7360-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Er war des Kämpfens und des Tötens müde, doch dann brauchte die schöne Jane McKeon seine Hilfe, um aus der Station am Pecos eine aufblühende Stadt zu machen ...

***

G. F. Unger wird zu Recht als der beliebteste und erfolgreichste deutschsprachige Western-Autor gefeiert. Mit einer Rekordauflage von über 250 Millionen Exemplaren gehört er zur internationalen Spitzenklasse der Spannungsliteratur. Seine Epoche ist das späte 19. Jahrhundert, seine Schauplätze sind die unermesslichen Weiten des amerikanischen Westens, deren Grenzen von unerschrockenen Frauen und Männern immer weiter nach Westen verschoben werden, bis sie schließlich die Küste des Pazifiks erreichen.

Erleben Sie den amerikanischen 'Wilden Westen', wie nur G.F. Unger ihn schildern kann: hart, authentisch, leidenschaftlich.

Jede Woche erscheint ein neues Abenteuer von G. F. Unger.
Alle Folgen sind in sich abgeschlossen und können unabhängig von den anderen Folgen der Serie gelesen werden.

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Nein, ich ritt nicht fort, sondern stieß nach wenigen Schritten die Schwingtür auf und trat ein.

Es war ein mieser Saloon in einer kleinen, miesen Stadt, die kaum größer war als eine Siedlung, obwohl sie an der Kreuzung zweier Wagenwege lag. Hinter dem Schanktisch hockte eine dicke Frau. Ihr Körper war unförmig. Doch ihr Kopf ließ mich an eine wunderschön geschnittene Gemme denken.

Zwei Gäste spielten Billard. In der Ecke saßen drei Pokerspieler beisammen. Sie alle sahen zu mir her. Ich hatte meine Marshal-Plakette nicht an der Jacke. Und so unterschied ich mich nicht von all den Reitern dieses Landes. Ich wirkte abgerissen, staubig vom langen Reiten, war stoppelbärtig und hatte einen verbeulten Hut auf. Nein, ich unterschied mich äußerlich nicht von den anderen Gästen hier.

Sie wandten sich auch bald wieder ihrem Spiel zu, indes ich zu der dicken Frau mit dem schönen Kopf an den Schanktisch trat.

»Ma’am«, sprach ich, »lässt sich Ihr Bier trinken?«

Sie erwiderte nichts, aber sie begann ein Glas zu füllen. Dabei betrachtete sie mich mit stahlblauen Augen fest. Ich wusste, dass sie jetzt auch ihren Instinkt gegen mich sandte.

Sie war eine erfahrene Frau, die sich mit Männern jeder Sorte auskannte und der nichts fremd war auf dieser Erde. Unsere Blicke trafen sich, und ganz plötzlich wusste sie Bescheid über mich. Vielleicht konnte sie den Marshalstern in meiner Tasche wittern wie eine Wölfin den Stahl einer verborgenen Falle.

Sie schob mir das Bier zu. »Sonst noch etwas?« So fragte sie, und ihre Stimme war die einer ausgebildeten Sängerin. An ihren dicken Wurstfingern funkelten viele Ringe.

Ich trank erst das Bier. »Ja, es ist genießbar«, sagte ich, als ich das Glas absetzte.

Sie lächelte. »Hier ist alles genießbar«, erwiderte sie, »auch meine drei Mädchen oben. Ich habe eine echte russische Gräfin, eine Chinesin und eine feurige Schöne aus Haiti anzubieten. Die Gräfin wird bald frei sein.«

»Ich werde sie mir ansehen«, erwiderte ich, ließ mir das Bierglas noch einmal füllen und ging damit zu einem Tisch, von dem ich alles gut übersehen konnte – die Treppe nach oben, die Schwingtür und auch die Tür des Hinterausganges.

Ich begann mir eine Zigarette zu drehen. Bevor ich sie anrauchte, leerte ich das Glas noch zur Hälfte. Als ich dann die ersten Züge paffte, kam Joe Cockboone mit einem Mädchen die Treppe herunter. Sie lachten und schäkerten.

Ich hörte ihn sagen: »Oha, Honey, wenn ich nicht weitermüsste, würde ich sofort noch mal mit dir hinaufgehen. Aber ich war schon zu lange …« Er verstummte und hielt auf der letzten Treppenstufe an. Denn er hatte mich entdeckt. Ich war vorhin nicht hier gewesen. Jetzt aber wollte er wissen, ob ich ein Mann war, der seiner Fährte folgte. Denn damit rechnete er. Das bewiesen seine letzten Worte.

Ich behielt die Zigarette im Mundwinkel, und indes ich mich erhob, nahm ich mit der Rechten die Marshal-Plakette aus der Hemdtasche und steckte sie mir mit einer raschen Bewegung an die Jacke.

Es war eine einzige, schnelle Bewegung, die wie eingeübt wirkte auf jeden Zuschauer. Mein Colt aber, den ich links trug, war immer noch im Holster. Doch meine Linke schwebte über dem Kolben.

Und ich sprach ruhig in die Stille: »Cockboone, ich bin US Deputy Taggert. Ich nehme Sie hiermit fest und werde Sie zum nächsten Bundesrichter bringen. Leisten Sie keinen Widerstand. Denn Sie wissen ja, auf Ihrem Steckbrief steht ›Tot oder lebend‹. Öffnen Sie die Schnalle Ihres Waffengurtes. Lassen Sie ihn einfach fallen. Lady, treten Sie zur Seite.«

Meine letzten Worte galten dem Mädchen, das neben Cockboone auf der Treppenstufe verharrte. Sie gehorchte sofort, denn sie war keine Närrin. Cockboone war für sie nur ein zahlender Gast, kein Freund oder gar Geliebter. Sie würde ihn von einer Minute zur anderen vergessen, sobald er den Saloon verließ.

Cockboone aber sagte lachend: »Taggert. ich habe schon zwei von deiner Sorte auf meiner Fährte sterben lassen. Warum überlegst du es dir nicht noch mal? Oh, ich weiß schon seit Santa Fe, dass du auf meiner Fährte reitest. Ich habe auch einige Geschichten über dich gehört. Dennoch sage ich dir, dass du der dritte Bursche deiner Sorte wärest, dessen Fährte auf meiner Fährte für immer enden würde. Hau lieber ab und vergiss, dass du mich einholen konntest. Vergiss es einfach. Hau ab!«

Ich trat hinter dem Tisch hervor und nahm mit der Rechten die Zigarette aus dem Mund, ließ sie einfach fallen. Und das war auch schon das Zeichen für ihn: er wusste plötzlich, dass er es mit mir auskämpfen musste. weil ich nicht fortlaufen wurde. Er wusste, dass es nun jene schwarze Sekunde geben würde, in der sich entschied, ob das Gesetz Sieger blieb oder besiegt wurde. Und so zog er.

Ich war mir des eigenen Ziehens gar nicht bewusst, denn es war ein einziger, wilder Reflex der Selbsterhaltung. Ich sah in sein Mündungsfeuer, aber meine Kugel stieß ihn bereits. Denn ich war schneller gewesen. Ich sah, wie meine Kugel in seiner Herzgegend einschlug und dass nichts mehr auf dieser Erde ihn retten konnte.

Er starb stehend und fiel dann krachend zu Boden.

Pulverrauch hüllte mich ein, breitete sich aus. Ich sah nach den anderen Gästen. und ich hätte jede Bewegung aus den Augenwinkeln bemerkt. Doch niemand bewegte sich. Sie sahen mich an, und ihre Feindschaft strömte gegen mich wie ein heißer Atem. Wahrscheinlich waren auch sie Gesetzlose oder zumindest auf der Seite von solchen.

Die dicke Wirtin sagte böse: »Raus hier, Marshal! Raus hier aus meinem Saloon! Sie verdammter Killer mit dem Stern! Raus hier!«

Ich konnte sie gut verstehen. Denn dieses Land westlich des Pecos gehörte den Gesetzlosen. In diesem Saloon waren die meisten Gäste Gesetzlose, die über den Pecos geflüchtet waren. Sie lebte hier mit ihren Mädchen von solchen Gästen. Deshalb war sie auf deren Seite.

Ich hatte hier auch wirklich nichts mehr verloren. Die Leute würden sich Joe Cockboones Sachen aneignen und ihn dafür beerdigen. Mir war das recht so. Ich würde einen Bericht schreiben und bei meinem Vorgesetzten abliefern. Und ich würde Meilengeld und eine Prämie kassieren. Diese Prämie hätte ich auch bei Ablieferung kassiert.

Ich ging zur Schwingtür, wollte schon hinaus zu meinem Pferd. Doch im allerletzten Moment warnte mich ein ungutes Gefühl. Und so verhielt ich in der schon halb geöffneten Schwingtür und hielt den Colt bereit. Der kleine Ort war still. Nur die Fliegen summten. Sonst regte sich nichts.

Aber dennoch sah ich es. Im Fenster des gegenüberliegenden Hauses zeigte sich nun ein Mann mit einer Schrotflinte. Er schoss sofort. Er brauchte ja auch nicht besonders zu zielen. Die Schrotkugeln trafen mich überall, aber ich schoss im selben Moment zurück. Dann sah ich, wie er mit der Flinte nach vorn kippte und aus dem Fenster auf das Vordach des Erdgeschosses fiel. Sein Körper durchbrach es.

Joe Cockboone hatte also einen Freund hier.

Ich ging zu meinem Pferd. Und ich blutete nun aus einem halben Dutzend Wunden. Als ich mich in den Sattel zog, da wusste ich, dass die Gesetzlosen dieses Landes mich bald jagen würden. Denn ich war in ihr Gebiet eingedrungen, um einen aus ihrer Mitte zu holen. Das nahmen sie nicht hin.

Ich ritt im Trab davon und schlug die Richtung nach Osten ein. Denn dort im Osten war der Pecos. Und dieser Fluss bildete die Grenze zwischen dem Gesetz und den Gesetzlosen.

Vielleicht konnte ich entkommen. Ich war nicht lebensgefährlich verletzt. Die Schrotkugeln waren nicht tief in meinen Körper eingedrungen. Gewiss konnte man sie mit einem spitzen Messer oder einem stricknadelähnlichen Instrument herauspulen. Offenbar war die Pulverladung der Flinte nicht stark genug gewesen. Doch die Wunden bluteten heftig. Und wenn sie sich entzündeten, dann …

Aber was dann war, daran wollte ich vorerst nicht denken.

?

Indes ich unter Schmerzen ritt und mich immer wieder umsah nach Verfolgern, da war in mir ein Durcheinander von Gefühlen und Gedanken. Und alles war von Bitterkeit beherrscht. Denn ich hatte wieder einmal getötet. Zwei Männer musste ich in Ausübung meiner Pflicht erschießen, und es war kein Trost für mich, dass ich in Notwehr handelte, dass ich Recht und Gesetz hinter mir hatte. Nein, das alles half mir verdammt wenig.

Ich wusste, dass ich die Gesichter der Toten in nächster Zeit in meinen Träumen wiedersehen wurde – und hinter diesen beiden Gesichtern würden all die anderen Gesichter auftauchen. Denn mit dem Abzeichen an der Brust hatte ich wieder töten müssen in diesem Land.

Bis jetzt war jeder Gesetzlose, den ich einholte und der gegen mich den Revolver zog am Ende aller Fährten angelangt. So mancher Gesetzesmann wäre an meiner Stelle stolz gewesen, stolz darauf, unbesiegbar zu sein. Ich war es nicht. Denn ich kam mir mehr und mehr vor wie ein Killer mit einem Stern.

Und so wuchs der Wunsch in mir, endlich mein Leben zu ändern, einen anderen Weg zu reiten und völlig andere Ziele anzustreben. Ich hatte genug. Aber ich hatte bisher – seitdem ich ein Mann war – nichts anderes getan als reiten, Fährten verfolgen und kämpfen. Zu was würde ich sonst noch taugen?

Hätte man mir nicht den Stern gegeben, so wäre ich gewiss ein Revolverheld geworden, ein Revolverkämpfer, dessen Colt man sich mieten konnte, von dem man sich beschützen ließ, den man zu Hilfe rief bei irgendwelchen Problemen, die in diesem Lande nur mit Gewalt gelöst werden konnten.

Als es endlich Abend wurde und ich hinter mir auf meiner Fährte immer noch keine...



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