E-Book, Deutsch, Band 2109, 64 Seiten
Reihe: G.F.Unger
Unger G. F. Unger 2109
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-1402-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Cannons Revolverschuld
E-Book, Deutsch, Band 2109, 64 Seiten
Reihe: G.F.Unger
ISBN: 978-3-7517-1402-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nun, Leute, ich war gewiss nicht das, was man einen seriösen Menschen nennt, und deshalb steckte ich auch schon mehr als einmal in einer bösen Klemme, denn dies ergab sich infolge meiner Unseriösität ganz zwangsläufig.
Aber damals im Jahr 1870 zwischen Carrizozo und dem Pecos River, da sah es besonders schlimm aus für mich.
Denn ich hatte auf der Flucht schon vor drei Tagen mein Pferd verloren.
Und was hat in diesem verdammten Land ein Mann ohne Pferd schon für Chancen, wenn die Apachen ihn jagen? Keine, Leute, einfach keine! Ein Schneeball in der Hölle - jawohl! -, der hat die gleichen Chancen wie solch ein armer Teufel. Denn auch die Munition war mir ausgegangen. Wenn die Apachen mich einholten, würde ich mich nur mit dem Messer wehren können. Und dazu war ich eigentlich schon viel zu schwach ...
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Cannons Revolverschuld
Nun, Leute, ich war gewiss nicht das, was man einen seriösen Menschen nennt, und deshalb steckte ich auch schon mehr als einmal in einer bösen Klemme, denn dies ergab sich infolge meiner Unseriösität ganz zwangsläufig.
Aber damals im Jahr 1870 zwischen Carrizozo und dem Pecos River, da sah es besonders schlimm aus für mich.
Denn ich hatte auf der Flucht schon vor drei Tagen mein Pferd verloren.
Und was hat in diesem verdammten Land ein Mann ohne Pferd schon für Chancen, wenn die Apachen ihn jagen? Keine, Leute, einfach keine! Ein Schneeball in der Hölle – jawohl! –, der hat die gleichen Chancen wie solch ein armer Teufel. Denn auch die Munition war mir ausgegangen. Wenn die Apachen mich einholten, würde ich mich nur mit dem Messer wehren können. Und dazu war ich eigentlich schon viel zu schwach ...
Als es dunkel wurde, konnte ich nicht weiter.
Ich kroch also in einen Busch und hoffte, dass die Apachen mich nicht finden würden.
Die Nacht wurde klar und hell wie die meisten dieser Nächte hier in New Mexico und Arizona.
So erschöpft und ausgebrannt ich auch war, als ich im Busch lag und Kräfte zu sammeln versuchte, lauschte ich auf all die Geräusche meiner Umgebung und in der Ferne.
Oh, es waren vertraute Geräusche. Denn nachdem ich in den Busch gekrochen war und lange genug still blieb, setzte das Nachtleben der kleinen Tiere bis in meine nächste Umgebung wieder ein.
Das beruhigte mich sehr.
Aber dann veränderte sich von einem Atemzug zum anderen alles. Ich aber bewegte mich, um mein langes Messer aus dem Stiefelschaft zu holen.
Denn diese jähe Stille des Kleingetiers und der warnende Ruf eines Nachtfalken am Himmel, die waren mir Warnung genug.
Dann hörte ich endlich, was die Tiere schon vor mir hörten oder spürten.
Ein Reiter kam durch die Nacht geritten.
Der arme Bursche tat mir sofort leid, denn es war anzunehmen, dass er den Apachen, die mich verfolgten, in die Messer oder gar Gewehre ritt.
Heiliger Rauch, ich konnte ihn nicht warnen. Oder doch? Sollte ich aus dem Busch springen und zu brüllen beginnen? Er war noch weiter als eine halbe Meile entfernt. In diesem Land und vor allen Dingen in solch einer ruhigen Nacht, da hörte man jedes Geräusch unwahrscheinlich weit.
Das Pferd des Reiters trabte. Es war ein mit Eisen beschlagenes Tier. Also war der Reiter wahrscheinlich ein Weißer.
Plötzlich brach dann die Hölle los.
Ein Colt begann zu krachen. Und die Apachen ließen ihren Angriffsschrei hören, der wie ein Pumaschrei klang.
Doch der Mann feuerte mit seinem Colt gleichzeitig mit dem Schrei. Sie hatten ihn also nicht überrumpeln können.
Ich war selbst ein Experte, was das Schießen mit einem Colt betraf, und so konnte ich schon an der Reihenfolge der Schüsse erkennen, dass da ein Mann ballerte, der mit dem Ding umzugehen verstand.
Ich hörte die Todesschreie der Apachen. Es konnten nicht viele sein – nur drei, höchstens vier.
Dann wurde es plötzlich still – ganz still.
Ich kroch aus meinem Busch. Und ich fragte mich, was aus dem Mann geworden war. Hatte er es geschafft gegen die Apachen? Oder hatten sie sich alle gegenseitig umgebracht?
Ich brauchte Wasser und ein Pferd, Proviant und Munition, damit ich wieder für mich sorgen konnte mit meinem Colt.
Und so machte ich mich auf den Weg.
Selbst wenn ein Apache übrig geblieben war – nun, mit dem nahm ich es auf.
Ich brauchte nicht weit zu gehen.
Dann kam mir der Reiter entgegen.
»He, Amigo – wie geht's dir?« So rief ich ihm entgegen, denn ich wollte von ihm natürlich nicht für einen Apachen gehalten werden.
Er hatte seinen Colt auch schon auf mich gerichtet. Doch er schoss nicht. Er konnte mich also noch rechtzeitig als Weißen erkennen.
Ich wusste, dass er – wenn er nicht nachgeladen hatte – nur noch eine einzige Kugel aus seiner Waffe abfeuern konnte.
Langsam kam er heran. Ich hörte sein Stöhnen. Er war also angeschossen.
Als sich sein Pferd etwas drehte, sah ich den Pfeil.
Dann hielt er bei mir.
»Waren die roten Schufte hinter dir her?«, fragte er knirschend. Aber er wartete gar nicht auf eine Antwort. Er fügte noch knirschender und bitterer hinzu: »Und ich musste in sie hineinreiten. Meine Pechsträhne nimmt gar kein Ende mehr. Ich musste in sie hineinreiten wie ...«
Er verstummte knirschend. Im Mond- und Sternenlicht sah er auf mich nieder.
»Du wirst mir doch die verdammte Pfeilspitze herausschneiden können?«, fragte er. »Nachdem ich dir drei Feinde vom Hals schaffte, wirst du das wohl in aller Sorgfalt für mich tun, oder?«
Ich sagte: »Mein Colt ist leer. Und es könnte noch ein vierter Apache umherschleichen. Ich muss ein Feuer machen, um dich zu versorgen. Also gib mir zuerst mal Munition.«
Er zögerte. Aber dann entschloss er sich, mir zu vertrauen. Er hatte keine andere Wahl.
»In der Satteltasche«, sagte er, »ist noch ein ganzes Päckchen Patronen. Hast du auch einen vierundvierziger Colt?«
»Was sonst?« Ich grinste und öffnete seine Satteltasche. Ich fand mit einem Griff das kleine Päckchen Patronen, nahm es heraus, öffnete es und schüttete fast die Hälfte in meine Hand. Ich steckte die Patronen in meine Hosentasche und begann dann erst, die sechs Trommeln meines Colts zu laden.
Mein Retter saß die ganze Zeit regungslos im Sattel und schnaufte nur manchmal schmerzvoll.
»Wer bist du denn?«, fragte er schließlich.
»Ach«, antwortete ich, »vielleicht wirst du schon von mir gehört haben. Ich bin Ben Cannon.«
»Der aus El Paso?«, fragte er stöhnend.
»Ja, der aus El Paso«, erwiderte ich.
Er nickte. Dann sagte er: »Der vierte Apache ist hinter dir. Zwölf Schritte hinter dem großen Dornenbusch. Er wird gleich schießen und ...«
Mehr brauchte er mir nicht zu sagen.
Ich wirbelte herum wie ein Wildkater und schoss auch schon.
Ich konnte den Apachen nicht sehen. Doch wenn er aus dem Busch heraus auf uns schießen wollte – wahrscheinlich mit Pfeil und Bogen, weil ihn dann kein Mündungsfeuer verraten konnte –, musste er im Busch zumindest knien.
Ich feuerte vier Kugeln in den Busch.
Da sprang der Apache kerzengerade in die Höhe, stieß einen gellenden Schrei aus und fiel dann nach vorn. Er war schon tot, bevor er den Boden berührte.
Ich ersetzte erst die vier abgeschossenen Patronen.
Dann blickte ich zu dem Mann hoch, der mich gerettet hatte und nun selbst so böse in Not geraten war – wie böse, das wusste ich noch nicht.
Aber er sagte es mir knirschend mit den Worten: »Du musst mich vom Pferd heben, denn ich kann meine Beine nicht mehr bewegen. Die Pfeilspitze sitzt dicht neben meinem Rückgrat. Sie muss es verletzt haben. Verstehst du?«
O ja, ich verstand sofort, was passiert war.
Und in diesem Moment bewunderte ich den Mann. Denn er behielt die Nerven. Er jammerte nicht über sein Unglück.
»Ja, ich verstehe«, sagte ich ernst. »Und wer bist du, Bruder?«
Er war älter als ich. Ich schätzte, dass er zumindest zehn Jahre älter war, also um die vierzig Jahre.
»Ich bin Allan McGillen – und du hast bestimmt schon von mir gehört. Ja, ich bin Sonora McGillen. Und jetzt hilf mir!«
Ich half ihm.
Er konnte stehen. Ich ließ ihn los, und er fiel nicht um. Doch als er dann gehen wollte, klappte es nicht. Er brachte den Fuß am Boden nicht nach vorn. Er stieß einen wilden und bösen Schrei aus. Und dann brach er zusammen.
?
Nun, lieber Leser meiner Geschichte, ich könnte jetzt viele Seiten mit der Schilderung eines manchmal fast verzweifelten Kampfes füllen, den wir beide kämpften, Allan McGillen und ich, Ben Cannon aus El Paso.
Denn die Pfeilspitze konnte ich Allan McGillen nicht aus dem Rücken holen.
Sie hatte sein Rückgrat verletzt, das war mir klar. Ich konnte nur den Pfeilschaft abschneiden – mehr wagte ich nicht. Wir glaubten beide, dass nur ein Arzt – am besten ein Chirurg – würde helfen können.
Und so versorgte ich McGillen, so gut ich konnte. Wir ruhten die ganze Nacht am Feuer aus. In unserer Nähe lagen die toten Apachen. Aber ich konnte nichts für sie tun. Ich musste Kräfte sammeln.
Am Morgen zogen wir los. McGillen saß auf dem Pferd. Ich führte das Tier. McGillen musste sich am Sattelhorn festhalten. Es kam kein Laut des Schmerzes über seine Lippen.
Unser Ziel war die kleine Stadt Pecos Bend. Er hatte sowieso dorthin gewollt. Und irgendwie würden wir es zusammen schaffen.
Wir brauchten drei Tage und Nächte. Und er lebte immer noch.
Als wir die Lichter der Stadt dann in der dritten Nacht leuchten sahen, sagte er stöhnend zu mir nieder: »Bring mich in Pecos Bend zu Nancy McGillen. Sie muss ein kleines Schneidergeschäft für Ladys und Kinder betreiben. Bring mich zu ihr, Ben Cannon.«
»Sicher«, sagte ich, »auf mich kannst du dich verlassen.«
Ich fand den...




