E-Book, Deutsch, Band 2135, 64 Seiten
Reihe: G.F.Unger
Unger G. F. Unger 2135
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-2321-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bitterer Ruhm
E-Book, Deutsch, Band 2135, 64 Seiten
Reihe: G.F.Unger
ISBN: 978-3-7517-2321-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Es ist schon Nacht, als Jim Carmody den Ortseingang von Show Down erreicht und anhält. Die letzten drei Meilen ging er zu Fuß.
Er späht in den Hof der Schmiede hinein. In der halb offenen Schmiede hängt eine brennende Laterne und die Feuerstelle leuchtet noch dunkelrot aus dem Hintergrund.
Jim Carmody erkennt auch die hagere Gestalt des Schmieds, der sich prustend am Wassertrog wäscht. Das Licht der Laterne beleuchtet Amos Locke gut.
Jim Carmody erkennt ihn sofort wieder und atmet langsam aus. Noch eine Weile bleibt er unbeweglich stehen - ein großer Mann, der mit einem lahmenden Pferd aus der Nacht kam. Dann bewegt er sich und zieht das Pferd hinter sich her. Als er den Wassertrog erreicht, trocknet sich der Schmied gerade ab ...
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Bitterer Ruhm
Es ist schon Nacht, als Jim Carmody den Ortseingang von Show Down erreicht und anhält. Die letzten drei Meilen ging er zu Fuß.
Er späht in den Hof der Schmiede hinein. In der halb offenen Schmiede hängt eine brennende Laterne und die Feuerstelle leuchtet noch dunkelrot aus dem Hintergrund.
Jim Carmody erkennt auch die hagere Gestalt des Schmieds, der sich prustend am Wassertrog wäscht. Das Licht der Laterne beleuchtet Amos Locke gut.
Jim Carmody erkennt ihn sofort wieder und atmet langsam aus. Noch eine Weile bleibt er unbeweglich stehen – ein großer Mann, der mit einem lahmenden Pferd aus der Nacht kam. Dann bewegt er sich und zieht das Pferd hinter sich her. Als er den Wassertrog erreicht, trocknet sich der Schmied gerade ab ...
Die Tür des gegenüberliegenden Wohnhauses öffnet sich. Im herausfallenden Licht zeigt sich die Gestalt eines Mädchens. Und eine Stimme ruft fragend über den Hof: »Kommst du jetzt zum Abendessen, Vater?«
»Ich komme, Anne«, brummt der Schmied und starrt dann auf die große Gestalt seines späten Besuchers, denn Jim Carmody hielt genau an der Grenze des Lichtscheins an. Natürlich hörte Amos Locke schon am Schritt des Pferdes, dass diesem vorn das linke Eisen fehlt. Und deshalb sagt er, ohne auf die zu erwartende Bitte seines späten Kunden zu warten, mürrisch, wie es stets seine Art ist: »Heute nicht mehr, Mister!«
Jim Carmody gibt ihm keine Antwort. Er führt sein hinkendes Pferd um den Wassertrog und den Schmied herum bis zum Eingang der Schmiede und lässt es unter der Laterne stehen. Dann betritt er die Schmiede und sieht sich mit kundigem Blick um.
Erst dann sagt er über die Schulter: »Kommen Sie her, Locke, und bringen Sie das Feuer in Gang!«
Amos Locke stößt ein böses Brummen aus. Er hängt das Handtuch über den Pumpenschwengel, zieht mit einer heftigen Bewegung die Hose hoch und setzt sich dann mit schwingenden Armen in Bewegung.
»Zum Teufel, du verdammter Cowpuncher«, sagt er kehlig. »Das habe ich gern. Mir Befehle zu erteilen! Nun aber raus hier! Raus hier, habe ich gesagt! Zum Teufel, wer bist du überhaupt?«
Er hat nun Jim Carmody erreicht und streckt schon eine Hand aus, um diesen an der Schulter herumzureißen.
Doch da wendet sich Jim Carmody ihm zu und schiebt dabei den Hut aus der Stirn. Das Licht der Laterne beleuchtet sein ruhig wirkendes Gesicht, lässt die dunklen Linien darin erkennen und zaubert seltsame Funken in seine rauchgrauen Augen.
Diese Augen liegen sehr tief und stehen weit auseinander – und als Amos Locke in diese Augen blickt, hält er mitten in der Bewegung inne. Von irgendwo aus seinem innersten Kern zuckt plötzlich ein scharfes Warnsignal durch seinen hageren Körper.
Er starrt seinen späten Besucher an – und dann fällt seine noch halb erhobene Hand langsam nieder. Amos Locke schluckt seltsam und fragt dann heiser: »Wer sind Sie, Fremder?«
Jim Carmody betrachtet ihn langsam von oben bis unten. Er erkennt, dass sich Amos Locke während der vergangenen zehn Jahre kaum verändert hat. Gewiss, sein Haar ist dünner geworden und er wirkt noch hagerer und sehniger als zuvor. Auch mürrischer, unduldsamer und bösartiger scheint er geworden zu sein. Sein jetzt bloßer Oberkörper wirkt auf den ersten Blick mager, aber dieser Mann besitzt immer noch seine zähe, ausdauernde und manchmal auch bösartige Kraft.
»Wir kennen uns gut, Locke«, sagt Jim Carmody sanft, und es ist keine gute Sanftheit. »Es ist zehn Jahre her, da ich hier für harte Arbeit Prügel und schlechtes Essen erhielt und endlich den Mut fand, davonzulaufen, weil es mir nirgendwo auf dieser Welt schlechter als hier ergehen konnte. Mein Name ist Jim Carmody. Ich erinnere mich noch an alle Dinge, Locke. Ich habe nichts davon vergessen. Und jetzt bring das Feuer in Gang! Mein Pferd braucht ein Eisen!«
Die letzten Worte spricht er mit einer kalten Härte.
Amos Locke atmet zitternd aus. Sein Blick beginnt zu flackern und irrt an Jim Carmodys Gestalt nieder. Schließlich bleibt dieser Blick eine Weile auf Carmodys Colt gerichtet. Der hängt tief unter der linken Hüfte. Es ist eine alte Waffe mit einem dunklen und abgegriffenen Holzkolben. Diesen Colt betrachtet Amos Locke mit flackerndem Blick. Dann erzittert seine sehnige Gestalt.
»Ich werde das Tier beschlagen – sofort«, sagt er dann tonlos und tritt zum Feuer. Er bringt es in Gang, betätigt selbst den Blasebalg, geht dann kurz zu Jim Carmodys großem Pferd und betrachtet dessen Huf. Dann macht er sich an die Arbeit, indes Jim Carmody an einem Stützpfosten des Daches lehnt, raucht und schweigend zusieht.
Immer wieder irren die Blicke des Schmieds zu Carmodys großer und in ihrer abwartenden Ruhe irgendwie drohend wirkenden Gestalt. Als er das Eisen wieder ins Feuer hält und den Blasebalg betätigt, fragt Carmodys Stimme trocken: »Wie kommt es, dass ich hier keinen halb verhungerten Jungen sehe, der Männerarbeit verrichten muss? Gibt es keine Waisen mehr im Land, deren du dich annimmst, damit sie ein ehrenwertes Handwerk erlernen?«
Amos Locke hält beim Blasebalg inne. Er starrt an Jimmy Carmody vorbei. Der wendet den Kopf und erkennt das Mädchen. Und er hört ihre Stimme sagen: »Kirby Lamm ist uns gestern fortgelaufen.« Sie sagt es mit bitterer Stimme und wendet sich dann ihrem Vater zu, der mit hängenden Armen neben dem Feuer steht.
»Mach weiter, Locke!«, sagt Jim Carmody hart.
»Yeah, Carmody«, sagt der Schmied heiser und setzt den Blasebalg wieder in Tätigkeit.
»Jim? Jim Carmody?«, fragt das Mädchen und tritt schnell näher.
Jim wendet sich ihr zu und nimmt den Hut ab.
»Yeah, Anne«, murmelt er, »ich bin Jim.«
Sie blickt zu ihm auf, denn er ist einen ganzen Kopf größer als sie. Sie betrachtet ihn auf eine sehr feste Art und auch er sieht sie sehr eingehend und genau an. Dabei wird er sich bewusst, dass auch sie längst erwachsen und so voll erblüht ist, wie es ein Mädchen von zweiundzwanzig Jahren nur sein kann.
Sie bietet einen sehr erfreulichen Anblick, und das ist wie ein Wunder, denn er hatte sie als ein mageres, ziemlich hässliches und ungelenkes Ding in Erinnerung. Er erinnert sich auch an viele Dinge, die zwischen ihr und ihm waren. Und als er damals fortlief, wollte sie mit ihm gehen.
Ihre Nase ist immer noch etwas zu klein und hat einen winzigen Schwung nach oben. Doch ihre Augen sind groß und blau und aus ihrem einst so dünnen und fast farblosen Haar wurde eine weizengelbe Pracht. Ja, sie bietet einen sehr erfreulichen Anblick, hält sich sehr stolz und natürlich und wirkt anmutig und lebendig.
In ihren Augen ist plötzlich warme und herzliche Freude, und ihr Mund lächelt ein Willkommen.
Aber dann kann er sehen, wie sie bei einem plötzlichen Gedanken erschrickt. Sie blickt kurz zu ihrem Vater hinüber, der nun das Eisen nochmals aus dem Feuer nimmt, um ihm die letzte Form zu geben. Als sie ihren Blick wieder auf Jim richtet, ist ein ernstes und fast banges Forschen darin.
»Warum bist du gekommen, Jim?«, fragt sie herbe.
Er betrachtet sie noch eine Weile und murmelt dann: »Ich bin heimgekommen. Mein Vater und meine Brüder wurden hier begraben. Und ich besitze als einziger Überlebender der Carmodys hier eine Ranch. Auch gibt es noch eine Menge anderer Gründe. Anne, ich freue mich, dich zu sehen. Ich habe mich oft gefragt, ob es dir gut geht und ob du schöner geworden bist als alle anderen Mädels im Land.«
Er kann erkennen, wie sie sich noch mehr aufrichtet und auf eine sehr stolze Art das Kinn hebt.
»Jim, warum bist du ein Revolverheld geworden?«, fragt sie auch schon bitter. »Warum hast du dir mit dem Colt einen traurigen und bitteren Ruhm erworben? Du gabst mir damals einige Versprechen, Jim! Keines hast du gehalten. Und jetzt bist du zurückgekommen. Ist dir kein besserer Gedanke gekommen? Bist du heimgekommen, um überall Rache zu nehmen? Oh, Jim ...«
Sie bricht ab, denn ein Reiter kommt von der Straße her in den Hof geritten. Ein Sheriffstern blitzt bald darauf im Lampenlicht, als der Reiter vor der offenen Schmiede anhält. Und er sitzt nicht allein auf dem gelben Pferd. Hinter ihm hockt ein Junge. Sie rutschen beide vom Pferd.
Dann tritt der Sheriff näher.
Er wirft einen scharfen Blick auf Jim Carmody, stutzt leicht, blickt kurz auf Amos Locke und wendet sich wieder an Jim.
»Sie haben es eilig?«, fragt er ruhig.
»Nicht sehr, Hondo Trueblood«, murmelt Jim gedehnt. »Ich bin heimgekommen und am Ziel. Ich habe es nicht eilig. Aber ein Pferd soll nie länger als nötig ohne Eisen sein, nicht wahr? Alles andere hat Zeit, bis mein Pferd beschlagen ist.«
Sheriff Hondo Trueblood zuckt nur leicht und unmerklich zusammen. Dann starrt er Jim fest an und sagt mit einem bitteren Ausatmen: »Jim Carmody?«
»Yeah.«
Der Sheriff nickt.
»Es war eines Tages zu erwarten«, sagt er mit kaltem Grimm.
Jim Carmody betrachtet ihn fest und er sieht einen nicht sehr großen, aber mächtig breiten Mann, der sich schon vor Jahren den Ruf geschaffen hat, eisern und hart zu sein. Er ist jetzt den...




