Unger | G. F. Unger 2150 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2150, 64 Seiten

Reihe: G.F.Unger

Unger G. F. Unger 2150

Devil´s Town
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-2631-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Devil´s Town

E-Book, Deutsch, Band 2150, 64 Seiten

Reihe: G.F.Unger

ISBN: 978-3-7517-2631-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es begann in El Paso.
Ich hatte zwei Tage und drei Nächte beim Poker gesessen und mich gegen vier hartgesottene Spieler zu behaupten versucht.
Das war mir gelungen. Ich hatte nichts verloren. Aber das war auch alles. Mein Gewinn betrug ganze einhundertsiebzehn Dollar, obwohl es stets um hohe Einsätze ging.
Aber ich war dennoch glimpflich davongekommen. Einer von uns verlor über siebentausend Dollar, ein anderer mehr als fünftausend. Der dritte Mann gewann kaum mehr als ich, und der große Gewinner war kein Mann, sondern eine Frau.
Ja, eine Frau hatte uns »rasiert«.
Sie hatte uns zwei Tage und drei Nächte lang gezeigt, was Poker ist ...

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Devil's Town

Es begann in El Paso.

Ich hatte zwei Tage und drei Nächte beim Poker gesessen und mich gegen vier hartgesottene Spieler zu behaupten versucht.

Das war mir gelungen. Ich hatte nichts verloren. Aber das war auch alles. Mein Gewinn betrug ganze einhundertsiebzehn Dollar, obwohl es stets um hohe Einsätze ging.

Aber ich war dennoch glimpflich davongekommen. Einer von uns verlor über siebentausend Dollar, ein anderer mehr als fünftausend. Der dritte Mann gewann kaum mehr als ich, und der große Gewinner war kein Mann, sondern eine Frau.

Ja, eine Frau hatte uns »rasiert«.

Sie hatte uns zwei Tage und drei Nächte lang gezeigt, was Poker ist ...

Als draußen die Sonne schien, sagte uns der Barmann nach der dritten Nacht Bescheid. Er brachte uns einen Topf Kaffee und die nötigen Tassen. Als wir den heißen Kaffee schlürften, betrachteten wir vier Männer die Frau.

Ja, sie war mehr reizvoll als schön. Sie besaß nämlich keine sterile Schönheit, sondern wirkte eigenwillig, hatte jene Ausstrahlung, die auf Männer wie ein Zauber wirkt.

Ihr Haar glänzte immer noch wie das Gefieder eines Raben. Dazu leuchteten ihre Augen grün. Und auf der Nase waren ein paar Sommersprossen. Ihr Mund war voll und konnte eine Menge ausdrücken – wenn sie das wollte. Er konnte aber auch herb und verschlossen wirken.

Wenn sie ihr Pokergesicht aufsetzte, war nichts an ihr zu erkennen. Alles blieb tief in ihrem Kern verborgen. Und dennoch spürten wir alle, dass sie voller Feuer war.

Ihr Name war Elsa Bannack, und wir alle hatten schon von ihr gehört. Sie war als Spielerin im ganzen Südwesten bekannt unter dem Namen Full-Hand-Elsa.

Und irgendwo trug sie einen kleinen Colt-Derringer und einen Dolch. Auch das war unter uns Spielern dieses Landes bekannt.

Sie lächelte uns über den Tassenrand an.

»Gentlemen, es war mir ein Vergnügen«, sagte sie mit ihrer etwas kehligen Stimme, die jedem Mann irgendwie unter die Haut ging oder ein Prickeln in ihm erzeugte.

Unsere zwei großen Verlierer grinsten bitter und etwas verkrampft.

Wir zwei anderen Mitspieler grinsten ein wenig enttäuscht, aber eigentlich dennoch zufrieden.

Denn sie hatte uns nicht rasieren können.

Außerdem hatten wir ihre Gesellschaft genossen. Und wir hatten eine Menge gelernt von ihr, obwohl wir alle hartgesottene Pokerspieler waren – oder es zu sein glaubten.

Als sie sich erhob, standen auch wir auf.

Sie sah mich an und sagte: »Wir wohnen im selben Hotel, nicht wahr? Gehen wir zusammen? Oder sehnen Sie sich noch nicht nach einem Bett?«

Ich grinste, ging halb um den Tisch herum und bot ihr meinen Arm. Ihren Spielgewinn hatte sie bereits in einer beutelartigen Tasche untergebracht.

Sie nahm meinen Arm.

Und dann verließen wir das Hinterzimmer des El Paso Saloons.

Draußen saugten wir die frische Morgenluft ein.

Sie war einen ganzen Kopf kleiner als ich und sah von der Seite her zu mir empor.

»Bleiben Sie in El Paso?«, fragte sie.

»Sie nicht?«, fragte ich zurück.

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte sie. »In San Angelo wurde wieder Gold gefunden. Das alte Spanierdorf wurde über Nacht zu einem neuen Babylon. Wo Gold gefunden wird, ist ein Paradies für Spieler.«

»Viel Glück«, murmelte ich. Sie sah immer noch schräg zu mir empor. In ihren grünen Augen erkannte ich das Angebot.

Ich spürte, ich brauchte ihr nur zu sagen, dass ich gerne mitkommen würde, schon wären wir uns einig gewesen.

Aber ich sagte es nicht. Denn ich wollte in keine wilde Goldgräber- und Minenstadt. Ich wusste, ich würde dort auf alte Bekannte treffen. Auf all meinen Wegen hatte ich mir Feinde gemacht. Eigentlich war ich auch schon zu lange in El Paso gewesen. Ein Mann mit Schatten auf seiner Fährte durfte nicht zu lange an einem Ort verweilen. Und so dachte ich daran, mir zwei Helfer anzuwerben und wieder in die Einsamkeit zu gehen, um Wildpferde zu jagen.

Wir hatten unser Hotel erreicht.

Der Hausbursche fegte den zur Veranda ausgebauten Plankenstieg. Er sah mich an und fragte: »Mister, sind Sie Lot Shannon?«

Ich nickte und hielt an, immer noch Arm in Arm mit Elsa Bannack.

Der Hausbursche stützte sich auf den Besenstiel und sagte: »Da hat gestern jemand nach Ihnen gefragt – ein Halbblut, vielleicht auch ein Dreiviertelapache. Er hatte schon alle anderen Hotels und Pensionen abgeklappert. Aber Sie waren ja spurlos verschwunden.«

»Im Hinterzimmer des El Paso Saloons«, sagte ich. »Und wo ist der Mann jetzt?«

»Wahrscheinlich schlief er im Mietstall«, erwiderte der Hausbursche. »Der hatte keinen Cent in der Tasche. Aber er wollte wiederkommen, weil ich ihm sagte, dass Sie Ihre Siebensachen noch auf dem Zimmer hätten. Ja, er wollte wiederkommen. He, da kommt er ja!«

Der Hausbursche deutete an mir vorbei die Straße hinauf.

Ich sah den Mann kommen.

Und ich erkannte ihn wieder. Es war Juan Coronado, ein Halbblut. Sein Vater war ein Apache, seine Mutter eine stolze spanische Adlige, die man einst aus einem Wagenzug geraubt hatte.

Er trug den Namen seiner Mutter.

Und damals, als ich fortritt von daheim, da blieb er bei meinem jüngeren Bruder Bac, weil dieser noch zu jung war, um allein bleiben zu können.

Elsa Bannack nahm ihren Arm aus meinem.

Ich zog meinen Hut und verbeugte mich.

»Bitte entschuldigen Sie mich, Elsa«, sagte ich und grinste. »Ich würde wirklich gerne in ein Bett gehen, und ich wette, Sie erraten sogar, in welches.«

»Das ist leicht zu erraten«, erwiderte sie. »Wir haben uns lange genug am Spieltisch gegenübergesessen. Ich lernte, Ihre Gedanken zu erraten. Und auch jetzt sehe ich klar Ihre Wünsche im Hintergrund Ihrer Augen. Denn ich lebe davon, die Wünsche und Gedanken der Männer erraten zu können. Vielleicht später einmal.«

Sie verschwand im Hotel.

Oha, sie war ehrlich! Wenn sie einen Mann haben wollte, dann zierte sie sich nicht. Denn sie war eine Raubkatze.

Ja, ich hatte Chancen bei ihr. Das hatte ich schon bald gespürt. Möglicherweise hatte sie auch schon von mir und meinem schnellen Colt gehört. Und da sie gewiss mehr als zwanzigtausend Dollar bei sich trug, brauchte sie Schutz. So mochte das alles einen Sinn ergeben.

Ich sah Juan Coronado entgegen.

Und ich wusste, es musste etwas mit unserem »Kleinen« passiert sein, mit Bac.

Juan Coronado war älter geworden. Ich begriff in diesem Moment, dass fast sechs Jahre vergangen waren seit jenem Tag, da ich nach einem Revolverkampf von daheim fortritt.

Sechs Jahre ...

Juan Coronado hielt vor mir an. Wir reichten uns die Hände.

»Er ist tot«, sagte er dann. »Sie haben ihn in San Angelo umgebracht.«

In Juan Coronados Stimme war ein bitteres Knirschen. Und in seinen Augen erkannte ich, dass er Rache wollte.

Ich stutzte, denn den Namen dieser Stadt San Angelo hatte ich vor einer Minute erst gehört. Elsa Bannack hatte ihn genannt. Und sie wollte dorthin, weil dort der Goldrush ausgebrochen war.

Jetzt sagte mir Juan Coronado, dass man dort meinen Bruder umgebracht hatte.

Er sah erschöpft aus.

»Suchst du mich schon lange?« So fragte ich.

Er nickte. »Fast schon ein halbes Jahr«, erwiderte er. »Du bist nirgends sehr lange, Lot.«

»Das wurde mein Schicksal«, murmelte ich, und etwas von der Bitterkeit, die ich stets so gut in meinem Kern verborgen hielt, kam nun hoch.

Ich begriff nun auch, dass mein kleiner Bruder Bac tot war. Und ich schluckte würgend und erinnerte mich an meine Jugend in den Bergen von Albuquerque.

Ich sah auch wieder Bac vor meinen Augen.

Alles war wieder da.

Dann fragte ich: »Wann hast du zum letzten Male gegessen, Juan?«

»Aaah, das ist schon lange her«, erwiderte er und grinste breit. »Aber jetzt bekomme ich sicherlich was.«

Wir gingen hinein in das Hotel und setzten uns in den Speiseraum.

Indes wir auf das Frühstück warteten, berichtete Juan Coronado alles mit wenigen Worten: »Wir brachten eine kleine Fleischherde nach San Angelo«, begann er. »Denn nachdem dort der Goldrush ausgebrochen war, wurde das Frischfleisch knapp. Und Steaks wog man fast mit Gold auf. Wir bekamen eine Menge Geld für unsere Rinder und wollten eigentlich sofort wieder wegreiten. Denn San Angelo, dieser Name, der ja so viel wie ›Heiliger Engel‹ bedeutet, ist ein verdammter Bluff. Es gibt nicht wenige Leute dort, die dieses Miststück von einer Stadt ›Devil's Town‹ nennen. Und das wäre der richtige Name. Des Teufels Stadt.«

»Und wer ist der Teufel?« So fragte ich tonlos.

»Barton Woodwade«, erwiderte er schlicht.

»Hat er Bac getötet?« So fragte ich heiser.

Juan grinste bitter und verächtlich zugleich, so als wäre meine Frage der totale Schwachsinn.

»Der?«, dehnte er. »Der doch nicht. Der hat eine Menge Hurensöhne zur Hand, die das erledigen. Nein, der ist der Boss. Diese Stadt ist eine einzige Falle. Wahrscheinlich hätten sie uns mit dem Erlös ohnehin nicht...



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