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E-Book, Deutsch, Band 2159, 64 Seiten

Reihe: G.F.Unger

Unger G. F. Unger 2159

River Cat und River-Wolf
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-3171-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

River Cat und River-Wolf

E-Book, Deutsch, Band 2159, 64 Seiten

Reihe: G.F.Unger

ISBN: 978-3-7517-3171-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Von Fort Buford bis zur Yellowstone-Mündung sind es genau zwei Meilen. Die kleine »Sunbee« - ein Dampfboot mit einem Heckschaufelrad - hält bei Fort Buford nur an, um einige Postsäcke, Kisten und Ballen Fracht sowie einige Passagiere auszuladen. Dann geht sie wieder in den Strom, um die Fahrt fortzusetzen.
Chet Kincaid, der in Kansas City mit seinem großen Kanu an Bord kam, hat dieses fertig gemacht, sodass man es mithilfe des Ladebaumes und der Dampfwinde über Bord heben und ins Wasser setzen kann.
In Chet Kincaids Kanu ist alles, was ein Trapper und Pelzjäger einen langen Winter hindurch benötigt, um seiner Jagd nachgehen zu können. Ein paar einsame Monate liegen vor ihm in einem gefährlichen Land am Yellowstone.
Aber das ist ihm recht, denn er ist ein Mann, der sich selbst genug sein kann und der die Menschen verachten lernte.
Ja, er hat genug von seinen Artgenossen auf dieser Erde ...

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River Cat und
River-Wolf

Von Fort Buford bis zur Yellowstone-Mündung sind es genau zwei Meilen. Die kleine »Sunbee« – ein Dampfboot mit einem Heckschaufelrad – hält bei Fort Buford nur an, um einige Postsäcke, Kisten und Ballen Fracht sowie einige Passagiere auszuladen. Dann geht sie wieder in den Strom, um die Fahrt fortzusetzen.

Chet Kincaid, der in Kansas City mit seinem großen Kanu an Bord kam, hat dieses fertig gemacht, sodass man es mithilfe des Ladebaumes und der Dampfwinde über Bord heben und ins Wasser setzen kann.

In Chet Kincaids Kanu ist alles, was ein Trapper und Pelzjäger einen langen Winter hindurch benötigt, um seiner Jagd nachgehen zu können. Ein paar einsame Monate liegen vor ihm in einem gefährlichen Land am Yellowstone.

Aber das ist ihm recht, denn er ist ein Mann, der sich selbst genug sein kann und der die Menschen verachten lernte.

Ja, er hat genug von seinen Artgenossen auf dieser Erde ...

Deshalb suchte er auch hier an Bord keine Gesellschaft, blieb für sich und ließ auch durch seine ganze Ausstrahlung spüren, dass er keinen Wert auf Bekanntschaften legte.

Nun aber wird er bald das Schiff verlassen. Sein Blick geht vom Vorderschiff hinauf zum Ruderhaus. Dort sieht er die Frau stehen, die er all die Tage und Nächte beobachtete und mit der er die ganze Zeit nur wenige Worte wechselte und Blicke tauschte. Dennoch spürten sie beide, dass sie immer wieder einander beobachteten und sich in Gedanken miteinander beschäftigten.

Chet Kincaid ist ein großer, hagerer Bursche mit gelben Haaren und grauen Augen. Trotz seiner gelben Haare hat er etwas Indianerhaftes an sich, und man traut ihm zu, dass er zu jenen Männern gehört, die in jeder Situation für sich sorgen können.

Die Frau aber – Ann Derringer ist ihr Name – kam aus dem Ruderhaus, wo ihr Steuermann das Ruder führt. Sie tritt neben dem Ruderhaus an die Reling und blickt auf Chet Kincaid nieder. Und weil er zu ihr empor sieht, treffen sich ihre Blicke diesmal für längere Zeit.

Er kann durch die Querstäbe der Reling ihren schlanken Körper betrachten. Sie trägt eine Hose und darüber eine Hemdbluse. Ihr Körper verrät ständig eine katzenhafte Geschmeidigkeit.

Chet Kincaid weiß, dass man Ann Derringer hier auf dem Big Muddy nur River Cat nennt. Er kennt einige Geschichten über sie.

Ihr rotes Haar leuchtet wie poliertes Kupfer oder Rotgold in der Spätnachmittagssonne. Und ihre grünen Augen sind etwas schräg in ihrem rassigen und eigenwilligen Gesicht. Besonders diese Augen geben ihr etwas Katzenhaftes.

Ihre dunkle und kehlige Stimme fragt nun zu ihm nieder: »Wo sollen wir Sie mit dem Kanu absetzen? In der Yellowstonemündung? Oder drei Meilen stromauf? Dort ist ein Holzplatz. Und das Holz dort ist billiger als hier beim Fort. Wir fahren dorthin.«

Indes sie die Worte zu ihm spricht, kommt sie von oben den Niedergang herunter und verhält nach einigen Schritten vor ihm. Sie muss zu ihm aufblicken. Er ist mehr als einen Kopf größer als sie.

Eine Weile betrachten sie sich aus nächster Nähe. Noch niemals in all den vergangenen Tagen und Nächten auf dem Strom haben sie sich so intensiv aus nächster Nähe angesehen.

Er sagt langsam: »Ich fahre natürlich lieber auf diesem Schiff den Strom hinauf, so weit es geht, und bin für jede Meile dankbar.«

Sie lächelt und nickt.

»Von Ihnen«, murmelt sie langsam, »habe ich einiges gehört, Chet Kincaid. Man nennt Sie auch da und dort ›River-Wolf‹, nicht wahr? Sie waren früher der Anführer von Holzfällern und Flößern, die oben im Norden die Wälder abholzten und auf Riesenflößen kurz nach der Schneeschmelze den Strom herunterfuhren. Man erzählt sich, dass ihr wie die zottigen Winterriesen ausgesehen hättet, die nach Süden kamen, um den Frühling aufzuhalten. Aber das ist euch wohl nie geglückt.«

»Nein«, erwidert er, »dies ist uns nie geglückt.«

Sie schweigt einige Atemzüge lang und sieht dabei immer noch intensiv zu ihm empor und in seine grauen Augen. »Und dann gibt es da noch die Geschichte ...«, beginnt sie. Aber sie bricht ab, weil sie in seinen Augen den zornigen Unwillen erkennen kann. »Schon gut«, sagt sie milde, »schon gut, Chet Kincaid. Aber sagen Sie mir bitte eins. Hat die Sache damals Sie so verändert, dass Sie nun nur noch wie ein einsamer Wolf allein ...«

»Ja«, erwidert er knapp. »Ist Ihre Neugierde nun gestillt?«

Seine Frage klingt verächtlich. Und sie will ihm zornig etwas erwidern. Aber dann legt sie ihm die Hand leicht auf den Arm.

»Nicht Neugierde«, erwidert sie. »Nein, nicht Neugierde. So würde ich es nicht nennen. Eher Interesse. Chet Kincaid, ich habe die ganze Zeit über Sie nachgedacht. Was ich von Ihnen weiß, beschäftigt mich sehr, seit ich Sie kenne. Keine Neugierde, nein, Teilnahme. Was muss das für eine Frau gewesen sein, die mit Ihnen und der rauen Mannschaft in die Wälder des Brandy River ging und ...«

»Sie sind ihr sehr ähnlich, Ann Derringer«, unterbricht er sie. Dann wendet er sich ab und macht sich wieder an seinem Kanu zu schaffen. Aber sie weiß, dass er sich nicht länger mehr mit ihr über seine Vergangenheit unterhalten will.

Und so wendet auch sie sich ab und steigt wieder zu ihrem Steuermann ins Ruderhaus hinauf.

Die »Sunbee« hat nun die Yellowstonemündung erreicht und biegt in sie ein, um den drei Meilen stromaufwärts gelegenen Holzplatz zu erreichen, dessen Holz billiger sein soll als bei Fort Buford.

Drei Meilen sind für die Sunbee stromauf weniger als eine halbe Stunde.

Und bald schon wird Chet Kincaid mit seinem voll beladenen Kanu vom Hebebaum ins Wasser gelassen. Er setzt sich ins Heck des Kanus und beginnt zu paddeln, hält sich dicht am Ufer, wo hinter den Landzungen und Vorsprüngen die Strömung dreht. Nur im Schritttempo kann ein Mann mit einem Kanu den Strom hinaufkommen. Wochen wird er zu seinem Jagdrevier unterwegs sein.

Mit Chet Kincaid geht eine Veränderung vor, sobald er allein seine Reise zu den Jagdgebieten fortsetzt. Er wirkt lauernder, vorsichtiger, witternder, und er scheint seinen Instinkt auszusenden wie ein Wolf, der genau weiß, dass überall Jäger und Fallen auf ihn lauern.

Es ist fast Abend geworden, als Chet Kincaid am Ufer unter den überhängenden Zweigen von Bäumen und Büschen anhält. Er erhebt sich im Kanu und späht über den Rand des Ufers landeinwärts. Der Wald ist hier sehr dicht. Denn für Fort Buford hat man im Umkreis von zehn oder zwanzig Meilen die stärksten Bäume gefällt und in den Fluss gerollt, weil sie sich so am leichtesten transportieren lassen. Es sind also mehr Büsche und kleine Bäume als großer Baumwald hier.

Im letzten Licht des schwindenden Tages sieht Chet Kincaid etwas. Es ist zuerst nur eine Bewegung, so etwa, als wenn jemand hinter einem Busch vorbeigeht und man diese Bewegung durch die Zweige im letzten Moment noch mit Blicken erhascht.

Aber wenige Sekunden später sieht er es noch einmal, diesmal deutlicher und dann ganz klar erkennbar.

Indianer!

Eine ganze Horde Indianer reitet am Ufer in Richtung Holzplatz. Chet Kincaid strengt seine Augen an in der Dämmerung. Und da wird er sich darüber klar, was es mit dieser Horde für eine Bewandtnis hat. Es sind nicht einfach nur Indianer, also eine Jagd- oder Kriegsschar. Nein, er sieht auch einige andere Reiter unter ihnen, die nur halb wie Indianer gekleidet sind.

Und er denkt: Eine Horde von Ausgestoßenen beider Rassen: Renegaten, Deserteure, Geächtete – und Indianer, die im beständigen Hass gegen die Weißen leben. Ja, solch eine Horde will zum Holzplatz. Ob sie in einem verborgenen Camp lauerte und auf ein Dampfboot wartete, dieses jetzt gemeldet bekam und ...

Er denkt nicht weiter, denn es ist ja alles klar. Und so verharrt er eine Weile in seinem Kanu, lauscht und wartet.

Was soll er tun?

Als er darüber nachdenkt, da begreift er im selben Moment auch schon, dass er gar nichts tun kann, einfach gar nichts. Denn er würde zu spät kommen, selbst wenn er das Kanu drehte und wie ein Verrückter den Strom abwärts paddelte.

Der Strom macht hier eine Biegung. Auf dem Landweg haben es die Reiter ein Stück näher. Und sie reiten trabend auch schneller, als ein Mann in einem großen und voll beladenen Kanu paddeln könnte. Wenn die Bande es auf das Dampfboot am Holzplatz abgesehen hat, dann kann er – Chet Kincaid – nichts daran ändern.

Was soll er tun?

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, nämlich einfach seinen Weg fortsetzen, sich um nichts kümmern, so tun, als ginge ihn das alles nichts an – oder umzukehren und herauszufinden, was geschehen ist.

Er zögert eine Weile. Denn er ist davon überzeugt, dass er nur noch Tote finden wird, scheußlich verstümmelte Tote. Und darum sollte sich doch die Besatzung von Fort Buford kümmern.

Aber dann denkt er an Ann Derringer, die man auch River Cat nennt. Was wird mit ihr geschehen? Werden sie Ann Derringer »nur« töten, oder wird mit ihr...



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