E-Book, Deutsch, Band 2160, 64 Seiten
Reihe: G.F.Unger
Unger G. F. Unger 2160
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-3172-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hufschlag in der Nacht
E-Book, Deutsch, Band 2160, 64 Seiten
Reihe: G.F.Unger
ISBN: 978-3-7517-3172-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Tür der Postkutsche ist offen, und ein Mann steht mit dem Rücken zur Kutsche auf dem Gehsteig. Es ist ein großer, in dunkles Leder gekleideter und sehr geschmeidig wirkender Mann, wie das Licht der Hotellampe zeigt.
Matt Ballard hört ihn rufen: »Komm heraus, Jack Power! Komm heraus und fahre mit der Kutsche aus dem Land! Dann ist alles gut! Doch wenn du jetzt nicht kommst, dann hole ich dich! Ich warte nicht mehr länger!«
Aus dem Hotel tritt ein großer blonder und sicherlich sehr harter, zäher und beachtlicher Mann. Dieser Mann trägt einen Stern.
Es ist still.
Dann hört Matt Ballard von irgendwoher ein Stöhnen. Von der anderen Straßenseite erklingt die Stimme eines Mannes wie beschwörend: »Oh, du lieber Himmel, gib ihm Mut und Glauben! Lass ihn nicht zum Feigling werden!«
Von weiter entfernt aber ruft eine andere Stimme, die alt und müde klingt: »Jack, es hat keinen Sinn! Du bist ihm nicht gewachsen, und er hat auch seine ganze Bande mitgebracht. Gib auf, Jack Power, und geh fort!«
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Hufschlag in der Nacht
Die Tür der Postkutsche ist offen, und ein Mann steht mit dem Rücken zur Kutsche auf dem Gehsteig. Es ist ein großer, in dunkles Leder gekleideter und sehr geschmeidig wirkender Mann, wie das Licht der Hotellampe zeigt.
Matt Ballard hört ihn rufen: »Komm heraus, Jack Power! Komm heraus und fahre mit der Kutsche aus dem Land! Dann ist alles gut! Doch wenn du jetzt nicht kommst, dann hole ich dich! Ich warte nicht mehr länger!«
Aus dem Hotel tritt ein großer blonder und sicherlich sehr harter, zäher und beachtlicher Mann. Dieser Mann trägt einen Stern.
Es ist still.
Dann hört Matt Ballard von irgendwoher ein Stöhnen. Von der anderen Straßenseite erklingt die Stimme eines Mannes wie beschwörend: »Oh, du lieber Himmel, gib ihm Mut und Glauben! Lass ihn nicht zum Feigling werden!«
Von weiter entfernt aber ruft eine andere Stimme, die alt und müde klingt: »Jack, es hat keinen Sinn! Du bist ihm nicht gewachsen, und er hat auch seine ganze Bande mitgebracht. Gib auf, Jack Power, und geh fort!«
Der Kutscher auf dem hohen Sitz sagt plötzlich heiser: »Steig ein oder nicht, Marshal. Aber ich habe nun schon zwei Minuten über der Zeit gewartet. Ich fahre!« Als er das gesagt hat, stößt er mit dem Fuß die Bremse zurück und schüttelt die Zügelleinen. Er schwingt die Peitsche und ruft gellend: »Hoiii, ihr dicken Tanten! Hoaah!«
Dieser Schrei ist wie ein Kommando, das nicht nur dem Sechsergespann der Kutsche gilt. Denn als die Pferde anspringen, um die lange Fahrt nach Laramie zu beginnen, da bewegt sich auch der blonde Marshal.
Er wirbelt herum, bevor die offene Tür der Kutsche durch das Anrucken zuschlagen kann. Er schwingt sich mit einem raschen Satz in die Kutsche hinein, und dann erst knallt ihr Schlag zu.
Eine Wolke von Staub bleibt zurück und wird vom leichten Nachtwind fortgeweht.
Überall ist es noch still, und nichts bewegt sich. In der Ferne verklingt der Hufschlag des Sechsergespanns. Man hört dazwischen das Rumpeln und Quietschen der Kutsche und das scharfe »Braah! Hoiiiah!« des Fahrers.
Die Reiter, die die Straße beherrschten, reiten nun heran und sammeln sich vor dem Hotel, neben dem sich gleich der Saloon befindet.
Der große Mann im dunklen Leder ruft nun laut: »In Ordnung, Jungs! Ein oder zwei Drinks im Saloon, dann reiten wir! Charly! Ihr kauft zwei Packlasten Proviant. Ihr habt ja die Liste ...« Seine Stimme verklingt.
Der Mann verschwindet nun im Saloon, und seine Reiter drängen sich hinter ihm hinein.
Auf der Straße bewegen sich die Gruppen der Bürger.
Matt Ballard hält einen Mann an, der schnell an ihm vorbei die Fahrbahn überqueren will. »Mister, was war das?«, fragt er den schnaufenden Bürger von Hills City.
Der Mann bleibt stehen, wendet sich ruckartig dem Fremden zu und versucht ihn zu betrachten.
»Ah, ein Fremder«, schnauft er dann. »Und Sie wollen wissen, was das soeben war? Nun, das ist einfach zu erklären. Jesse Shane ist mit seinem wilden Rudel in unsere Stadt gekommen und hat unseren Marshal zum Teufel gejagt. Und unser Marshal Jack Power war kein Narr. Er nahm die Kutsche und fuhr fort. Das hat er richtiggemacht. Denn diese jämmerliche Stadt ist es nicht wert, dass sich ein guter Mann für sie umbringen lässt.«
Nach diesen bitteren und verächtlichen Worten geht der Mann weiter.
Matt Ballard findet bald darauf den Mietstall der Stadt. Der Stallmann kommt erst eine Minute später, weist dem Fremden wortlos eine Box an und fragt: »Bleiben Sie hier, oder reiten Sie morgen weiter?«
»Ich bleibe im Land«, erwidert Matt Ballard ruhig, nimmt sein Gepäck und geht zum Hotel.
Er hält vor dem Anmeldepult an und betrachtet eine weinende Frau, die steif und starr hinter dem Pult steht und ins Leere blickt, so, als könnte sie dort irgendwelche Bilder sehen.
Die Tränen rinnen ihr aus den Augen, rollen über ihre Wangen und tropfen auf das Anmeldebuch nieder.
Sie bewegt den Kopf und betrachtet Matt Ballard. Nun trocknet sie ihre Tränen und fragt mit etwas gepresster Stimme: »Ein Zimmer, Mister? Bitte sehr. Tragen Sie sich ein.«
Sie trocknet mit ihrem Spitzentuch die Tränen auf dem Anmeldebuch, dreht es dann herum und taucht den Federhalter für ihren Gast ein.
Matt Ballard schreibt mit kräftigen und klaren Schriftzügen:
Matt J. Ballard, Santa Fe, New Mexico.
Da steht es nun! Die Frau dreht das Buch herum und liest es. Dann blicken sie sich wortlos an. Matt stellt fest, dass es eine sehr anziehende und mehr als hübsche Frau ist. Ihr Gesicht ist etwas eigenwillig, und ihre rotbraunen Haare unterstreichen diesen Eindruck noch. Sie hat grünliche Augen, hochstehende Wangenknochen und einen breiten und vollen Mund. Sie ist ziemlich groß, und sie trägt ihren Kopf auf jene besondere Art, die sich von vielen anderen unterscheidet. Zu dieser Art gehören harmonische Handbewegungen, ein leichter Schritt, der wie ein Schreiten ist, und es gehört eine melodische Stimme dazu.
Für Matt Ballard ist sie nach einer langen Reise ein sehr erfreulicher Anblick. Obwohl er weiß, dass sie Kummer hat, lächelt er ihr zu. Es ist ein ruhiges, männliches und einnehmendes Lächeln.
Und er sagt: »Genug geweint, Madam. Denn mehr lohnt sich nicht.«
Sie betrachtet ihn immer noch. Dann fragt sie etwas herb: »Was wissen Sie? Wie können Sie mir diesen Rat geben?«
Er hebt die breiten Schultern. Er ist ein großer, breiter und starkknochiger Mann, schwarzhaarig, grauäugig und mit einer kurzen Nase. Sein Kinn ist fest und kantig, und sein Mund ist breit und nicht zu voll. Seine Kleidung ist derb, war aber nicht billig.
»Genug geweint«, sagt er. »Dieser Jack Power ist keine Träne wert. Oder weinen Sie nicht seinetwegen? Ich irre mich doch nicht? Er kam aus diesem Hotel. Etwas hielt ihn hier bis zum letzten Augenblick. Und er kam heraus mit dem festen Entschluss, auszuhalten und zu kämpfen. Doch dann zerbrach er auf der Veranda binnen zehn Sekunden. Er fuhr fort, und er ließ alles hinter sich zurück, alle Hoffnungen, allen Stolz, alle Wünsche und ...«
»Halten Sie ihn für einen Feigling?«, fragt sie herb.
Matt Ballard schüttelt langsam den Kopf. »Nein, feige ist er nicht. Das glaube ich nicht. Er ist nur nicht groß genug. Er wusste deutlich von seinen Möglichkeiten. Er schätzte sie genau richtig ein. Er wäre ein kompletter Narr gewesen, wenn er versucht hätte, es auszukämpfen. Ich verachte ihn nicht, nein. Ich habe Mitleid mit ihm.«
Sie staunt ihn an und überlegt. »Und warum soll ich nicht länger um ihn weinen? Warum sagen Sie, dass ich genug geweint habe und sich mehr nicht lohne?«
Er lächelt ernst. »Weil Sie ihn nicht so sehr lieben, dass Sie mit ihm gefahren sind. Sie blieben hier. Sie ließen ihn allein fortlaufen. Deshalb vergessen Sie ihn lieber. Was zwischen ihm und Ihnen war, Ma'am, das war nicht so groß, dass Sie ihm hätten auf allen Wegen folgen können. Deshalb lohnt sich keine Träne mehr. Vergessen Sie ihn. Oder fahren Sie ihm mit der nächsten Post nach.«
Er nimmt den Schlüssel, den sie ihm automatisch und wie abwesend zuschob. Er hebt sein Gepäck auf und steigt die Treppe hinauf.
Sie blickt ihm schweigend nach. Vom Treppenabsatz fragt er nieder: »Gehört Ihnen dieses Hotel?«
»Ja«, erwidert sie. »Ich bin Reva Brand. Mir gehört das Hotel. Und bis vor einer Minute glaubte ich daran, Jack Power zu lieben. Warum kamen Sie in unsere Stadt, Mister Ballard?«
Er antwortet nicht sogleich. Ruhig, groß, breit und schwer, so steht er dort oben auf dem Treppenabsatz und blickt auf Reva Brand nieder.
»Ich weiß einige Dinge über diese Stadt und über dieses Land«, sagt er dann langsam. »Und ich bin hergekommen, um die Frachtlinie in Gang zu bringen.«
Er kann erkennen, wie sie leicht zusammenzuckt, so sehr ist sie überrascht. Dann sagt sie schnell: »Nun, Mister Ballard, dann werden Sie bald Jack Powers Beispiel folgen.«
?
Als Ballard am nächsten Tag beim Frühstück sitzt, wird die Tür von der Straße her aufgestoßen. Ein Mann tritt ein.
Es ist Jack Power, der um Mitternacht mit der Postkutsche abgefahren war.
»Ich habe es mir überlegt«, sagt Jack Power heiser. »Ich habe unterwegs anhalten lassen und mir ein Pferd geborgt. Ich bin zurückgekommen. Ich musste zurückkommen, Reva, weil ich zu viel zurückgelassen hätte. Ich werde nicht mehr fortlaufen.«
Er richtet seinen Blick nun auf Matt Ballard, prüfend und etwas misstrauisch. Dann sagt er zu Reva: »Gib mir ein Frühstück, aber in der Küche. Ich möchte noch gern mit dir sprechen.«
Matt Ballard erhebt sich. Er nickt Reva zu und blickt Jack Power an.
»Power«, sagt er, »es war nicht schwer, umzukehren. Das war sehr leicht. Denn Sie konnten sich ausrechnen, dass Jesse Shane und dessen Rudel nicht mehr in der Stadt sind. Mister, Sie hätten nicht zurückkommen sollen. Es war falsch!«
Nach diesen Worten geht er hinaus, groß, stark, und doch so...




