E-Book, Deutsch, Band 2238, 64 Seiten
Reihe: G.F.Unger
Unger G. F. Unger 2238
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7517-5401-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Gun-Sisters
E-Book, Deutsch, Band 2238, 64 Seiten
Reihe: G.F.Unger
ISBN: 978-3-7517-5401-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sally und Sue erreichen das Haus, werfen die Tür hinter sich zu, legen den Querbalken vor und reißen die Schrotflinten aus dem Ständer an der Wand. Sie tun dies automatisch - wie Marionetten. Sie sind wie betäubt von der Furchtbarkeit des Geschehens. Es ist eine gnädige Betäubung, denn so spüren sie nicht den Schmerz über den Tod der Eltern und die Verzweiflung über die Hilflosigkeit und Not, in die sie plötzlich geraten sind. Außerdem sind sie selbst in Gefahr, und der Wille zum Überleben drängt den Schmerz zurück.
Sally, die einige Minuten älter ist als Sue, sagt heiser: »Sie sollen nur kommen, die roten Bastarde, denen geben wir es.«
»Ja, Sally, denen geben wir es«, erwidert Sue, die bei dem zweiten Fenster Stellung bezogen hat und den Doppellauf der Schrotflinte ins Freie schiebt. »Aber ich würde dennoch gerne nachsehen, ob die Eltern noch leben. Sieh doch, da drüben beim Maisfeld bewegt sich nichts, gar nichts. Dad und Mom haben vielleicht alle Apachen niedergekämpft. Und wenn sie nicht tot sind, sondern nur bewusstlos, dann ...«
»Nein, Sue«, unterbricht Sally die Schwester. »Wir gehen nicht hinaus. Ich kann Mom und Dad liegen sehen. Sie rühren sich nicht mehr. Vielleicht warten die Apachen nur darauf, dass wir nachsehen kommen. Wir bleiben hier und warten ab.«
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Die Gun-Sisters
Sally und Sue erreichen das Haus, werfen die Tür hinter sich zu, legen den Querbalken vor und reißen die Schrotflinten aus dem Ständer an der Wand. Sie tun dies automatisch – wie Marionetten. Sie sind wie betäubt von der Furchtbarkeit des Geschehens. Es ist eine gnädige Betäubung, denn so spüren sie nicht den Schmerz über den Tod der Eltern und die Verzweiflung über die Hilflosigkeit und Not, in die sie plötzlich geraten sind. Außerdem sind sie selbst in Gefahr, und der Wille zum Überleben drängt den Schmerz zurück.
Sally, die einige Minuten älter ist als Sue, sagt heiser: »Sie sollen nur kommen, die roten Bastarde, denen geben wir es.«
»Ja, Sally, denen geben wir es«, erwidert Sue, die bei dem zweiten Fenster Stellung bezogen hat und den Doppellauf der Schrotflinte ins Freie schiebt. »Aber ich würde dennoch gerne nachsehen, ob die Eltern noch leben. Sieh doch, da drüben beim Maisfeld bewegt sich nichts, gar nichts. Dad und Mom haben vielleicht alle Apachen niedergekämpft. Und wenn sie nicht tot sind, sondern nur bewusstlos, dann ...«
»Nein, Sue«, unterbricht Sally die Schwester. »Wir gehen nicht hinaus. Ich kann Mom und Dad liegen sehen. Sie rühren sich nicht mehr. Vielleicht warten die Apachen nur darauf, dass wir nachsehen kommen. Wir bleiben hier und warten ab.«
Indes sie diese Worte wechseln, rinnen ihnen die Tränen über die Wangen. Die Zwillinge sind verzweifelt.
Und dennoch – sie wollen am Leben bleiben, davonkommen. Sie wissen, dass Jammern und Klagen ihnen nicht helfen können. Sie müssen jetzt einen klaren Kopf bewahren, dürfen nicht die Kontrolle über sich verlieren.
Das Haus ist fest gebaut. Und dennoch wird das Maisstrohdach leicht in Brand zu setzen sein. Und dann haben sie nur die Wahl, im Haus zu verbrennen, sich selbst zu töten oder sich den Apachen auszuliefern.
Diese drei Möglichkeiten haben sie.
Wo sind die Apachen? Warum zeigen sie sich nicht?
Waren es wirklich nur wenige, die von den Eltern niedergekämpft wurden? Gibt es keine größere Horde?
Wie lange sollen sie hier im Haus verharren oder warten?
Sind die Eltern vielleicht doch nur bewusstlos und verbluten nun?
Es ist schrecklich für die beiden Mädchen. Doch letztlich sagt ihnen ihr Instinkt, dass sie warten müssen, nichts als warten.
Aber es ist so zermürbend, dieses Warten in Ungewissheit! In diesen Minuten, die sich wie Ewigkeiten aneinanderreihen, werden die Zwillinge um Jahre älter. Die Gnadenlosigkeit und Unbarmherzigkeit der Welt hier wird ihnen nun noch bewusster, als dies ohnehin schon der Fall war.
In diesen Minuten verändert sich etwas tief im Kern der beiden noch so jungen Mädchen. Sie werden hart. Sie errichten gleichsam einen Wall um ihre Herzen, spüren den Panzer der Gefühllosigkeit, der sie zu umschließen beginnt. Nein, Gefühle können sie sich jetzt nicht mehr leisten.
Entschlossen wischen sie die Tränen aus den Augen.
Die Zeit vergeht.
Von den Apachen im Maisfeld ist nichts zu sehen.
Offenbar haben die Eltern sie niederkämpfen können, bevor sie starben.
Aber wie wird es weitergehen? Wie lange werden sie zu diesem entnervenden Warten verdammt sein?
Ringsum ist alles still. Kein Lüftchen bewegt sich. Nur Insekten schwirren in der Luft. Die Mittagshitze beginnt über dem Erdboden zu flimmern.
Manchmal hört man die Tiere in den nahen Corrals und Weidekoppeln. Die McNalls besitzen ein paar Pferde, Milchkühe und ein halbes Dutzend Schafe.
»Sollen wir wirklich nicht hinausgehen und nach unseren Eltern sehen, Sally?«
Sue fragt es heiser.
»Nein«, erwidert Sally. »Das tun wir nicht. Die Kerle warten vielleicht nur darauf, dass wir das Haus verlassen.«
Und wieder warten sie, spüren die Furcht und die Einsamkeit. Und sie hassen diese Welt, die voller Tod und Grausamkeit ist.
Dann – ganz plötzlich und so als hielte der Hügelkamm im Norden die Geräusche nicht länger mehr auf – hören sie jagenden Hufschlag. Dann krachen Schüsse.
Sally reißt die Tür auf und tritt einen halben Schritt ins Freie, um besser nach Norden blicken zu können.
»Was ist, Sally?«, ruft Sue von drinnen. Doch sie bleibt an ihrem Fenster und lässt das Maisfeld nicht aus den Augen.
»Da kommen zwei Reiter – es sind Weiße«, antwortet Sally. »Sie werden von einem Dutzend Apachen verfolgt. Sie kommen auf unser Haus zu! Wir müssen die beiden Weißen hereinlassen und ihnen Feuerschutz geben. Hast du verstanden, Schwester! Da, jetzt hat es wieder einen Apachen erwischt! Die schießen prächtig, diese Cowboys. Ja, es sind wahrscheinlich Cowboys. Sie kommen schnell. Hoffentlich schaffen sie es, damit wir hier nicht mehr allein sind!«
?
Nun, die beiden Reiter schaffen es tatsächlich. Sie wirbeln mit ihren Pferden auf dem Farmhof eine Menge Staub auf, werfen sich aus den Sätteln und stoßen dabei scharfe Schreie aus. Die Schreie verraten Wildheit, Triumph und Zorn. Ihre Bewegungen sind schnell, geschmeidig – aber nicht hektisch.
Sie nehmen ihre Gewehre mit.
Wahrscheinlich aber sind all ihre Waffen leer geschossen. Sonst würden sie gewiss noch auf die Apachen feuern, indes sie sich rückwärts auf das Haus zu bewegen.
Dann huschen sie ins Haus, werfen die Tür hinter sich zu und legen den Querbalken vor.
Indes feuern die beiden Mädchen die Schrotflinten durch die offenen Fenster ab. Es sind vier Läufe voll Indianerschrot, das innerhalb einer gewissen Reichweite eine verheerende Wirkung hat.
So vorsichtig und erfahren die Apachen sonst auch sind, diesmal haben sie sich zu sehr an dem verfolgten Wild festgebissen. Sie glaubten, die beiden Weißen noch einholen zu können, bevor diese vor ihnen in Sicherheit sind. Es ist die Horde, auf welche die drei Krieger im Maisfeld warteten. Und die beiden Weißen müssen dieser Horde irgendwie in die Quere gekommen sein.
Nun, die beiden Mädchen feuern also ihre doppelläufigen Schrotflinten ab. Es ballert und kracht mächtig im Haus. Draußen aber bricht die Hölle auf. Denn vor allem die Pferde der Apachen bekommen eine Menge ab. Und so springen die getroffenen Tiere auskeilend durcheinander. Auch Apachen wurden getroffen. Im wallenden Staub ist das aber nur undeutlich zu erkennen.
Als sich der Staub wieder gesetzt hat, ist von den Apachen nichts mehr zu sehen. Nur zwei Pferde liegen reglos am Boden.
In einiger Entfernung tönt Schnauben und Wiehern – klingen kurze Rufe der Apachen.
Die beiden Männer laden ihre Waffen. Sie tun es, ohne hinzusehen, ein Zeichen dafür, wie gut sie mit Waffen umgehen können. Ihre Blicke wandern durch den Raum.
Sie sehen nur die beiden Mädchen, die ebenfalls die Waffen nachladen.
Denn die Apachen werden wiederkommen.
Das ist sicher.
Einer der Reiter fragt heiser: »Seid ihr allein, ihr Süßen?«
»Apachen haben unsere Eltern drüben beim Maisfeld getötet«, erwidert Sally. »Aber Mom und Dad konnten sie noch aufhalten, bis wir das Haus erreicht hatten. Euch hat der Himmel geschickt, denn nun sind wir nicht mehr allein.«
Sallys Stimme zittert vor Erregung.
Die beiden Fremden nicken.
»Oha, ihr Süßen«, sagt dann der Sprecher, »dann habt ihr ja allen Grund, es den Stinkern zu besorgen. Es ist euch doch wohl klar, was sie mit euch machen, wenn ihr ihnen lebend in die Hände fallt?«
Die Schwestern geben noch keine Antwort.
Da sagt der andere Mann, der bisher schwieg: »Ich werde es euch sagen, ihr prächtigen Sisters. Die vernaschen euch nacheinander. Und solltet ihr noch Jungfrauen sein, dann macht ihnen das nichts aus. Die wollen, dass ihr ihnen Bastarde gebärt, die sie zu Apachenkriegern machen können. Habt ihr das verstanden?«
Sally und Sue nicken, schlucken dabei würgend.
»Na gut«, sagt der erste Sprecher wieder. »Wenn das so ist, dann wisst ihr ja, worauf es ankommt! Nur wenn wir kämpfen wie die Löwen, haben wir vielleicht noch eine Chance.«
Die Zwillinge sagen immer noch nichts.
Doch sie betrachten die Männer eingehend, versuchen auch zu erspüren, von welcher Sorte die Männer sind, die da zu ihnen kamen.
Sie sehen zwei äußerlich gewiss sehr harte und erfahren wirkende Burschen. Anfangs hielten sie die beiden für einfache Cowboys, jetzt sind sie nicht mehr dieser Meinung. Die beiden wirken beachtlicher. Aber wie sollen die Zwillinge sie einstufen? Sie sind noch zu unerfahren, kennen die Welt noch nicht gut genug, um sich ein sicheres Urteil bilden zu können.
Aber sie spüren dennoch, dass da zweibeinige Tiger zu ihnen kamen. Eigentlich müssten sie sich darüber freuen, denn zwei gefährliche Kämpfer bedeuten für sie größere Überlebenschancen.
»Wie heißt ihr denn, ihr Süßen?« So fragt der erste Sprecher, der sie immer noch »Süße« nennt.
»Ich bin Sally. Das ist Sue. Wir heißen McNall. Und Sie?«
Die Fremden grinsen blinkend. Obwohl sie von gleicher Statur sind, also hager, geschmeidig,...




