Unger | G. F. Unger 2339 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2339, 64 Seiten

Reihe: G.F.Unger

Unger G. F. Unger 2339

Gila Paso
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-8833-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Gila Paso

E-Book, Deutsch, Band 2339, 64 Seiten

Reihe: G.F.Unger

ISBN: 978-3-7517-8833-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es führten damals drei Post- und Frachtlinien von New Mexico hinüber ins Arizona-Territorium und nach Yuma, nämlich die Butterfield Stage Route, der Cooke's Trail und der Kearney's Trail. Und alle drei Lebensadern nach Westen mussten den Gila River durchfurten, um den großen Bogen abzukürzen, den der gemeine und tückische Fluss von Nord nach Süd machte, bis er wieder nach Westen in Richtung Yuma floss. Ja, tückisch war der Gila wegen des vielen Treibsandes, seiner Steilufer und anderen Gefahrenstellen. An der einzig möglichen Furt war ein Ort entstanden, den man Gila Paso nannte, und Paso, dies heißt so viel wie Furt oder Durchgang. Es gab im alten Europa jene Raubritterburgen, deren Herren den Reisenden unberechtigte Zölle abverlangten. Und wenn sie nicht zahlten, dann wurden sie gnadenlos ausgeraubt, manchmal auch eingekerkert oder gar ermordet. Und so ähnlich war es auch an der Furt bei Gila Paso. Die kleine Stadt wechselte zwar einige Male den Besitzer, aber stets wurde sie von mehr oder weniger Bösen beherrscht. Das änderte sich erst, als das Gesetz nach Gila Paso kam ...

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Gila Paso


Es führten damals drei Post- und Frachtlinien von New
Mexico hinüber ins Arizona-Territorium und nach Yuma, nämlich die Butterfield Stage Route, der Cooke's Trail und der Kearney's Trail.

Und alle drei Lebensadern nach Westen mussten den Gila River durchfurten, um den großen Bogen abzukürzen, den der gemeine und tückische Fluss von Nord nach Süd machte, bis er wieder nach Westen in Richtung Yuma floss.

Ja, tückisch war der Gila wegen des vielen Treibsandes, seiner Steilufer und anderen Gefahrenstellen.

An der einzig möglichen Furt war ein Ort entstanden, den man Gila Paso nannte, und Paso, dies heißt so viel wie Furt oder Durchgang.

Es gab im alten Europa jene Raubritterburgen, deren Herren den Reisenden unberechtigte Zölle abverlangten. Und wenn sie nicht zahlten, dann wurden sie gnadenlos ausgeraubt, manchmal auch eingekerkert oder gar ermordet.

Und so ähnlich war es auch an der Furt bei Gila Paso.

Die kleine Stadt wechselte zwar einige Male den Besitzer, aber stets wurde sie von mehr oder weniger Bösen beherrscht.

Das änderte sich erst, als das Gesetz nach Gila Paso kam ...

Die Geschichte beginnt wenige Tage nach der Kapitulation von General Lee bei Appomattox am 9. April 1865.

Tim Brolin erlangt an diesem Tag endlich wieder sein volles Bewusstsein und erwacht aus seinen Fieberträumen. Sein Blick wird allmählich wieder klarer, und so sieht er den Engel in Wirklichkeit, von dem er in seinem Wundfieber träumte. Denn dieser Engel erschien ihm immer wieder und redete mit sanfter Stimme zu ihm.

Auch jetzt ist es so und dennoch anders. Denn jetzt erlebt er es nicht im Fiebertraum. Nun ist es Wirklichkeit.

Aber das Gesicht über ihm ist ihm nicht fremd. Und auch die Stimme kennt er.

Er hört sie sagen: »Nun, Captain, jetzt haben Sie es geschafft. Sie sind über den Berg. Jetzt werden Sie gesund.«

Es ist ein warmer und herzlicher Klang in dieser Stimme.

In seinem Kopf kommen nun all die Gedanken in Bewegung.

Er möchte etwas sagen, doch er bringt nur ein heiseres Stammeln hervor. Doch dann lässt ihn die Schöne aus einer Schnabeltasse einige Schlucke Tee trinken, und so kann er ziemlich verständlich fragen: »Sind Sie ein Engel? Bin ich schon im Jenseits? Und selbst wenn nicht, müssen Sie ein Engel sein.«

Sie lacht leise. Es ist ein melodisch klingendes Lachen, das ihm sehr gefällt. Dann spricht sie mit einem Klang von Nachsicht und Staunen zugleich: »He, Captain, soeben sind Sie auferstanden von den Toten, und schon raspeln Sie Süßholz.«

Er grinst zwischen seinem Vollbart und denkt einige Sekunden nach. Dann aber spricht er: »Ich habe immer wieder von Ihnen geträumt wie von einem Engel. Und jetzt habe ich Sie sofort wiedererkannt. Wie ist Ihr Name?«

Sie lacht abermals ihr wunderschönes Lachen, lässt ihn noch einmal trinken und spricht endlich mit einem leichten Glucksen in der Kehle: »Aaah, Captain, ich bin Tina Russels. Und ich bin froh, dass ich Sie noch bei vollem Bewusstsein erleben konnte. Denn morgen wird dieses Gefangenenlazarett ganz und gar von der Unionsarmee übernommen. Alle Ärzte, Sanitäter und wir Freiwilligen-Schwestern der Konföderation müssen gehen. Man wird uns Schwestern entlassen, die Männer nicht. Captain, Sie waren sozusagen mein Sorgenkind. Ich bin froh, dass Sie es überstanden haben. Gewiss werde ich manchmal an Sie denken, denn ich habe viele Nächte an Ihrem Lager gewacht. Ihr Name ist Tim Brolin, nicht wahr – Captain Timothy Brolin?«

»Ja, der bin ich«, erwidert er heiser. »Und ich weiß, dass uns stets etwas verbinden wird. Es muss in den vergangenen Nächten etwas von Ihnen auf mich übergegangen sein. Ob ich Sie jemals wiedersehen werde? Man sagt, dass man sich im Leben stets zweimal trifft. Wo könnte ich Sie suchen, Tina Russels?«

Sie hebt die geraden Schultern und lässt sie wieder sinken, wirkt ein wenig ratlos. »Ich weiß es nicht, Tim Brolin. Irgendwie muss ich für mich sorgen. Ich gehöre zum Clan der Hunnicutts. Meine Mutter war eine Hunnicutt, eine Viertelcomanchin, und meine Geschwister und ich haben alle mehr oder weniger Comanchenblut in uns. Mein Vater dagegen war ein Anglo-Texaner. Ich werde meinen Clan suchen.«

Sie erhebt sich mit einer leichten und geschmeidigen Bewegung und blickt mit einem Ausdruck des Bedauerns auf ihn nieder.

Und er blickt zu ihr auf und sieht eine dunkelhaarige und schwarzäugige, wunderschöne Frau von etwa fünfundzwanzig Jahren.

Plötzlich lächelt sie und spricht zu ihm: »Zuerst hole ich eine Schüssel Suppe für Sie. Mehr gibt es hier nicht. Doch wenn ich Sie gefüttert habe, werde ich Ihnen den Vollbart abrasieren, damit ich endlich Ihr richtiges Gesicht sehe und in Erinnerung behalten kann. Sie werden noch einige Wochen bis zur Gesundung brauchen. Bis dahin bin ich vielleicht mehr als tausend Meilen weit weg von hier. Ich werde meinen Clan im Westen suchen, weit, weit weg von Virginia, dort, wo noch keine Yankees herrschen und es noch kein Gesetz gibt. Denn die Hunnicutts waren stets Eroberer. Sie werden sich irgendwo ein Königreich erobern. Ich weiß es.«

?

Es ist fünf Wochen später, als er entlassen wird.

Dass er auf einem Pferd seines Weges reiten darf, hängt damit zusammen, dass er damals auf einem eigenen Pferd als Freiwilliger der Texasbrigade in den Krieg ritt und unter General Jackson, den sie auch Stonewall Jackson nannten, kämpfte.

Und als General Lee bei Appomattox kapitulierte, wurde unter anderem ausgehandelt, dass alle Texaner, die auf eigenen Pferden in den Krieg geritten waren, aus ehrenvoller Gefangenschaft auf ihren eigenen Pferden in die Freiheit reiten sollten.

Aber der graue Wallach, auf dem er nun in einem alten Sattel sitzt, ist schon alt und mit dem Tier, das er mehr als fünf Jahre ritt und in den letzten Kriegstagen verlor, nicht zu vergleichen.

Er hätte ein gleichwertiges Pferd bekommen müssen. Aber das gehört zu den Ungerechtigkeiten, denen die Verlierer eines Krieges ausgesetzt sind.

Immerhin muss er nicht laufen. Denn der Weg von Virginia nach Texas wäre verdammt weit. Doch er will ja gar nicht heim nach Texas. Er will Tina Russels Fährte folgen, ja, Fährte. Denn er ist sich sicher, dass eine so schöne Frau eine deutliche Fährte zieht, weil sich jeder Mensch, dem sie begegnet, an sie erinnern kann.

Er muss also nach Westen. Denn Tina vermutete ja, dass ihr Clan – die Hunnicutts – nach Westen ziehen würde.

Er trägt immer noch die alte, arg zerschlissene Uniform der Konföderierten, jedoch ohne die Rangabzeichen eines Captains.

Als Entlassungsgeld erhielt er fünf Dollar, echte Yankee-Dollars. Konföderiertengeld wurde wertlos. Und so sind die fünf Yankee-Dollar an Wert sozusagen mit fünf Wagenrädern zu vergleichen, so groß und gewichtig.

Und noch etwas gaben sie ihm mit, weil auch das bei der Kapitulation ausgehandelt wurde: einen Offiziersdegen.

Dieser hängt nun vor seinem rechten Knie, und er weiß noch nicht, dass er ihn in einigen Tagen für zwanzig Dollar an einen dicken, fetten Yankee verkaufen wird. Er kann sich ausrechnen, dass der Yankee daheim behaupten wird, diesen Offiziersdegen im Kampf erbeutet zu haben.

Aber das ist ihm verdammt egal. Also verkauft er den Degen.

Für zehn Dollar erwirbt in der nächsten kleinen Stadt einen alten Whitneyville Walker, einen schweren Revolver, Kaliber .44, mit langem Lauf und gravierter Trommel. Es ist eine alte, aber sehr gut erhaltene Waffe, die ihm so vertraut in der Hand liegt, als wäre sie für ihn gefertigt worden.

Er ist also einigermaßen gut bewaffnet mit Zubehör, also Pulver, Blei, Zündhütchen und zwei Reservetrommeln.

Aber wie kann er die Fährte von Tina Russels-Hunnicutt finden? Wie lange wird er suchen, kreuz und quer reiten, überall nach dieser schönen Frau fragen müssen?

Seiner Meinung nach kann sie nur mit Postkutschen gereist sein.

Er weiß, dass er sie eines Tages finden wird.

?

Oldman Lionel Hunnicutt hat seinen Clan ganz und gar unter Kontrolle, also fest im Griff. Er ist der Boss, dem sie alle aufs Wort gehorchen, so als wären sie abgerichtet und dressiert.

Es gibt niemals Widerspruch, obwohl die Männer des Clans allesamt eisenharte Burschen sind, die sonst gegen alles rebellieren. Doch Oldman Lionel Hunnicutt beherrscht sie mit einer suggestiven Kraft.

Während des Krieges waren sie der harte Kern einer Guerillatruppe, und Oldman Lionel Hunnicutt gab sich den Rang eines Colonels.

Sie gaben vor, für den Süden zu kämpfen, aber sie waren eigentlich ganz und gar eine Bande von Banditen, die raubten, brandschatzten und alles niedermachten, was sich ihnen in den Weg stellte und sich also nicht ausrauben lassen wollte.

Nun sind sie schon einige Wochen mit all ihrer Beute auf der Flucht.

Ihr Wagenzug besteht aus sechs schweren Murphy-Frachtwagen, die achtspännig von Maultieren gezogen werden. Eine Pferdeherde von mehr als hundert Tieren wird neben dem Wagenzug getrieben, daneben ein Rudel Ersatzmaultiere. Und mehr als ein Dutzend Reiter begleiten den ganzen Zug nach Westen.

Ja, sie sind immer noch eine Macht, aber dennoch auf der Flucht vor den Yankees. Sie folgten dem Ohio bis...



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