E-Book, Deutsch, Band 2344, 64 Seiten
Reihe: G.F.Unger
Unger G. F. Unger 2344
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-8914-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wenn die Todesvögel kreisen
E-Book, Deutsch, Band 2344, 64 Seiten
Reihe: G.F.Unger
ISBN: 978-3-7517-8914-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Es ist etwa zwei Stunden nach Mitternacht, als Clint Slade, voll wie ein Whiskyfass, grölend und singend die knarrende Treppe des El Toro Hotels nach oben geht. Auf dem Treppenabsatz sieht er einen Mann in rotem Armeeunterzeug stehen. Der platzt fast vor Wut und Kraft. Und er sagt grollend: »Jetzt ist es aber genug, du missratener Kolibri. Dies ist die dritte Nacht, in der dein Wolfsgeheul mich weckt. Heute gebe ich dir was auf dein großes Maul, dass du bis aus der Stadt hinaus Purzelbäume schlägst. Komm herauf, du Brüllaffe!« Und er zeigt ihm im Schein der schwachen Treppenbeleuchtung die mächtigen Fäuste. Clint Slade steht schwankend da, er hält sich am Geländer fest und blinzelt zu ihm empor. »Hombre«, sagte er dann, »komm mit hinunter. Ich gebe dir einen aus. Dann kannst du mir beim Singen helfen und ...« Da begeht der Bulle den Fehler, sich vom Treppenabsatz hinunter zu Clint Slade auf die Treppe zu wagen. Und so betrunken dieser Clint Slade auch sein mag, entgeht er doch der mächtigen Faust, die ihn mitten im Gesicht treffen soll. Dann wirft er sich gegen die Knie des Gegners, und dieser fällt über ihn hinweg die Treppe hinunter. Singend geht Clint Slade nun die paar Stufen zum Absatz der Treppe hinauf und bezieht dort Position. »Jetzt komm!«, ruft er knapp und beginnt wieder ein Lied zu grölen. Der rot gewandete Bulle stürmt jetzt wie ein angreifendes Nashorn die Treppe hinauf ...
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Wenn die Todesvögel kreisen
Es ist etwa zwei Stunden nach Mitternacht, als Clint Slade, voll wie ein Whiskyfass, grölend und singend die knarrende Treppe des El Toro Hotels nach oben geht. Auf dem Treppenabsatz sieht er einen Mann in rotem Armeeunterzeug stehen. Der platzt fast vor Wut und Kraft.
Und er sagt grollend: »Jetzt ist es aber genug, du missratener Kolibri. Dies ist die dritte Nacht, in der dein Wolfsgeheul mich weckt. Heute gebe ich dir was auf dein großes Maul, dass du bis aus der Stadt hinaus Purzelbäume schlägst. Komm herauf, du Brüllaffe!« Und er zeigt ihm im Schein der schwachen Treppenbeleuchtung die mächtigen Fäuste.
Clint Slade steht schwankend da, er hält sich am Geländer fest und blinzelt zu ihm empor. »Hombre«, sagte er dann, »komm mit hinunter. Ich gebe dir einen aus. Dann kannst du mir beim Singen helfen und ...«
Da begeht der Bulle den Fehler, sich vom Treppenabsatz hinunter zu Clint Slade auf die Treppe zu wagen.
Und so betrunken dieser Clint Slade auch sein mag, entgeht er doch der mächtigen Faust, die ihn mitten im Gesicht treffen soll. Dann wirft er sich gegen die Knie des Gegners, und dieser fällt über ihn hinweg die Treppe hinunter.
Singend geht Clint Slade nun die paar Stufen zum Absatz der Treppe hinauf und bezieht dort Position. »Jetzt komm!«, ruft er knapp und beginnt wieder ein Lied zu grölen.
Der rot gewandete Bulle stürmt jetzt wie ein angreifendes Nashorn die Treppe hinauf ...
Aber er stößt ins Leere. Clint Slade schlägt ihm die ineinander zu einer mächtigen Faust verschränkten Fäuste ins Genick. Und dann lässt er den für einen Moment bewusstlosen Mann die Treppe hinuntersausen.
Als der Mann gegen die Wand kracht, wird er wieder lebendig. Er taumelt hoch, schnauft, überlegt, sammelt sich gewissermaßen und macht sich dann ganz langsam an den Aufstieg.
Clint Slade steht singend oben.
Er lacht nur, wartet auf den roten zweibeinigen Bullen.
Dieser kommt nur langsam. Und er bekommt sogar Clint Slades Fuß zu fassen. Doch dann hält er plötzlich nur noch den Stiefel in den Händen und verliert das Gleichgewicht. Er stürzt rückwärts, als Clint Slade ihm den vom Stiefel befreiten Fuß auf die Nase setzt.
Wieder kracht es unten mächtig.
Dann kommt der Bulle wieder. Mitten auf der Treppe hält er inne.
»Du musst singen«, sagt Clint Slade von oben nieder. »Ich lasse dich nur singend in dein Zimmer. Kennst du das Lied von Charly Shippoway? Das könntest du singen und ...«
»Ich bringe dich um«, knirscht der Mann im roten Unterzeug. »Ich bin Mike Callaghan. Und ich schwöre dir, dass ich dich umbringe. Was du mit mir machst, hat noch keiner gemacht. Ich komme!«
Es wiederholt sich nun alles so ähnlich wie zuvor – und es wiederholt sich noch mehrmals. Und stets braucht Mike Callaghan etwas länger, bis er oben bei Clint Slade angelangt ist und sein Glück versuchen kann.
Er schafft es nicht.
Mike Callaghan bleibt zuletzt ziemlich lange am Fuß der Treppe sitzen. Er grollt, knirscht mit den Zähnen, schnauft und stöhnt abwechselnd.
Endlich erhebt er sich ächzend. Er quält sich bis zur Treppenmitte empor, hält inne und sagt ein wenig kläglich: »Ich habe genug. Du hast gewonnen, Hombre. Jetzt machen wir Schluss, nicht wahr? Ich muss mich ein wenig hinlegen. Meine Rippen und ...«
»Du musst singen«, sagt Clint Slade freundlich. »Oder du kommst nicht an mir vorbei.«
»Dann übernachte ich lieber auf der Treppe, du verdammter Hundesohn! Zur Hölle mit dir! Du kannst mich zwar immer wieder die Treppe achtkantig runterwerfen, doch meinen Stolz lasse ich mir nicht brechen. Ich singe nicht, du ...«
Er hält inne.
»Ja, was bist du überhaupt für einer?«, fragt er dann bitter. »Cowboy? Ah, ich sehe, wie tief du die Kanone trägst. Du bist ein Gunslinger, ein verdammter Revolverschwinger. Hätte ich mich nur nicht mit dir eingelassen.«
Er verstummt verbittert, und er ist ein Mann, den ein halbes Dutzend unfreiwillige Treppenstürze zerbrachen. Zu diesen Stürzen kam noch, dass Clint Slades Fäuste ihn immer wieder präzise trafen mit Schlägen, wie sonst nur ein Preisboxer sie austeilen kann.
Clint Slade murmelt einen bitteren Fluch, indes er seine Zimmertür öffnet und eintritt. Er steckt den Kopf in die Wasserschüssel, prustet darin und schnauft bitter.
Und dann – als er sich über das nasse Gesicht wischt – sagt er knirschend: »Was bin ich doch für ein Idiot!«
»Das bist du wirklich«, sagt eine dunkle Frauenstimme von der Fensterecke her. »Oh, Clint, was ist aus dir geworden?«
Er steht da – ganz still und fast ohne Atem.
Dann fragt er ziemlich rau: »Was geht dich das an, Susan? Was willst du hier im Zimmer eines betrunkenen Revolverschwingers?«
Sie gibt ihm keine Antwort, bewegt sich durchs Zimmer, geht an ihm vorbei und hält erst bei der Tür inne.
»Willst du gehen? Warum bist du dann erst gekommen?«
»Ich bin hier«, sagt sie, »weil ich Hilfe brauche und dich darum bitten wollte. Doch ich begreife jetzt, dass du dir selbst nicht helfen kannst. Aber eines will ich dir noch sagen, Schwager. Sie haben deinen Bruder getötet. Mark ist tot.«
Nach diesen Worten schiebt sie den Riegel an der Tür zurück. Doch bevor sie öffnen und auf den Gang treten kann, ist er bei ihr. Er fasst ihren Arm und stößt sie ein wenig grob von der Tür weg ins Zimmer hinein. Dann schiebt er den Riegel wieder vor und lehnt sich gegen die Tür.
Seine Stimme klingt um eine Spur kehliger und gedehnter, als er ruhig sagt: »Erzähl's mir, Susan. Dazu bist du doch hergekommen. Mach dir nichts daraus, dass ich ein Saufbold wurde, einer, der nur dann nüchtern ist, wenn man wieder mal seinen Revolver gemietet hat. Vergiss es! Und erzähl! Wann und wie und wo starb mein Bruder?«
»Sie schossen ihn vorgestern am Sundown Pass vom ersten Wagen unseres Frachtzuges«, erwidert sie. »Das ist dreißig Meilen westlich von Pinos Altos. Wir hatten zuvor Kilkenny Mason getroffen, der aus Pinos Altos kam und drei Tage und drei Nächte mit mir gepokert hatte. Von ihm wussten wir, wo du zu finden warst. Doch Mark fuhr an Pinos Altos vorbei. Einen Tag später war er tot.«
»Und warum?«
»Weil Simson Mannen ihm verboten hatte, einen Wagenzug mit Vorräten und Waren ins Zozo-Land zu bringen«, erwidert sie.
Clint Slade denkt nach.
Er ist jetzt ganz nüchtern.
»Simson Mannen«, dehnt er den Namen, »ist noch immer der große Mann im Zozo-Land?«
Sie sieht ihn an und nickt wortlos.
»Und du bist gekommen«, spricht er weiter, »um mich um Hilfe zu bitten? Was für Hilfe? Revolverhilfe? Hast du einen Gunslinger-Job für mich, Revolverschwingerarbeit? Ja?«
Sie gibt ihm keine Antwort auf seine fast brutal gestellten Fragen. Sie sieht ihn nur an. Aber als auch er schweigt, spricht sie: »Ich wollte Hilfe von dir, weil er dein Bruder war. Aber inzwischen fand ich heraus, dass du nicht nur ein Revolverheld wurdest – sondern ein Spieler, ein Mann, der sich verschwendet und ohne Sinn und Zweck auf dieser Welt lebt. Ich erwarte mir keine Hilfe von dir. Nicht mehr! Kann ich jetzt gehen? Wir können deinen Bruder nicht mitnehmen ins Zozo-Land. Der Weg ist zu weit. Wir beerdigen ihn bei der Post- und Frachtstation am Fuße des Sundown Pass.«
Sie geht an ihm vorbei zur Tür.
Doch er sagt bitter: »So, du meinst, dass ich ohne Sinn und Zweck auf dieser Welt bin? Du glaubst, ich würde mich sinnlos verschwenden? Aber es gibt immer wieder Menschen, die mich wie du um Hilfe bitten, um Revolverhilfe. Und das bedeutet auch, dass ich töten oder zumindest Blut vergießen muss. Verstehst du? Kannst du dir vielleicht vorstellen, dass ich gar kein Säufer bin, sondern nur vergessen möchte? Und kannst du dir vielleicht auch vorstellen, dass es mir gleich ist, ob sie meinen Bruder umgebracht haben? Denn wenn es mir nicht gleichgültig wäre, müsste ich hinreiten und seine Mörder töten. Ich müsste wieder töten, immer wieder töten. Und wenn ich mich danach betrinken müsste, um für ein paar Stunden vergessen zu können und um mal für eine Weile nicht die Gesichter der Toten zu sehen, da hältst du mich für einen Säufer, für einen Trunkenbold. He, Susan, wie wenig Mühe machst du dir!«
Sie sieht ihn eine Weile an.
»Du tust mir leid«, murmelt sie. »Und ich weiß, dass alles so kam, weil ich ...«
Sie verstummt und geht zur Tür. Sie öffnet diese und tritt hinaus.
Er versucht nicht, sie noch mal aufzuhalten.
Eine halbe Stunde nach Susan reitet auch er aus Pinos Altos und schlägt die Richtung nach Westen ein.
Sein scheckiger Comanche-Wallach stand schon länger als drei Tage im Mietstall und ist deshalb ausgeruht. Er stürmt in die Nacht hinein.
Bei Sonnenaufgang hat er Susan eingeholt. Schweigend reiten sie nebeneinander, und erst nach einigen Meilen, als die Post- und...




