E-Book, Deutsch, 300 Seiten, Format (B × H): 150 mm x 210 mm, Gewicht: 320 g
Unruh Fische im Trüben
Originalausgabe 2025
ISBN: 978-3-88747-457-7
Verlag: Transit
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 300 Seiten, Format (B × H): 150 mm x 210 mm, Gewicht: 320 g
ISBN: 978-3-88747-457-7
Verlag: Transit
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elli Unruh, 1987 in Georgijewka (Kasachstan) geboren, wuchs in Süddeutschland auf. Nach ihrem Studium zur Bibliothekarin arbeitet sie heute im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Für die Fertigstellung dieses, ihres ersten Romans erhielt sie eine Förderung der Kunststiftung sowie des Förderkreises für Schriftsteller:innen in Baden-Würrtemberg. Sie lebt mit ihrer Familie in Stuttgart.
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ÄPFEL UND ESEL
ZULETZT IM SOMMER, wenn die Steppe wie das Fell einer Saiga* im tiefen Licht der Sonne steht und im Osten das Tian Shan-Gebirge mit langgestreckten Hängen, Gletscherfirst und wind- und eisgeschärften Kämmen jeden Tag eher in der Dunkelheit versinkt, neigen sich, von Äpfeln beladen, die Äste der Bäume im Gärtchen Almaly** schon fast bis zum Boden. Wenn nicht bald jemand zur Ernte kommt, brechen sie ab, dann war alles umsonst.
Dieser Name – Gärtchen –, er passt wohl nicht ganz. Für fünfhundert Plantagenhektar gibt es aber keinen besseren, keinen schöneren wenigstens, und schön muss er sein. Wie an Schnüren ausgerichtet, stehen die Bäume, hübsch eingehegt und übers Land gereiht. Die friedlichste aller Armeen. Wollte jemand die Plantage im Ganzen betrachten, müsste er hinauf ins Gebirge und hätte von dort doch nicht das gesamte Heer erfasst. Auch abseits von Almaly wachsen Äpfel genug. Da ist keiner, der sie hütet: am Straßenrand, um die Felder, an Zäunen und Mauern. Je näher an den Bergen, stehen die Bäume dicht zu Wäldern gedrängt. Sie tragen unterschiedliche Sorten und gehören doch, ein jeder als Abkömmling, zum asiatischen Wildapfel. Sein Regiment reicht hoch ins Gebirge, die Baumgrenze liegt auf zweitausend Metern. Dort oben gibt es Bäume, die sind dreihundert Jahre alt und dreißig Meter hoch. Kann sein, ein Baum trägt kleine, säuerliche Früchte, beim nächsten sind sie groß, süß und gelb, dann wieder grün und weich, hart und saftig, was man sich nur vorstellen kann. Wie viele? Darüber gibt es Geschichten. Wo fängt man an, die Sterne am Himmel zu zählen? Den Sand am Meer? Die Äpfel in den Wäldern am Fuße des Tian Shan? Rot und gelb schimmern sie am Tag und des Nachts wie polierte Kugeln aus Holz, vom Mondschein weiß bemalt, und setzen fremde Zeichen zwischen Äste und Laub. Man sagt, überhaupt ist der erste Apfel hier gewachsen. Wer weiß, kann es sein? Lag hier einmal das Paradies? So wie im Frühjahr der Duft von Bergblumen über die dichte grüne Steppe weht, scheint es möglich, und im Mai erst, wenn im Weizen der Mohn lodert, kann man sich fast sicher sein. Doch dem Mohnfeuer folgt die Trockenheit und bleibt den ganzen Sommer. Wer Heu machen will, ist bis Anfang Juni besser fertig, sonst setzt die Sonne selbst die Sichel an und macht aus grünen Wiesen ein Jammertal.
Mit dem Kulturapfel und jenen wilden Äpfeln aus dem Gebirge wurde hin und her gezüchtet, bis der Aport zum Vorschein kam. Auf der Plantage wächst nur diese Sorte, mit anderen Sorten darf sich der Aport auf keinen Fall vermischen, denn besser wird ein Apfel nicht. Trockene Hitze schadet ihm nichts, auch nicht vierzig Grad minus und Bodenfrost im Winter. Gespritzt werden muss auch nicht, nicht gegen Mehltau und nicht gegen Schädlinge. Fehlte noch, dass der Aport sich selbst erntet. Die Plantage bringt für gewöhnlich guten Ertrag; in manchen Jahren ist er kaum zu bewältigen, und es liegt wohl an jener allgemein bekannten Sache mit der Erinnerung, dass gerade diese Jahre besonders im Gedächtnis bleiben: Zuletzt denkt man, es sei nie anders gewesen.
Der Boden ist vielleicht nicht so gut wie weiter im Norden, aber noch lange gut genug. Wo kein Apfelbaum steht, wächst was anderes. Was es nicht alles gibt: Melonen, Pfirsiche, Tomaten, Gurken, Mirabellen, Weintrauben, Walnüsse, Kartoffeln, Kräuter, Mais und Gerste und schon spät im Herbst noch süße Schlehen wie sonst nirgends. Die Erde macht keinen Unterschied. Mit dem Wasser ist es eine andere Sache. Im Sommer kommt kein Regen. Also hat man von dort an, wo sich aus Bächen und Stürzen des Gebirges in der Ebene der Tschu zu einem Strom vereint, seinen Lauf begradigt und auf einen betonierten Damm gelegt. Von allen Seiten wird ihm Wasser abgezwackt. Was nach dem Aderlass, den Abflüssen und Kanälen zu Fabriken, Feldern und hinein in die Dörfer von ihm übrig ist, versickert dreißig Kilometer tief Richtung Westen in der Wüste. Dort stauen sich, wie ins Regal gestellt, in mageren Flussarmen unzählbar die Fische. Man muss sie als ob* nur noch aussuchen.
Es ist ein Jahr her, fast schon im Herbst, und Krocha war noch nicht neun Jahre alt, da nahm sein Opa ihn zum Fischen mit hinaus, in die Wüste. Auch Onkel Hein war dabei. Sowie es dunkel wurde, ging es los. Zwei oder wenigstens zwei Stunden, kam es Krocha vor, brummte der grüne Gazik** zuerst von der asphaltierten Straße runter auf Schotter, dort bestimmt eine halbe Stunde, und dann noch viele Kilometer nur über plattgedrückten Sand. Jedes Mal, wenn der Wagen über ein Schlagloch oder ein Hügelchen hopste, schlug Krocha mit dem Hintern auf dem Holzbalken auf. Opa hatte den Balken über die beiden Dreikante ganz hinten auf die Ladefläche gelegt, aber ein Kissen vergessen. Ob Krocha seine Beine ausstreckte oder sich auf dem Balken lang machte, es half nichts. Vorne, neben Onkel Hein, lagen leere Jutesäcke. Aus ihnen hätte Krocha sich ein Polster machen können, doch er war zu aufgeregt, um an Bequemlichkeit zu denken. Zu murren fiel ihm sowieso nicht ein, und obwohl er nicht viel sah, kam auch nicht in Frage, dass er die Augen schloss. Unterm Planendach saß er wie in einer Höhle. Draußen leuchtete die Wüste. Die niedrigen Kronen vom Saxaul*** sahen aus wie zerzauste Haare von versteinerten Opas beim Baden in einem See aus weißer Tünche. Wenn Krocha sich umdrehte und durch die staubige Scheibe auf Opas Kopf sah, konnte er sich gut vorstellen, dass ihm ein Saxaul wuchs, auch aus den Ohren zwei. Onkel Hein trug wie gewöhnlich seine Schildmütze, da wuchs, wenn überhaupt, nur was im Verborgenen.
Zwischen Hügeln und Senken erschien immer aufs Neue der Fluss. Bald wurde er schmal und tiefer, dann wieder flach und breit, verschwand sogar ganz, tauchte erneut auf und ergab sich zuletzt in seichten Tümpeln dem Sand. Dort, endlich, hielt der Gazik an. Nicht an einer besonderen Biegung des Wegs, an einem Stein oder einem Hügel – gerade, als es an der Zeit war, machte Onkel Hein den Motor aus. Weit genug, dass niemand sie sah und niemand folgte, und nah genug, um noch vor Tagesanbruch wieder zuhause zu sein.
Nach allen Seiten nur Wüste und Wüste. Die Männer sprachen nicht, auch Krocha blieb ganz still. Er war noch gar nicht am Wasser und sah schon die prächtigen Fische. Ein wunderbares Meer aus silbernen Locken – nah, als könne man sie einfach mit der Hand herausziehen.
Sie hatten ein Netz aus Seilen dabei, anderthalb auf zwei Meter, zu beiden Seiten auf einen Stock gespannt, und zogen es dort, wo das Wasser ein bisschen tiefer war, senkrecht gegen die Strömung. Hecht kam herauf, auch Tschebak* und Jas**. Die Fische haben sie gleich dort aufgeschlitzt, ausgeweidet und von allen Seiten mit Salz eingerieben. Zwei Säcke mit zwanzig Kilo kamen schnell zusammen.
Als Krocha genug vom Einsalzen hatte, ging er ein Stück weiter ab und warf seine Angel ins Wasser. Was für eine Angel war das – nur ein Hanfstiel, auf anderthalb Meter gekürzt und daran drei Meter kräftiger Faden als Angelschnur. Den Haken hatte er von Onkel Hein. Es dauerte auch nicht lange, da biss was an. Das Mondlicht kräuselte sich auf der schwarzen Oberfläche, zuerst nur wenig, dann wilder. Der Fisch wehrte sich – musste ein guter Brocken sein. Als die Männer merkten, wie Krocha an der Rute riss, kamen sie dazu, flüsterten kluge Sachen, einer klüger als der andere, auch im Übermut vor all der Fülle. Onkel Hein legte ihm eine Hand auf die Schulter. Krocha zog und zerrte nach allen Seiten, ging ein paar Schritte rückwärts, gab noch einmal nach, zog dann mit ganzer Kraft, bis das Wasser einen Riss auftat und ein wahres Ungeheuer ausspuckte. Der Fisch schlug noch mit der Schwanzflosse aufs Wasser, das gab einen Knall wie von einem Flintenschuss. Vielleicht war es nur die Stille der Wüste, die den Knall so laut erscheinen ließ, die Männer sahen sich dennoch, erschrocken fast, nach allen Seiten um. Einmal aus dem Wasser und in der Luft, schoss der Hecht auf Krocha zu, wie gezielt, genau auf sein Gesicht. Krocha duckte sich, wich aus, hopste zur Seite, prallte gegen Onkel Hein. Es ging so schnell, der Hecht erwischte Krocha am Kinn und riss eine Wunde. Ein Faden Blut floss Krocha den Hals herunter. Er beugte sich vor, der Faden tropfte bläuliche Punkte in den weißen Sand. Opa gab ihm ein Taschentuch und Krocha presste es gegen die Wunde. Der Biss war nicht sehr tief und hinterließ doch eine Narbe.
Zuletzt hatten sie fünf Säcke mit je zwanzig Kilo gefüllt.
»Und doch ist es ein gutes Land, ein reiches Land«, murmelte Onkel Hein, als er das Netz zusammenlegte.
Sie verstauten die Säcke auf der Ladefläche. Diesmal dachte Krocha an seine Knochen. Aus den übrigen Säcken baute er sich ein Nest neben die Fische. Dann ging es wieder los.
Wo es ging, fuhr Opa ohne Licht. Onkel Hein schaute immer wieder aufmerksam nach allen Seiten, ob nicht irgendwo die Miliz auftauchte. Krocha war sicher, er könne auch im Liegen wach bleiben, dann dauerte es keine fünf Minuten, bis er eingeschlafen war.
Zu dieser Jahreszeit wird gut kontrolliert. Dass nur niemand was von der Fülle nimmt, von den Feldern oder von der Plantage oder sonst irgendwas. Wenn die Miliz einen erwischt, muss man im besten Fall schmieren. Es kann auch anders kommen. Bei Dimas Vater haben sie vor ein paar Jahren Gerste im Kofferraum gefunden. Sie fragten woher, aber Dimas Vater verriet nichts. Wozu auch? Jeder weiß, dass man übrige Gerste nur bei den Tschetschenen kriegt, und dort fragt die Miliz nicht gern. Als Dimas Vater, mit Gerste im Kofferraum, den Bobik* der...




