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E-Book

E-Book, Deutsch, 372 Seiten

Urban DAS ALBTRAUMSYSTEM

Ram Collins 2
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-95765-706-0
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ram Collins 2

E-Book, Deutsch, 372 Seiten

ISBN: 978-3-95765-706-0
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ram Collins erwacht auf einer einsamen Insel. Er kann sich nicht erinnern, wie er dorthin gekommen ist. Kurz darauf stellt er fest, dass die Welt um ihn herum aus seinen Träumen und Albträumen entsteht. Plötzlich taucht der geheimnisvolle Mio auf, der ihm aus der Zeitschleife heraushilft, und Ram macht sich auf die Suche nach seinen Freunden. Nachdem Ram Mirco und Violet befreit hat, erfahren die drei Freunde, dass Mio sie für seinen Kampf gegen eine künstliche Intelligenz gewinnen will, die die Menschheit bedroht. Als virtuelle Figuren sollen sie das entgleiste KI-System von innen bekämpfen, zusammen mit einem Außenteam aus der realen Welt. Doch die KI entwickelt sich zur Superintelligenz, und sie kennt keine Skrupel.

Adrian Urban ist Psychologe und hat zahlreiche populärwissenschaftliche Sachbücher veröffentlicht. Von 2003 bis 2023 arbeitete er als Psychotherapeut in Oberbayern und Berlin. »Das Albtraumsystem« ist der zweite Band der Ram-Collins-SF-Reihe.
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Daheim


Es war wunderbar hell.

Zunächst spürte Ram nur die Wärme, die seine Haare zu trocknen begann. Dann kamen Vogelgezwitscher und Bienensummen hinzu, und er roch den Duft von hundert Blüten.

Schööön …

Schließlich öffnete er die Augen und blinzelte in die Sonne.

Nach einer halben Minute hatte er sich an das Licht gewöhnt. Ram stand auf einem Kiesweg vor einem großen Blumenbeet. Rosen, Hortensien, Rhododendron und viele andere Arten, deren Namen er nicht kannte.

Rote Backsteinwände umfassten das Grundstück, das aus einer gepflegten Wiese, zahllosen Blumenbeeten und geharkten Wegen bestand. Rams Kiesweg war in einem 90-Grad-Winkel der rechteckigen Maueranlage angelegt, und bis zu einer Höhe von vier Metern hatte jemand die Ziegel mit Streetart-Bildern bemalt.

Ram drehte sich um.

Die weiße Tür hinter ihm war in einer Backsteinwand eingefasst. Doch anders als auf der Innenseite gab es außen keine Klinke. Ein elektronischer Türöffner fehlte ebenso wie ein Schloss oder ein Türknauf.

Ram betrachtete die Streetart-Gemälde.

Die Motive kamen ihm sehr bekannt vor. Sie erinnerten ihn an die Graffitis auf den Mauern von Belfast. In einem anderen Leben, als er im Teenageralter Nordirland besucht hatte.

Hier, in dieser seltsamen Computerwelt, schien es so, als wäre der Bürgerkrieg niemals beendet worden. Und während Ram die Wandgemälde in Belfast teilweise kaum noch erkennen konnte, wirkten diese Bilder wie frisch an die Wand gesprüht.

Ram sah die Konturen von IRA-Flaggen und alten Loyalistenfahnen. In der Nähe der Banner versammelten sich die Kämpfer beider Seiten.

Die loyalistischen Truppen hatten sich von Kopf bis Fuß schwarz vermummt, sodass nur Augen und Mund frei blieben. Sie drohten mit Maschinenpistolen, die sie auf ihre Feinde richteten.

Die Krieger der Irisch-Republikanischen Armee entsprachen eher linken Stereotypen. Männer mit Vollbärten und Ché-Guevara-Mützen in grünen Uniformen, die verhärmte Proletarierfamilien schützten. Auch sie trugen Schusswaffen.

In Belfast wurden öffentliche Mauern entweder von den katholischen Republikanern oder von den protestantischen Loyalisten bemalt, abhängig vom Viertel, in dem sie lagen. Auf der Wand, vor der Ram jetzt stand, hatten sich gleich beide Seiten des Bürgerkriegs verewigt.

Was sollen diese Gemälde? Ich dachte, wenn ich an der Oberfläche bin, spielen meine Erinnerungen keine Rolle mehr – zumindest hab ich Mio so verstanden. Aber das alles richtet sich doch nur an mich, oder?

Ram folgte der Mauer mit den Augen nach rechts. Nun sah er, wie die Propagandashow in ein Schlachtbild überging.

Ein Mann mit grüner Uniform stand im Fadenkreuz eines schwarz vermummten Scharfschützen. Der Sniper wiederum wurde von einem Ché-Gurvara-Typ mit einer Handgranate attackiert. Anderen bärtigen Kriegern flogen Kugeln aus einer MG-Stellung um die Ohren.

Im weiteren Verlauf der Wand wiederholten sich die Gefechte in zahllosen Varianten.

Was, zum Teufel, soll das?

Und wieso bin ich hier gelandet?

Plötzlich bemerkte Ram, dass etwas anderes nicht stimmte.

Er konnte seine Stiefel nicht auf dem Kies spüren. Es fühlte sich so an, als ob jemand zwischen seine Füße und den Boden ein dünnes Luftpolster geschoben hätte.

Er versuchte, mit aller Kraft auf die Steine zu treten.

Seine Muskeln funktionierten, doch sein Fuß erreichte den Kiesweg nicht. Auch die typischen Geräusche fehlten, und die Steinchen bewegten sich nicht.

Ram bekam Gänsehaut.

Verdammte Scheiße, was ist denn jetzt los? Hat jemand die Naturgesetze abgeschaltet?

Er knallte seinen Fuß mit aller Gewalt nach unten.

Das Ergebnis glich seinen vorangegangenen Bemühungen. Kein Kontakt, keine Geräusche.

Ram nahm Anlauf, um einen Haufen Kiesel in die Luft zu kicken, und fiel hin. Dieser Sturz fühlte sich anders an als all die anderen Stürze, die er erlebt hatte – die meisten als Folge übermäßigen Alkoholkonsums.

Er spürte nichts, weil es keinen Kontakt zum Boden gab.

Ein winziger Spalt schien Ram von der Welt zu trennen, die ihn umgab.

Vielleicht wurde ich zu einer Geisterexistenz verdammt, überlegte er, als er sich wieder hochgerappelt hatte. Oder ich bin in einer anderen Dimension gefangen. Wenigstens haben meine Stiefel ein bisschen mehr Grip als auf einer Schlittschuhbahn. Keine Ahnung, warum das so ist. Wenn Mirco da wäre, würde er mir jetzt bestimmt einen langen, unverständlichen Vortrag halten. Ach, Mirco … Ich würde dich so gerne retten. Genauso wie Violet. Aber ich kann nicht auf die Außenwelt einwirken.

Um ganz sicher zu sein, ging er auf das Blumenbeet zu und griff mit der Hand nach einer roten Rose. Aber es gelang ihm nicht, die Blüte zu berühren.

Fuck. Als er versuchte, die Rose anzupusten, scheiterte Ram ein weiteres Mal. Die Blütenblätter bewegten sich immer noch im Sommerwind hin und her, doch seine Lungen hatten auf diese Bewegungen keinen Einfluss.

Was für ein verdammter Mist. Ich bin wirklich ein Geist. Und ich kann noch nicht mal durch Wände gehen wie die Gespenster in den Gruselfilmen.

Luft zu atmen oder die Wärme der Sonne zu spüren, all das schien trotzdem zu funktionieren. Auch die anderen Sinne arbeiteten einwandfrei. Vielleicht hab ich nur Probleme mit dem Output, nicht mit dem Input.

Ein weiteres Geheimnis war die Frage, was er auf dem ummauerten Grundstück zu suchen hatte. Und wie er aus diesem Gefängnis ausbrechen konnte.

Ram starrte das nahe, aber unerreichbare Blumenbeet an und dachte angestrengt nach. Vergeblich.

Irgendwann bemerkte er, dass ein Schatten auf ihn fiel.

Er blickte nach oben. Die Sonne verschwand gerade hinter der benachbarten Mauer zu seiner Linken.

Nach wenigen Minuten beleuchtete sie nur noch ein kleines Stück der rechteckigen Anlage, das Ram gegenüberlag und vielleicht sechzig oder siebzig Meter entfernt war.

Diesen Teil des Grundstücks hatte er bisher nur oberflächlich betrachtet. Jetzt stellte er fest, dass ihm ein wichtiges Detail entgangen war.

Die Wand auf der anderen Seite umschloss etwas, das wie eine Gebäudefront aussah.

Ram kniff die Augen zusammen, um besser in die Ferne blicken zu können.

Tatsächlich. Ein womöglich geisteskranker Architekt hatte dort die Fassade eines winzigen zweistöckigen Häuschens eingemauert. Das Gebäude bestand aus den gleichen Backsteinen wie der Rest der Anlage.

Und es ähnelte 19 Annamoe Road, Cabra, Dublin.

Rams Elternhaus.

In Cabra, der alten Arbeitersiedlung nordwestlich der Innenstadt, standen unzählige dieser winzigen Wohngebäude, genauso wie an anderen Orten in Dublin. Doch Ram vermutete, dass ihm die Computerwelt kein x-beliebiges Arbeiterreihenhäuschen präsentierte. Nein, das musste das Gebäude sein, in dem er seine frühen Jahre verbracht hatte, bis er kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag zu seinem Freund Ewan gezogen und nie wieder zurückgekommen war. Nicht einmal auf Besuch.

Offenbar hänge ich immer noch in meinen Lebenserinnerungen fest. 19 Annamoe Road hat nicht einmal einen Hinterausgang, durch den ich abhauen könnte … abgesehen davon, dass sich sowieso nichts, was ich mache, auf meine Umgebung auswirkt.

Aber mir bleibt nichts anderes übrig, als zu meinem fucking Elternhaus zu gehen. Das steht da bestimmt nur für mich.

Auf den sechzig, siebzig Metern zwischen ihm und der gegenüberliegenden Ecke der Anlage hielt sich Ram stets im Schatten der Mauer. Dass er nicht mit seiner Umgebung in Kontakt kam, hieß ja nicht unbedingt, dass ihn keine neugierigen Augen beobachteten. Oder irgendwelche elektronischen Überwachungseinrichtungen.

Rams Blick fiel auf die Graffitibilder, mit denen die Längsseite verziert war. Sie wurden immer grausamer.

Inzwischen hatten sich die Krieger der gegnerischen Fraktionen mit Frauen und Kindern umgeben und verteidigten ihre Familien mit der Waffe. Letztere glichen menschlichen Schutzschildern.

Dann kam Ram an der Darstellung eines Massakers vorbei. Dutzende Männer, Frauen, Jungen und Mädchen, zerstückelt und bedeckt mit roter Farbe. Unklar blieb, wer das Blutbad angerichtet hatte.

Als er schließlich das Motiv einer jungen Frau sah, die offenbar kurz davorstand, sich mit einer Sprengstoffweste in die Luft zu jagen, beschloss er, die Bilder zu ignorieren.

Es lohnt sich einfach nicht, dachte Ram. Zumindest wenn man kein sadistischer Psychopath ist.

Er vermutete, dass die grausamen Wandgemälde in dieser Computerwirklichkeit keine entscheidende Rolle spielten. Anders als das kleine Gebäude, das sich auf seltsame Weise in die Mauer einfügte.

Es war tatsächlich eine Version von Rams Elternhaus.

Der gleiche Aufbau, vier Fenster an der Vorderfront, verteilt auf zwei Etagen, jeweils eines pro Zimmer. Die rote Eingangstür, die farblich fast mit der Backsteinfassade verschmolz.

Ob es in dieser Welt bewohnt ist? Man sieht keine Bewegungen, aber das muss ja nichts bedeuten.

Falls hier jemand lebt, erzählt er mir vielleicht, wie ich aus dem verdammten Mauerknast herauskomme.

Rams Nervosität stieg, als er das Gebäude erreicht hatte.

Offenbar war der Eingang bis zu den kleinsten Details aus seinen Erinnerungen rekonstruiert worden. Der abgegriffene Briefschlitz. Die abgetretene Fußmatte. Das Emaillekennzeichen mit der Nummer 19. Das Klingelschild mit dem Namen Collins.

Bis Ram sich überwand, verging etwas Zeit.

Als er versuchte zu läuten, konnte er...



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